18.4. In der Wüste

Warum fahre ich die vielen Kilometer bis nach Marokko, um Abenteuer zu erleben? Das geht hier doch auch ganz einfach, man muss nur den ausgeschilderten Wanderwegen der Gemeinde Carla-Bayle folgen.

Manfred hat Schmerzen im Fuß und so laufe ich täglich mit Aicha eine Runde, und die wird immer größer. Heute wollte ich von der Domäne nach Daumazan, es gibt dazu einen ausgeschilderten Weg, einfach 5,5 km. Ich habe es mir in google earth angeschaut, Punkte ins GPS eingegeben und bin losgezogen. Doch bald schon stand ich auf dem frisch gepflügten Feld, von Wanderweg oder Markierung keine Spur. Wir suchten uns einen Pfad, stapften durch ein Sumpfgelände, krochen unter Elektrozäunen durch, Aicha immer ein wenig agiler als ich. Man schaut hier ja in weite Fernen und dort konnte ich durchaus einen Weg sehen, nur war uns der von einem Bach, einer Bullenherde und von Hecken umgebenen Feldern versperrt. Wir krochen durchs Unterholz, mehr Elektrozäune und hörten endlich Menschen, richtige Menschen. Bauer und Großvater sägten Bäume ab. Sehr nette Leute, obwohl ich mich ja auf Privatbesitz befand, ich erklärte, dass ich mich verlaufen habe und er lachte, sagte, ich hätte doch tatsächlich den kürzesten Weg nach Daumazan gefunden, und der führte durch seine Garage. Die Oma warnte noch und meinte, ich solle der Straße folgen, denn der Wanderweg sei unpassierbar.

Okay, wir folgten der Straße und kamen endlich in Daumazan an. Französischer geht’s nicht mehr. Ein winziges Dorf voller Charme, romanische Kirche aus dem 12. Jahrhundert, jeder grüßt nett Bonjour Madame und alles hat auf. Und das an einem heiligen Karfreitag. Heute ist der Wochenmarkt, er besteht aus Metzger, Käsebude, Gemüse und Winzer, der seinen Wein aus dem Fass anbietet. Mir fehlt leider ein Kanister. Wir gehen zum Bäcker und holen leckere Stückchen, dann ins Café für einen Café au lait. Aicha schaut mir jedem Bissen in den Mund nach und hypnotisiert mich, ihr was abzugeben. Statt einer alten Dorfbevölkerung, wie ich es mir so vorstelle, sitzen hier nur ziemlich alternative Hippies rum, junge Leute mit Rastahaaren und Tattoos. Und jeder scheint sich zu kennen.

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Dann geht’s auf den Rückweg. Und endlich sehe ich auch die Markierung des Wanderweges, und er sieht richtig gut aus. Aicha geht voraus, ich folge. Und ziemlich schnell wird uns klar, warum die Oma gewarnt hat. Die Brennnesseln gehen mir bis zur Hüfte, die Machete fehlt, und es gibt nur eins: durch. Ich habe zum Glück eine lange Hose an und Socken, aber die Nesseln brennen auch durch die Hose. Selbst Aicha, die uns immer einen Weg bahnt, bleibt stehen und weiß nicht mehr so recht, wie es weiter geht. Und der Boden ist absolut sumpfig. Dabei geht es hinauf. Aber aus dem Boden dringt überall Wasser und sammelt sich in Bächlein. Kaum zu glauben, dass in dieser Wildnis dann immer wieder Markierungen sind. Hier ist seit Jahren höchstens mal ein Wildschwein gelaufen, aber kein Wanderer. Und dann endet der Weg vor einen frisch gepflügten Acker, hier wäre also der Einstieg gewesen, nein, den konnte man ganz sicher nicht finden.

Nun einen kleinen Mittagsschlaf und heute Abend geht es dann zum Essen. Auch das eher alternativ. In Sieuras gibt es ein Restaurant, das nur an zwei Abenden in der Woche auf hat, nur auf Reservierung arbeitet, wobei es wochenlang ausgebucht ist, und dessen Besonderheit ein Aperitifbüffet ist. Als ich zum ersten Mal davon hörte setzte mein Kopf, der durchaus weiß, was ein Aperitif ist, sich das aber trotzdem nicht vorstellen konnte, es so um, dass ich glaubte, es wäre ein Vorspeisenbüffet. Aber nein, als ich mal durchs Fenster lugte, sah ich die riesige Batterie von Flaschen auf der Theke, für den Pauschalpreis stellt man sich zunächst dorthin, probiert alle Aperitifs durch und wenn man danach noch kann lässt man sich ein Essen servieren. Uns ist es gelungen, für heute einen Platz zu ergattern, und heute Abend geht es trotz wehem Fuß dorthin. Ich werde berichten.

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