Archiv für den Monat: Juni 2019

Zweiter Tag in Bamberg

Heute früh um 10 Uhr war ich wieder bei Herrn Staritz. Gestern hatten wir es ja nicht geschafft, auch die Funkausrüstung anzuschauen. Also ging es in den Keller. Also dieses Haus könnte man gut und gerne, so wie es ist, als Museum eröffnen. Hier befindet sich eine riesige Sammlung von Funkgeräten, nicht nur deutsche, auch amerikanische, englische, russische und was weiß ich nicht. Herr Staritz hat ja nach dem Krieg studiert, ist Dipl.-Ing. und kennt sich auf diesem Gebiet wirklich gut aus. Und sammelt alles wessen er habhaft werden kann. Dabei ist schon ein großer Teil seiner Sammlung im Spionage-Museum in Berlin. Hier konnte ich auch die Geräte sehen, mit denen mein Vater vermutlich gearbeitet hat.

Zu Mittag gingen wir dann „auf den Keller“, wie man hier sagt. Im Rheingau enthält ein Keller Wein, hier Bier, und die Bierlokale heißen eben Keller. Und da geht man nicht in den Keller, sondern auf den Keller. Schäufla hatte ich ja schon probiert, also entschied ich mich diesmal für Krautbraten. Es sind eigentlich die gleichen Bestandteile wie Kohlrouladen, nur dass hier das Kraut gehäckselt in dem Hackfleischteig untergezogen wird und in einer Kasserolle im Ofen gebraten wird. Sehr lecker und deftig.

An unserem Tisch nahm eine Familie Platz und schnell wurden sie ins Gespräch einbezogen. Sie waren ganz gerührt, mit welch wichtigem Mann sie hier zusammen saßen, ließen sich den Namen geben, damit sie im Internet darüber nachlesen können. Auch dies also wieder ein gelungener Tag und mein Abschied von Herr Staritz, ich selbst bleibe aber noch eine Nacht in Bamberg und will mir morgen hier noch die berühmte Fronleichnam-Prozession anschauen.

Nachsatz: Das Kriegstabeguch ist nun fertig gedruckt. Auf dieser Webseite sind nähere Infos, dort kann es auch bestellt werden:

http://kriegstagebuch.edith-kohlbach.de/

 

Besuch in Bamberg

Im Zuge meiner Familienchronik habe ich schon viele Orte meiner Kindheit besucht, Spurensuche betrieben in Boppard, Bad Kreuznach und Adenau. Aber Bamberg? Da habe ich nie gelebt Und doch ist auch dies ein Ort zur Spurensuche. Die Spuren meines Vaters.

Viel zu lange habe ich gewartet mit dieser Suche. Nun sind alle verstorben, die ich hätte fragen können. Aber nein, einen Menschen gibt es. In Bamberg. Rudolf F. Staritz. Er hat zwar meinen Vater nie gekannt, aber er war im gleichen Bereich tätig im 2. Weltkrieg, bei der Abwehr.

So viele Menschen fragen mich, Abwehr? Was genau ist das. Und warum Spanien? Das Land war doch nicht am 2. Weltkrieg beteiligt. Nein, war es nicht. Aber Franco sympathisierte durchaus mit den Deutschen und gab den Spionen freie Hand dort. Und eben der Abwehr. Der Tätigkeit, die mein Vater als Funker ausgeübt hat. Und eben Herr Staritz, wenn auch nicht in Spanien.

Endlich war es so weit, endlich konnte ich nach Bamberg fahren. Schon am Telefon hat Herr Staritz ja durch einen sehr klaren Verstand geglänzt, er kann sich an alles erinnern und erzählt nichts doppelt. Wie gerne würde ich auch ein hohes Alter in dieser Klarheit erreichen. Als er mir dann an seiner Haustür gegenüberstand war schon ersichtlich, dass er nicht mehr ganz so beweglich ist wie ein junger Mann, aber das bin ich auch nicht mehr und doch noch so viel jünger. Auch ich habe ja noch so viel zu erledigen und möchte gerne lange so fit bleiben.

Mein oberstes Anliegen war ja tatsächlich, die Lücken in den Tagebüchern zu schließen, die meine Sütterlin-Experten nicht lesen konnten. Und wir haben uns tatsächlich mit aller Energie daran gemacht. Obwohl Herr Staritz noch von der Reise erschöpft war, hat er nicht aufgegeben, bis wir mit den drei Büchern durch waren. Alles konnte auch er nicht entziffern, aber es bleibt wirklich nur noch ein sehr kleiner Rest. Danach haben wir uns zusammen einen Film angeschaut, 2 Stunden lang, in dem Herr Staritz sein Leben bei der Abwehr geschildert hat. Ein witziges Detail war, dass er seinen jüngeren Bruder Karl, auch Amateurfunker, der noch nicht eingezogen worden war, auch zur Abwehr brachte und ihn nach einer kurzen Ausbildung selbst zu seiner ersten Einsatzstelle in Hamburg gebracht hat. Das war wohl 1941. Der Bruder ging von Hamburg aus zur Abwehr in Norwegen. Es folgten Kriegsjahre, an deren Ende die Brüder keinerlei Informationen über den anderen oder die Eltern mehr hatten, die Möglichkeit, dass sie gefallen waren, bestand. Im Mai 1945, als die letzten Anstrengungen unternommen wurden im zerfallenden Heer, war Herr Staritz in Lübeck. Alleine musste er die Funkstelle bedienen, was schlicht nicht möglich war. Er bat um Unterstützung und wurde schließlich nach Hamburg geschickt, um dort nach einem Helfer zu suchen. Als er sich beim Wachtposten der Dienststelle meldete, sagte der Soldat, Staritz? Da haben wir auch einen hier. Nun ist das ein seltener Name und Herr Staritz dachte sofort an seinen Bruder. Und tatsächlich, er war es. Weinend fielen sie sich in die Arme. Und er konnte ihn mitnehmen nach Lübeck, obwohl kurz danach ja alles aus war. Also hatte er seinen Bruder in den Krieg geführt und auch wieder abgeholt.

Es war ein sehr interessanter Nachmittag, aber ich bekam Hunger und Herr Staritz war müde, also ging ich in die wunderschöne Altstadt von Bamberg. Hier war ich noch nie und ich war überrascht, was für eine schöne Stadt das ist. Klein-Venedig nennt man es ja auch, wegen der schönen alten Wohnhäuser direkt am Fluss, wo die Bewohner von ihrem Gärtchen direkt im Fluss schwimmen können oder ins Kanu steigen. Dazu hatte ich auch noch ein herrliches Wetter.

Und zum Abschluss wollte ich natürlich das fränkische Schäufele probieren. Bei den vielen schönen Lokalen in der Altstadt war es schwer sich zu entscheiden. Schließlich landete ich im Hotel Ringlein, weil es dort einen hübschen kleinen Garten gab. Natürlich bestellte ich mir das Nationalgericht Fränkische Schäufla mit Knödel und Wirsing. Wirsing hat meine Mutter auch immer gekocht, ich habe es gerne gegessen, aber zumindest in unserer Region ist dieses Gemüse vollkommen aus der Mode gekommen. Es hat alles super geschmeckt, sehr würzig, aber die Portion so groß, dass selbst ich gute Esserin es nicht gepackt habe.

Am Nebentisch saßen drei Damen, so etwa in meinem Alter. Wir warfen uns mal Blicke zu und ich konnte auch Fetzen aus ihrem Gespräch aufschnappen. Als aber das Wort Wehrmacht fiel, also ja genau mein Thema zur Zeit, da konnte ich nicht anders, bin hin und fragte, ob ich mich dazu setzen könne. Ich durfte und es folgte ein wirklich schöner Ausklang dieses interessanten Tages. Es waren drei Schulfreundinnen aus Hamburg auf einem Mädelsausflug, und tatsächlich genau mein Jahrgang. Wir hatten sehr viele gemeinsame Themen, nicht nur die Familien-Recherche, mit der auch sie sich befassten, sondern auch in der Flüchtlingspolitik hatten wir ähnliche Ansichten. Wieder einmal dachte ich mir, warum nur treffe ich interessante Menschen nur auf Reisen, nie zu Hause.

Rudolf F. Staritz

Seit Wochen bin ich nun schon mit dem Thema Familiengeschichte und Kriegstagebücher beschäftigt. Es erfüllt mich vollkommen und ich möchte einfach mehr über die Tätigkeit meines Vaters bei der Abwehr erfahren. Er hatte wenig darüber erzählt und ich habe auch nie gefragt, zunächst war ich zu jung dafür und später gedanklich doch sehr weit von meiner Familie entfernt. Doch nun nach der vollständigen Entzifferung der Tagebücher tauchen Fragen auf, und niemand ist da, um sie zu beantworten. Der Krieg brach 1939 aus, wer ihn noch als Soldat erlebt hat, müsste also spätestens 1920 – 1923 geboren sein und wie viele gibt es davon heute noch? Und sind auch noch in der Lage zu erzählen.
Ich suchte das Internet ab, fragte nach im Forum der Wehrmacht, aber wirklich handfeste Informationen fand ich nicht. Ja, es gab einen Organisationsplan. Aber was haben die Funker wirklich gemacht. Canaris, der berühmte Abwehrchef, ist in aller Munde, aber was hat so ein kleiner Funker gemacht? Mein Vater durfte darüber in seinen Tagebüchern ja nichts berichten. Und im Forum gibt es alle möglichen Informationen, aber über die Abwehr, nichts.
Ich war entmutigt und suchte mit immer neuen Schlüsselwörtern. Und traf irgendwann mit einer Kombination, die ich nicht mehr nachverfolgen kann, auf eine PDF-Datei von Rudolf F. Staritz. Das war es! Eine 100seitige Abhandlung über die Technik und Verfahren der Spionagefunkdienste. Das war genau das, was ich suchte und hier waren endlich die Orte genannt, die ich aus dem Tagebuch kannte. Berlin – Stahnsdorf zum Beispiel als Hauptstelle. Ich war begeistert und konnte anhand dieses Textes entsprechende Fußnoten in das Tagebuch einfügen, so dass die Leser nach mir besser Bescheid wissen, um was es eigentlich geht.
Doch je mehr ich mich darin vertiefte, desto mehr Fragen tauchten auf. Wie schön wäre es, wenn ich jemand fragen könnte. Wenn ich diesen Staritz fragen könnte. Auf der Internetseite gab es keinen Kontakt-Link. Aber ein Nachwort der Publikation war von Herrn Staritz selbst unterschrieben, mit der Angabe „Bamberg im April 2018“. Aha, es klingt blöd, aber man sagt sich unwillkürlich: da hat er noch gelebt. Und ein Blick ins Telefonbuch zeigt eine aktuelle Nummer.
Eine Stimme meldet sich, frisch, jung. Der Sohn? Ich frage: Herr Staritz? Ja sagt er.
Er ist es höchstpersönlich und topfit, 97 Jahre alt. Wir tauschen unsere Informationen aus und schnell stellt sich heraus, mein Vater und er waren zum gleichen Zeitpunkt am gleichen Ort. Er kennt zwar nicht den Namen, aber alles, wovon mein Vater so geschrieben hat. Rudolf Staritz ist nicht nur der letzte lebende Zeitzeuge der Abwehr, er war auch sein Leben lang an diesem Thema interessiert, hat recherchiert, Bücher geschrieben, Sammlungen aufgebaut. In zwei Wochen wird er in Berlin bei der ARD sein, um wieder einmal bei einer Dokumentation von seinen Erlebnissen zu berichten.
Ein Wahnsinns-Gespräch entwickelt sich. Und ganz klar ist er dringend an den Tagebüchern interessiert. Ich frage ihn, ob er einen PC hat. Hat er, sagt er, aber kein Internet. Bei dem, was er über die Spionage weiß, will er kein Internet im Haus haben. Aber sein Sohn hat einen Anschluss und ich schicke die Abschrift der Bücher an den Sohn. Morgen will sich Herr Staritz das durchlesen und er hofft, dass er sogar noch neue Informationen darin findet, die ihm bei der Dokumentation hilfreich sein können.
Noch immer haben wir ja einige Lücken in der Abschrift der Bücher. Keine kompletten Sätze, sondern einzelne Wörter, vor allem auch Namen, die auch meine hilfreichen Spezialisten nicht lesen konnten. Ich bin sicher, er kann es. Denn nicht nur kann er natürlich Sütterlin, er weiß auch die Hintergründe und kennt Namen. Ziemlich schnell schlage ich also vor, dass ich ihn besuche. Er freut sich sehr und meint, allzu lange darf ich damit nicht warten in seinem Alter. Meint, dass er zwar immer noch Auto fährt, aber nicht so lange Strecken. Das ist ja das Mindeste was ich tun kann, dass ich zu ihm fahre. Nun warte ich, bis er die Bücher gelesen hat, dann machen wir etwas aus. Ich bin ja so aufgeregt.

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