Archiv für den Monat: Dezember 2013

30.12. Angekommen

Ich bin ein neuer Mensch. Endlich mal ein schönes Zimmer, endlich mal Koffer auspacken. Gleich joggen ums Hotel, dann duschen und im weichem Bademantel einkuscheln. Ja, das ist Leben. Nach 7 Tagen auf der Straße brauch ich das. Ilse sagte zum Empfang: Manchmal nehmen wir auch Straßenkinder auf.
Geschehen im Chems Tazarkount in Afourer.
Morgen soll Silvester im Hotel direkt am Bin-el-Ouidane gefeiert, ich freue mich schon.

29.12. Und erstens kommt es anders …

Hatte ich nicht schon vorher gesagt, dass ich keine Pläne machen soll? Es kommt ja doch immer anders. Heute wollte ich eine sehr interessante neue Route ausprobieren, auch für mein Buch. Von Taza direkt runter nach Midelt über die R 507. Ich hatte mit Youssef vom Camping Timnay telefoniert, er hat mir zugestimmt, die Strecke zu fahren. Sie ist ja auch wirklich schön. Von Taza aus geht es zunächst in Richtung Ras el Ma und dem Djebel Tazzeka, dann zweigt die R 507 links ab. Eine schmale kurvige Teerstrasse, meist gut, hin und wieder von Regengüssen ein wenig beschädigt. Der Himmel war sonnig und klar, von den dunklen Wolken, die am Abend zuvor über Taza hingen, keine Spur mehr. Man sah aber, dass es hier am Tag zuvor doch heftig geregnet haben musste. Das erste Stück war wenigstens noch hin und wieder belebt, aber nach Merhaoua in einem fruchtbaren Tal wurde es ganz einsam. Auf dem Wegweiser war von einem Ort namens Bouyblane die Rede, in der Karte ist nur ein Bergzug dieses Namens eingetragen. Vorher ging es aber noch durch einen ausgedehnten Zedernwald, ein schöner Anblick, denn diese Wälder wurden so viele Jahre lang abgeholzt. Und dann die Straße voller Schafe, ein netter Anblick und ich wurde so richtig froh gelaunt.
r507-circ10
r507-circ13
Mir fiel aber auf, dass nach Merhaoua kein einziges Auto entgegen kam. Irgendwie ahnte ich da schon böses. Aber es war weit und breit niemand zum Fragen da. Kaum Bewohner, sehr einssam, und wenn mal ein Hirte am Straßenrand stand so konnte er kein Französisch.
Von den Kilometern her musste ich nun in Bouyblane angekommen sein, auf 2.000 m Höhe. Aber es ist kein richtiger Ort, in der Ferne sehe ich eine Häusergruppe, die fast wie ein Sommercamp aussieht. Sonst nichts. Doch, eins gab es. Schnee! Zunächst nur auf den Hängen, dann aber auch auf der Straße. Man sah, dass es noch vor kurzem wohl auch Glatteis gab, inzwischen von der Sonne geschmolzen. Die nächste mir bekannte Ortschaft sollte Immouzzer Marmoucha sein, in der Karte verzeichnet. Ich schätze mindestens 60 km. Und der Straßenverlauf ist mir völlig unbekannt. Gibt es wohl noch Steigungen? Mehr Schnee. Als ich in der Ferne eine komplett weiße Straße sah, kehrte ich um, 110 km wieder zurück. Wäre ich weiter gefahren und hätte später ein Problem bekommen hätte der Diesel nicht mehr gereicht, es war also die einzige Lösung. Schöner Mist! 220 km für die Katz, Nacken und Rücken tun weh und kein schönes Zimmer und leckeres Abendessen in Timnay.
Damit ich endlich mal wieder spüren kann wie sich schnelles, hindernisfreies Fahren anfühlt, nehme ich nach Fes die Autobahn. Herrlich, Tempomat einschalten und eifach los, es gibt so gut wie keinen Verkehr.Ich halte es für besser, in Azrou Station zu machen, denn es ist schon Nachmittag. Sobald ich auf der Straße nach Ifrane bin sehe ich nur noch Stau. Oder zumindest dichter Schneckenverkehr. Auch in Marokko gibt es Wochenendausflügler, die mal schnell nach Ifrane zum Wintersport fahren. Außerdem haben gerade die Winterferien angefangen. Und Schnee ist in Ifrane. Als ich endlich in Azrou beim Kirschen-Hassan ankomme habe ich 9 Stunden am Steuer gesessen, ohne Stopp und ohne Essen, hatte noch nicht mal gefrühstückt. Und bin völlig fertig.
Auch bei Hassan liegt ein wenig Schnee, es ist knapp über 0 Grad. Ich spreche mit Idoumou in Mauretanien, dort ist es richtig warm. Ach, wie gern wäre ich jetzt dort!

Später
Hatte eben einen wunderschönen Abend mit Hassan. Da bei der Kälte kaum Gäste da sind ließ er uns beiden ein leckeres Hühnchen-Tajine kochen und wir tranken eine Flasche Wein dazu. Sehr gemütlich. Bisher war ich immer nur auf der Durchreise und ganz geschäftlich hier, aber so sprach man mal eher persönlich. Bin also doch noch ein wenig für den anstrengenden Tag entschädigt worden. Und die Katzen hier sind ja so süß. Ganz anhänglich. Kaum hatte ich die Autotür aufgemacht sprangen sie rein und wollten alles inspizieren. Und natürlich bekamen sie die Reste vom Tajine.
Ich habe auch schon einen neuen Plan für morgen, aber ich spreche nicht darüber. Bringt ja offensichtlich Unglück.

Nachtrag vom Morgen nach dem Höllentag:
Ich habe die Route aufgeschrieben und in google nachvollzogen. 5 km lagen vor mir, nur noch 5 km bis zu einer sicheren Kreuzung und niedriger Höhe. Aber die Info konnte ich auf der Strecke nicht bekommen! Weder Internet noch Mobilfunk noch Bewohner. Ich weiß nur eins, ich versuche es irgendwann noch einmal, denn die Route war schön und sie muss mit genauer Beschreibung in mein Buch. Damit es anderen nicht so geht wie mir.

Nachtrag zum Nachtrag vom 12.4.2014

Auf meiner Rückreise war eiun ganz wichtiges Ziel, diese Strecke noch einmal vom anderen Ende zu fahren. Und das tat ich heute. Die Einschätzung nur noch 5 km bis zur Sicherheit war absolut falsch und die Entscheidung zurück zu fahren, absolut richtig! Es folgte ein ziemlich steiler und schmaler Pass, das wäre gefährlich geworden.

noch 28.12. Cala Iris

Aber ich muss ja weiter. Auf der herrlichen neuen Roqade geht es Richtung Cala Iris, die früher schwierige Piste ist nun eine super gute Straße mit drei Spuren bei den Steigungen. In Torres stelle ich fest, dass der beliebte Stellplatz noch ein wenig verschönert wurde, dann geht es weiter zum neuen Camping in Cala Iris. Der erste, den ich treffe, ist Heinz aus der Schweiz, bekannt aus meinem Saharaforum, er will in Marokko unter anderem Gleitschirmfliegen. Wir unterhalten uns ein wenig, aber auch Raschid, der auf dem Platz die Rezeption macht, kann kaum warten, mir alles zu zeigen. Ich war ja bisher noch nicht persönlich hier, hatte die Infos vor allem von Reisenden, und obwohl gerade ein schlimmer Sturm aufzieht, habe ich einen sehr guten Eindruck von dem kleinen Platz. Manche sagen, er sei überteuert, aber ganz stimmt das nicht. 120 DH sind nur für die 1. Nacht, dann kostet es 100 DH, dann 80 DH, und es ist alles sauber und ordentlich.
Vergangenen Mai schlug das Schicksal zu. Der engagierte Alaoui-Soussi, der den Platz aufgebaut und dabei schwer gegen die Behörden kämpfen musste, starb mit erst 51 Jahren bei einem Verkehrsunfall, kein seltenes Ereignis in Marokko. Die Leute dort sind noch immer geschockt und es hat auch dazu geführt, dass einige Arbeiten stagniert haben. Aber es geht aufwärts.
Ein Jammer ist es auch, das Gelände des ehemaligen Campingplatzes von Cala Iris zu sehen. Mehr noch als für europäische Camper hatte dieser Platz eine große Bedeutung für die marokkanischen Sommerurlauber. Er lag wunderschön direkt am Meer, war nicht zu groß. Vor vier Jahren wurde er zusammen mit einem ziemlich großen Areal an eine Investmentfirma verkauft, aber geschehen ist nichts, alles liegt brach und ist hinter hässlichen Pappwänden versteckt.
calairis_02  calairis_04

Alhoceima, wo ich mir das neu renovierte Hotel Mohammed V anschauen will, ist eher eine Enttäuschung. Es ist nun ein Suite-Hotel mit Preisen von 2200 – 5000 DH pro Suite. Das entspricht in keiner Weise dem, was geboten wird. Zwar sind die Zimmer hübsch und neu eingerichtet, aber nicht allzu groß. Und die Flure haben Teppichboden mit Flecken und die Bar völlig verdreckte Stühle. Nein, nicht für das Geld.
Besser ist da schon das neue Hotel Basilic. Die Zimmer sind schick, nicht viel kleiner, und kosten alle als Doppel 600 DH. Das ist ein echter Tipp für Leute, die bequem wohnen möchten.
Dennoch, ich will auch keine 600 DH ausgeben und fahre schnell weiter nach Taza. Habe dabei Gelegenheit, die direkte Verbindung Alhoceima – Taza auszuprobieren, die noch nicht im Buch ist. Die letzten 30 km werden zurzeit 4-spurig ausgebaut, was mich auf dieser doch nicht sooo wichtigen Strecke überrascht, und es ist kein Vergnügen, durch die lange Baustelle zu fahren.
In Taza wohne ich natürlich wieder in meinem Lieblingshotel, dem Dauphin. Es stammt noch aus der Kolonialzeit mit allem Charme und Altertümlichkeit, es hat Bar und Restaurant und es ist einfach preiswert. 185 DH zahle ich für mein Zimmer, wenn es auch nicht so komfortabel ist wie das Basilic. Aber es reicht mir.
Und für morgen habe ich mich in Timnay bei Midelt angesagt, auch das ein schöner Campingplatz mit Hotel. Und es sieht so aus, als werde ich doch zu Silvester am Erg Chebbi sein.

28.12.13, 8:00 Uhr, Jebha

Kaum ist die Sonne aufgegangen kehren die Sardinenfischer mit vollen Kisten zurück von ihrem nächtlichen Fang. Nun ist Hektik angesagt, viele Arbeitsschritte werden zugleich ausgeführt. Das wichtigste: die hochbeladenen Kisten mit den Sardinen in Eis packen und in die Transporter füllen. Andere bedienen die große Winde und ziehen die Netze durch, damit sie überprüft und repariert werden können. Schon sitzen einige Fische mit flinken Händen am Boden und bessern mit großen Stichen die Löcher aus, andere fädeln die Schwimmer neu auf. Dazwischen laufen kleine Jungs und picken alle Sardinen auf, die sich noch in den Netzen verfangen haben. Die dürfen sie mit nach Hause nehmen für ein Mittagsmahl. Und natürlich laufen zwischen all der Hektik auch Zuschauer umher, oder Restaurantbesitzer, die für ihre Küche einkaufen. Ich bin die einzige Touristin und es ist erstaunlich, wie freundlich alle sind. Keiner ist genervt, schimpft mit mir, scheucht mich weg, eher versuchen sie, mir alles zu erklären und als ich einen Jungen mit einer Hand voll Fische fotografieren will, dreht ein Mann ihn noch in meine Richtung. El Jebha gehört wirklich zu den freundlichsten Orten, die ich in Marokko kenne.
jebha_10jebha_12

27.12. Mittelmeerküste

Mein „Gelber Engel“ Abdou hat mit Land Rover in Tanger gesprochen. Das Problem ist bekannt. Aber man sei heute am Freitag total ausgelastet. Also hat Abdou mich überzeugt, einige Tage ohne Heckklappe auszukommen und es dann später in Marrakech machen zu lassen. Wo er seine Helfershelfer hat.

Also habe ich meine geplante Route fortgesetzt. Es ging zunächst auf der Küstenstraße vorbei am neuen Hafen Tanger-Med. Ist schon beeindruckend, sich das anzusehen. Ein wirklich riesiger Hafen. Er beginnt ja gleich nach meinem Hotel, das extra deswegen dorthin gebaut wurde. Einige hatten im Forum nach der nächsten Tankstelle ab Hafenausfahrt gefragt, das wäre in Ksar es Seghir, nur 6 km. Und dort ist dann auch eine Autobahnauffahrt.

Dann ging es zu La Ferma. Frank ist vielen Campern ja als freundlicher Mensch bekannt, diesmal erschien er mir aber doch ein wenig resigniert. Er hat ein wunderschönes Grundstück mit Gästehaus und dort einen schönen Stellplatz angelegt. Gäbe es einen Sanitärblock und Strom hätte er den schönsten Campingplatz im Norden, viel besser als Al Boustane in Martil. Aber er will sich nicht mehr engagieren, würde am liebsten verkaufen und sich auf einen Altersruhesitz zurückziehen. Der Platz ist wirklich schön gelegen mit einer guten Entsorgungsstation und wer keinen Strom braucht und seine Nasszelle dabei hat, der ist dort gut untergebracht. Der Regen am Weihnachtstag hat die Zufahrt etwas beschädigt, aber sicher wird es bald ausgebessert.

Nun will ich aber die neue Roqade fahren, das erste Mal seit der Fertigstellung. Und ich bin begeistert. Die neue Straße hat nicht zu viel Landschaft kaputt gemacht, es ist sonnig, neben mir glitzert das türkisfarbene Meer, es ist einfach wunderschön. Die Straße ist auch weiterhin anspruchsvoll, geht sie doch ständig hinauf und hinunter, aber was für ein Unterschied zu früher! Sie lässt sich richtig gut fahren. Ab und zu gibt es Überholspuren, damit man die langsamen Laster los wird. Aber es war nicht allzu viel Verkehr. Wichtig ist auch, dass die schroffen Hänge neben der Straße gut befestigt wurden, damit nicht bei jedem Regen Geröll runter kommt und die Straße zerstört. Man hat es gut gemacht, der Starkregen von Weihnachten hat nichts angerichtet.

Nach Oued Laou rein fahre ich diesmal nicht, es geht weiter nach Jebha, das mir immer sehr gut gefallen hat. Klein und freundlich, viel schöner als Oued Laou. Und so ist es auch diesmal. Fouad vom Hotel El Mamoun ist leider nicht da, seine Mitarbeiter sprechen nicht viel Französisch. Aber Fouad wird angerufen und er informiert über die Leitung. Das Hotel ist zwar nur einfach, aber war immer von ihm sehr liebevoll geführt. Jetzt mit der neuen Straße kommen doch mehr Gäste und so ist er dabei, auch die letzten Zimmer mit WC und Dusche auszustatten. Es ist noch früher Nachmittag, aber hier bleibe ich wieder sehr gerne. Die Menschen hier sind nicht so zudringlich, man versucht zwar schon mal mit mir zu sprechen, aber sehr freundlich und eher zurückhaltend.

Ein Gang durch den Ort zeigt mir leider, dass das gute Restaurant, in dem ich vor 3 Jahren gegessen habe, nicht mehr existiert. Aber am Hafen gibt es Restaurants, die den frischen fisch sogleich zubereiten. Das Fischtajine sah lecker aus, ist aber nicht nach meinem Geschmack. Hab Hähnchen gegessen.

Noch vor dem Ort fiel mir ein Schild auf: Camping. So was muss ich natürlich sofort auskundschaften. Eine kleine Piste führte Richtung Meer, aber von einem Camping war nichts zu sehen. Nur ein kleines Pinienwäldchen, das natürlich im Sommer schönen Schatten spendet. Ein freundlicher Anwohner erklärte mir, dass das Wäldchen Park Oringa heiße und im Sommer von marokkanischen Familien als Zeltstadt genutzt würde. Obwohl es keinerlei Einrichtungen gab. Hab auch kein Wasser gesehen. Ich wollte wissen, ob hier manchmal auch im Winter Camper stehen, bekam aber keine richtige Antwort, es scheint aber möglich zu sein. In Jebha selbst ist am Hafen ein neu angelegter Parkplatz, so viel ich weiß stehen hier manchmal Camper.

26.12. Endlich in Tanger

Heute um 11 Uhr ging wieder die erste Fähre. Früher ging es nicht, da alle Pötte ja in Tanger lagen. Das erste, das kam, hatte nur 4 Fahrzeuge an Bord, da wäre ich gerne drauf gewesen, das gibt eine schnelle Abfertigung. Da sah es auf unserer Seite schon anderes aus. Es waren ja viele Schiffe ausgefallen und es hatten sich lange Schlangen gebildet. Ich fürchtete schon, dass nicht alle auf das Schiff passen, aber es ging, wenn auch mit etwas Verspätung. Dadurch war auch die Abfertigung in Tanger langsamer als üblich.

Als der Zollbeamte mein hinteres Gepäck prüfen wollte, war der Hintermann so dicht aufgefahren, dass an eine Öffnung der Heckklappe nicht zu denken war. Da gab er auf, meinte, ich hätte doch wohl nichts Spezielles anzumelden.

Nun bin ich im Hotel, will hinten mein Gepäck rausnehmen und die Klappe geht nicht mehr auf. Hat das schon jemand gehabt? Was kann man tun? Vermutlich nichts, muss wohl zurück nach Tanger und zur Landroverwerkstatt. Bin nur froh, dass das nicht im Hafen passiert ist. Der Zöllner hätte bestimmt geglaubt ich mache das extra und will schmuggeln. Hätte eine Riesenaffäre werden können.

Nun bin ich kurz vor Tanger-Med in dem neuen Hotel Ksar Al Majaz untergekommen. Vermutlich fahre ich morgen früh zurück nach Tanger.

Tarifa, 25.12.

Noch 230 km bis Tarifa.

Starker Regen war vorhergesagt, starker Regen kam. Wind bis 30 km/h war vorausgesagt, orkanartige Sturm kam. 5 km vor Tarifa Nebel. Was wird mit der Fähre?

Im Hafen dann wartende Autos, besetzte Schalter. Nächste Abfahrt: 00 Uhr.

Heute geht nichts mehr. Also hab ich mir ein Zimmer gesucht, gleich gefunden, und Gelegenheit, mir endlich mal Tarifa anzusehen. Ein hübsches Örtchen. Zwar hat vieles heute am 1. Weihnachtstag zu, aber trotz dem Wind und Regen ist es ganz nett.

P1000795tarifa

Später:

Was für ein Abend. Ging am Abend raus, um vielleicht in eine Tapas Bar zu gehen. Aber ich bin ein kommunikativer Mensch und hier sitzen und reden nur Spanier. Das kann ich nicht. Also zurück zum Hotel, gleich daneben ist auch eine Tapas Bar. Ich ganz vorsichtig hinein, im langsamen Schneckengang hab ich mich bis zum Büffet gewagt, einige Tische besetzt und von einem klingen deutsche Worte.

Scheu darf man nicht haben auf Reisen, also ich die drei Leute sofort angequatscht und ich durfte mich an den Tisch setzen. Super Leute, das Gegenteil von dem langweiligen Umfeld, das ich zuhause so kenne. Zwei Frauen um die 70, miteinander verheiratet, die eine war früher in Rockmusiktheatern tätig, was ihr einen Gehörschaden eingebracht hat. Die andere Verlagssekretärin. Der dritte ein guter Freund, auch schwul. Alle drei auf dem Weg nach Marokko. Es wurde ein so interessantes Gespräch, eine so lustige Runde, und wir haben uns sehr angestrengt, die Weinfässer für den nächsten Jahrgang zu leeren. Sie leben alle drei in Portugal, wo Doris inzwischen ein Laientheater zusammengebracht, das bis zu 500 Zuschauer hat. Alles in der deutschen Kolonie. Ich soll sie unbedingt mal besuchen kommen.

Gut, dass unser aller Hotel gleich nebenan ist. Und ich bin gespannt, ob morgen um 9 Uhr wirklich eine Fähre im Hafen liegt. Der Wind hat ein wenig nachgelassen. Die drei wollen zur gleichen Fähre.

24.12.

Heiligabend auf der Piste. Ich brauch das ja nicht unbedingt. Weihnachtsbaum, Geschenke, Familienfeste. Mit meiner Familie kann ich auch sonst feiern, vielleicht noch schöner. Mich zogs nach Marokko und ob das nun Weihnachten ist oder nicht, war mir egal.
Fast.
Ein bisschen was besonderes muss eben doch sein. Vor 30 Jahren war ich das erste und einzige Mal auf Mallorca. Auch da ohne zu feiern. Ich fuhr am Weihnachtstag mit dem Mietwagen über die Dörfer und kehrte mittags ein, ganz allein. Am Nebentisch eine große Familie. Als ich fertig war brachte mir der Kellner ein Glas Sekt und ein Stück Turron (span. Nougat), erklärte, dass dies von der Familie komme. Dies würde zu Weihnachten ganz fest gehören. Ich war echt gerührt und habe dies nie vergessen, es gehört für mich nun einfach zur spanischen Weihnacht. Und irgendwie ganz im Innern dachte ich, ich bekomme auch diesmal meinen Turron.
Da ich lange gelernt habe „selbst ist die Frau“, habe ich mir im Carrefour Turron gekauft. Und fuhr und fuhr. Gestern waren es ja über 1000 km und das Schlafen im Auto war so unbequem, dass ich nach weniger als zwei Stunden weiterfuhr. Und war dann am Nachmittag in Granada. Mein Plan war – dass ich mich auch immer wieder in Plänen versuche, obwohl die doch nie eintreffen – mir als Ausgleich für die kurze Nacht im Auto diesmal ein richtig schönes Hotel zu suchen.
Wenn das so einfach wäre. Schöne Hotels kommen entweder, wenn man sie noch nicht braucht oder unerreichbar auf der falschen Straßenseite. Ich gelangte hinter Granada an eine Kreuzung mit gleich 2 Hotels auf meiner Seite. Eines sehr hübsch, geschlossen. Das andere auf, um 15 Uhr so voller Lärm, dass man die startenden Flugzeuge auf dem direkt daneben liegenden Flugplatz nicht mehr hören kann. Das gefiel mir. Ein Zimmer für 25 Euro, alles super sauber und gut eingerichtet. Allerdings konnte niemand ein Wort deutsch, mein Spanisch ist extrem beschränkt. Als ich fragte, ob es einen Halbpensionspreis gibt, verstand man das nicht, schüttelte heftig mit dem Kopf, was ich so auffasste, dass man Zimmer und Essen eben extra bezahlt.
Aber zuerst ging ich joggen. Ich darf meine gute Kondition, die ich mir den Sommer über aufgebaut hatte, doch nicht den Bach runter bzw. nach Marokko gehen lassen. Aber ist schon ein Unterschied, ob man durch den frischen Wehener Wald joggt oder neben einer viel befahrenen Straße. Aber egal, Sport ist Sport.
Im Hotel dann unter die Dusche und runter an die Bar. Die hatten ja vorhin nicht nur Gläser vor sich stehen, sondern auch Tapas.
Mhm. Alles weg. Tapas und Gäste. Nur einige Eingefleischte saßen noch vor ihren Gläsern und der Kellner übersah mich völlig, bin ich schon so dünn geworden?
Ich fragte energisch nach Essen: mangare! Ich fürchte, das ist Italienisch. Denn er verstand zunächst nichts, bot Kaffee und Zigaretten an. Dann zuckte er mit den Schultern, es sei geschlossen, ich könnte nur noch ein Hotelzimmer haben. Da er mich eh nicht verstand schimpfte ich auf Deutsch und er holte den Chef zur Verstärkung. Heute ist Heiligabend und ich soll noch nicht mal was zu essen bekommen?
Aber der Chef war ganz lieb und besorgte mir einen Salat, Pommes und Schweinesteaks. Die Pommes waren köstlich und ich bin ja mit wenig zufrieden.
Aber niemand brachte mir meinen Turron und ein Glas Sekt. Also ab ans Auto, Turron geholt und den Kellner gefragt. Ich Alzheimer Kranke kam zunächst nicht mehr darauf, wie der spanische Sekt heißt. Aber dann fiel mirs ein. Auf mein „Frechenett“ schaute er zwar zunächst verständnislos, aber als ich auf den Turron deutete , kapierte er gleich.
Und Weihnachten war gerettet.
Der Chef kam dann noch mal an meinen Tisch, war glücklich, dass ich glücklich war und sagte mir, dass eigentlich in Spanien an Weihnachten alles geschlossen ist.
Bestimmt denken jetzt alle, warum kauft sie sich kein Wohnmobil und nimmt alles bis zum Weihnachtsbaum mit.
Aber ich bin eben anders. Ich liebe es genau so. Immer überraschend, immer anders, nie vorhersehbar.

23.12.2013

23.12.13
Der Abfahrtstag hätte nicht besser gewählt sein können. Montag vor Heiligabend, die meisten Leute haben schon Urlaub und wer in Urlaub fahren wollte, hat das schon am Wochenende getan. Der Verkehr ist angenehm leicht, die Witterung milde und es nieselt höchstens mal. Kurz nach Beçancon reißt der Himmel sogar auf, es ist sonnig und 14 Grad warm. Um 15 Uhr geht es an Lyon vorbei ohne Stau. Was will man mehr für Dezember.
Der Plan ist, bis zu einem mir in angenehmer Erinnerung bleibenden Routière in der Nähe von Montelimar zu fahren und dort zu übernachten. Um 16:45 treffe ich nach 850 km dort bei blauem Himmel ein. Die Tankstelle daneben bietet Diesel für 1,28 Euro. Ein Zimmer mit Abendessen und Frühstück kostet 37 Euro, das ist unschlagbar. Und dennoch, der Tag ist noch hell und ich könnte doch noch so einige Kilometerchen hinter mir lassen. In dem Moment, in dem ich weiter fahre, weiß ich, dass dies die falsche Entscheidung ist. Denn natürlich habe ich auch bis 18 Uhr nichts ähnliches mehr am Wegesrand gesehen. Aus Verzweiflung stoppe ich bei Hotels, das erste zu 47 Euro verschmähe ich, das zweite kostet schon 70 Euro. Also immer weiter. Ich gebe auf und fahre wieder ein Stück Autobahn. Denke an meine Bekannten in Narbonne, bei denen ich letztes Jahr auf der Anreise übernachtet habe. Ich würde ja so gerne … aber es geht nicht. Morgen ist Heiligabend, da kann man einfach nicht so hereinschneien.
Dann ein letztes Aufbäumen, kurz vor Narbonne verlasse ich noch einmal die Autobahn, um zumindest etwas zu essen, und da leuchtet ein Schild: Routière, Hotel und Restaurant. Ich trau meinen Augen nicht und halte sofort.
Aber leider, leider, der Wirt sagt mir, dass er schon lange keine Zimmer mehr anbietet. Nun, ich hatte mich ja schon vorher entschieden, dass ich nur was essen will und dann ein paar Stunden in meinem Wagen schlafe. Also parke ich den Disco neben den LKW und gehe hinein.
Vorspeise Leberpastete, die liebe ich. Hauptgang absolut zähes Steak. Französische Küche? Naja, nicht immer perfekt. Der Rose und der Käseteller danach dagegen sind gut. Auch die Tarte au Citron durchaus genießbar. Meine Hände zittern als ich das Glas halte. Immerhin bin ich 1100 km am Stück gefahren.