Auf der Haschischroute

Ein letztes Abenteuer stand noch auf dem Programm, bevor es rüber nach Europa geht. Ich möchte von Fes nach Chefchaouen, aber diesmal direkt durch das Rifgebirge, über Ketama, dem Zentrum des Hanfanbaus. Ende der 1980er, als ich ganz neu in Marokko war, bin ich diese Route einmal gefahren und es war der reinste Horror. Zwischen Ketama und Taounate wurde ich von Händlern mit Pickup verfolgt, sie wollten mich zum Anhalten zwingen und mir ihre Ware andrehen, es war eine Höllenfahrt, die erst vor der Polizeikontrolle vor Taounate endete. Seitdem bin ich die Strecke nie mehr gefahren, nur einmal von Chefchaouen über Ketama nach Alhoceima vor 10 Jahren, da ging es wesentlich ruhiger zu. Lust hatte ich also nicht auf die Route, aber ab und zu muss ich ja mal testen, mal ausprobieren, was ich meinen Lesern so empfehlen kann.

Von Fes aus nach Taounate gab es keinerlei Probleme. Dies ist ein landwirtschaftliches Anbaugebiet, jetzt, Mitte Mai, werden die Getreidefelder gerade abgeerntet und es war viel Verkehr auf der Straße. Taounate ist die Geburtsstadt der berühmten marokkanischen Schriftstellerin und Soziologin Fatima Mernissi.

40 km vor Ketama dann der erste Zwischenfall. Direkt vor mir fährt ein älterer Mercedes vom Straßenrand auf meine Spur, ich überhole, er blendet auf und macht Zeichen. Aber er verfolgt mich nur ganz kurz, dann gibt er auf. Richtig auffallend ist an dieser Strecke, wie viele PKW am Straßenrand parken, meist mit Fahrer im Wagen und meist handelt es sich um ältere Mercedes. Keramik wird an Straßenständen verkauft, Haschisch ganz offensichtlich aus dem Wagen. Man hebt die Hand, blendet auf, aber das ist es auch schon. Es gibt keinerlei aggressive Belästigung mehr, wie ich es in den 1980ern erlebt habe. Aber damals gab es ja auch keinerlei Verkehr. Wer auf der Straße war, war entweder Käufer oder Händler, sonstigen Verkehr gab es nicht. Das ist heute anders, viele Fahrzeuge sind unterwegs und solche Verfolgungsfahrten wie damals wären heute nicht mehr möglich.

Hier reichen die Hanffelder wirklich bis an die Straße heran, es wird nicht nur in abgelegenen Tälern angebaut, sondern ganz offen und von den Behörden geduldet. Keine großen, zusammenhängenden Felder, sondern jedes kleinste fruchtbare Eckchen wird ausgenutzt. Ich komme dann durch Tleta Ketama, das hier ist wirklich das Zentrum der Hanfanbaus, in den Cafés sitzen die Männer und heben nur leicht die Hand, jeder sieht mich als Käufer an. Richtig feige bin ich, halte nicht an. Der Horror von damals sitzt mir noch in den Knochen, aber eigentlich ist alles ganz friedlich. Die Bauern wollen nur ihre Waren verkaufen, halt keine Kartoffeln oder Arganöl, sondern Haschisch, das in den meisten Ländern gesetzlich verboten ist.

Hinter Ketama geht es dann auf die Straße nach Chefchaouen. Ich fühle mich hier wie im Schwarzwald, hohe Zedern, sprudelnde Quellen, die von den Autofahrern zum Waschen benutzt werden. Nachdem ich nun die Haschischroute gefahrlos hinter mich gebracht habe, fällt auch die Spannung von mir ab und ich habe absolut keine Lust mehr zum Fahren. Jeder Kilometer fällt mir schwer, ich will nur noch ankommen. Die zwei Monate haben mich geschlaucht, ich mag nicht mehr. Und noch viel deutlicher spüre ich das, als ich in Chefchaouen ankomme. Diese Stadt, die täglich hunderte von Touristen anzieht, die alle total begeistert sind, stößt mich nur ab. Ich finde sie schrecklich, unecht, verlogen; sehne mich nach der Ruhe und dem Frieden des Südens. Ich kenne natürlich auch dieses kleine Städtchen seit 30 Jahren, komme aber nicht so oft her, ich mag halt den Frieden und die Weite der Wüste, das beruhigt mich. Diese Stadt stresst mich nur. Ich hatte das Dar Mounir gebucht, fast alle Hotels waren bereits ausgebucht, vor allem die außerhalb mit Parkplatz. Das Mounir hatte in seiner Beschreibung ebenfalls einen Parkplatz hervorgehoben, aber das stellte sich als nicht ganz zutreffend heraus. Das Hotel, eigentlich sehr hübsch, liegt wirklich mitten in der Medina, nahe dem großen Platz vor der Kasbah, und dorthin führt weder eine Autostraße noch gibt es einen Parkplatz. Ich war total genervt, auch weil ich es nicht fand. Ein Anruf ergab, ich soll auf dem kleinen Parkplatz vor dem Hotel Parador parken. Okay, ich fand ihn. Aber keinen Platz. Ein Soldat schickte mich weg. Ich rastete aus. Der Parkwächter hatte Mitleid und bat mich zu warten. Und tatsächlich fuhr bald jemand weg und ich konnte parken. Nur wo ist das blöde Riad? Ich fragte, wurde erstmal in die falsche Richtung geschickt und erst, als ich in einem anderen Hotel nachfragte, wies der nette Mann an der Rezeption mir den richtigen Weg. Gut dass ich es erstmal ohne Gepäck versucht hatte. Im Dar Mounir gab man mir dann zwar jemand mit, um das Gepäck zu tragen, aber ich dachte an den Rückweg am Morgen 200 m über ziemlich grobes Pflaster und packte nur ein paar Übernachtungssachen in einen Beutel. Uffz!

Am liebsten würde ich nur im Zimmer bleiben, ausruhen, lesen, alles aufschreiben. Aber das geht natürlich nicht. Wenn ich schon mal hier bin muss ich mir auch was ansehen, muss neue Fotos machen. Dieses Städtchen war ja immer bekannt für seine schöne maurische Bauweise, die man auch in Andalusien finden könnte, durch die weiß gestrichenen Häuser, die einen matten Blaustich hatten. Doch da dies bei den Touristen gut ankam versucht man jetzt, es zu übertreiben. Kilos des natürlichen Farbstoffes Indigo werden hier in die Farbe gegossen und alles blau angepinselt, in den grellsten Tönen. So war das original nicht, aber die Besucher lieben es. Und natürlich schlendern Hunderte durch die engen Gassen, reiht sich ein Souvenirladen an den anderen, ein Restaurant ans andere, und alle bieten den gleichen Einheitsbrei. Was sehne ich mich nach einem gut gewürzten europäischen Essen. Ich mag mich in keine dieser Touristenfallen setzen, muss aber zugeben, dass sie durchaus günstige Preise haben, aber lecker sieht es nicht aus, und ein deutsches Paar, das ich schon vom Campingplatz kenne, bestätigt mir das. Dann sehe ich Einheimische beim Tee sitzen und dazu Schfinsch essen, die leckeren Schmalzkringel. Ich frage, wo es die zu kaufen gibt, war natürlich unvermeidlich, dass mir einer geschenkt wird und ich kann ihn auch nicht ablehnen, aber dann frage ich mich doch durch, und finde den Laden auch, wo eine lange Schlange von Kunden bereits auf die leckeren Kringel für wenig Geld wartet, die nur am frühen Morgen und am Abend gebacken werden. Zurück im Hotel, wo die letzte Flasche Wein auf mich wartet, verspeise ich diese und bin zufrieden.

Und auch der nächste Morgen fängt nicht besser an. Um 8 Uhr will ich runter zum Frühstück. Ich wusste bereits, dass dies nicht hier im Haus auf der schönen Dachterrasse serviert wird, sondern im Restaurant der Familie 100 m weiter. Doch nein, an der Rezeption ein neuer Mann, arbeitet erst 2 Tage im Haus und deshalb immun gegen alle Beschwerden, sagt nonchalant, Frühstück erst ab 8:30 Uhr. So spät habe ich das bisher noch nie angetroffen. Ich bekomme die öffentliche Frühstückskarte gezeigt, das Frühstück ist zwar inklusive, wird aber auch für 25 Dirham angeboten. Ich bekomme ein Spiegelei, 5 Oliven, etwas Ziegenfrischkäse, ein Brot, so winzig, wie ich es noch nicht gesehen habe, einen Kaffee und einen kleinen O-Saft. Das ist echt das spärlichste Frühstück auf meiner ganzen Reise, hätte ich doch immer hier gelebt, ich hätte nicht die 2 kg zu viel mit mir herumzutragen.

Wie kann man nur so ein schönes Hotel an so einer guten Stelle bauen und dann mit miesem Service alles kaputt machen? Ich gebe mir die Antwort selbst: Weil die Gäste trotzdem kommen, Chefchaouen völlig überlaufen ist.