Vom Glücklichen Tal zum Tal der Rosen

Das Tal von Ait Bou Guemès wird aufgrund seiner blühenden Landwirtschaft das „Glückliche Tal“ genannt. Einst hatte sich hier durch einen Felsrutsch ein natürlicher Stausee gebildet, der das ganze Tal ausfüllte. Als sich das Wasser dann wieder einen Weg durch die Felsmassen gebildet hatte, waren auf dem Untergrund viele fruchtbare Ablagerungen zurückgeblieben, die dem Tal noch heute seine Fruchtbarkeit geben. Es liegt im Hohen Zentralatlas auf der Nordseite des M’Goun-Massifs auf 1800 m Höhe. Agouti lag sozusagen auf meinem Rückweg. Über Imilchil und Midelt wollte ich langsam nach Norden vordringen. Zwar hatte ich mal gehört, zum Beispiel im Saharaforum, dass es eine neue Piste geben soll, die den bisher für Fahrzeuge unzugänglichen Teil des Hohen Atlas mit dem Rosental verbindet, aber die meisten Aussagen lauteten, dass die Straße noch nicht fertig sei und man nicht durchkommt. Hatte es deshalb schon ziemlich aus meinem Programm gestrichen.

In Agouti kenne ich schon sehr lange das Gästehaus Flilou, das der Schweizerin Beatrice und ihrem Mann gehört. Sie bieten sehr schöne Trekkingtouren an in diesem Gebiet, das sich perfekt dazu eignet. Vor zwei Jahren, als ich zuletzt dort war, hatte man gerade umgebaut und nun wollte ich die schönen Zimmer sehen. Früher gab es nur Wandergruppen, die auf ihren Trekkingtouren sehr einfach übernachten wollten, aber auch da zieht heute ein wenig der Luxus ein und Beatrice hat sich darauf eingestellt. Nun gibt es acht schöne Zimmer mit Bad, alle mit europäischen Qualitätsprodukten, aber das schönste ist mein Zimmer auf der Terrasse. Dort habe ich schon vor zwei Jahren gewohnt, aber damals musste ich noch über die Hühnerleiter hinunter zum Klo steigen. Und nun gibt es ein Bad mit Eckdusche, die mich direkt an meines Zuhause erinnert, ist auch eher wie bei sich daheim nett eingerichtet mit Einbauschrank und so. Sehr hübsch geworden.

Beatrice war zwar nicht da, sie musste in Marrakech den schweizer Konsul beehren, aber auch ihr Personal war sehr freundlich. Und übrigens, Flilou hat auch einen kleinen Campingplatz, kein Grund also für Camper, das glückliche Tal auszulassen. Und so erfuhr ich auch, dass Beatrice erst in der letzten Woche diese neue Straße, Piste oder was auch immer gefahren ist. Ich sofort ans Telefon und mich informiert. Beatrice berichtete, dass zwar gearbeitet würde, sie aber ohne Probleme durchgekommen ist, inklusive Picknick in sechs Stunden.

Daher ging es gleich heute Morgen um 9 Uhr los. Die Dinosaurierspuren in Ibakklione kannte ich ja schon (siehe Reisehandbuch), aber ich hatte gerade ein interessantes Buch bekommen und von der Quelle bei dem Ort Rbat kurz dahinter erfahren. Es klang so, als liege die Quelle genau auf meinem Weg, so gab ich die GPS-Punkte als erstes Ziel ins Navi. Ich erreichte Rbat, zur Quelle sollte es immer weiter durch den wunderschönen alten Ort mit Lehmhäusern gehen. Oh mei, mehrmals stieg ich aus und lief vor, um zu schauen, ob der Weg für mein Auto passierbar sei: Ich fragte die Anwohner, sie nickten. Aber Fahrzeugspuren waren keine zu sehen. Komisch. An der Piste soll doch gearbeitet werden. Es wurde enger und enger. Ich hätte am liebsten Beatrice angerufen, aber kein Netz. Mir wurde nicht besser, die Piste war grenzwertig, super schmal.

Dann erreichte ich die Quelle, schön in Stein gefasst. Und auf der Mauer saß ein örtlicher Führer mit seiner Kundin. Ein Gottes Geschenk.

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Und so war auch ziemlich schnell klar, dass ich die richtige Piste verpasst hatte. Diese war schon bei den Dino-Spuren abgebogen, aber ich hatte die Nase halt immer auf das Navi gerichtet. Also wieder zurück, so langsam bekomme ich Übung auf der schmalen Spur und immerhin weiß ich ja jetzt auch, dass man durchkommt. In Ibakklione war es dann klar, dies war die richtige Piste, wie die vielen Spuren zeigten. Und der erste Teil war auch recht gut, eine neue breite Piste war angelegt, die so langsam in engen Serpentinen zum Pass hinaufstieg.

Gut, eine vollständige Streckbeschreibung werdet ihr dann im Reisehandbuch lesen, daher hier nur ein paar Hinweise. Nach der Passhöhe wurde ziemlich viel gearbeitet und einmal musste ich warten, weil der Bagger gerade schwer in Aktion war. Ich schaute an den Straßenrand und traute meinen Augen nicht. Wurde doch da gerade eine Ziege gehäutet, mit ein bisschen Zeit hätte ich zum Mechoui bleiben können. Übrigens gingen nun endlich die Zigaretten weg wie warme Semmeln, die mir Anna für solche Fälle geschenkt hatte. Die Männer freuten sich total, denn sie sind tagelang in den Bergen auf Arbeit und bekommen keinen Nachschub. Von dem Vorarbeiter erfuhr ich dann auch, dass in diesem Jahr nur eine Piste angelegt wird, ob im nächsten Jahr Asphalt folgt ist noch fraglich.

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Nach dem Abstieg vom Pass erreichte ich dann ein Flusstal und von Pistenarbeiten war hier keine Spur mehr zu sehen. Stattdessen ging es durch niedriges Wasser, bei höherem Stand dürfte das ein Problem werden. Allerdings auch für die Pistenbauer. Hier durch können sie keine befestigte Trasse anlegen, die würde bei jedem Regen weggerissen, also muss man irgendwie über den Berghang, aber das heißt noch ziemlich viel Arbeit. Meine Voraussage ist, dass die komplette Fertigstellung, die auch normale Fahrzeuge durchlässt, noch einige Jahre auf sich warten lässt.

Nach dem Fluss ging es wieder hinauf auf den Berg, auch hier noch keine Bauarbeiten und wieder sehr schmale Piste. Und gerade da ist natürlich der einzige Gegenverkehr, drei spanische Geländewagen. Aber wir schaffen das. Und dann wieder Bauarbeiten und ich muss warten, ein Bagger muss mir erst eine Durchfahrt frei schaufeln.

Bei Amejag treffe ich dann die Asphaltstraße, die nun neu aus dem Rosental hinaus führt und auch mein altbekannter Tunnel ist noch da, nur eben führt jetzt Teer hindurch. Nach genau 83 km und vier Stunden ab Tabant treffe ich im Rosental auf Tamaloutte.

Fazit: Für geländegängige Fahrzeuge gut zu schaffen, keine PKW und erst recht keine Wohnmobile.

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Marrakech ade

Ich war über eine Woche in Marrakech und hatte dort das schönste Wetter auf meiner bisherigen Tour. Endlich mal stetig über 30 Grad. Und trotzdem war ich nie am Pool, die Arbeit ruft. Und dazwischen viele Gespräche mit alten und neuen Freunden. Für den Abschluss hatte ich mir was Besonderes ausgedacht. Einerseits stand die Einladung in ein Riad auf dem Programm, um es kennenzulernen, andererseits hatte ich zu Beginn des Jahres eine Reise für sehr nette Kunden ausgearbeitet. Am Telefon hatte ich oft mit Jürgen gesprochen, der immer viel über Marokko wissen wollte und schließlich auch meinte, es sei doch schön, wenn wir uns dort auch treffen würden. Also blieb ich extra deswegen bis zum 25.4. in Marrakech, was bei dem herrlichen Wetter natürlich nicht gerade eine Strafe war. Und am 25. dann stand ich am Flughafen und holte Jürgen und seine Frau Sissi ab. Und fuhr dann auch mit den Beiden ins Riad Tawargit, das Riad meiner Einladung und auch, wo sie die ersten drei Nächte verbringen sollten. Das hatte sich sehr gut ergeben. Es war wirklich nett und ich glaube, sie haben sich echt gefreut. Vom Riad aus gab es dann eine erste Erkundungstour in die Souks und zum Djemaa, wir tranken einen teuren Saft in einem hochtouristischen Café, das aber dennoch schön war, weil es von seiner hohen Terrasse einen herrlichen Blick auf den Gewürzmarkt bot. Zum Essen gingen wir aber dann in eine winzige Suppenküche, die obwohl sehr nah am Gauklerplatz dennoch absolut unbeleckt vom Tourismus war und aßen dort eine köstliche Harira mit Crêpe und einem Tee, wie ihn ein besseres Restaurant nicht kochen kann. Für zusammen 4 Euro waren wir alle Drei satt.

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Aber auf dem Rückweg gingen wir fremd. Unser Riad Tawargit liegt direkt neben dem Riad Noga, einem der ersten Riads in Marrakech und wunderschön. Es gehört der Deutschen Gaby, die ich schon lange kenne. Und so weiß ich auch, dass ihre Köchin Fatima einfach grandios ist. Sie kocht nicht das übliche Tajine-Einerlei, sondern ist vor allem bekannt für ihren Fisch und ihre hervorragenden Saucen. Jürgen und Sissi gefiel es sofort so gut im Riad Noga, dass wir nicht nur eine Flasche Wein unter dem Sternenhimmel auf der Terrasse leerten, sondern auch gleich ein Diner für den nächsten Abend bestellten.

Am Morgen dann entließ ich meine Schäfchen, um ihr eigenes Marrakech-Abenteuer zu meistern, der Einstieg war ja schon mal gut vorbereitet. Ich besichtigte einige weitere Riads und hatte dann Hunger. Wollte nur heimlich auf meinem Zimmer einen kleinen Lunch aus Ölsardinen mit Brot zu mir nehmen, macht man ja eigentlich nicht, aber am Abend war ja das große Essen angesetzt. Setzte mich auf das schöne weiße Leinensofa, und zack, die Dose fiel um. Mit Gelbwurz gewürztes Öl (geht nie mehr raus) verschmutzte nicht nur mich, sondern auch das Sofa. Was tun? Ich entschied mich für die Wahrheit, konnte es ja auch kaum verbergen. Peinlich, absolut peinlich. Ich holte die Chefin, diese wiederum das Zimmermädchen und schon ging es los. Sofa abziehen, alles säubern, ist doch kein Problem, Madame, keine Sorge, nichts passiert und zu guter Letzt brachten sie mir Teller, Besteck, Servietten und noch Obst zum Nachtisch. Ich war geplättet. Und sage tausendmal danke.

Und am Abend ging es dann ins Riad Noga. Auch dies wieder ein märchenhafter Abend. Schade eigentlich, dass wir so das Essen in unserem eigenen Riad nicht testen konnten, am Nachmittag drangen schon köstliche Essensdüfte in meine Nase und ich bin sicher, auch dort ist es gut.

Aber am Morgen war es dann so weit, ich musste Marrakech endlich Mslama sagen. Ziemlich früh machte ich mich auf den Weg zum Djemaa el-Fna, der um diese Uhrzeit noch von Autos befahren werden darf. Und so stieg ich dann auch ins erste Taxi, ein Vorgang, den ich eigentlich hasse, denn gerade die Taxifahrer, die dort auf Kunden warten, verlangen unverschämte Touristenpreise. Aber er war wohl auch noch müde und ich seine erste Kundin, so fuhr ich für 4 Euro ins Tichka, wo mein Auto stand. Der Direktor war noch nicht aus seinen Gemächern herabgestiegen, aber von den Kätzchen konnte ich mich verabschieden und so ging es bald endlich weiter, es soll nun langsam mit einem Umweg in den Mittleren Atlas nach Norden gehen.

Rundumerneuerung

Nachdem mein Auto nach der langen Wüstenfahrt schon seine Spezialwäsche bekommen hat, war heute ich dran. Ich mache das meistens, wenn ich zum Abschluss in Marrakech bin. Hier hat jeder Damenfriseur einen Schönheitssalon angeschlossen, selbst im kleinsten Ort. Und die Preise sind natürlich grandios. Also ging es heute zum Charme d’Or, ein Friseur in der Neustadt in der Nähe meines Hotel Tichka, und natürlich nur den Einheimischen bekannt, deshalb nicht überteuert mit Touristenpreisen. Und die Mädels sind gut. Zwei davon arbeiteten parallel an Händen und Füßen. Die Hände gehen ja noch, aber die Füße werden von der trockenen Wüstenluft immer sehr strapaziert und die Hornhaut ist rau und rissig. Also gab es Pediküre, Maniküre, Gesichts- und Beinenthaarung, wo wir schon mal so schön dabei waren. Und alles zusammen kostete dann gerade mal 19 Euro. Klar haben die Mädels auch noch ein gutes Trinkgeld bekommen. Wie vermisse ich den Salon zu Hause, wo ich so etwas nie machen würde. Weil es teuer ist und weil es Aufwand bedeutet. Hier geht man einfach hin und kommt meist sofort dran, wie auch heute. Vor allem am Vormittag ist es dort ruhig. Berufstätige arbeiten und Hausfrauen müssen sich um den Haushalt kümmern. Hier ist es sehr üblich, dass man regelmäßig zu allen diesen Diensten geht, es ist auch für Marokkanerinnen bezahlbar und sie wollen sich ihrem Mann in guter Form zeigen.

Skoura – Ouarzazate – Tamdaght – Marrakech

Auf den Rundreisen, die ich anbiete, ist dies eine Tagesetappe, ich brauchte schließlich drei Tage dafür. Von Skoura aus ging es nach Ouarzazate, wo ich wieder einmal ein wunderschönes Quartier fand, das Le Petit Riad. Es gehört der Marokkanerin Fatima, studierte Philologin mit Schwerpunkt Spanisch. Sie stammt aus dem Mittleren Atlas bei Sefrou und kam 1989 mit dem festen Wunsch nach Ouarzazate, dort als Touristikführerin tätig zu werden, eine Domäne, die bis heute stark von Männern dominiert ist. Sie arbeitete hart und setzte sich durch, begleitete schon zahlreiche Hollywood-Stars und selbst die Königin auf ihren Erkundungsreisen in der Region. Schließlich baute sie für sich und ihre Familie dieses schöne Haus am Rande der Stadt. Im Jahr 2005 dann entschloss Fatima sich, nicht mehr zu reisen, sondern diese Villa als Gästehaus umzubauen und sich fortan nur noch um ihre Gäste zu kümmern. Ich hatte davon gehört und überlegt, ob sich das Haus für meine Gäste eignet, denn bisher habe ich Ouarzazate als Übernachtungsstation für meine Rundreisen vermieden, weil es vor allem große, unpersönliche Hotels gibt. Der Kellner führte mich herum, ich war begeistert. Es gibt nur 6 Gästezimmer, sie sind sehr schön dekoriert und komfortabel eingerichtet, halt eher wie ein Privathaus und im Garten ist ein kleiner Pool, umgeben von bequemen Liegen. Gerade als ich gehen wollte kam Fatima von ihrer morgendlichen Einkaufsfahrt zurück, sie kümmert sich selbst um die Küche und wir hatten ein so nettes Gespräch, dass ich mich schließlich entschloss zu bleiben. Und ich habe es nicht bereut. Es war eine sehr nette, persönliche Atmosphäre.

Am nächsten Tag ging es dann weiter nach Ait Benhaddou. Hier schaute ich nur kurz nach den Campingplätzen und fuhr dann weiter nach Tamdaght. Dieses Dorf liegt nur wenige Kilometer von Ait Benhaddou entfernt und ist trotz seiner historischen Glaoui-Kasbah vom Tourismus ein wenig übersehen. Die Kasbah war Jahrzehnte lang geschlossen, da der Glaoui nach der Unabhängigkeit wegen seiner Unterstützung der Franzosen in Ungnade gefallen und sämtlicher Besitz beschlagnahmt worden war. Doch vor einigen Jahren erhielt die Familie die Kasbahs zurück, es sollen etwa eintausend gewesen sein, sie sind natürlich weitgehend zerfallen, und nun kann man gegen ein Trinkgeld die Reste besichtigen.

Tamdaght ist nur ein winziger Ort, bestehend aus kleinen Lehmhütten. Doch haben sich um die historische Kasbah nun drei Hotels angesiedelt, alle drei fügen sich harmonisch in die Architektur ein und bieten sehr unterschiedliche Dienste. Die neueste ist die Kasbah Titrit. Ein Palast, der mich fast erschlägt. Hier ist alles riesig und imposant, im Innern dominiert ein Spa mit großem Pool. Das hier ist ein wenig zu teuer für mich. Immer noch hochpreisig, aber gut und das älteste Gästehaus am Ort ist die Kasbah Ellouze, geführt von einem französischen Ehepaar und sehr beliebt. Aber doch über meinem Preisniveau. Und so entschließe ich mich, da ich zum erstenmal in den 30 Jahren Marokko in Tamdaght schlafen möchte, in der Kasbah Cigogne zu übernachten. Sie schmiegt sich direkt neben die historische Kasbah, ist nun auch in französischem Besitz und wurde sehr schön neu überarbeitet. Mohammed, dessen Familie das Anwesen früher gehörte, ist weiterhin der Direktor und macht einen guten Job. Die elf Zimmer sind unterschiedlich groß, wunderschön mit traditionellen Materialien eingerichtet und viele haben auch eine Sitzecke, einige davor auch eine Terrasse, die Tadelakt-Bäder sind jeweils anders. Von mehreren Terrassen bietet sich ein schöner Blick zur Kasbah des Glaoui, doch den kann ich mal wieder genauso wenig genießen wie den Pool, denn wenn ich in einem Hotel ankomme gilt es immer, das Ergebnis meiner Tagesrecherche aufzuschreiben und in die verschiedenen Führer einzuarbeiten. Ja, und der Blog muss natürlich auch geschrieben werden.

Eine schöne Abwechslung ist daher das Abendessen. Es ist zu kühl, um draußen zu sitzen und so sind alle Gäste in dem kleinen Restaurant, wobei sich eine gute Gelegenheit bietet, mit den anderen Reisenden ins Gespräch zu kommen. Schnell sitze ich mit zwei Australierinnen zusammen und wir haben einen netten Abend. Nach Abschluss ihrer Rundreise brauchen sie noch einen Transfer von Marrakech nach Casablanca und so organisiere ich das ganz schnell. Und verspreche ihnen dazu noch, mit ihnen zu fahren, damit wir noch ein wenig reden können. Das bedeutet dann 6 Stunden Autofahrt für mich, aber ich mache das doch gerne.

Am nächsten Morgen bin ich dann endlich so weit, nach Marrakech zurückzufahren in mein Palais de Tichka. Kurz vor Marrakech lasse ich aber schnell noch mein schlammverziertes Auto waschen. Es wird sogar auf die Hebebühne gefahren und von unten abgespritzt, was auch nötig ist nach den vielen Pistenfahrten. Schließlich will ich sauber im Marrakech ankommen. 5 km weiter dann Baustelle, Umfahrung durch den Schlamm und wir sind so weit wie zuvor. In Deutschland hatte ich mir eine kleine Beule in meine Türe geholt, auf einem Parkplatz, und so lasse ich das schnell in Marrakech machen. In der Tür ist gerade dort ein Knick, vom Design vorgegeben, deshalb kann man es bei uns nicht reparieren, sondern müsste eine neue Tür einbauen. Hier ist das in einer Stunde erledigt und kostet kaum etwas. Und genauso verfahre ich mit meinem Teppich. Was in Deutschland die Reinigung kosten würde kostet hier ein neuer Teppich, so habe ich ihn mitgebracht und lasse ihn ebenfalls in Marrakech reinigen. Wegen diesen Dingen bin ich hier, das wird nun alles erledigt, bevor es dann ganz langsam Richtung Norden geht.

Die Sonne in Skoura

Ich habe hier ja so am Wegesrand auch meine Aufgaben zu erfüllen. Und in Skoura wartete eine Aufgabe auch mich, auf die ich mich nicht so richtig gefreut habe. Hier wohnt Hassan, ein Bekannter noch aus dem ersten Jahr meiner Marokkoreisen. Ich lernte ihn in Zagora kennen, er hatte dann ein ziemlich wechselhaftes Leben, bis er vor ein paar Jahren eine Frau aus Skoura heiratete, die Grundbesitz hat. Ein kleines Haus in der Palmeraie mit landwirtschaftlichem Grundstück.

Ich kenne Skoura noch, als es kein einziges Hotel gab. Heute ist der Palmenhain voll mit Herbergen jeder Klasse. Und da Hassan allein nicht die Mittel hatte, ein Gästehaus zu bauen, vermietete er einen Teil seines Landes an ein französisches Paar. Vor zwei Jahren dann hatte ich das Ergebnis besichtigt, die Kasbah 123 Soleil. Sehr hübsch und vor allem, was für meine Leser wichtig ist, auch mit einem Campingplatz, der aber nur mit kleinen Fahrzeugen wie 4×4 oder VW-Bus anzufahren ist. Bei einem erneuten Besuch im letzten Jahr hatte ich schon gespürt, dass es Spannungen gab zwischen Hassan und den Franzosen. Am 16. März dann schrieb mir Hassan, dass er die Auberge nun allein bewirtschaftet. Und kurz danach kam schon ein negativer Hinweis von einem Camper in meiner Guidewriters App. Also war ich sehr gespannt, was ich antreffen würde.

Zunächst besichtigte ich aber in Skoura die hochwertige Auberge Domaine de Sawadi und ließ mich dort auch gerne für die Nacht nieder. So richtig zog es mich nicht zu Hassan, da ich allerhand üble Geschichten über ihn gehört hatte. Klar ist, ich muss der Sache auf den Grund gehen, aber bei ihm wohnen wollte ich nicht so recht. Ich kam also an mit dem Vorsatz, eine halbe Stunde zu bleiben, mit Hassan zu reden und ein paar Fotos zu machen. Das erste, was quer schoss, war das Wetter. Es war so wunderschön, warm, aber nicht zu heiß, kein Wind, und hinter der Kasbah auf der Terrasse vor dem blühenden Garten zu sitzen, mal nichts zu tun, das war einfach verlockend. Ich war vorher in wunderschönen Herbergen, first class, französisch geführt, aber immer gab es den Druck, das Hotel kennenzulernen, darüber zu schreiben, natürlich auch den Besitzer im Nacken zu haben. Hier war erstmal gar nichts. Und nachdem ich noch hörte, dass es eine Waschmaschine gibt, dass ich also meine Sachen endlich mal sauber bekomme und sie in dem herrlichen Wetter ruckzuck trocken sind entschloss ich mich, doch zu bleiben.

Ganz ließ ich die Arbeit nicht schleifen, sondern schaute mir noch das Nachbarhotel Les Jardins de Skoura an, auch hier wieder erstklassig, aber irgendwie glaubte man, in Frankreich zu sein. Als ich zurück im Soleil war stand ich plötzlich einer Deutschen gegenüber, Angelika und Roland waren gerade mit ihrem Land Rover eingetroffen und wollten die Nacht bleiben. Das war mir sehr lieb, denn einerseits hatte ich so etwas Gesellschaft, andererseits wollte ich auch deren Meinung hören.

Aber ich bekam auch schon mit, dass Hassan ganz schön arbeitet. Er hat ja erst seit wenigen Wochen die Hoheit über den Platz und da muss in der letzten Zeit durch den Krach einiges vernachlässigt worden sein, aber der Garten ist bereits tipptopp in Ordnung. Der Pool hatte seit Dezember kein Wasser und Hassans Leute waren dabei, die Unterwasser-Lampen zu prüfen, den Pool sauber zu machen und schon am Nachmittag begann das Wasser zu fließen. Was noch fehlt sind die guten Bettdecken für die Zimmer, da sind im Moment alte, schwere Wolldecken, aber die Decken waren schmutzig und sind nun in professioneller Reinigung. Ich will mich nicht in den Streit einmischen, den Hassan mit den Franzosen hatte, sondern nur beurteilen, was heute ist. Und da habe ich ein gutes Gefühl, es klappt alles, er hat gutes Personal und am Abend tauchten sogar noch drei Kamele mit einem Jungen auf, sie gehören Hassan und er bietet damit schöne Trekkingtouren an.

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Beim Peter …

Von Tinerhir ging es in die nahe Dadesschlucht. Auch dort ist, wie an allen touristischen Orten, eine Herberge an der anderen. Und die meisten haben auch einen Campingplatz. Auf keiner Reise kann ich die alle besuchen, ich bräuchte sonst Tage für die 35 km lange Strecke in die Schlucht. So ist es gut, dass ich in meinem Campingführer immer das Jahr der letzten Information dazu schreibe, so kann ich also sehen, was in diesem Jahr dran kommt. Und zudem gibt es ganz oben bei Msemrir noch eine Auberge, die ich nicht kenne und die ich mir ansehen möchte. Eine Schweizerin namens Madeleine hatte mich mal angeschrieben und auf diese Unterkunft aufmerksam gemacht, sie war mit dem Inhaber befreundet und half ihm ein wenig. Der Ort Ouiskis erschien mir sehr interessant, also sollte dies das Endziel meiner Schluchtenfahrt werden.

Die ersten Stopps liefen erwartungsgemäß, ich erhielt wieder eine Menge neuer Informationen und Fotos. Es sind Touristen da, auch Wohnmobile, aber doch in geringer Zahl. An der letzten Herberge zur Schlucht, es waren noch 30 km bis Ouiskis, wollte ich anrufen und fragen, ob jemand da ist. Niemand ging an die beiden Nummern. Trotzdem entschied ich mich, den Weg zu machen, der Ort interessierte mich. Kurz vor Msemrir muss man links abbiegen. Schon nach einem Kilometer war ich ziemlich baff, am Wegesrand stand ein wahrhaft königlicher Palast. Eine riesige Mauer mit Türmchen, durch die drei massive Tore führen, durch ein jedes passt ein LKW. Schon ungewöhnlich an einem solchen Ort. Und auch wohlgestaltet, eben genauso wie einer der königlichen Paläste, die ich von außen gesehen hatte. Sollte der König hier wirklich familiäre Beziehungen haben? Auffallend war auch, dass für einen solch abgelegenen Ort es viele neue und teure Wohnhäuser gab.

Es ging weiter und nach 6 km fand ich tatsächlich das Hotel. Aber alles war fest verrammelt. Ich rief noch mal alle Nummern an, nichts. Ich stieg aus, wollte ums Haus gehen. Das war ein Fehler. Ein junger Mann, normal gekleidet, also nicht abgerissen und schmutzig, bat mich um Geld. Gib mir 10 Dirham, ich habe nichts zu essen. Nur dass er das nicht so ruhig sagte, wie es hier klingt, sondern unglaublich aggressiv, er kam mir immer näher. Ich schrie ihn an, er solle mich in Ruhe lassen, ich würde die Polizei rufen. Nur ein paar Kinder standen herum, kein Erwachsener, niemand konnte mir helfen. Als ich das Auto aufschloss um einzusteigen machte er die Beifahrertür auf, wo meine teure Elektronik lag. Wie eine Furie lief ich ums Auto, er hatte noch nichts angefasst und als ich wieder mit der Polizei drohte ging er immerhin vom Auto weg und ich konnte zu machen. Aber es war dann ziemlich schwierig, wieder aufzuschließen, um hineinzukommen und wegzufahren. Es ist mir schließlich gelungen, aber der Kerl hat mir einen ziemlichen Schrecken eingejagt. Immer noch kein Mensch auf der Straße fuhr ich los. Nach 2 km ein Telefonanruf. Es war Said, Mitarbeiter eben diesen Hotels. Er wollte, dass ich zurückfahre und auf ihn warte, aber in dieses Dorf bringen mich keine zehn Pferde mehr. Wir verabredeten dann, uns auf der Strecke zu treffen.

Mein nächster Stopp zurück in der Schlucht war Chez Pierre, ich hatte es mir für das Ende aufgespart, denn ich hoffte, dort übernachten zu können. Gerade als ich mit dem netten Ismail beim Tee saß, rief Said von unten an. Ich bat ihn hoch, damit wir uns über die Auberge unterhalten konnten. Es stellte sich heraus, dass dieses Haus zunächst Idir gehörte, und seiner französischen Frau. Idir ist vor einem Jahr verstorben und Said musste gerade zum Flughafen, um die Französin abzuholen, er hatte sie im Schlepptau. Schon von der ersten Sekunde an war ich ihr unsympathisch, ich kann das nicht unbedingt umgekehrt sagen, aber als ich fragte, ob sie Madeleine sei, da war es aus. Ismail, mit dem ich ja beim Tee saß und der daher bei dem Treffen dabei war, erzählte mir nachher folgendes: Idir war zwar mit der Französin verheiratet, die nicht immer vor Ort war, hatte aber auch noch eine Freundin Madeleine. Das war also ein schlimmer Faux Pas, diesen Namen zu nennen. Und als ich mein Erlebnis von Ouiskis schilderte führte das auch nicht zu gegenseitiger Freundschaft. Der junge Mann war ihr wohlbekannt, es ist wohl ein örtlicher Drogenabhängiger. Und dann wollte sie wissen, welchen Führer ich schreibe, denn sie wolle sich schon aussuchen, wo sie drin steht und wo nicht. Schnell entschieden wir in gegenseitigem Einvernehmen, dass in meinem Buch Ouiskis abwesend bleibt.

Als sie ging schaute mich Ismail verständnislos an. So ein Benehmen hatte er noch nicht erlebt. Mir kann es ja egal sein, aber er lebt hier und möchte mit allen auskommen. Und er hatte wirklich alles versucht, freundlich zu der Frau zu sein. Said war ganz anders, aber er hatte offensichtlich nichts zu sagen, war nur ein Angestellter.

Allerdings erfuhr ich noch ein wenig über Ouiskis. Dieser Ort gehört tatsächlich zu den reichsten in der Region und der gro0e Palast gehört einem Unternehmer, er soll der viertreichste Mann Marokkos sein und ist im Straßenbau international tätig. Und auch weitere Unternehmer stammen aus der Region, alle irgendwie verbandelt, und bauen sich dann hier einen Sommerpalast, den sie zwei Wochen im Jahr nutzen.

Nun aber zurück zu Chez Pierre. Diese Auberge war einmal von einem Belgier aufgebaut worden, daher der Name. Sie war schon damals für ihre gute Küche bekannt. Dann entschloss sich der Belgier zu verkaufen und sein Koch kaufte das Hotel zusammen mit seinen zwei Brüdern. Und diese Drei haben in nur kurzer Zeit unglaublich viel daraus gemacht, mal wieder eine marokkanische Erfolgsstory. Die Küche ist sehr einfallsreich, das Restaurant würde in Paris Furore machen und so ist man auch sehr stolz auf das 5-Gänge-Menü, das in der Halbpension enthalten ist. Und die Zimmer sind einfach ein Traum. Das Hotel liegt an einem steilen Hang, gesund muss man hier schon sein, aber dann geht es treppauf, treppab durch einen blühenden Garten und zunächst hat man Probleme, in dem Labyrinth sein Zimmer zu finden. Die sind alle unterschiedlich eingerichtet, sehr komfortabel, es gibt Bademäntel und Heizung und jedes Zimmer hat eine eigene Terrasse und dort auch Sitzmöglichkeiten. Am Pool warten eine Sonnenliege mit einem Sonnenhut und Badetuch, es ist einfach an alles gedacht. Aber das besondere ist der persönliche Empfang. Ismail nimmt sich für jeden Gast Zeit, trinkt Tee mit ihm, offeriert sein köstliches, hausgemachtes Gebäck und fragt nach dem Woher und Wohin. Er gibt auch gute Tipps für Ausflüge und packt auf Wunsch einen Picknickkorb. Das hier ist einfach ein Ort, an dem man bleiben möchte, man will so schnell nicht wieder weg.

Aber kann ich denn bleiben? Ismail hat mir schon am Anfang gesagt, dass sein Haus den ganzen Monat ausgebucht ist und auch während wir Tee trinken geht das Telefon in einer Tour mit Reservierungswünschen. Aber Ismail ist wirklich so lieb. Natürlich habe ich einen Bonus, denn ich biete diese Auberge in meinen Rundreisen an und wer auch immer in die Dadesschlucht will steigt hier ab, und alle sind begeistert. Es schiebt und trickst in seinem Reservierungsbuch, wie er das macht weiß ich nicht, aber schließlich fragt er mich, ob es auch ein ganz kleines Zimmer sein darf. Ich freue mich auf das Essen, jedes Zimmer ist mir recht und so stimme ich freudig zu. Als ich dann in mein Reich geführt werde, staune ich, mein kleines Zimmer ist anderswo eine Suite, hat einen kleinen Tisch und zwei Sessel und natürlich auch vor der Tür eine kleine Terrasse.

Ich weiß nicht, ob ich euch noch von dem Abendessen berichten soll, ihr würdet ja sofort den Koffer packen wollen, und das kann ich euch nicht antun. Nur so viel: Es gab als Amuse Geule eine Mini-Pizza, dann Kürbissuppe, danach einen köstlich angemachten Salat mit Ziegenkäse, als Hauptgang Wachteln mit Couscous und glasierten Spaghetti und als Nachtisch Frischkäsetorte.

Wer mich bei der Abreise gesehen hat muss nun etliche Kilos dazu rechnen. Schließlich endet hier jeder Tag so oder ähnlich.

Fotos von meinem kleinen Zimmerchen und dem bescheidenen Mahl

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Das ist Marokko!

Die Tage lief es ja schon lustig. Anne hatte ihren Campingführer verloren, postete im Forum, ob sie von jemanden einen neuen Führer abkaufen könne und schon liefen wir uns in Tinerhir über den Weg. Allerdings war hier noch das Saharaforum als Medium eingeschaltet. Heute jedoch war wohl wieder Allah an der Reihe. Zunächst war ich im Hotel Tomboctu, um Edi Kunz zu treffen. Der Schweizer hat das Hotel viele Jahre lang geführt, heute ist er fast nur noch zum Spaß da. Gerade als ich wieder gehen wollte kam Annette an. Sie reist auch alleine durch Marokko, um die verschiedenen Stämme und Bräuche zu studieren und da sie in den Osten Marokkos wollte hatte sie in der Schweiz vergeblich versucht, mein Marokko Oriental zu bekommen. Man wollte es einfach nicht für sie bestellen. Und schon war mein rollender Bücherwagen wieder im Einsatz.

Damit nicht genug. Zurück im Hotel lief mir ein junger Mann über den Weg, begrüßte mich freudig mit Edith und mal wieder konnte ich mich nicht erinnern, woher ich ihn kenne. Ich treffe einfach zu viele Leute. Doch schnell stellte sich heraus, dass es Mr. Google ist, ein Webmaster, der diesen Spitznamen wohl verdient. Ich hatte ihn mal im Hotel Tichka an den berühmten Abendrunden am Kamin kennengelernt. Nun habe ich schon seit Wochen ein Problem mit meiner Reise-Webseite, ich kann sie nicht mehr öffnen und bearbeiten. Hatte schon für Marrakech auf die Hilfe des dortigen Webmasters gehofft. Doch Google schaute sich die Sache an, fand den Fehler ziemlich schnell und schon läuft wieder alles.

Dabei wollte ich eigentlich heute Morgen abreisen. Wie gut dass ich noch geblieben bin.

Abendessen mit Fontäne

Gestern war ich zum Abendessen eingeladen bei dem Teppichhändler Ali. Ich sage weder seinen vollen Namen noch wo sein Laden steht. Ali ist ein alter Freund, ich kenne ihn schon aus der Zeit, als ich noch keine Bücher schrieb. Damals sprachen mich Jungs vor seinem Laden an, baten mich, ihnen bei einem Brief in Deutsch zu helfen. Was natürlich ein alter Trick ist, um Besucher in den Laden zu ziehen. Und seitdem komme ich auf meinen jährlichen Reisen immer mal wieder vorbei und werde jedesmal zu seiner Familie zum Abendessen eingeladen. Das ist eine ziemlich steife Angelegenheit, aber ich komme nicht darum herum. Zunächst begrüßen mich alle Familienmitglieder, ich kannte sie schon, als es noch zwei Kinder gab, nun gibt es vier, dabei soll es auch bleiben. Dann wurden die großen Tabletts mit Gebäck und Nüsschen von Spitzentüchern befreit und der Tee serviert. Ali kam und ging immer mal wieder, die Kinder ebenso und die Frau, die nicht französisch spricht, war meist in der Küche. Natürlich hat man dann zu meiner Unterhaltung den Fernseher angeschaltet. Ali wohnt in einem hübschen, gemieteten Haus und erzählt mir schon seit zwei Jahren, dass er dabei ist, ein eigenes Haus zu bauen.

Nun bin ich also wieder in seiner Teppichstadt eingetroffen und erhalte die übliche Einladung zum Familiendinner. Zum Glück ist Anne gerade mit ihrem Wohnmobil auf dem Campingplatz, Anne, die mir schon bei der Hochzeit in Mhamid gute Gesellschaft geleistet hat. Da habe ich doch wenigstens jemanden zum Reden. Aber ich bin auch ziemlich neugierig, denn Ali sagte, dass er nun in seinem neuen Haus wohnt. Wir fahren durch die Dunkelheit und halten vor einem großen Haus, das auf mich wie ein Mietshaus wirkt. Ich bin ziemlich enttäuscht. Es hat 3 Etagen plus Terrasse und ist nicht frei stehend, sondern ein Reihenhaus, im Dunkeln sehe ich nicht viel, vielleicht drei gleichartige Häuser nebeneinander. Es gibt mehrere Klingeln, bin weiterhin tief enttäuscht. Ich hätte Ali mehr zugetraut als eine Eigentumswohnung. Die Tür geht auf und wir werden von einer die Farbe wechselnden Fontäne empfangen. Ja, das ist schon was, es ist also eine hochwertige Eigentumswohnung. Es geht die Treppe hinauf, die Wohnung im 1. Stock wird passiert, wir treten ein in den 2. Stock und ja, ist schon herrschaftlich. Gleich zu Beginn ein schickes Waschbecken, das ist marokkanisch, das würden wir nicht machen, aber es macht Sinn. Die Leute müssen sich ja vor dem Essen die Hände waschen und brauchen so nicht das Familienbad zu benutzen.

Es geht weiter in einen Salon, den ich von der Einrichtung schon kenne. Fast genauso wie im alten Haus. Nur ein klein wenig größer. Anne und ich nehmen auf den Sitzpolstern Platz, die gleiche steife Angelegenheit geht vor sich. Ich bin ja ziemlich neugierig auf die Wohnung, halte mich aber doch zurück und frage nur ganz dezent. Dann fragt Ali, ob ich eine Tour möchte. Ich sage begeistert ja. Darauf werden die Kinder in ihre Zimmer geschickt, die Frau verschwindet ebenfalls, um ein wenig Ordnung zu machen. Nach dem Tee dann dürfen Anne und ich los. Es zeigt sich sofort, dass das Ordnung machen nicht nötig gewesen wäre, in dieser kurzen Zeit konnte man nicht viel erreichen und die Zimmer sind perfekt. Ich bin wieder enttäuscht. Die beiden Mädels schlafen zusammen in einem recht kleinen Zimmer, die Jungs, die doch einen ziemlichen Altersunterschied haben (13 + 5) im anderen. Wir hätten natürlich versucht, jedem Kind ein eigenes Zimmer zu geben. Aber viel später, nach der Tour, erkenne ich erst, dass dies Absicht ist. In Marokko sind die Familien einfach näher zusammen.

Die Etage hat dann noch eine relativ große Küche, ein schönes, großes Elternschlafzimmer, zwei Bäder und ich dachte, das wars. Doch dann werden wir um die Ecke geführt und ich betrete einen riesigen, von Säulen gestützten Salon. Es gibt schon Sitzpolster, aber noch keine Teppiche und alles riecht ganz neu. Ali erzählt, dass sie erst 20 Tage in dem Haus leben und es ist noch lange nicht alles fertig. Dieser Raum ist für Gäste gedacht und vor allem für große Feste. Denn bei solchen Gelegenheiten sitzen die Frauen zusammen und die Männer getrennt, das hier sollte also der Männersalon werden. Nun bin doch ziemlich beeindruckt. Ich frage wieviel Quardatmeter er zum Wohnen hat, Ali antwortet 254 qm. Eine Menge.

Doch dann führt uns Ali noch eine Treppe höher. Dort sind weitere Schlafzimmer und in der Mitte eine große, offene Terrasse, von der man den Sternenhimmel betrachten kann. Wenn die Stadt halt nicht so hell erleuchtet wäre. Auch eine Küche gibt es hier und Badezimmer, und Ali erklärt, dass dieser Bereich im heißen Sommer genutzt wird oder eben als Gästezimmer.

Wie schon zuvor bin ich beeindruckt. Doch es geht weiter. In die 1. Etage. Es stellt sich so langsam heraus, dass dies keine Eigentumswohnung ist, sondern dass Ali dieses komplette Haus gehört. Diese Wohnung im 1. Stock ist komplett leer, ist anders geschnitten und verfügt vor allem über einen riesigen, von Säulen getragenen Salon, in dem man tanzen könnte. Ich fange langsam an zu rechnen, irgendwie kommt das mit den 254 qm nicht hin. Und dann stellt sich heraus, dass wir uns missverstanden haben. Das Grundstück hat 254 qm, und alles ist umbaut, es gibt keinen Garten. Darüber drei Wohnetagen und im Erdgeschoss eine riesige Ladenfläche. Noch ist sie leer, aber sie könnte mal den Teppichladen beherbergen. Und dann gibt es noch das Untergeschoss. Auch das sauber gefliest, auch das mit Küche und Bad, aber langsam habe ich irgendwie den Überblick verloren.

Ziemlich erschöpft falle ich wieder auf meine Sitzpolster und lasse mir das Abendessen auftragen. Wie in Marokko üblich wird sehr spät gegessen, den Kindern fallen schon dauernd die Augen zu und wir bekommen ein köstliches Tajine, Salate und einen üppigen Obstkorb.

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Ich frage Ali, wer das denn alles putzt. Er zeigt auf seine Ehefrau. Die Männer sehen vielleicht nur das schöne Haus, Anne und ich die Arbeit, die dahinter steckt. Latifa versteht sofort und seufzt. Ich glaube, das ist ein Punkt, den das Ehepaar noch klären muss. Er muss verstehen, dass sie Hilfe braucht, aber sie muss auch akzeptieren, dass eine andere Frau bei der Arbeit hilft und es vielleicht nicht ganz richtig macht. Ein Gewöhnungsprozess. Aber als ich Ali sage, dass er am Abend doch eine fröhliche fitte Frau haben will und keine erschöpfte Putzratte scheint er sich die Sache zu überlegen.

Impressionen aus dem äußersten Südosten Marokkos

Nomadenland, keine Parkwächter, keine Geschwindigkeitskontrollen, nur Weite, Freiheit, der Blick reicht bis zum Horizont und darüber hinaus. Dazwischen Hirten mit Schafherden und endlose Ruhe, wenn ich den Wagen parke und den Motor ausstelle höre ich keinen Laut. So war immer mein Marokko, deshalb kam ich her. Auch dieses Land hat sich verändert, sich „globalisiert“, den Stress der Zivilisation aufgenommen. Aber hier ist es noch so, auf der weiten Rekkam-Ebene. Dieses endlose Land auf 1300 Metern Höhe gehört den Nomaden der Beni Guil, die Schafe und Ziegen züchten, keine Kamele, was auch die Straßenschilder berücksichtigen. Sie halten sich im hier sehr kalten Winter vorwiegend im Norden in der Tafrata-Ebene südlich von Taourirt auf, im heißen Sommer möglichst hoch in den Bergmassiven um Figuig. Um die großen Distanzen ohne Brunnen zu überbrücken verfügt der Clan-Chef über einen LKW zum Transport der Tiere, so sehe ich auch tatsächlich neben fast allen Zelten einen LKW geparkt. Und immer wieder in der Landschaft sind Rampen, mit Lehm aufgeschüttet und an einer hohen Mauer endend, über diese Rampen werden die LKW dann mit den Tieren beladen. Einige der Zelte haben nun auch feste Hütten nebenan, um Vorräte sicher unterzubringen, sie haben jeweils für die Jahreszeit feste Standplätze.

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Das Interessante an dem heutigen Tag ist, dass ich nicht weiß, wo ich landen werde, wo ich eine Unterkunft finde. Das ist dann eine der wenigen Gelegenheiten, wo ich mir einen Camper wünschte, einfach irgendwo stehen bleiben, wo es schön ist, den Tag ausklingen lassen und in die Landschaft schauen. Es ist kein Wunder, dass gerade der Osten so gerne von Wohnmobilfahrern angefahren wird. Touristische Infrastruktur gibt es hier nicht. In dieser weiten Ebene gäbe es für mich nur die Farm von Thomas, aber heute ist Thomas noch in Errachidia und alleine habe ich keine Lust, dort zu übernachten. Ich lasse also erstmal alles auf mich zu kommen.

Man könnte hier sehr schnell fahren. Es ist wenig Verkehr und es gibt natürlich auch keine Tankstellen, keine Orte. Nur selten ein Privatauto, aber hin und wieder ein LKW, der zwar manchmal auch Schafe geladen hat, oft aber auch nur Lebensmittel zur Versorgung. Doch ich muss immer wieder anhalten. Manch einer könnte sagen, hier gibt es doch nichts zu sehen, es ist doch eine endlose, karge, völlig öde Ebene. Aber das finde ich nicht. In der Ferne wird sie von bizarren Bergen eingerahmt und von nahem kann man die unterschiedlichsten Pflanzen erkennen. Büschel von Halfagras zum Beispiel, nur hin und wieder mal ein blühendes Kraut. Es hat sehr wenig geregnet in diesem Winter, aber zarte grüne Spitzen sind doch zu erkennen und so kreuzen unzählige Schafherden meinen Weg. Die Hirten sind Profis, meistens Männer und passen sehr wohl auf, dass Fahrzeuge nicht behindert beziehungsweise ihre Tiere nicht getötet werden. Sie sind freundlich, grüßen, mehr nicht. Kein Betteln, keine Ansprache. Auch schöne Vögel fliegen durch die Luft, aber es gelingt mir nicht, sie mit der Kamera einzufangen.

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Auch sehr interessant ist, dass ich die Strecke nicht kenne. Ich wusste noch nicht mal sicher, ob sie komplett asphaltiert ist, das geht aus der Karte nicht hervor, da ja die Karten über Marokko nie den genauen Straßenzustand zeigen. Ein Entdeckergefühl entwickelt sich, eine Neugier, eine Herausforderung. Früher hatte ich das viel öfter erleben können, aber heute sind fast alle Strecken in Marokko bekannt und dokumentiert. Nur der Osten – Marokko Oriental – bietet noch viele Geheimnisse. Und natürlich treffe ich keinen einzigen Ausländer.

Ein Übernachtungsangebot habe ich, die Olivenfarm von Thomas. Die Route geht genau daran vorbei. Aber Thomas ist nicht immer auf seiner Farm, sondern hat auch eine Wohnung in Er Rachidia, was seiner Frau besser gefällt, aber auch für die Schulbildung der Kinder günstiger ist. Und Thomas verpasse ich genau um einen Tag, er kommt erst morgen. Aber zwei Nächte möchte ich nicht bleiben. Später treffe ich bei Gourrama zwei deutsche Wohnmobile auf dem Weg zur Farm, ja, hätte ich das gewusst. So fahre ich also über Gourrama in die Ziz-Schlucht und schlafe in der Kasbah Jurassique. Schon lange kenne ich das dortige Hotel mit Campingplatz, aber noch nie habe ich da geschlafen. Und das ist einfach immer besser, man lernt es so einfach besser kennen. Und was ich lerne ist, dass es hier einfach köstlich schmeckt. Bodenständig und reichlich, sehr zu empfehlen. Ich hatte nur eine einfache Harira, aber das war die beste, die ich je in Marokko bekam.

So ein Pech aber auch

Man hat ja überall seine Freunde, und in Merzouga ist das für mich Ali Mouni. Wir haben eine lange Tradition, am Abend zum Flamingosee zu fahren und dort den Sonnenuntergang mit ein paar Bier zu genießen. Genau zu diesem Zweck habe ich in Spanien schon ein paar Dosen eingekauft. Vorher kommt Ali aber im Hotel vorbei, wir sitzen gemütlich zusammen, trinken mein Bier, es ist schön kühl, denn meine Suite hat einen Kühlschrank, und schmeckt recht gut. Da schaue ich ganz zufällig aufs Etikett. Und was steht da? Alkoholfrei. Ich muss total lachen und zeige es Ali, und im selben Moment schmeckt ihm das Bier nicht mehr. Mir schon.

Das war also die Generalprobe, der Ernstfall kommt am nächsten Abend. Da ziehe ich um vom Hotel Tombouctou ins Nomad Palace, Alis Hotel. Ich kannte Ali schon, als er mit seinem alten Land Rover in Erfoud vor den Hotels stand und auf Touristen wartete, die zum Sonnenuntergang an den Erg Chebbi fahren wollten. Dann hat er ganz am Ende von Merzouga, fast schon in Khamlia, seine eigene kleine Auberge gebaut. Einfach, aber mit viel Charme. Man saß nach dem Essen auf Kissen am Boden und die Jungs haben die Trommel geschlagen. Heute ist das ein wenig anders, Alis Palace hat inzwischen 35 Zimmer und die können sich sehen lassen, dazu gehören Gärten und Terrassen und ein Pool. Mein Zimmer hat ein King Size Bett auf einem Podest und eine gemütliche Sitzecke, dazu einen offenen Waschbereich und extra ein WC und eine Dusche. Und eine Klimaanlage gibt es auch, aber noch ist es nicht zu heiß. Und auch einen Kühlschrank. Wir fahren aber zunächst zum Hotel Merzouga, das ist die einzige Stelle hier am Erg Chebbi, wo man alkoholische Getränke bekommt. Ali traut mir nicht mehr. Und dann geht es zum Flamingosee. Der ist heute minus Flamingos und minus See, es hat ein Jahr nicht mehr geregnet, aber trotzdem schön. Unser Spot ist auf einem Berghügel, und von da aus können wir alles übersehen. Das Auto dient als Windschirm. Hinter uns wird später die Sonne untergehen. Direkt vor uns breitet sich eine Ebene aus, die von den goldenen Sanddünen eingerahmt wird. Hier glitzert in wasserreichen Jahren der berühmte Flamingosee und dann kommen innerhalb eines Tages Flamingos und viele andere Vögel von weither.

Wie schon gesagt, Ali und ich haben eine lange Tradition hier am See. Das sah früher so aus, dass wir entspannt in die Landschaft sahen, unser Bier tranken und ab und zu mal ein Wort sprachen. Wenn gerade mal Wasser im See war gab es natürlich auch Störenfriede, andere Geländewagenfahrer und vor allem Fossilienverkäufer, aber heute ist es absolut ruhig, wir haben den ganzen Nicht-See für uns. Allerdings habe ich Ali nicht für mich. Er telefoniert unablässig mit seinen zwei Handys. Wie ging das nur früher ohne? Aber ich gebs ja zu, hier geht’s ums Geschäft, und er ist der Boss. Mir macht das aber nichts, ich genieße es trotzdem. Hier zu sitzen gibt mir einfach Ruhe. Es ist so schön, für mich der schönste Punkt von ganz Merzouga. Vorbei ist der Stress der letzten Tage. Und als dann die Sonne untergeht und die Dünen rotgolden einfärbt, dann weiß ich einfach, warum ich her komme.

Im Hotel dann ist gerade eine Gruppe marokkanischer Studenten angekommen, etwa 50 junge Leute beiderlei Geschlechts. Für mich sehr interessant ist, zu beobachten, wie sie miteinander umgehen. Wenn ich es nicht wüsste, ich würde sie nicht für Studenten aus einem islamischen Land halten. Sie sind modern angezogen, ein Junge auch in knappen Shorts, während die Mädchen zwar modisch, aber nicht so halbnackt gekleidet sind wie junge Touristinnen aus einem anderen Land im gleichen Restaurant. Sie geben sich jung und unbeschwert, immer wieder sitzen kleine, gemischte Grüppchen zusammen, diskutieren, machen Musik und es gibt auch einige Liebespaare. Eine andere Gruppe geht nach dem Essen auf die Terrasse, um den Sternenhimmel anzuschauen. Sie benehmen sich fast wie deutsche Studenten, nur etwas wohlerzogener. Vielleicht auch, weil es ja hier keinen Alkohol gibt?

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Und hier vom Vorjahr Flamingosee plus Flamingos plus See

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