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Ein kleines Foto – und so viel steckt dahinter

Hier zunächst einmal das Foto. Es zeigt ganz offensichtlich eine Schlange von Menschen, die sich vor einem Schuhgeschäft gebildet hat. Es sind nur Frauen, sie sind sommerlich gekleidet, das Foto wurde ja auch im Juli aufgenommen, und sie haben höchstens eine Handtasche bei sich. Ganz normal also, vielleicht damals in der DDR, wo man anstehen musste, wenn es etwas Schönes gab.

Aber das Foto befindet sich im Fotoalbum meines Vaters, das er über seine Kriegszeit angelegt hat. Dort im Buch gibt es eine Unterschrift, die besagt, dass dieses Foto in Lemberg (heute Lwiw, in der westlichen Ukraine) aufgenommen wurde. Immer noch alles ganz normal. Doch eines Tages kam ich auf die Idee, das Foto aus dem Album zu nehmen und auf die Rückseite zu schauen. Siehe dieses Foto.

Dort steht 24.7.42 9:30 Uhr Judenkolonne in Przemysl.

Das polnische Przemysl liegt 115 km von Lemberg entfernt, wo mein Vater auf der Fahrt nach Lemberg durchgekommen war.

Mein Vater hat immer alles sehr korrekt aufgeschrieben, dies ist das einzige Foto, wo Vorder- und Rückseite nicht überein stimmen. Also fing ich an zu recherchieren. Und fand – natürlich wieder mit Hilfe des tollen Forums der Wehrmacht – heraus, dass es hier um eine sehr brenzlige Situation ging.

Wikipedia sagt (Kurzfassung):

Vor Beginn des Zweiten Weltkriegs lebten in Przemyśl etwa 24.000 Juden, die vollständig in den polnischen Alltag integriert waren. …

Nach Bruch des Ribbentrop-Molotow-Paktes besetzten deutsche Truppen am 28. Juni 1941 erneut Przemyśl. Zu diesem Zeitpunkt lebten dort etwa 16.500 Juden. Umgehend begann man damit, unter der jüdischen Bevölkerung Zwangsarbeiter zu rekrutieren. Eine Registrierung der jüdischen Bevölkerung wurde vorgeschrieben. Die Gestapo ordnete an, dass die jüdische Bevölkerung nun auch in ganz Przemyśl den Judenstern tragen müsse, um sie dadurch öffentlich zu brandmarken. Jüdisches Eigentum musste zum Teil abgegeben werden, jüdische Studenten wurden gezwungen, die Straßenreinigung sowie die Müllabfuhr zu übernehmen. In den Straßen wurden Plakate aufgehängt, die die Juden als „Ungeziefer“ oder „Läuse“ beschimpften. …

Am 14. Juli 1942 (also 10 Tage vor dem Foto) wurde bekannt gegeben, dass in Przemyśl ein jüdisches Ghetto im Stadtteil Garbarze eingerichtet werden soll (nahe diesem Schuhgeschäft). Das Ghetto wurde inzwischen von 20.000 bis 24.000 Juden bewohnt. Am 26. Juli wurden erneut Zwangsarbeiter rekrutiert, am Folgetag 6.500 Juden ins Vernichtungslager Belzec deportiert. Am 31. Juli sowie am 3. August 1942 verließen Transporte mit jeweils 3.000 Juden die Stadt in Richtung Belzec. Die Transportkosten wurden den Juden in Rechnung gestellt. Zusätzlich zwang man die noch verbliebenen Juden, den größten Teil ihres Geldes der Gestapo zu übergeben. Das Ghetto wurde verkleinert, wobei die Juden für die Kosten des Stacheldrahtes, der das Lager umgab, aufkommen mussten. Ende August 1942 wurden von der Gestapo in Przemyśl 100 Juden ermordet. …

Man kann also davon ausgehen, dass die jungen Frauen auf dem Foto für Zwangsarbeiten rekrutiert wurden. Als Erklärung für die unterschiedliche Bezeichnung vorne und hinten denke ich mir, dass der Text auf der Rückseite zeitnah und korrekt geschrieben wurde. Das Fotoalbum wurde aber vielleicht erst nach dem Krieg geklebt, also in der Zeit, wo man nachweisen musste, dass man kein Nazi war. Und deshalb kam wohl die harmlose Unterschrift „In Lemberg“ zustande, also noch nicht einmal die richtige Stadt.

Was mich am meisten erschüttert, ist, dass die Juden auch noch selbst für die Kosten der Zwangs-/Vernichtungsmaßnahmen aufkommen mussten. Was mich aber noch mehr erschüttert, ist, dass Teile in Deutschland schon wieder auf dem gleichen Weg sind.

Das Kriegstagebuch kann hier bestellt werden:

http://kriegstagebuch.edith-kohlbach.de/

Das Kriegstagebuch ist erschienen

Für alle, die meine früheren Beiträge zum Kriegstagebuch meines Vaters gelesen haben und an dem Buch interessiert sind, es kam heute druckfrisch zu mir. Darin ist ein zwar privates Tagebuch enthalten, das aber viel über die Arbeit der Abwehr im 2. Weltkrieg aussagt. Enthalten sind die Namen vieler Kameraden und auch Fotos.

Zu bestellen über diese Seite:

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Zweiter Tag in Bamberg

Heute früh um 10 Uhr war ich wieder bei Herrn Staritz. Gestern hatten wir es ja nicht geschafft, auch die Funkausrüstung anzuschauen. Also ging es in den Keller. Also dieses Haus könnte man gut und gerne, so wie es ist, als Museum eröffnen. Hier befindet sich eine riesige Sammlung von Funkgeräten, nicht nur deutsche, auch amerikanische, englische, russische und was weiß ich nicht. Herr Staritz hat ja nach dem Krieg studiert, ist Dipl.-Ing. und kennt sich auf diesem Gebiet wirklich gut aus. Und sammelt alles wessen er habhaft werden kann. Dabei ist schon ein großer Teil seiner Sammlung im Spionage-Museum in Berlin. Hier konnte ich auch die Geräte sehen, mit denen mein Vater vermutlich gearbeitet hat.

Zu Mittag gingen wir dann „auf den Keller“, wie man hier sagt. Im Rheingau enthält ein Keller Wein, hier Bier, und die Bierlokale heißen eben Keller. Und da geht man nicht in den Keller, sondern auf den Keller. Schäufla hatte ich ja schon probiert, also entschied ich mich diesmal für Krautbraten. Es sind eigentlich die gleichen Bestandteile wie Kohlrouladen, nur dass hier das Kraut gehäckselt in dem Hackfleischteig untergezogen wird und in einer Kasserolle im Ofen gebraten wird. Sehr lecker und deftig.

An unserem Tisch nahm eine Familie Platz und schnell wurden sie ins Gespräch einbezogen. Sie waren ganz gerührt, mit welch wichtigem Mann sie hier zusammen saßen, ließen sich den Namen geben, damit sie im Internet darüber nachlesen können. Auch dies also wieder ein gelungener Tag und mein Abschied von Herr Staritz, ich selbst bleibe aber noch eine Nacht in Bamberg und will mir morgen hier noch die berühmte Fronleichnam-Prozession anschauen.

Nachsatz: Das Kriegstabeguch ist nun fertig gedruckt. Auf dieser Webseite sind nähere Infos, dort kann es auch bestellt werden:

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Besuch in Bamberg

Im Zuge meiner Familienchronik habe ich schon viele Orte meiner Kindheit besucht, Spurensuche betrieben in Boppard, Bad Kreuznach und Adenau. Aber Bamberg? Da habe ich nie gelebt Und doch ist auch dies ein Ort zur Spurensuche. Die Spuren meines Vaters.

Viel zu lange habe ich gewartet mit dieser Suche. Nun sind alle verstorben, die ich hätte fragen können. Aber nein, einen Menschen gibt es. In Bamberg. Rudolf F. Staritz. Er hat zwar meinen Vater nie gekannt, aber er war im gleichen Bereich tätig im 2. Weltkrieg, bei der Abwehr.

So viele Menschen fragen mich, Abwehr? Was genau ist das. Und warum Spanien? Das Land war doch nicht am 2. Weltkrieg beteiligt. Nein, war es nicht. Aber Franco sympathisierte durchaus mit den Deutschen und gab den Spionen freie Hand dort. Und eben der Abwehr. Der Tätigkeit, die mein Vater als Funker ausgeübt hat. Und eben Herr Staritz, wenn auch nicht in Spanien.

Endlich war es so weit, endlich konnte ich nach Bamberg fahren. Schon am Telefon hat Herr Staritz ja durch einen sehr klaren Verstand geglänzt, er kann sich an alles erinnern und erzählt nichts doppelt. Wie gerne würde ich auch ein hohes Alter in dieser Klarheit erreichen. Als er mir dann an seiner Haustür gegenüberstand war schon ersichtlich, dass er nicht mehr ganz so beweglich ist wie ein junger Mann, aber das bin ich auch nicht mehr und doch noch so viel jünger. Auch ich habe ja noch so viel zu erledigen und möchte gerne lange so fit bleiben.

Mein oberstes Anliegen war ja tatsächlich, die Lücken in den Tagebüchern zu schließen, die meine Sütterlin-Experten nicht lesen konnten. Und wir haben uns tatsächlich mit aller Energie daran gemacht. Obwohl Herr Staritz noch von der Reise erschöpft war, hat er nicht aufgegeben, bis wir mit den drei Büchern durch waren. Alles konnte auch er nicht entziffern, aber es bleibt wirklich nur noch ein sehr kleiner Rest. Danach haben wir uns zusammen einen Film angeschaut, 2 Stunden lang, in dem Herr Staritz sein Leben bei der Abwehr geschildert hat. Ein witziges Detail war, dass er seinen jüngeren Bruder Karl, auch Amateurfunker, der noch nicht eingezogen worden war, auch zur Abwehr brachte und ihn nach einer kurzen Ausbildung selbst zu seiner ersten Einsatzstelle in Hamburg gebracht hat. Das war wohl 1941. Der Bruder ging von Hamburg aus zur Abwehr in Norwegen. Es folgten Kriegsjahre, an deren Ende die Brüder keinerlei Informationen über den anderen oder die Eltern mehr hatten, die Möglichkeit, dass sie gefallen waren, bestand. Im Mai 1945, als die letzten Anstrengungen unternommen wurden im zerfallenden Heer, war Herr Staritz in Lübeck. Alleine musste er die Funkstelle bedienen, was schlicht nicht möglich war. Er bat um Unterstützung und wurde schließlich nach Hamburg geschickt, um dort nach einem Helfer zu suchen. Als er sich beim Wachtposten der Dienststelle meldete, sagte der Soldat, Staritz? Da haben wir auch einen hier. Nun ist das ein seltener Name und Herr Staritz dachte sofort an seinen Bruder. Und tatsächlich, er war es. Weinend fielen sie sich in die Arme. Und er konnte ihn mitnehmen nach Lübeck, obwohl kurz danach ja alles aus war. Also hatte er seinen Bruder in den Krieg geführt und auch wieder abgeholt.

Es war ein sehr interessanter Nachmittag, aber ich bekam Hunger und Herr Staritz war müde, also ging ich in die wunderschöne Altstadt von Bamberg. Hier war ich noch nie und ich war überrascht, was für eine schöne Stadt das ist. Klein-Venedig nennt man es ja auch, wegen der schönen alten Wohnhäuser direkt am Fluss, wo die Bewohner von ihrem Gärtchen direkt im Fluss schwimmen können oder ins Kanu steigen. Dazu hatte ich auch noch ein herrliches Wetter.

Und zum Abschluss wollte ich natürlich das fränkische Schäufele probieren. Bei den vielen schönen Lokalen in der Altstadt war es schwer sich zu entscheiden. Schließlich landete ich im Hotel Ringlein, weil es dort einen hübschen kleinen Garten gab. Natürlich bestellte ich mir das Nationalgericht Fränkische Schäufla mit Knödel und Wirsing. Wirsing hat meine Mutter auch immer gekocht, ich habe es gerne gegessen, aber zumindest in unserer Region ist dieses Gemüse vollkommen aus der Mode gekommen. Es hat alles super geschmeckt, sehr würzig, aber die Portion so groß, dass selbst ich gute Esserin es nicht gepackt habe.

Am Nebentisch saßen drei Damen, so etwa in meinem Alter. Wir warfen uns mal Blicke zu und ich konnte auch Fetzen aus ihrem Gespräch aufschnappen. Als aber das Wort Wehrmacht fiel, also ja genau mein Thema zur Zeit, da konnte ich nicht anders, bin hin und fragte, ob ich mich dazu setzen könne. Ich durfte und es folgte ein wirklich schöner Ausklang dieses interessanten Tages. Es waren drei Schulfreundinnen aus Hamburg auf einem Mädelsausflug, und tatsächlich genau mein Jahrgang. Wir hatten sehr viele gemeinsame Themen, nicht nur die Familien-Recherche, mit der auch sie sich befassten, sondern auch in der Flüchtlingspolitik hatten wir ähnliche Ansichten. Wieder einmal dachte ich mir, warum nur treffe ich interessante Menschen nur auf Reisen, nie zu Hause.

Rudolf F. Staritz

Seit Wochen bin ich nun schon mit dem Thema Familiengeschichte und Kriegstagebücher beschäftigt. Es erfüllt mich vollkommen und ich möchte einfach mehr über die Tätigkeit meines Vaters bei der Abwehr erfahren. Er hatte wenig darüber erzählt und ich habe auch nie gefragt, zunächst war ich zu jung dafür und später gedanklich doch sehr weit von meiner Familie entfernt. Doch nun nach der vollständigen Entzifferung der Tagebücher tauchen Fragen auf, und niemand ist da, um sie zu beantworten. Der Krieg brach 1939 aus, wer ihn noch als Soldat erlebt hat, müsste also spätestens 1920 – 1923 geboren sein und wie viele gibt es davon heute noch? Und sind auch noch in der Lage zu erzählen.
Ich suchte das Internet ab, fragte nach im Forum der Wehrmacht, aber wirklich handfeste Informationen fand ich nicht. Ja, es gab einen Organisationsplan. Aber was haben die Funker wirklich gemacht. Canaris, der berühmte Abwehrchef, ist in aller Munde, aber was hat so ein kleiner Funker gemacht? Mein Vater durfte darüber in seinen Tagebüchern ja nichts berichten. Und im Forum gibt es alle möglichen Informationen, aber über die Abwehr, nichts.
Ich war entmutigt und suchte mit immer neuen Schlüsselwörtern. Und traf irgendwann mit einer Kombination, die ich nicht mehr nachverfolgen kann, auf eine PDF-Datei von Rudolf F. Staritz. Das war es! Eine 100seitige Abhandlung über die Technik und Verfahren der Spionagefunkdienste. Das war genau das, was ich suchte und hier waren endlich die Orte genannt, die ich aus dem Tagebuch kannte. Berlin – Stahnsdorf zum Beispiel als Hauptstelle. Ich war begeistert und konnte anhand dieses Textes entsprechende Fußnoten in das Tagebuch einfügen, so dass die Leser nach mir besser Bescheid wissen, um was es eigentlich geht.
Doch je mehr ich mich darin vertiefte, desto mehr Fragen tauchten auf. Wie schön wäre es, wenn ich jemand fragen könnte. Wenn ich diesen Staritz fragen könnte. Auf der Internetseite gab es keinen Kontakt-Link. Aber ein Nachwort der Publikation war von Herrn Staritz selbst unterschrieben, mit der Angabe „Bamberg im April 2018“. Aha, es klingt blöd, aber man sagt sich unwillkürlich: da hat er noch gelebt. Und ein Blick ins Telefonbuch zeigt eine aktuelle Nummer.
Eine Stimme meldet sich, frisch, jung. Der Sohn? Ich frage: Herr Staritz? Ja sagt er.
Er ist es höchstpersönlich und topfit, 97 Jahre alt. Wir tauschen unsere Informationen aus und schnell stellt sich heraus, mein Vater und er waren zum gleichen Zeitpunkt am gleichen Ort. Er kennt zwar nicht den Namen, aber alles, wovon mein Vater so geschrieben hat. Rudolf Staritz ist nicht nur der letzte lebende Zeitzeuge der Abwehr, er war auch sein Leben lang an diesem Thema interessiert, hat recherchiert, Bücher geschrieben, Sammlungen aufgebaut. In zwei Wochen wird er in Berlin bei der ARD sein, um wieder einmal bei einer Dokumentation von seinen Erlebnissen zu berichten.
Ein Wahnsinns-Gespräch entwickelt sich. Und ganz klar ist er dringend an den Tagebüchern interessiert. Ich frage ihn, ob er einen PC hat. Hat er, sagt er, aber kein Internet. Bei dem, was er über die Spionage weiß, will er kein Internet im Haus haben. Aber sein Sohn hat einen Anschluss und ich schicke die Abschrift der Bücher an den Sohn. Morgen will sich Herr Staritz das durchlesen und er hofft, dass er sogar noch neue Informationen darin findet, die ihm bei der Dokumentation hilfreich sein können.
Noch immer haben wir ja einige Lücken in der Abschrift der Bücher. Keine kompletten Sätze, sondern einzelne Wörter, vor allem auch Namen, die auch meine hilfreichen Spezialisten nicht lesen konnten. Ich bin sicher, er kann es. Denn nicht nur kann er natürlich Sütterlin, er weiß auch die Hintergründe und kennt Namen. Ziemlich schnell schlage ich also vor, dass ich ihn besuche. Er freut sich sehr und meint, allzu lange darf ich damit nicht warten in seinem Alter. Meint, dass er zwar immer noch Auto fährt, aber nicht so lange Strecken. Das ist ja das Mindeste was ich tun kann, dass ich zu ihm fahre. Nun warte ich, bis er die Bücher gelesen hat, dann machen wir etwas aus. Ich bin ja so aufgeregt.

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Link zu Wikipedia

Nachtrag zur Familiengeschichte

Zu diesem Beitrag habe ich Antworten erhalten, aber da ich noch keine Kommentarfunktion ermöglicht hatte füge ich den Text hier ein:

Hallo Edith,

Deine Schilderung/Bewertung entspricht durchaus den beschriebenen Ereignisabläufen der Tagebücher. Text und Wort der Feldpostbriefe und Tagebücher sind nun mal ein Spiegel der verschiedenartigsten Erlebnisse dieser Generation, und jeder erlebte sie auf seine Weise. Wie soll es auch anders sein, sie konnten sich ihre Einheit, ihr weiteres Leben nicht aussuchen. Die Einen hatten Glück und lebten, wie Gott in Frankreich, im wahrsten Sinn des Wortes. Andere lagen an der Ostfront bei – 30° monatelang in Erdbunkern mit erfrorenen Gliedmaßen und hungerten. Viele kamen überhaupt nicht mehr nach Hause. Krieg ist immer ungerecht, die Abläufe gehorchen eigenen Gesetzen, fernab menschlicher Logik. Vielleicht ist es gerade diese Ungerechtigkeit, die deine Freundin empfindet, und die sie so verstimmt. Eventuell genügt ihr ein Hinweis in deinem Text, der relativiert und auf genau diesen Aspekt hinweist.

Guten Morgen, Edith,

ich beschäftige mich ja nun schon einige Jahre mit dem Thema 2. Weltkrieg, mit dem Krieg an sich weniger, mehr mit den Menschen in ihm. Und ja, ich habe schon viele Tagebücher und noch mehr Feldpostbriefe gelesen. Einfach weil ich verstehen will, wie die Menschen damals „tickten“, was sie zu sagen hatten, was sie fühlten, warum sie so handelten wie sie handelten. Ich habe Menschen der unterschiedlichsten Couleur dabei kennengelernt, vom hochrangigen SS-Offizier, der lyrische Gedichte schrieb, von einer Mutter mit Kindern, die einer anderen Frau den Tod wünschte, von Soldaten, die in Stalingrad festsaßen und wußten, daß sie die Heimat nicht mehr wiedersehen werden. Es gibt unzählige Beispiele. Aber die allermeisten haben gemein, daß die im Krieg stehenden Soldaten – aber auch ihre Familien – immer positiv, fast möchte man meinen oberflächlich, ihre Gedanken zu Papier brachten. Was hätten sie auch sonst anderes schreiben sollen? Die junge Frau mit Kindern daheim mit Gruselgeschichten über Bomben, Gefechte oder Tote erschrecken? Nein, das haben die wenigstens getan – und wenn, dann höchstens andeutungsweise.

Ich kann Deinen Vater gut verstehen, daß er fast ausschließlich nur die positiven Dinge aus seinem Soldatenleben notiert hat. Denn ich bin mir ziemlich sicher, daß er auch weniger schöne Erlebnisse hatte und Dinge gesehen hat, über die man besser nicht spricht. Dieses Verdrängen war ganz einfach eine Art der Verarbeitung. Und sich dann an die schönen Dinge zu erinnern, half ihm vermutlich über das weniger Schöne hinweg. …

Über die Gründe Deiner Freundin kann ich natürlich nur mutmaßen. Vielleicht rühren sie aus dem Verlust ihrer Familie her, weil ihr Vater es nicht „so gut“ hatte und an der Front saß und dort sein Leben lassen mußte. Aber dieses Schicksal hätte auch Deinen Vater treffen können. Er hatte ganz einfach nur Glück, nicht mehr und nicht weniger. Jeder kriegstaugliche Mann wurde Soldat, aber wohin er kam, das entschieden andere über ihn.

Edith, das Thema ist wirklich sehr vielschichtig und komplex, mit Worten gar nicht so einfach zu fassen, es füllt ganze Abende. Wichtig ist doch nur, daß wir uns mit unserer Vergangenheit, mit unserer Familie, unseren Wurzeln und dem „woher komme ich?“ auseinandersetzen. Und je früher wir das tun, umso besser.

Hier also nochmal von mir: Ich denke, dass ich sehr realistisch und objektiv berichtet habe, was mein Vater in den Tagebüchern schrieb und wie das auf mich wirkte. Ich war mehr als erstaunt, dass er offenbar so viel Freizeit hatte und auch, dass es wie eine Art Reisebeschreibung gewirkt hat. In den Büchern wird ein ganz anderer Mensch deutlich, als der, den ich gekannt habe. Aber die beiden Beiträge oben von Menschen, die viele Tagebücher kennen, zeigen ja, dass die meisten Soldaten nur das Gute aufschrieben.

Keineswegs möchte ich auf all die herab sehen, die Angehörige in dem Krieg verloren haben. Der Krieg war schrecklich, ich bin erst 1947 geboren, aber meine Mutter erzählte so viel von den Bombennächten, dass sie mir schon fast realistisch erschienen und ich immer Angst hatte, wenn draußen laute Geräusche erklangen. Mein Vater kam äußerlich unversehrt zurück (innerlich nicht), viele andere nicht. Das tut mir leid. Wir können es nicht mehr nicht ändern. Wer es hätte ändern können, das wäre das Volk gewesen, vor dem Krieg, das die Augen hätte aufmachen sollen und gegen die Nazis einschreiten. Aber alle haben an „ihren Führer“ geglaubt, sind ihm ins Verderben gefolgt. Das ist schlimm und sollte uns gerade heute eine Lehre sein.

Zufall oder was

Ich bin heute seltsam in eine frühere Zeit versetzt. Schreibe ja an meiner Familiengeschichte. Es ist merkwürdig, wie die aktuellen Ereignisse heute direkt mit meiner Familiengeschichte in Berührung kommen. Erst schrieb ich über den Nürburgring, erwähnte wie gefährlich er in meinen 1950ern war, und wie sehr sich Niki Lauda nach seinem schweren Unfall dort für einen sicheren Ring eingesetzt hat. Heute Abend in den Nachrichten dann die Meldung, Niki Lauda ist gestorben. Schon seltsam, wo ich kurz zuvor seinen Namen niedergeschrieben habe.

Dann kam ich heute an die Zeit, als ich meinen Mann kennenlernte, als wir unsere Träume hatten. Es war in den wilden 1960ern, als wir frei sein wollten. Ich gehörte voll zur Flower-Power Zeit, kämpfte gegen meine Eltern, wollte über mein eigenes Leben bestimmen. Meine großen Idole waren Sonny & Cher. Ich nähte Jochen und mir Kleidung nach ihrem Vorbild, denn so was konnte man damals nicht kaufen. Und dann machte ich heute Abend den Fernseher an und es läuft ein alter Film mit Cher. Unglaublich. Was jetzt noch fehlt ist eine Dokumentation über die Rolling Stones mit dem Gitarristen Brian Jones. Ich habe für ihn geschwärmt wie alle Mädels damals, er war so süß mit seinen blonden Haaren. Habe meinen Sohn nach ihm genannt. Heute kennt ihn kaum noch jemand, denn kurz danach ertrank er in seinem Pool. Aber ich werde ihn nie vergessen.

Auf Spurensuche in Adenau – 1957 bis 1961

Ausflüge in die Vergangenheit sind einfach grandios. Ich kann nur jedem empfehlen, das zu machen. Im letzten Jahr hatte ich schon meine Geburtsstadt Boppard besucht, dann Bad Kreuznach, wohin ich mit 6 Jahren verzogen war. Und diesmal stand Adenau auf dem Programm. Die Stadt in der Eifel direkt am Nürburgring. Den Ring, den ich in seiner Blütezeit erlebt habe.

Gestern hatte ich mir spontan ein Zimmer im Blauen Eck für heute reserviert. Und im Internet nach Chronisten geschaut. Ich bekam schließlich die Telefonnummer eines Herrn Corden und ihn auch gleich an die Strippe. Ein tolles Gespräch. Liegt es am Alter? Jedenfalls macht es ungeheuren Spaß, über früher zu erzählen. Ich erwähnte den Lehrer, der mir immer mit einem Lineal auf die Finger schlug, wenn ich etwas falsch machte. Das war Herr Brüß, sagte Corden sofort. Der Herr war schon älter, als er aus dem Krieg minus ein paar Extremitäten zurück kam. Er schulte um als Lehrer, die damals sehr knapp waren. Aber diese Profession war ihm offensichtlich nicht auf den Leib geschnitten, er war als sehr streng bekannt. Aber zum Glück kam ich in seinen Bereich in der 4. Klasse und wechselte kurz danach ins Gymnasium. Das Gespräch mit Herrn Corden war toll, also fragte ich ihn, ob er vielleicht morgen auf einen Kaffee Zeit habe. Schade sagte er, eigentlich immer, aber morgen ist ganztägig ein Tennisturnier.

Gleich nach dem Frühstück heute fuhr ich also los. Sonne am Himmel, aber kalt, deshalb blieb das Roadster Dach zu. Zunächst ging es nach Koblenz. Aus dem Kriegstagebuch meines Vaters, mit dem ich mich in der letzten Zeit beschäftigt habe, wusste ich, dass das Haus, das Musikgeschäft und Wohnung meines Großvaters beherbergt hatte, in der Schlossstraße 9 in Koblenz lag und 1942 ausgebombt wurde. Ich war nie dort. In google earth sah ich bereits, dass dies eine Superlage ist, lebhafte Geschäftsstraße, die direkt auf das wunderschöne kurfürstliche Schloss mündet. Schade, richtig schade, dass diese Toplage unserer Familie verloren ging.

Dann ging es weiter nach Adenau. Genau diese Strecke, Koblenz – Mayen – Adenau, bin ich in meiner Kindheit oft gefahren, gab es in dem kleinen Adenau nämlich überhaupt nichts, wir mussten einmal im Monat nach Koblenz, um einzukaufen. Am meisten hat sich Ochtendung auf dieser Strecke in mir eingegraben. Wegen dem lustigen Namen und dem Beton-Steine-Werk, das an der Straße lag. Und das gibt es tatsächlich noch. Von Mayen wusste ich noch, dass es eine Burg in der Stadt gibt. Was mir aber nicht mehr klar war, wie groß dieses alte Bauwerk einschließlich Stadtmauer ist. Sehr schön. Aber ich hielt nur, um das Autodach aufzuklappen bei der schönen Sonne.

Und dann war ich in Adenau. Der erste Stopp war an dem alten Gymnasium. Das kleine Haus, das früher mal eine Tuchfabrik beherbergte, war nach dem Krieg Gymnasium bis zur 10. Klasse für etwa 150 Schüler. Später wurde ein neues Schulgebäude errichtet. Ich suchte den Schulhof, ging hinters Haus und traf einen Mann mit Kaffeebecher. Wie sich herausstellte, der Eigentümer. Ein Architekt, viel zu jung, um meine Erinnerungen zu teilen. Aber er sagte, dass hin und wieder Menschen kamen und sagten, sie seien hier zur Schule gegangen.

Weiter gings zum Blauen Eck. Dieses Adenauer Traditionshotel in einem schönen Fachwerkhaus liegt zentral am Marktplatz und es existierte wirklich auch schon zu meiner Zeit. Da hatte ich es natürlich nur ehrfürchtig von außen angeschaut. Mein Einzelzimmer ist klein und zweckmäßig, aber die Location bringts.

Zunächst lief ich alle altvertrauten Wege ab. Unglaublich viel hat sich verändert. Weg, einfach weg, ist der Bahnhof, der unheimlich wichtig war für uns Kinder, weil der Holzplatz dahinter, wo die Baumstämme lagen, die die Franzosen als Reparationsleistung abgeholzt hatten, unser Spielplatz war. Die Gleise sind verschwunden, an dieser Stelle nun ein Gewerbezentrum. Die alte Volksschule stand noch, wo uns der Lehrer Brüß auf die Finger klopfte. Und im Musikunterricht auf der Geige spielte. Dann kam ich zu der Bäckerei Lehmann. In der Auslage Nussecken. Wenn das mal keine Kindheitserinnerung ist. Wir hatten in Dümpelfeld Bekannte mit einer Bäckerei. Spezialität dort Nussecken, mit denen ich mich immer vollessen konnte, wenn ich dort war. Also hinein. So eine Enttäuschung. Absolut trocken und hart, von Nüssen kaum eine Spur. Aber dann! Zwei ältere Damen kamen. Älter heißt, nicht mehr ganz so jung wie ich. Ich fixierte sie mit Blicken, wartete auf den geeigneten Augenblick. Und dann nichts wie hin auf meine Opfer! Aber das war eine gute Beute für beide Seiten. Ich hatte eine echte Adenauerin erwischt. Mit zwei Tortenstücken auf dem Teller. Um es kurz zu machen, die Torte war eine Stunde später immer noch auf dem Teller. Aber dafür haben wir beide, plus ihre schweigsame, weil nicht eingeborene Begleiterin, liebevoll in der Vergangenheit geschwelgt und alle bekannten Namen durchgekaut. Ja, die Gunhild. Die hat doch den Sohn von Uhren Theisen geheiratet, und so. Xmal wollte ich gehen, sie ihrer Torte und dem kalten Kaffee überlassen, aber immer noch fiel uns was ein. Es war toll.

Ein Grund unter anderem, den ich hier recherchieren wollte, war der Verbleib von Detlev. Ich war etwa 12, er kaum älter. Wir lernten uns kennen, sind in den Wäldern herum gestromt. Sonst war nichts. Wir waren ja gerade 12. Eines Nachmittags waren meine Eltern nach Koblenz zum Einkaufen gefahren, ich allein zu Hause. Bat Detlev, vorbei zu kommen. In der Post, wo wir im 1. Stock wohnten. Wir haben uns nur unterhalten, waren ja Kinder, wenn auch auf der Schwelle zur Pubertät. Dann hörte ich ein Auto. Meine Eltern. Detlev konnte nicht weg, ohne gesehen zu werden. Also ging er in den 2. Stock, wartete bis meine Eltern in der Wohnung waren. Ich ging ins Bett und tat so, als schliefe ich. Kurz danach klingelte es. Die Nachbarn von oben. Klärten meine Eltern über den Jungen auf, der oben gewartet hatte. Ein Donnerwetter brach los. Detlevs Eltern wurden benachrichtigt. Jeder Kontakt verboten.

Kurz danach zogen wir um nach Mainz und ich habe Detlev nie wieder gesehen. Aber er hat einen Eintrag in meinem Poesiealbum hinterlassen, inklusive einem Selbstporträt von sich.

Ich hatte Detlev schon Jahre im Internet gesucht. Sein Name ist sehr selten. Aber keine Chance. Es gibt ihn nicht. Also wollte ich in Adenau nachforschen. Jeder erinnert sich an seinen Vater, den Zahnarzt Dr. Moussie. Auch an den Sohn. Aber was er heute macht weiß niemand.

Auch die älteren Damen erinnerten sich sehr gut an ihn. Ein Tunichtgut. Hatte er nicht ein Baby mit einem Mädchen aus dem Nachbardorf? Durfte es aber nicht heiraten, weil nicht standesgemäß. Dann hat er Adenau verlassen und keiner weiß etwas.

Es war einfach toll im Café, aber irgendwann riss ich mich los und ging zurück ins Hotel. Zum Blauen Eck gehört ein sehr gutes Restaurant, aber ziemlich teuer. Die Damen hatten mir zum Italiener Aviano gleich gegenüber geraten. Also nichts wie hin. Bekam einen kleinen Einzeltisch. Daneben eine große Herrenrunde. Ältere Semester. Trainingsanzüge. Tennistaschen.

Ich stand auf, fragte, ob es einen Herrn Corden gäbe. Natürlich. Wir setzten uns kurz zusammen. Er sagte, dass er auch ein wenig recherchiert habe. Detlev hatte zusammen mit 2 weiteren Jungs zu den Tunichtguten von Adenau gehört. Aber keiner weiß Bescheid über seinen Verbleib.

Ich setze mich zurück an meinen Einzeltisch und bestelle. Definitiv ein guter Tipp der alten Damen. Es ist wohl das Inlokal der Einheimischen. Die Ortselite trifft sich hier, das Essen ist super und preisgünstig. Ich stelle die erst Montag begonnene Diät auf „weiteres“ und bestelle Vorspeise und Pizza. Ein Gedicht. Hätte ich nicht in Adenau bleiben sollen?

Nein, wohl eher nicht. Die Alteingeborenen sind tatsächlich fast alle weggegangen, neue sind nachgekommen. Adenau hat sich verändert. Bahnhof und Gleise sind verschwunden, Aldi und Lidl haben Einzug gehalten. Und die Stadt Adenau hat damals wie heute knapp 3000 Einwohner.

Familiengeschichte

Über einen Monat bin ich jetzt schon aus Florida zurück und meine Blog-Leser haben nichts von mir gehört. Das hat einen Grund. Ich habe beschlossen, meine Familiengeschichte zu schreiben. Inzwischen bin ich die älteste Überlebende in der Familie, die Matriarchin sozusagen, und ich, der ich nie was von Familie wissen wollte, habe plötzlich das Gefühl, ich muss etwas an meine Nachkommen überliefern. Muss ihnen zeigen, wie das Leben damals war. Meine Enkelin wird in diesem Jahr 18 Jahre alt und manchmal, wenn ich irgendein Detail von früher erwähne, ist sie ganz erstaunt. Kennt das Leben damals nicht. Und auch nicht die Familienmitglieder, die inzwischen verstorben sind. Und nun klebe ich 12 Stunden täglich am PC und bin fasziniert.

Als meine Mutter im Jahr 2002 verstarb, Vater bereits 1996, musste ich die Wohnung ausräumen. Natürlich gab es viele Erinnerungsstücke. Vor allem Fotoalben. Aber ich hatte wenig Platz zur Aufbewahrung, aber auch irgendwie ein gestörtes Verhältnis zu meiner Familie. Ich glaube, das geht vielen so aus meiner Generation. Ich wollte nichts von der Vergangenheit wissen und warf vieles weg. Zum Beispiel gab es ein Fotoalbum mit Bildern, die mein Vater während seines Kriegsdienstes gemacht hatte. Weggeworfen. Vernichtet. Aufgehoben habe ich jedoch einige Urkunden, die er im 3. Reich für seinen Ariernachweis benötigte, und es gab auch drei Kriegstagebücher. Sie waren in Sütterlin geschrieben, eine Schrift, die ich nicht lesen kann. Die deutsche Sütterlinschrift wurde ab 1915 in Preußen eingeführt. Sie begann in den 1920er Jahren die bis dahin übliche Form der deutschen Kurrentschrift abzulösen. In der Folge des Normalschrifterlasses wurde allerdings auch sie mit einem Rundschreiben vom 1. September 1941 verboten. Deshalb habe ich nie in diese Bücher geschaut.

Aber dann begann ich mit dem Aufschreiben der Familiengeschichte. Und sofort rückten diese Kriegstagebücher in den Focus. Ich bin Ende 1947 geboren, es war also vor meiner Zeit. Zuhause hat er nie über die Kriegszeit gesprochen. Ich wollte wissen, was darin stand. Zunächst versuchte ich es im Bekanntenkreis, dann gab ich eine Suchanzeige in facebook auf. Das Ergebnis war eher enttäuschend. Zwar meldeten sich viele, die angaben, Sütterlin lesen zu können, aber wenn es wirklich ernst wurde, ein Treffen vorgeschlagen, dann löste sich alles im Nichts auf. Nur wenige Bekannte blieben zurück. Eine Enttäuschung war auch ein Besuch im Altersheim. Dort lebt eine ehemalige Hausbewohnerin, inzwischen 90 Jahre alt, geistig fit und intelligent. Sie kann es lesen, aber … sie hat keine Zeit. Dann erinnerte ich mich an das Internet. Dort gibt es Foren für wirklich jeden Zweck und ich geriet an das Forum der Wehrmacht. Nicht alle Reaktionen waren hilfreich, aber ich fand Ludwig. Und das war ein Geschenk. Ich fotografierte Seite um Seite, schickte die Fotos an Ludwig und er sandte mir am nächsten Tag den entzifferten Text zurück. Ich habe den nicht einfach eingetragen, sondern Wort für Wort mit dem Buch verglichen. Und quasi über Nacht konnte ich Sütterlin immer besser lesen. Zwar waren immer noch einige Wörter fraglich, aber wieder half mir Ludwig. Von den drei überlieferten Büchern war zunächst das dritte und dickste fertig, denn es entstand gerade in der Übergangszeit von Sütterlin auf Normalschrift und ich konnte das meiste lesen. Das zweite Buch ist mit dem heutigen Tag auch fertig, es wurde zu großen Teilen von Ludwig entziffert, nur zum Teil von mir. Noch blieb aber das erste Buch. Ich hatte ein schlechtes Gewissen, den mir doch unbekannten Ludwig zu überfordern, auch war das Buch sehr viel undeutlicher, sehr eng mit Bleistift geschrieben und auf Fotos nicht gut zu erkennen. Ludwig empfahl mir, Diana hinzuzuschalten. Sie ist Moderatorin in diesem Forum und eine Expertin für Sütterlin. Wie sich bald heraus stellte, aber auch für alles, was mit der Kriegszeit zusammenhängt. Ich schrieb sie an. Diana sagte mir ihre Hilfe zu, allerdings nur, wenn sie das Buch im Original erhält. Das macht Sinn, denn die Fotos sind wirklich zu schlecht. Also habe ich es ihr nun geschickt und bereits den ersten Teil zurück erhalten, ohne jede unentzifferbare Lücke. Super. Ich freue mich nun täglich auf die Fortsetzung.

Mich fasziniert der Inhalt der Bücher ungeheuer. Mein Vater war bei der Abwehr. Er durfte über seinen Dienst natürlich nichts schreiben, es geht hauptsächlich um seine Freizeit. Er war während des Krieges mehr im Kino oder Café als ich in meinem ganzen Leben. Er hatte einfach Glück, denn sein Dienst als Funker hielt ihn doch um etliche Distanz von der Frontlinie entfernt. Die ersten Bomben während seines Kriegsdienstes erlebte er 1943. Oder aber auf dem Heimaturlaub. Er schrieb während eines langen Genesungsurlaubs ausführlich, wann genau es täglich Fliegeralarm gab. Natürlich kennen wir alle die Geschichte des 2. Weltkrieges aus dem Unterricht oder dem Fernsehen. Aber dieses persönliche Buch zu lesen ist wieder etwas ganz anderes. Im Fall meiner Familie sieht es oft so aus, als hatte meine Mutter den schwereren Teil, musste sie doch mehrmals täglich mit einem kleinen Kind Zuflucht im Schutzraum suchen, während mein Vater kaum Feindberührung hatte.

Aber total überwältigt war ich von der Erkenntnis wie ähnlich mein Vater und ich uns sind. Das war früher nie so klar geworden, in unserer Familie gab es wenig Kommunikation. Die meisten kennen mich. Ich reise durch die nordafrikanischen Länder, früher sehr abenteuerlich, heute etwas komfortabler, und ich habe es schon immer geliebt, darüber zu schreiben. Zunächst ins Tagebuch nur für mich; Internetblogs, die alles öffentlich machen, gab es damals noch nicht. Dann als Länderberichte für den Saharaclub. Und dann sehr bald in der Form des Reiseführers. Und nun muss ich erkennen, dass mein Vater genau das gleiche gemacht hat. Er reiste und schrieb darüber. Wenn er mal längere Zeit in relativer Sicherheit in einem Büro in Berlin, Warschau, Wien oder Krakau Dienst tat, dann langweilte er sich und meldete sich auf einen Einsatzort in der Ferne. Das Reisen war sein Abenteuer und wenn es noch so schwierig war. Oft reiste er mit der Eisenbahn und das war nicht so einfach wie heute. Schlafen mussten sie oft mit oder ohne Stroh im ungeheizten Güterwagen, standen stundenlang in irgendwelchen dunklen Ecken herum. Wenn ein LKW benutzt wurde blieb er ziemlich oft im Schlamm stecken. Aber all das scheint er mehr geliebt zu haben als den stationären Dienst, der ihm schnell langweilig wurde. Wie sehr kann ich mich doch mit ihm identifizieren. Er nennt die Orte auf seiner Strecke mit Namen, gut für mich, denn ich versuche, seine Reiseroute in einer Skizze zu zeigen. Wenn es auch nicht leicht ist. Viele der besuchten Länder gehörten damals zum deutschen Reich und die Orte hatten deutsche Namen, die heute ganz anders lauten. Aber ich bin doch ganz gut klargekommen.

Ich rate jedem, beschäftigen Sie sich mit Ihrer Familie, solange noch Ältere leben, die Sie fragen können und warten Sie nicht so lange, bis alle gestorben sind. Und wie sehr wünsche ich mir heute, ich hätte das Fotoalbum aus dem Krieg nicht weg geworfen.

Zu Anfang seiner Soldatenzeit war mein Vater übrigens ein Dreivierteljahr in Nordspanien stationiert. Dabei lernte er auch Spanisch. Es war wohl die schönste Zeit seines ganzen Lebens bis dorthin, vor dem Krieg konnte er ja nicht viel reisen. Von daher blieb ihm eine Liebe zu Spanien, die uns nach dem Krieg schon 1954 zu einer Reise durch das Land führte. Und auch danach habe ich noch sehr oft die Schulferien auf Reisen durch Frankreich, Spanien, Portugal und Italien verbracht.

Übernachtung im Freien auf unserer ersten Reise nach Spanien 1954

Boppard – wo ist nur mein Kindergarten

Aber zwei alte Fotos waren immer noch nicht gefunden, die von meinem Kindergarten. Hier sieht man uns ordentlich in Reih und Glied spielen, natürlich auch hier wieder ohne Spielgeräte, und auf dem zweiten Bild nach einer Theateraufführung mit der Mauer des Kindergartengebäudes im Hintergrund. Beides gelang mir nicht zu finden.

Schließlich machte ich mich auf den Weg zur Stadtbücherei, um Hilfe zu suchen. Dort fand ich eine noch recht junge Bopparderin, die sich natürlich nicht erinnern konnte, aber dafür auf viele historische Bücher Zugriff hatte. Und eine lange Recherche ergab, dass sich der Kindergarten im ehemaligen Waisenhaus befunden haben musste. Ein Teil dieses historischen Gebäudes steht noch, es ist dort sowie in vielen neuen Anbauten, nun das Seniorenstift zum Heiligen Geist untergebracht. Aber die Mauer auf meinem Bild steht nicht mehr, ist einem Neubau gewichen. Die Mauer war leichter zu identifizieren und ich musste mal über mich schmunzeln. Bei diesem Besuch war ich xmal über den Platz gelaufen, aber habe ihn nicht wiedererkannt. Das liegt erstens daran, dass er heute mit Autos zugeparkt ist, und zweitens, dass dort ein Kiosk ist, vor dem immer einige Trinker stehen und ich schon deshalb kein Foto machen wollte. Aber es war ganz klar unser Platz. Was tun? Schließlich sprach ich die Trinker an, speziell die Frau unter ihnen. Erklärte worum es mir ging. Sie waren sofort sehr nett und hilfsbereit, boten sich an, mich zu fotografieren und hatten auch nichts dagegen auf mein Foto zu kommen oder den Platz zu räumen. Manchmal steckt man einfach voller unbegründeter Vorurteile.

Puh! Meine Erinnerungsarbeit war getan. Alle Fotos und Gedächtnisfetzen wieder gefunden. Das hat einen gebührenden Abschluss verdient und was wäre da schöner, als der Besuch eines Gutsausschanks? Als alte Rheingauerin möchte ich nicht so ein großes Weinrestaurant, wo die Touristen hingehen, sondern etwas kleines urtypisches, wo ich vielleicht sogar alte Bopparder treffe. Das Weingut Rolf Bach macht sein Wohnzimmer bereits um 16 Uhr auf und ich war schon bald da. Es gibt zwei winzige Räume, die jeweils über drei Tische verfügen. Einer war besetzt, also setzte ich mich an einen freien, aber schon bald gingen Gespräche hin und her. Dann aber kamen drei Personen in meinem Alter und setzten sich zu mir, obwohl noch ein Tisch ganz frei war. So liebe ich es. Natürlich fragte ich sehr bald, ob es alte Bopparder sind. Nein, sind sie nicht. Die eine Frau war in Wiesbaden geboren. Man glaubt es ja kaum, mein Wiesbaden. Aber sie wohnen schon 30 Jahre in Boppard und wo? Natürlich in der Sabelstraße. Wenn auch nicht in meinem kleinen Reich, sondern da, wo die Sabelstraße an der Burg wieder hinunter geht, also keine 100 m von unserem Haus entfernt, dennoch bin ich kaum in diese Richtung gekommen. Es war so ein wunderschönes Gespräch, das sich entwickelte, und als sie dann erzählten, dass in dieser Gastwirtschaft die Oma kocht und es immer ein anderes traditionelles Gericht gibt wie Düppekuche und gefüllte Klöße, da war ich in meinem Element. Genau das hatte meine Mutter immer gekocht und noch viele andere leckere Speisen meist ohne Fleisch, das wir gar nicht vermisst haben. Ich habe mein altes Boppard wiedergefunden und am liebsten würde ich auf der Stelle wieder zurück ziehen. Diese kleine Stadt mit nur 9000 Einwohnern bietet einfach alles, was ich mir von einer Wohnstadt erträume. Der Abschied war lebhaft, wir gingen zusammen zu dem Auto, das sie auf meinem Kindergarten-Spielplatz geparkt hatten, um die 500 m in die Sabelstraße zurück zu fahren. Ich bin so traurig, dass wir uns nicht öfter treffen können, ach wäre ich doch schon in Boppard.

Später Telefonat mit meiner Kusine, die auch schon lange nicht mehr in der Stadt wohnt. Sie meinte, sie träumte auch schon davon, im Alter mal in das Seniorenstift an meinem alten Kindergarten umzuziehen. Ich mach mit, sofort. Aber erst im Alter, das ja noch unendlich weit weg ist. Vorher müssen wir erst noch sehr viel reisen.

Und hier geht es weiter: http://marokkoblog.edith-kohlbach.de/auf-spurensuche-in-bad-kreuznach-1954-bis-1958/