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Reisebericht

Felsenkriechen im Djebel Saghro

Natürlich habe ich Angst. Ich bin völlig allein in einsamer Landschaft und vollkommen auf meinen Land Rover und meine Fahr- und Navigationskünste angewiesen. Weiß noch nicht mal genau, wo ich bin, denn die Strecke ist in keiner Karte markiert. Das einzige, was mich aufrecht hält sind die Fahrzeugspuren. Hier sind mit Sicherheit in den letzten Tagen Autos mit 4 Rädern gefahren und offensichtlich durchgekommen. Aber die Felsenpiste ist extrem schlecht, es geht in Treppenstufen aufwärts, nicht selten berühre ich Boden. Wichtig dabei ist, möglichst langsam zu fahren. Ich versuche, bei meiner Automatik das Sonderprogramm Felsenkriechen einzustellen, aber es geht nicht. Die Anzeige sagt, ich muss dazu auf manuelles Schalten gehen und den niedrigsten Gang einlegen. Um das zu finden müsste ich erst die Betriebsanleitung studieren, also fahre ich in der Funktion Schotter weiter. Langsam, langsam. Aufrecht hält mich auch, dass ich natürlich Essen und Trinken dabei habe. Im Geiste gehe ich die Notfallprozeduren durch, wen rufe ich an, wenn ich nicht weiter komme. Aber das mache ich sogar auf der Autobahn. Da denke ich immer vor mich hin auf der Rückfahrt, ach, jetzt komme ich in ein europäisches Krankenhaus, jetzt in ein deutsches, und jetzt sogar in ein Wiesbadener Hospital. Das war schon immer so. Und noch nie musste ich es in Anspruch nehmen.

Warum bin ich eigentlich hier? Ich habe schon immer nach einer Abkürzung gesucht, von Skoura ins Dratal. Und ich hoffte, dies sei eine. Hassan im 123Soleil meinte, kein Problem, 3 Stunden und du bist da. Ist nicht schwierig. Wie oft habe ich ihn heute schon verflucht.

Aber zurück auf die Piste.  Irgendwann bin ich tatsächlich mal auf 2.000 Meter Höhe angekommen. Eines ist klar, egal was passiert, es geht nur vorwärts weiter, diese Piste fahre ich nicht zurück. Zum Lenken bräuchte man beide Hände, aber ich muss das GPS halten, da ich die Halterung vergessen habe, muss ins Diktiergerät die Beschreibung der Strecke sprechen und poste dazwischen Fotos der Berge in Facebook. Multitasking, hier ist es. Zum Glück bin ich eine Frau.

Drei französische Geländewagen kommen mir entgegen, zum Glück an einer Stelle, wo die Piste recht breit ist. Der Führer wohl ein Profi, der hier öfter fährt. Er meint, es kommt noch schlimmer. Aber die Landschaft sei traumhaft. Na danke, das muntert ungeheuer auf. Dann kommen Endurofahrer. Ich stoppe bei jedem, damit sie auch sicher vorbei kommen, der erste teilt mir mit, dass es ein Begleitfahrzeug gibt. Natürlich hoffe ich an jeder breiten Stelle, dass es nun kommt, aber leider nichts. Dann sehe ich eine weite Pistenanfahrt auf einen Berghang vor mir, der Abgrund immer dicht dabei. Kein Fahrzeug, also los. War ja klar, dass es genau hier kommen musste. Wir bleiben beide stehen, der andere findet eine Stelle zum Ausweichen und sein Kollege winkt mich vorsichtig vorbei. Es geht immer irgendwie.

Dann steht ein Junge vor einem Steinhäuschen. Ich vergewissere mich, dass ich auf der richtigen Piste bin, viele Menschen zum Fragen gab es ja nicht, und dann bittet er mich, dass ich ihn mitnehme. Aber gerne doch. Dann brauche ich an den nächsten Abzweigungen nicht zu überlegen. Aber die Freude währt nur 4 km, dann steigt er aus. An einer Stelle, die genauso einsam war wie die, an der ich ihn aufgelesen habe. Wo der wohl hin will?

Ich kann kaum glauben, dass ich tatsächlich irgendwann ankomme. Ich hatte es mir völlig offen gelassen, ob ich nach Nekob fahre oder nach Agdz. Ich erreiche die neue Teerstraße, die links vom Dra durch die Dörfer geht. Wenn ich rechts abbiege komme ich nach Agdz, das soll es also sein. Es ist Freitag, gegen 13:30 Uhr, der Muazzin ruft, die Menschen gehen zum Mittagsgebet. Und ich komme genau bei meinen Freunden in Agdz an, als die ganze Familie zum Couscous versammelt ist. Endlich mal wieder ein Familienessen, kein Restaurant. Angekommen. Richtig schön.

Tamtatouchte – am Rande des Abgrunds

In vielen Gemeinden Marokkos ist Trinkwasser knapp, oft wird für einige Stunden täglich das Wasser abgestellt, weil einfach nicht genügend da ist. Und die vielen neuen Hotels mit Duschen und Pool helfen da auch nicht gerade. Seit einiger Zeit wird deshalb bei Tamtatouchte ein Staudamm gebaut, er soll Tinerhir bis hin nach Nekob mit Wasser versorgen. Das bedeutet natürlich auch, dass viele Einwohner ihr Heim verlieren. Heute war ich in Tamtatouchte und habe mir das einmal angeschaut.

Wer durch die Enge der Todra-Schlucht hinauf Richtung Imilchil fährt kennt den weißen Marabut Sidi Mohammed Tmassin, er war damals, als die Strecke noch schwierige Piste war, eine feste Landmarke. Und genau bei diesem Marabut wird nun der Staudamm gebaut. Die Arbeiten werden noch vier Jahre dauern, ein Teil der Straße ist schon verlegt worden. Noch steht der Marabut, aber man kommt nicht mehr direkt daran vorbei. Von diesem Marabut aus wird dann Tamtatouchte überflutet werden. Der Ort ist sehr hügelig, deshalb trifft das nur die tiefer gelegenen Stellen.  Dazu gehört am Ortsanfang die schöne Kasbah Les Amis meines gut deutsch sprechenden Freundes Mohammed, sowie danach das Hotel Essalam. Der altbekannte Camping und Auberge Baddou kann bleiben, und den Vogel wird voraussichtlich die Auberge Bougafer abschließen. Schon jetzt hat sie ja von ihrem Campingplatz eine wunderbare Aussicht, auf den Ort mit seinen alten Lehmburgen und die im Frühjahr tiefgrünen Felder. Aber genau diese Felder, Lebensgrundlage der Einwohner, und 140 Dorfhäuser fallen dem Staudamm zum Opfer, und auch die alte Moschee. Die wird auf einem höher gelegenen Teil neu gebaut werden, und daneben werden dann auch die Überreste des Marabut Sidi Mohammed Tmassin beigesetzt werden, in einem schönen neuen Häuschen. Und Bougafer wird dann direkt an den Stausee angrenzen, ich sehe schon vor mir, wie man ein paar Treppen herab steigt und mit dem Boot fahren kann.

Die Einwohner sind zwar nicht glücklich, haben sich aber weitgehend mit der Notwendigkeit abgefunden. Noch weiß keiner so recht, wie es weiter geht, ob sie neue Grundstücke zugewiesen bekommen oder einfach nur eine Entschädigung gezahlt wird. Mohammed rechnet damit, dass es selbst nach Fertigstellung des Staudamms 2022 noch einige Zeit dauern wird, bis die Häuser wirklich geflutet werden, denn dazu ist ein heftiger Regen notwendig, und der kommt nicht alle Jahre.

Am Marabut beginnen die Arbeiten

Diese Ortseinfahrt und die herrlichen grünen Felder sowie die Häuser dahinter wird es nicht mehr geben.

Und von der Auberge Bougafer wird man dann statt auf das herrliche Tal auf den See blicken können.

Einfach wohlfühlen in der Kasbah 123Soleil

Es ist schwer, sich von der Kasbah zu lösen. Ist nichts Besonderes hier, die Tage plätschern einfach so dahin. Aber ich fühle mich sauwohl. Ein sehr netter Herr leistet mir ab und zu Gesellschaft, zumindest bei den Mahlzeiten führen wir wunderbare Gespräche und vorgestern sind wir zusammen nach Toundout gefahren. Darüber habe ich schon im Jahr zuvor berichtet, deshalb hier der Link:

http://marokkoblog.edith-kohlbach.de/?p=20278696

In diesem Jahr habe ich nach den Fortschritten in der Gite Amoudou geschaut und auch Abdelhakim noch einmal besucht. Mein Begleiter Robert interessierte sich sehr für die Tatsache, dass Majorelle hier einige seiner Werke gemalt hat, war aber zunächst ziemlich enttäuscht, als er bei der Anfahrt zum Dorf keine der herrlichen Landschaften mit Kasbahs entdeckte, die Majorelles Bilder so besonders machen. Toundout zeigt seine Schätze halt nur dem, der sich Zeit lässt. Und als wir in der Kasbah in dem Turm mit dem bogenförmigen Ausblick  waren da fand er endlich, was er suchte. Es war ein sehr gelungener Ausflug, der noch durch die Tatsache bereichert wurde, dass wir diesmal ins Museum durften. Was ich drinnen fand? Das verrate ich erst im nächsten Buch!

Ansonsten unternehme ich nicht viel. Gestern besuchte ich mit Robert eine Französin, die in der Oase wohnt. Sie ist Ärztin und unterrichtet die örtlichen Hebammen in Homöopathie, Robert durfte mit, ich passte. Robert ist auch Arzt und wenn die beiden ihre Fachgespräche in schnellem Französisch führen da verstehe ich nur Bahnhof. Ich fuhr stattdessen zum Souk nach Skoura, der sehr sehenswert ist, vor allem, weil er noch sehr ursprünglich ist und kaum Touristen dort sind. Ich kaufte ein Kilo sehr leckere Erdbeeren für 1 Euro.

Und langsam nehmen auch meine weiteren Reisepläne Formen an. Ich hatte zunächst für nichts so richtig Lust, will nicht wegfahren, aber irgendwann ist immer der Tag des Abschieds, und so telefonierte ich dann mit Ali in Tinerhir. Morgen werde ich zu ihm fahren, denn ich habe ihm Dimmer mitgebracht für seine Kronleuchter im neuen Haus, oder besser Palast, und ich werde 1 oder 2 Nächte dort bleiben. Habe mich auch mit Edi Kunz von der Kasbah Tombouctou zum Mittagessen verabredet, das ist nett, ihn wieder zu sehen. Und dann fahre ich wieder zurück nach Skoura, bleibe noch eine Nacht hier, bevor ich dann am nächsten Morgen eine neue Piste erforsche. Ich werde aber nicht bei Hassan schlafen, denn es gibt einen zweiten Campingplatz in Skoura, den Amerhidil, und die netten Leute dort hatten über Facebook schon längst gesehen, dass ich vor Ort bin. Sie baten mich sehr, doch eine Nacht bei ihnen zu schlafen und ich kann es ihnen einfach nicht abschlagen. Auch das eine sehr nette Familie.

Ach schön, Marokko scheint wieder auf dem alten Stand, vor der Hochsaison, angekommen zu sein und mich willkommen zu heißen.

In der Hammam

Wir haben ein Mistwetter, der Wind pfeift um das Haus und es ist kalt. Was gibt es da schöneres, als in die heiße Hammam zu gehen. Hassan vom 123Soleil hat sie schon früh anheizen lassen und nach dem Abendessen begebe ich mich dahin. Khaidja, die sonst in der Küche steht, ist meine Bademeisterin. Jede Frau macht es ja ein wenig anders, und so bin ich gespannt, wie es heute ablaufen wird. Ich ziehe mich bis aufs Höschen aus, so wie ich es aus Marokko kenne, habe mir auch extra ein trockenes mitgebracht. Auch Khadija ist so bekleidet. Ich lege mich flach auf den Rücken und sie übergießt mich mit dem heißen Wasser, lässt mich wie beim Friseur zuvor die Temperatur prüfen. Es könnte ein wenig wärmer sein, aber wie heißt das bloß auf berberisch? Dann das gleiche von der Rückseite. Sie knetet die schwarze Seife zu einem Klumpen und seift mich damit am ganzen Körper ein, vorne und hinten. Dann werde ich wieder mit Wasser übergossen, und ich darf die Rauheit des Waschhandschuhs auswählen, mit dem sie mich dann abschrubbt. Mein Höschen ist ihr im Weg, sie zieht es aus. Das sieht man selten in Marokko. Nun wird wirklich jeder Körperteil richtig heftig abgerubbelt, so wie man es nie selbst könnte. Man würde sich nicht trauen, so heftig zu reiben. Es tut nicht wirklich weh, ist aber kurz davor. Kein loser Schuppen bleibt so auf der Haut zurück. Dann wieder ein Wasserschwall und dann werden die Haare gewaschen. Dazu bringt man immer sein eigenes Shampoo mit, auch eine Haarbürste. Ich denke, nun ist es vorbei, aber Khadija bedeutet mir, mich wieder flach hinzulegen. Mit einem Tüllschwamm und weißer Seife erzeugt sie ganz viel Schaum, das erinnert mich an eine türkische Hammam, habe ich bisher noch nicht in Marokko erlebt, und schäumt mich wieder von oben bis unten ein. Zum Schluss reicht sie mir das Seifenstück und bedeutet mir, ich solle damit mein Gesicht einreiben, darauf wäscht sie mir auch das. Wieder werde ich mit dem warmen Wasser übergossen, dann knetet sie meine Beine und meinen Rücken noch ein wenig durch und bringt mir sodann ein Badetuch. Fertig. Nein, nicht ganz. Ich hatte mir Olivenöl mitgebracht, um mich damit einzureiben, das tue ich dann vorne und Khadija hinten. Also wirklich, sie hat sich ein Trinkgeld verdient, das war wirklich toll.

Wer nun auch eine solche Hammam-Behandlung erleben will, im 123Soleil bekommt man das für nur 100 Dirham.

Skoura – 123Soleil

 

Vielleicht meint es das Schicksal doch nicht so schlecht mit mir. Der Plan war ja, nach Taroudannt den Tizi-Test hoch nach Imlil zu fahren, dort 1 – 2 Tage zu bleiben und dann nach Marrakech zum Erholen. Das hat nicht geklappt, weil mein Lieblingshotel keinen Platz für mich hatte, ein weiterer Schlag gegen mein Gemüt. Also änderte ich den Plan und fuhr Richtung Ouarzazate und Skoura, was ja einige Tage gedauert hat. Auch gestern in Ouarzazate bekam ich kein Zimmer – Marokko ist einfach überfüllt, zumindest an bestimmten Orten – und so fuhr ich also nach Skoura, wo Hassan im 123Soleil immer ein Plätzchen für mich hat. Und das war die richtige Entscheidung, denn über Facebook kommen nun immer neue Bilder rein. Schnee im Hohen Atlas, also genau da, wo ich eigentlich jetzt sein sollte. Hier bei uns ist es stürmisch, schon seit einigen Tagen, das Wetter ist in diesem Jahr ungewöhnlich kalt, aber das ist es scheinbar in ganz Europa. Also ist Skoura ein guter Platz, um besseres Wetter und das Ende der Hochsaison abzuwarten. Gestern Abend war es richtig schön. Erst ein nettes Gespräch mit einem sehr gut deutsch sprechenden Belgier, dann bekam Hassan Besuch von einem französischen Paar, das in der Nähe wohnt, und lud mich zum gemeinsamen Essen ein. Es folgte ein sehr interessanter Abend, die Frau war vor 50 Jahren als Ärztin in Marokko tätig und hat sich nun, nach Ihrer Rente, ein Haus im Palmenhain von Skoura gebaut. Ganz für sich und ihre Familie, kein Gästehaus. Ich kenne Skoura noch ohne eine einzige Unterkunft, jetzt gibt es etwa 40 sehr schöne, meist gehobene Gästehäuser im Palmenhain, die sich gegenseitig starke Konkurrenz machen. Hassan ist eher Mittelklasse, aber er hat sich seinen Platz erkämpft und es kommen auch immer mehr Camper, die den schönen schattigen Platz mit Pool schätzen und auch die Tatsache, dass durch die enge Zufahrt nur die kleinen Fahrzeuge mit abenteuerlustigen Fahrern passen, und nicht die Dickschiffe mit allem Komfort und Fernseher. Es gibt nun mal auch unter Campern Klassenunterschiede, auch hier gesellt sich gleich gerne zu gleich, aber ich stehe irgendwo dazwischen.

Ich habe ein schönes Zimmer oben im Haus und höre dem Dröhnen des Windes zu, noch bis zum Montag soll es stürmen und ich kann nur hoffen, dass dann auch in Marokko besseres Wetter einzieht.

Höllenfahrt

An diesem Morgen war ja wirklich alles dran, ein Wunder dass ich überhaupt angekommen bin. Nach Taznakht gab es plötzlich richtig dollen Nebel, ich konnte kaum 5 Meter weit sehen. Meist konnte ich ja meinem Vordermann gut hinterherfahren, aber ab und zu musste ein langsam kriechender LKW überholt werden, nicht ganz einfach ohne Sicht. Als es dann endlich etwas auflockerte sah ich nur Polizei. Am Café geparkt eine Wagenflotte, dann war wirklich jede Straße und Piste, jeder Feldweg von einem Polizisten besetzt. Ich blieb hinter meinem Vordermann, dachte, der führt mich schon mit der richtigen Geschwindigkeit. Alles rot beflaggt, kommt etwa gleich der König. Aber in Taznakht löste sich das Rätsel, es findet ein Radrennen statt, viele Zelte waren aufgebaut, ein Start und Ziel, Musikgruppen spielten, Servicetrucks, nur Fahrräder sah ich keine. Auf staubigen Wegen musste ich das Zentrum umfahren, fuhr aus der Stadt raus und wurde an den Rand gescheucht, eine Militärkolonne kann mir entgegen, LKW mit Panzern aufgeladen, Überbreite. Rüsten wohl auf für die Polisario. Und als die endlich vorbei waren, scheuchte mich ein Motorrad mit Blaulicht, gefolgt von einer Wagenkolonne. Ich denke, es war nicht der König, sondern der Gouverneur von Ouarzazate, der zum Radrennen wollte.

Djebel Siroua

Ich bin immer noch ziemlich deprimiert über die Sache mit Naji und erwäge schon, aus Marokko abzureisen und noch ein paar Tage in Spanien zu bleiben, um dann früh nach Hause zu kommen. Doch noch hält mich das kalte Wetter ab. Ich war zwei Tage in Taghazoute in einem sehr schönen Hotel, konnte es gar nicht richtig genießen, dann eine Nacht in einem schönen Riad in Taroudannt. Habe hin und her überlegt, ob ich Abdou anrufen soll und ihm mein Leid klagen, habe mich aber dagegen entschieden, will ihn nicht mit meinem Ärger belasten. Oft reden wir ja nicht. Und genau da klingelt mein Telefon und Abdou ist dran. Unglaublich. So lieb. Will einfach nur mal fragen, wie es mir geht. Ich sage, dass mir das immer noch nahe geht und er hält dagegen, es gibt eben Freunde und Freunde. Ich soll mir nichts daraus machen, einfach weitergehen. Und nach dem Gespräch schickt er mir noch so eine nette Mitteilung, dass ich doch Teil der Familie bin, dass sie mich hier lieben und dass ich doch so viel für Marokko tue. Das ist natürlich Balsam für meine Wunden, aber so richtig gut geht es mir immer noch nicht. Ich fahre Richtung Skoura, hatte mich ja bei Hassan angesagt, auch Hassan ist ein Freund, bei dem ich mich aussprechen kann.

Aber ich komme nie an. Mein erster Stopp ist Taliouine. Dieses kleine Städtchen ist Zentrum des Safrananbaus und ich kenne es schon seit meiner ersten, schicksalshaften Marokkoreise 1986. Damals war ich mit Freunden unterwegs nach Agadir, und in Taliouine haben wir zum Mittagessen gestoppt. Damals waren Herbergen, die von einem Marokkaner zusammen mit einer europäischen Partnerin aufgebaut wurden, noch etwas ganz seltenes. Die Auberge Souktana gab es schon, der Hausherr war Ahmed mit seiner französischen Frau Michelle und es war die beste Unterkunft in dem damals sehr einfachen Taliouine, es gab noch lange keinen Strom. Abends saßen wir alle um das Feuer in der Mitte des Restaurants, denn die Gegend kann ganz schön kalt sein.

Leider ist Michelle zusammen mit ihren zwei Kindern längst nach Frankreich zurück gegangen und Ahmed blieb allein. Er ist ein bisschen ein Freak, oder Hippie, oder was auch immer. Und hat die Auberge zwar erhalten, aber nicht voran gebracht. Viele Touristen stoppen hier nicht mehr, aber er kann sich über Wasser halten. Ich wollte vorbei fahren und nur stoppen, wenn ich ihn oder seinen Wagen vor der Tür sehe. Ich sah beides, Ahmed lud gerade eine Gasflasche ein. Und es war ziemlich klar, dass ich nun erstmal nicht weiter kam. Zumindest Tee müssen wir trinken. Es war ja noch früh am Tag, Ahmed beschwor mich, da zu bleiben, ich sagte, nein, ich will weiter nach Skoura, und überhaupt, mir geht es nicht gut und was soll ich denn hier den ganzen Nachmittag machen.

Er zeigte mir Fotos, was es in der Gegend nicht alles zu sehen gäbe, beschwor mich, und ich merkte, wie mein Widerstand und meine schlechte Laune langsam schmolzen. Und ab ging es in mein Auto. Ich ließ Ahmed fahren, der noch nie einen Automatik chauffiert hatte, es ruckelte und zuckelte, aber bald kam er ganz gut damit zurecht. Es ging hoch in die Berge, dann auf Piste, und selbst zu Ahmeds Erstaunen stellten wir fest, dass man begonnen hatte, unsere Straße auszubauen. Doch meine Freude war nur von kurzer Dauer, denn schon bald mussten wir die Straße auf einer Piste verlassen. Und da war ich heilfroh, dass Ahmed dabei war. Allein wäre ich sie nicht gefahren, da ich ja keine Infos über die Strecke hatte. Die Spur war so schmal, dass ich jederzeit fürchtete, es ginge nur mit Maultier weiter. Aber Ahmed sagte, vertrau mir, wir kommen durch.

Es ging bis zu den höchsten Gipfeln des Djebel Siroua und ich war mal wieder erstaunt, wie auch in solch abgelegenen Stellen immer noch kleine Dörfer sind, Menschen wohnen, und ihrer kargen Landwirtschaft nachgehen. Viel wächst hier nicht, aber sie sind zufrieden, haben ein paar Tiere und wollen nicht in die Stadt. Das Ziel unserer Reise war das letzte Dorf, Artougha, auf 1.900 Meter, hier geht es nicht mehr weiter, aber hier mussten auch wir wieder ein Stück zurück fahren. Tiefgrüne Terrassenfelder mit Getreide waren unterhalb des Dorfes angelegt, es gab viel Schnee im Winter, ein gutes Jahr ist zu erwarten. Die Felder bieten mehrere Ernten pro Jahr, Getreide, Gemüse, Futter und natürlich auch Safran.

In einem Bogen ging es dann zurück auf die Teerstraße, wir wollten Tislit noch erreichen. Auch das ein Dorf im Siroua-Gebiet, aber nicht ganz so abgeschieden, es ist nur einige Kilometer von der Teerstraße entfernt und hat eine unglaublich schöne Schlucht. Tislit ist hauptsächlich Ziel von Trekkingtouren, die gerne im Siroua gemacht werden. Wir fuhren allerdings nur bis zum Ende der Piste, und konnten die Schlucht von ferne sehen, gerne wäre ich hineingewandert, aber Ahmed hatte Hunger. Ich hatte ihn ja tatsächlich von seinem Mittagessen weggelockt und auf die Bergtour gelotst. Oder er mich. Mir allerdings tat es nach Tagen der Völlerei mal gut, nichts zu essen.

Und Ahmed hat sein Ziel voll erreicht, mich aufzumuntern. So gefällt mir das Leben, so ist Marokko schön. Und am Abend in der Auberge ließ er mir noch ein Essen servieren, das besser war als alles, was ich vorher hatte. Ich bin die schlecht gewürzten Tajine ja so leid, und er schlug mir Lammkoteletts vor, mit sehr guten Bratkartoffeln und grünen Bohnen. Leicht und schmackhaft. Köstlich. Ich fiel geradezu in mein Bett.

Und so sieht danach der Frühstückstisch einer Reiseschriftstellerin aus, inklusive meiner Kaffeemaschine.

 

Ein Herz für Tiere

In Tamrakht bei Agadir wohnen zwei Frauen, Michaela und Renata, die sich ganz besonders den Tieren annehmen. In ihrem Haus leben mehrere Hunde und Katzen, um die sie sich liebevoll kümmern, da kann es passieren, dass sie morgens ihr Auto aufmachen und einen Kasten mit drei jungen Kätzchen finden, die noch nicht von der Mutter entwöhnt sind. Die Beiden sind schon fast am Ende ihrer Belastung angelangt, sie verwenden ihre ganze Zeit und ihr knappes Geld, sich um die oft auch kranken Tiere zu kümmern, bringen sie zum Tierarzt, lassen sie entwurmen und sterilisieren und kümmern sich um eine Vermittlung. Oft gibt es Menschen in Europa, die so ein Tier haben möchten, das heißt aber auch, dass es zuvor geimpft und gechipt werden muss und eine Weile in Marokko leben muss, bevor es die Reise zu dem neuen Besitzer antreten kann. Nun sind die Mittel aber knapp bemessen, bei der großen Meute fällt viel Geld für Futter und für Tierarztbesuche an. Daher ein dringender Aufruf, wenn Sie in die Gegend von Agadir kommen. Gebraucht werden Medikamente (z.B. Flohmittel, Entwurmung, Augentropfen), Futter oder Geldspenden. Renata kümmert sich zudem noch um die Menschen in den Bergen, fährt regelmäßig dorthin, um z.B. dringend benötigte Winterkleidung und Schuhe abzugeben, auch da ist ein großer Bedarf. Wer helfen kann findet Renata Vetsch und Michaela Dinkel in Facebook unter diesen Namen oder unter der Telefonnummer in Marokko 0615 01 02 34. Dann könnte auch ein Treffen vereinbart werden, zum Beispiel beim Marjane in Agadir, wo die Beiden oft die Vorräte auffüllen müssen. Michaela berichtet in Facebook auch regelmäßig von ihren Erlebnissen mit den Tieren.

P.S. Auf dem Foto sind nicht Michaelas Katzen, aber Katzenfotos kommen immer gut an.

Gastfreundschaft oder Schmarotzer

Der Ärger in Foum Zguid vor einigen Tagen geht mir noch ziemlich nahe. Den Streit mit Bari alleine hätte ich ja noch verkraftet, aber wenn sich dann noch eine Kollegin einschaltet und mir zu verstehen gibt, dass ich mich hier praktisch kostenlos einniste, weil ich Reiseführer schreibe, dann geht mir das nahe, weil es in diesem Fall einfach nicht stimmt. Ich komme schon so lange nach Marokko und habe aus dieser Zeit sehr viele, sehr alte Freunde. Ob ich nun Bücher schreibe oder nicht, diese Freunde laden mich ein. Sie betteln manchmal richtig darum, dass ich komme, dass ich mir ein paar Tage Zeit nehme, dass ich bei ihnen bleibe. Naji ist solch ein Freund. Es gibt noch eine ganze Reihe anderer, die ich alle kennenlernte, als sie noch lange kein Hotel besaßen. Hassan aus Skoura ist so einer, Abdou natürlich, Ali Mouni, Ali in Tinerhir und viele andere. Mit allen diesen Leuten bin ich seit langem befreundet und es ist für die marokkanische Gastfreundschaft selbstverständlich, dass ich bei ihnen wohnen kann, wenn ich im Ort bin. Ich versuche, es nicht zu oft zu machen, zum Beispiel nicht jedes Jahr zu den gleichen Leuten zu gehen, obwohl sie sich dann beschweren, wenn sie hören, dass ich da war ohne bei ihnen vorbei zu kommen, dann bekomme ich Anrufe, ob ich sie denn gar nicht mehr mag.

Dann gibt es natürlich Fälle, wo ich bei meiner Recherche zu einer netten Auberge komme, sie besichtige, es ist Nachmittag und der Besitzer lädt mich ein, über Nacht zu bleiben, um so das Hotel besser kennen zu lernen. Das ist Geschäft, das hat nichts mit Freundschaft zu tun, da werde ich wirklich einzig und allein eingeladen, weil ich Reisebücher schreibe.

Und dann gibt es noch eine andere Art des Hotelbesuchs. Mein Freund Abdou hat eine große Agentur und kann nicht immer und überall die Hotels selber testen. Vor allem möchte er manchmal auch die Meinung eines Nicht-Marokkaners haben, weil seine Kunden ja meist keine Marokkaner sind. Und deshalb wird hier und da von der Agentur für mich dort ein Zimmer gebucht und ich gebe meine Meinung dazu ab.

Ganz interessant war der heutige Fall. Der Inhaber des Camping Erkounte bei Mirleft, ein neuer Platz, der sich sehr schnell in der Beliebtheit bei den Kunden durch seinen freundlichen Empfang und seine super Ausstattung an einen der ersten Plätze gesetzt hat, kauft manchmal meine Bücher an, um sie im Laden weiterzuverkaufen. Ich rief ihn an und fragte, ob er Bücher braucht, dann würde ich vorbei kommen. Dabei fragte ich, ob ich über Nacht bei ihm bleiben könne, denn ich erinnere mich, dass es hübsche kleine Zeltchen gibt. Er sagte zu.

Durch die schlimme Erfahrung in Foum Zguid wurde ich aber total unsicher. Ich glaubte in seiner Stimme zu hören, dass er das nicht gern getan hat, fühlte mich wirklich als der Schmarotzer, als den ich hingestellt wurde, und bekam Gewissensbisse. Zusätzlich gibt es in Mirleft eine Auberge mit Camping, an der ich nie den richtigen Ansprechpartner gefunden hatte, über den ich keine korrekten Kontaktdaten habe, und ich buchte kurzentschlossen ein Studio auf diesem Platz, es war sehr billig, mit Küche und Bad 200 DH.

Doch zunächst ging es nach Erkounte. Der Besitzer strahlte schon von weitem, als er mich sah, aber noch mehr war ich überrascht, als mir Camper vom Platz freundlich zuwinkten. Oje, mein Gedächtnis. Habe ich die Leute schon getroffen? Nein, es stellte sich heraus, dass der Chef ihnen ganz freudig und erwartungsvoll erzählt hat, dass ich komme und dass er mir sein bestes Apartment bereit hält. Oje, nun war ich in der Zwickmühle. Er hat sich wirklich gefreut, mich hier zu behalten, ich habe das andere gebucht und muss mich dort sehen lassen. Auch die Deutschen erzählten, wie sehr er sich auf meinen Besuch gefreut habe. Habe versucht, eine Kontakttelefonnummer für Mirleft zu bekommen. Keine Chance. Auch Email über Booking half nicht. Zusammen mit den Deutschen ließ ich mir aber erst einen Couscous schmecken, immerhin ist Freitag. Das Essen in diesem Restaurant ist einfach vorzüglich, die Portionen riesig und super billig. Als ich den Teller der deutschen Frau sah bestellte ich eine halbe Portion, und selbst die konnte ich nicht aufessen. Okay, Maria hatte mir zuvor in Sidi Ifni schon ein Croissant spendiert.

Dann fuhr ich nach Mirleft, um die Unterkunft zu besichtigen. Was für ein Unterschied. Okay, natürlich auch im Preis. In Mirleft gibt es viele sehr billige Unterkünfte, es ist immer noch ein Ort für Aussteiger und junge Leute mit wenig Geld. Es war klar, dass ich mich dort fehl am Platz gefühlt hätte. Aber Abdellah, der Chef, war sehr nett, er zeigte mir alles, auch mein Studio, und er machte mir das anständige Angebot, nur 100 DH zu zahlen. Das nahm ich gerne an und fuhr zurück in mein schönes Apartment in Erkounte. Und ja, ich bin eingeladen.

Noch Fragen?

Der Beruf des Faux Guide

Ein sogenannter falscher Führers spricht Touristen auf der Straße an und versucht irgendetwas zu verkaufen. Viele Touristen fühlen sich dadurch bedrängt, andere lernen so ihre besten Freunde kennen. Der Faux Guide heißt so, weil er keine offizielle Lizenz hat und auf eigene Faust arbeitet. Er bekommt von den Geschäften und Hotels, zu denen er Touristen vermittelt, Provisionen, er bietet auch seine Dienste als Führer an und wird dann vom Gast bezahlt. So ist das schon seit Jahrzehnten und es wird oft abschätzig betrachtet und vollkommen unterschätzt. Denn eigentlich ist es eine solide Berufsausbildung. Der meist junge Mann lernt die Wünsche und Bedürfnisse der Touristen von Grund auf kennen, er lernt meist mit Leichtigkeit Sprachen, indem er einfach zuhört, und bekommt dann oft einen richtigen Job in einem Hotel oder als Reiseleiter. Und viele von denen, die ich früher auf der Straße kennengelernt habe, machen sich dann selbstständig und sind heute angesehene Geschäftsleute, betreiben ein Hotel oder eine Reiseagentur, es geht ihnen gut und sie haben sogar Mitarbeiter, denen sie Lohn und Brot geben. Aber nicht nur das, sie sorgen damit auch für eine gute touristische Infrastruktur, indem sie Geschäfte und Hotels eröffnen. Was man besonders in Merzouga sehen kann. Dort sind an die 100 Hotels, die vielen Biwaks im Sand kann man kaum zählen, und alle haben gut zu tun.

Also bitte schimpfen Sie nicht gleich auf die falschen Führer.

Ganz anders ist die Situation in anderen Landesteilen. Ich bin gerade in der Region Tata – Tafraoute. Hier wohnt ein ganz anderer Menschenschlag, hier stellt sich niemand auf die Straße und spricht Touristen an. In Tata niemand, in Tafraoute schon, aber das sind alles Leute, die von Merzouga oder Zagora herübergekommen sind, um hier etwas zu verdienen. Den Menschen im Anti-Atlas ist diese direkte Ansprache fremd, sie sind sehr viel zurückhaltender. Aber das wirkt sich dann auch auf die fehlende Infrastruktur aus. Hübsche kleine Gästehäuser sind hier sehr viel seltener, weil es eben keine falschen Führer gibt, die sich hochgearbeitet haben. Erst langsam entwickeln sich auch in Tafraoute schöne Unterkünfte, in Tata absolut noch nicht. Dort gibt es hauptsächlich zwei ziemlich heruntergekommene Hotels sowie die teure Kasbah eines Franzosen. Gestern war ich bei einem Herrn zu Gast, der ein gutes Beispiel dafür ist. Er hat nun Ideen und die Mittel, aber er hat keinerlei touristische Erfahrung. Er sollte sich vielleicht mit einem Burschen aus Merzouga zusammen setzen und von ihm lernen.