Boppard – wo ist nur mein Kindergarten

Aber zwei alte Fotos waren immer noch nicht gefunden, die von meinem Kindergarten. Hier sieht man uns ordentlich in Reih und Glied spielen, natürlich auch hier wieder ohne Spielgeräte, und auf dem zweiten Bild nach einer Theateraufführung mit der Mauer des Kindergartengebäudes im Hintergrund. Beides gelang mir nicht zu finden.

Schließlich machte ich mich auf den Weg zur Stadtbücherei, um Hilfe zu suchen. Dort fand ich eine noch recht junge Bopparderin, die sich natürlich nicht erinnern konnte, aber dafür auf viele historische Bücher Zugriff hatte. Und eine lange Recherche ergab, dass sich der Kindergarten im ehemaligen Waisenhaus befunden haben musste. Ein Teil dieses historischen Gebäudes steht noch, es ist dort sowie in vielen neuen Anbauten, nun das Seniorenstift zum Heiligen Geist untergebracht. Aber die Mauer auf meinem Bild steht nicht mehr, ist einem Neubau gewichen. Die Mauer war leichter zu identifizieren und ich musste mal über mich schmunzeln. Bei diesem Besuch war ich xmal über den Platz gelaufen, aber habe ihn nicht wiedererkannt. Das liegt erstens daran, dass er heute mit Autos zugeparkt ist, und zweitens, dass dort ein Kiosk ist, vor dem immer einige Trinker stehen und ich schon deshalb kein Foto machen wollte. Aber es war ganz klar unser Platz. Was tun? Schließlich sprach ich die Trinker an, speziell die Frau unter ihnen. Erklärte worum es mir ging. Sie waren sofort sehr nett und hilfsbereit, boten sich an, mich zu fotografieren und hatten auch nichts dagegen auf mein Foto zu kommen oder den Platz zu räumen. Manchmal steckt man einfach voller unbegründeter Vorurteile.

Puh! Meine Erinnerungsarbeit war getan. Alle Fotos und Gedächtnisfetzen wieder gefunden. Das hat einen gebührenden Abschluss verdient und was wäre da schöner, als der Besuch eines Gutsausschanks? Als alte Rheingauerin möchte ich nicht so ein großes Weinrestaurant, wo die Touristen hingehen, sondern etwas kleines urtypisches, wo ich vielleicht sogar alte Bopparder treffe. Das Weingut Rolf Bach macht sein Wohnzimmer bereits um 16 Uhr auf und ich war schon bald da. Es gibt zwei winzige Räume, die jeweils über drei Tische verfügen. Einer war besetzt, also setzte ich mich an einen freien, aber schon bald gingen Gespräche hin und her. Dann aber kamen drei Personen in meinem Alter und setzten sich zu mir, obwohl noch ein Tisch ganz frei war. So liebe ich es. Natürlich fragte ich sehr bald, ob es alte Bopparder sind. Nein, sind sie nicht. Die eine Frau war in Wiesbaden geboren. Man glaubt es ja kaum, mein Wiesbaden. Aber sie wohnen schon 30 Jahre in Boppard und wo? Natürlich in der Sabelstraße. Wenn auch nicht in meinem kleinen Reich, sondern da, wo die Sabelstraße an der Burg wieder hinunter geht, also keine 100 m von unserem Haus entfernt, dennoch bin ich kaum in diese Richtung gekommen. Es war so ein wunderschönes Gespräch, das sich entwickelte, und als sie dann erzählten, dass in dieser Gastwirtschaft die Oma kocht und es immer ein anderes traditionelles Gericht gibt wie Düppekuche und gefüllte Klöße, da war ich in meinem Element. Genau das hatte meine Mutter immer gekocht und noch viele andere leckere Speisen meist ohne Fleisch, das wir gar nicht vermisst haben. Ich habe mein altes Boppard wiedergefunden und am liebsten würde ich auf der Stelle wieder zurück ziehen. Diese kleine Stadt mit nur 9000 Einwohnern bietet einfach alles, was ich mir von einer Wohnstadt erträume. Der Abschied war lebhaft, wir gingen zusammen zu dem Auto, das sie auf meinem Kindergarten-Spielplatz geparkt hatten, um die 500 m in die Sabelstraße zurück zu fahren. Ich bin so traurig, dass wir uns nicht öfter treffen können, ach wäre ich doch schon in Boppard.

Später Telefonat mit meiner Kusine, die auch schon lange nicht mehr in der Stadt wohnt. Sie meinte, sie träumte auch schon davon, im Alter mal in das Seniorenstift an meinem alten Kindergarten umzuziehen. Ich mach mit, sofort. Aber erst im Alter, das ja noch unendlich weit weg ist. Vorher müssen wir erst noch sehr viel reisen.

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