Besuch in Bamberg

Im Zuge meiner Familienchronik habe ich schon viele Orte meiner Kindheit besucht, Spurensuche betrieben in Boppard, Bad Kreuznach und Adenau. Aber Bamberg? Da habe ich nie gelebt Und doch ist auch dies ein Ort zur Spurensuche. Die Spuren meines Vaters.

Viel zu lange habe ich gewartet mit dieser Suche. Nun sind alle verstorben, die ich hätte fragen können. Aber nein, einen Menschen gibt es. In Bamberg. Rudolf F. Staritz. Er hat zwar meinen Vater nie gekannt, aber er war im gleichen Bereich tätig im 2. Weltkrieg, bei der Abwehr.

So viele Menschen fragen mich, Abwehr? Was genau ist das. Und warum Spanien? Das Land war doch nicht am 2. Weltkrieg beteiligt. Nein, war es nicht. Aber Franco sympathisierte durchaus mit den Deutschen und gab den Spionen freie Hand dort. Und eben der Abwehr. Der Tätigkeit, die mein Vater als Funker ausgeübt hat. Und eben Herr Staritz, wenn auch nicht in Spanien.

Endlich war es so weit, endlich konnte ich nach Bamberg fahren. Herr Staritz war ja in der letzten Woche in Berlin, persönlich eingeladen von der Familie Canaris zu einem Gedenkgottesdienst. Nicht nur hat er sich sehr mit der Geschichte der Abwehr beschäftigt, dessen legendärer Leiter Canaris war, er ist tatsächlich der letzte Überlebende dieses Bereiches. Gleich nach seiner Rückkehr hat er mich angerufen, um den Besuch zu besprechen, auf den ich so gespannt bin. Schon am Telefon hat Herr Staritz ja durch einen sehr klaren Verstand geglänzt, er kann sich an alles erinnern und erzählt nichts doppelt. Wie gerne würde ich auch ein hohes Alter in dieser Klarheit erreichen. Als er mir dann an seiner Haustür gegenüberstand war schon ersichtlich, dass er nicht mehr ganz so beweglich ist wie ein junger Mann, aber das bin ich auch nicht mehr und doch noch so viel jünger. Auch ich habe ja noch so viel zu erledigen und möchte gerne lange so fit bleiben.

Mein oberstes Anliegen war ja tatsächlich, die Lücken in den Tagebüchern zu schließen, die meine Sütterlin-Experten nicht lesen konnten. Und wir haben uns tatsächlich mit aller Energie daran gemacht. Obwohl Herr Staritz noch von der Reise erschöpft war, hat er nicht aufgegeben, bis wir mit den drei Büchern durch waren. Alles konnte auch er nicht entziffern, aber es bleibt wirklich nur noch ein sehr kleiner Rest. Danach haben wir uns zusammen einen Film angeschaut, 2 Stunden lang, in dem Herr Staritz sein Leben bei der Abwehr geschildert hat. Ein witziges Detail war, dass er seinen jüngeren Bruder Karl, auch Amateurfunker, der noch nicht eingezogen worden war, auch zur Abwehr brachte und ihn nach einer kurzen Ausbildung selbst zu seiner ersten Einsatzstelle in Hamburg gebracht hat. Das war wohl 1941. Der Bruder ging von Hamburg aus zur Abwehr in Norwegen. Es folgten Kriegsjahre, an deren Ende die Brüder keinerlei Informationen über den anderen oder die Eltern mehr hatten, die Möglichkeit, dass sie gefallen waren, bestand. Im Mai 1945, als die letzten Anstrengungen unternommen wurden im zerfallenden Heer, war Herr Staritz in Lübeck. Alleine musste er die Funkstelle bedienen, was schlicht nicht möglich war. Er bat um Unterstützung und wurde schließlich nach Hamburg geschickt, um dort nach einem Helfer zu suchen. Als er sich beim Wachtposten der Dienststelle meldete, sagte der Soldat, Staritz? Da haben wir auch einen hier. Nun ist das ein seltener Name und Herr Staritz dachte sofort an seinen Bruder. Und tatsächlich, er war es. Weinend fielen sie sich in die Arme. Und er konnte ihn mitnehmen nach Lübeck, obwohl kurz danach ja alles aus war. Also hatte er seinen Bruder in den Krieg geführt und auch wieder abgeholt.

Es war ein sehr interessanter Nachmittag, aber ich bekam Hunger und Herr Staritz war müde, also ging ich in die wunderschöne Altstadt von Bamberg. Hier war ich noch nie und ich war überrascht, was für eine schöne Stadt das ist. Klein-Venedig nennt man es ja auch, wegen der schönen alten Wohnhäuser direkt am Fluss, wo die Bewohner von ihrem Gärtchen direkt im Fluss schwimmen können oder ins Kanu steigen. Dazu hatte ich auch noch ein herrliches Wetter.

Und zum Abschluss wollte ich natürlich das fränkische Schäufele probieren. Bei den vielen schönen Lokalen in der Altstadt war es schwer sich zu entscheiden. Schließlich landete ich im Hotel Ringlein, weil es dort einen hübschen kleinen Garten gab. Natürlich bestellte ich mir das Nationalgericht Fränkische Schäufla mit Knödel und Wirsing. Wirsing hat meine Mutter auch immer gekocht, ich habe es gerne gegessen, aber zumindest in unserer Region ist dieses Gemüse vollkommen aus der Mode gekommen. Es hat alles super geschmeckt, sehr würzig, aber die Portion so groß, dass selbst ich gute Esserin es nicht gepackt habe.

Am Nebentisch saßen drei Damen, so etwa in meinem Alter. Wir warfen uns mal Blicke zu und ich konnte auch Fetzen aus ihrem Gespräch aufschnappen. Als aber das Wort Wehrmacht fiel, also ja genau mein Thema zur Zeit, da konnte ich nicht anders, bin hin und fragte, ob ich mich dazu setzen könne. Ich durfte und es folgte ein wirklich schöner Ausklang dieses interessanten Tages. Es waren drei Schulfreundinnen aus Hamburg auf einem Mädelsausflug, und tatsächlich genau mein Jahrgang. Wir hatten sehr viele gemeinsame Themen, nicht nur die Familien-Recherche, mit der auch sie sich befassten, sondern auch in der Flüchtlingspolitik hatten wir ähnliche Ansichten. Wieder einmal dachte ich mir, warum nur treffe ich interessante Menschen nur auf Reisen, nie zu Hause.