Von Oualidia nach Rabat

Inzwischen wurde die Autobahn ja bis nach Safi verlängert, aber eine Autobahn finde ich doch viel zu langweilig. Ich wollte die Küstenstraße fahren und benutzte natürlich mein Navi, wenn das auch nicht unbedingt nötig ist, der Straßenverlauf ist ja ziemlich klar. An irgendein Abenteuer dachte ich nicht in dieser stark besiedelten nördlichen Region. Doch dann sagte mir mein Navi, ich solle rechts abbiegen. Komisch, die R 320 geht doch links. Aber blind vertraute ich dem Gerät, hatte ja wohlweislich eingestellt, es solle mir die kürzeste Strecke suchen. Und nichts davon auf der Hauptstraße zu bleiben.

Und dann wurde es richtig abenteuerlich. Ich war etwa 25 km vor Casablanca, meine kleine Teerstraße wurde immer enger, aber da vor mir so ein Moped mit Lastwagen tuckerte war ich sicher durchzukommen. Aber wo bin ich? Kleine, aus allem Abfall zusammengeschusterte Hütten, Menschen über Menschen, in den Verschlägen waren sogar richtige Werkstätten. Wie nennt man so eine Stadt? Manche sagen Slum, die Franzosen Banlieu, die Deutschen Elendsviertel. Aber das schien mir nicht recht zu passen. Es ist klar, hier wohnen Menschen, die aus dem Süden in die Stadt gezogen sind, die von dem wenigen Geld keine richtige Wohnung bezahlen können. Oft wird ja gesagt, seid vorsichtig, da ist es gefährlich. Aber mir schienen die Menschen so freundlich und ehrlich wie in den Dörfern des Südens, wo sie herkommen. Aber als ich dann auch noch zu einer Schule kam, wo jetzt bei Schulschluss etwa 1000 Kinder auf die schmale Straße drängten, da wurde es mir doch nicht besser, denn ich will ja keinen Menschen anfahren. Also wieder ganz, ganz langsam.

Kurz nach Casablanca fuhr ich dann an Wohnblocks vorbei, die offensichtlich Sozialwohnungen enthielten, wie ich mal einfach von der vielen Wäsche, die vor den Fenstern hing, schloss. Sind die Menschen, die hier wohnen, wirklich glücklicher? Mir schienen die Leute in ihren selbst gezimmerten Häuschen irgendwie netter zu wohnen. Sie haben doch ihr kleines Reich für sich, genau wie sie es vom Land gewohnt sind.

Später dann in Rabat Kontrastprogramm. Zunächst musste ich mal mein Riad finden, wieder mit Hilfe des GPS. Doch misst das gute Stück irgendwie nicht die Straßenbreite, schickte mich in die Medina auf direktem Wege. Ich fuhr den Berg hoch, oben bog ein Auto in meine Straße ein, obwohl es doch sehen konnte, dass kein Platz war. Und dann hatten wir Chaos, da von allen vier Seiten Autos kamen und keiner zurück wollte. Ich dachte schon daran, in meinem Auto zu übernachten, doch dann bewegten sich die anderen zurück, ich bog in eine Nebenstraße ein. Die war interessant, da rechts und links Autos geparkt waren. Einige mit eingeklappten Außenspiegeln, die meisten allerdings mit abgerissenen. Ich konnte es kaum glauben, dass ich irgendwann meine richtige Medinastraße fand, von der gesagt wurde, dass ich da am Rand bewacht parken könnte, im Riad anrufen, und dann würde man mich abholen. Nur wo parken? Alles doppelt und dreifach zu, der Parkwächter saß in einem Auto, das er parken sollte.

Doch da hatte der Himmel ein Einsehen mit mir, ich konnte es kaum glauben, ein Engel von oben winkte und ein Parkplatz tat sich auf, genau vor dem Tor der Medina, an dem ich parken sollte. Was für ein Wunder. Und ganz ohne Kratzer.

Mein Riad hatte dann nichts mehr mir Sozialwohnungen zu tun, das Riad Kalaa ist einfach wunderschön, sehr elegant und sehr freundliche Leute zum Empfang. Allerdings gehören zur Gesellschaft fünf unterschiedliche Riads, ich wurde im Riad Kalaa II untergebracht, durfte aber im Hauptriad essen, was ja nur um zwei Ecken liegt. Und dieses Abendessen war delikat. Es gibt eine ziemlich große Speisekarte, ich wählte Ente Confit mit glasierten Äpfeln und kam voll auf meine Kosten. Ein so delikates Tajine habe ich selten bekommen.

Oualidia – die Perle am Atlantik

Fünf Tage Marrakech waren einfach genug. Ich wollte weg. Einerseits verliert für mich die Stadt nach so vielen Jahren an Reiz. Ich war in der Medina, ja, aber es langweilt mich. Ist ja immer das gleiche. Alles macht halt auch keinen Spaß allein. Wenn ich jemand meine Lieblingspunkte zeigen kann ist das etwas anderes, aber diesmal bin ich viel allein und es langweilt mich. Im Hotel musste ich aushalten, da mein Auto repariert werden musste. Zwar bekam ich es am Samstag zurück, aber am Montag musste noch ein kleiner Blechschaden ausgebessert werden, das geht hier immer sehr schnell und gut. Und am Dienstag dann konnte ich endlich wieder ans Steuer. Als Zwischenstopp nach Tanger hatte ich mir Oualidia ausgesucht, ein kleiner Fischerort am Atlantik. Die Fahrt dorthin war völlig ereignislos, schon in der Karte sieht man, dass auf dem Weg nichts zu sehen ist. Kurz vor Oualidia fuhr ich dann an den Plage Sidi Karam Addaif, er wurde mir als Stellplatz geschildert. Es ist wirklich ein hübsches Plätzchen, aber ob man hier noch über Nacht stehen kann konnte ich nicht erfahren, es ist keine Saison und weder ein Wohnmobil vor Ort noch ein Wächter.

Gleich darauf folgt Oualidia und schon am Ortseingang fiel mir ein Schild zu einem neuen Campingplatz auf. Ich hatte schon seit Jahren gehört, dass ein solcher im Entstehen sei, hatte ihn aber noch nie fertig gesehen. Und da ist er nun. Empfangen wurde ich von einem jungen Mann namens Ibrahim, er war sehr nett, führte mich herum und dort traf ich auch gleich wieder Deutsche, die ich schon zuvor getroffen hatte. Sie waren ganz begeistert von dem Platz, ich auch. Das ist mal ein Camping, dem ich sofort die 3 Zelte verleihe. Alles blitzsauber und es sind wirklich alle Einrichtungen da, die der Camper braucht. Es gibt sogar 4 Sanitärblocks, dabei ist der Platz nicht sonderlich groß. Es gehören allerdings noch hübsche Zelte dazu mit Strom, darin sind nur Betten, keine weitere Einrichtung, aber es gibt jeweils eine schöne Terrasse. Ideal für Camper, die mal im Zimmer schlafen wollen. Ein solches Zelt kostet 300 DH für 4 Personen, sie nutzen die gleichen Sanitäranlagen. Natürlich gibt es auch einen Pool, und er ist gefüllt. Am schönsten ist aber die grandiose Aussicht auf den Atlantik, zum Strand muss man allerdings schon ein gutes Stück laufen. Wer nicht so primitiv wohnen möchte kann auch in wunderschönen, komfortablen Studios für 600 DH wohnen und Ibrahim meinte gleich, ob ich nicht bleiben wolle. Eine Versuchung, denn der Blick von dort, einfach toll.

Aber ich hatte eine Reservierung im Issa Blanca direkt an der Lagune. Oualidia gehört zu den schönsten Badeorten am Atlantik. In meinem Reisehandbuch heißt es:

Um die durch schroffe Felsen vom Atlantik abgetrennte Air-Lagune liegt das malerische Fischerdorf, das sich bis hinunter zum Meer zieht mit traum­haften, weißen bis rotgoldenen feinsandigen Stränden, bekannt für den Fang von Hummern, Krabben und Austern. An zwei Stellen sind die Felsen unterbrochen und die meterhohen Brecher des Ozeans branden in die Lagune und laufen in ihr aus. In der Lagune selbst ist das blaue Wasser still wie in einem See. Ein Ort von fast unbeschreiblicher Schönheit. Das Klima ist ganzjährig sehr angenehm, nicht zu heiß, nicht zu kalt.

Und genauso ist der Ort, vor allem am Wochenende auch entsprechend gut besucht. Heute ist 1. Mai, ein Feiertag auch in Marokko, und es sind etliche Leute da. Am kleinen Fischerhafen warten Buden, in denen der frische Fisch gegrillt wird und am Strand stehen Tische unter Sonnenschirmen, wo man die Mahlzeit gleich verzehren kann. Die Sonne scheint, es ist traumhaft schön. In der Lagune warten Bootsführer für eine kleine Rundfahrt. Ich kann dies nur empfehlen, habe es vor ein paar Jahren mit meiner Familie gemacht. Das Issa Blanca ist eine kleine Pension mit nur 6 Zimmern und auch die sind eher klein. Obwohl mich die Wirtin Nadia freundlich begrüßt fühle ich mich nicht so richtig wohl, mein Doppelzimmer ist so eng, dass ich froh bin, dass keine zweite Person bei mir ist. Und auch das Essen ist bescheiden. Natürlich ist Oualidia spezialisiert auf Meeresfrüchte und genau die esse ich nicht. Mein Steak ist ziemlich roh und  zäh, ein Gedicht ist es ganz sicher nicht. Aber direkt vor der Pension liegt der Strand und der ist einfach schön, auch der Sonnenuntergang am Abend ist direkt vor meinem Fenster.

Grosseinkauf im Marjane

Natürlich war ich schon oft im Marjane, ein Einkaufszentrum vergleichbar mit unserem Real. Aber heute sah ich es mit ganz anderen Augen. Wenn ich alleine einkaufe schaue ich natürlich nur nach den Dingen, die ich kenne und brauche. Aber heute habe ich einen Familienvater zum Monats-Einkauf begleitet. Die Familie besteht aus 5 Personen, wobei der Vater meist nicht zu Hause isst. Aber der Einkaufswagen wurde doch ganz anders beladen, als ich es kenne. Bei uns gibt es Zucker. Kaum unterschiedliche Sorten. Hier gibt es viele. Dann gibt es Salz, da gibt es bei uns schon mehr Arten. Hier ein ganzes Regal voller verschiedener Sorten. Aber den Vogel schießt das Mehl ab. Noch nie habe ich so viele Sorten Mehl gesehen und noch nie so große Säcke. Meine albanische Flüchtlingsfrau, die ich in Taunusstein betreue, wäre begeistert. Und in den Gängen stehen nette Mädels, die versuchen, genau ihre Sorte an den Mann zu bringen. Ein Sack Mehl ist offen und jeder wird eingeladen, das Mehl zu probieren. Ich auch. Mhm. Mein Direktor lud zunächst mal einen 25 kg Sack in den Wagen und ließ sich dann noch eine bessere Sorte andrehen, er kaufte davon zusätzlich 10 kg. Doch dann machte ihm ein anderes Mädel ihre Sorte schmackhaft. Da gibt es zu dem 10 kg-Sack eine Zugabe, extra 2 kg. Also wurde das wieder ausgetauscht. Er hat also insgesamt 37 kg Mehl im Wagen. Ich glaube, so viel verbrauche ich in meinem ganzen Leben nicht. Diese Zugaben sind hier in Marokko sehr beliebt, fast jedes Produkt hat noch eine kleine Packung als Zugabe. Zusätzlich kamen auch eine 5-l-Flasche Öl in den Wagen und 2,5 kg Milchpulver. Dafür nur ein winziges Glas Nescafe, aber massenhaft grüner Tee. Ja, hier wurde schon komplett anders eingekauft als ich es kenne.

Generalüberholung

Nach so einer langen Zeit im Süden haben Mensch und Fahrzeug einen gründlichen Check notwendig und Marrakech ist der Ort dafür. Zunächst ging es zur Reinigung. Heute habe ich es abgeholt, fünf Hosen, ein schwer zu behandelndes bunt besticktes Berberkleid und ein Herrenhemd. Alles wunderbar gereinigt und perfekt gebügelt innerhalb von 24 Sunden für 65 Dirham, das ist Spitze.

Dann kam ich dran. In der Nähe meines geliebten Tichka-Hotels ist ein guter Coiffeur, das Charme d’Or. Er hat sogar seit meinem letzten Besuch auch eine Generalüberholung hinter sich und glänzt jetzt in blütenreinem Weiß. Auf dem Programm standen Haare schneiden, Fönen, Maniküre und Pediküre, das muss nach der langen Zeit in der staubigen, trockenen Wüste einfach sein.  Zusammen inklusive Trinkgeld 250 Dirham. Wer Dirham nicht kennt, immer einfach eine Stelle abstreichen, also etwa 25 Euro. Und ich denke, das Ergebnis kann sich sehen lassen. Diesen Laden würde ich gerne mitsamt Personal und Preisen mit nach Tanusstein nehmen.

Auch mein Fahrzeug sollte durchgescheckt werden. Zwar hatte ich schon seit dem letzten Jahr ein Geräusch gehört, das vor allem auf unebenen Straßen auftrat, aber weder meine Taunussteiner Werkstatt noch der gute Ali Nassir in Zagora hatten etwas gefunden. Ich hatte längst aufgegeben, nach der Ursache suchen zu lassen, hatte mich daran gewöhnt. Doch als ich nach Marrakech fuhr hörte ich hin und wieder ein anderes Geräusch und rief Abdou an, weil der gute Beziehungen zu Werkstätten hat. Und siehe da, mit dem neuen Geräusch war erstmal nichts, aber der Experte fand sofort die Ursache für das alte Rappelgeräusch. Die Aufhängung wars. Dort ist ein Gelenk, das mit Gummimanschetten verkleidet ist. Bitte entschuldigt meinen Ausdruck, ich habe keine Ahnung von Technik, bekam es in Französisch und Englisch erklärt und weiß nun so ungefähr, was es ist. Es mussten neue Teile her, die es aber in Marrakech gibt und ich hoffe, morgen das Auto wieder zu bekommen. Was es kosten wird? Inchallah …

Von Imlil nach Arumd

Es war einfach nur der Horror. Der Trip nach Imlil musste sein, ich muss schließlich über ganz Marokko berichten und auch in Imlil nach dem Neuesten schauen. Aber es war einfach nur furchtbar. Ich bin kein Mensch für die Berge, liebe die Wüste, und wenn dann noch so ein schreckliches Wetter hinzu kommt mit Kälte und Regen, dann macht das schon gar keinen Spaß. Aber das Allerschlimmste, Horror hoch 3, war die 4 km lange Piste von Imlil nach Arumd. Ich kenne die Piste natürlich, schreibe in meinem Reisehandbuch:

„Die Piste ist auch für einen Kleinwagen zu schaffen, aber dazu gehört ein guter, schwindelfreier Fahrer, der auch mal einen Kratzer an seinem Fahrzeug in Kauf nimmt. Es geht sehr hart am Abgrund entlang. Bei Gegenverkehr wird es abenteuerlich.“

All das stimmt immer noch. Was aber erschwerend dazu kommt ist der starke Verkehr. Schon seit Wochen berichte ich, wie voll Marokko ist und das trifft auch auf Imlil zu. Und auf die Piste. Maultiere, Autos, Radfahrer, Fußgänger, alles ist auf der schmalen Piste unterwegs. Die Hölle ist los. Und es ist einfach nicht Platz für zwei Fahrzeuge nebeneinander. Irgendwann bin ich schreiend aus meinem Auto gestiegen, ich konnte einfach nicht mehr. An der Piste wird gearbeitet und auf dem relativ breiten Stück zwischen Ende Imlil und Arumd kam kaum einer, aber auf dem einen schmalen Kilometer noch in Imlil, da drängte sich alles. Zunächst einmal aus der Auberge Lepiney, die ich besucht habe, wieder heraus zu kommen, war eine Aufgabe, die ich tatsächlich gelöst habe, mit drei winkenden Männern. Doch als ich endlich auf der Piste war stand ich vor einem entgegen kommenden Fahrzeug. Absolut kein Platz. Verzweifelt stieg ich aus. Mohammed setzte sich rein, bugsierte meinen Wagen an dem anderen vorbei. Ich fuhr weiter, an der nächsten Ecke gleich zwei Wagen. Hier rissen meine Nerven endgültig, ich hatte ja auch schon vorher etliches erlebt. Nichts ging mehr. Die Fahrer waren zum Glück Einheimische, erfahren mit dieser unheilvollen Strecke. Ich stieg aus, den Tränen nahe, und sagte, ich kann einfach nicht mehr. Ich halte mich für eine gute Fahrerin, aber lieber fahre ich die unbekannte schwierige Felsenpiste im Djebel Sarho ganz allein als diese vermaledeiten 4 km. Von Regen und Schlamm will ich gar nicht sprechen. Der Beifahrer des anderen Fahrzeugs reagierte sehr verständnisvoll, bot an, mein Auto zu fahren. Hatte zwar mal wieder keine Ahnung von Automatik, aber vom Rangieren auf engen Pisten. Er schaffte es, ich stieg wieder ein. Und was sah ich? Schon wieder ein Fahrzeug. Bevor ich aber endgültig ausrasten konnte fuhr der andere zurück, er hatte es nicht weit bis zu einer Einfahrt.

Nichts wie raus aus diesem verschlammten Ort, Imlil steht so schnell nicht wieder auf meinem Plan. Doch selbst die 17 km lange Fahrt nach Asni ist nicht unbedingt ein Vergnügen. Von Teer sieht man auf der schmalen Straße kaum was und auch hier viel Verkehr. Nur ist es möglich auszuweichen, wenn auch auf dem verschlammten, schlaglochübersäten Rand.

Ich will zurück in mein Hotel Chez Momo, das mir heute sehr verheißungsvoll erscheint.

P.S. Lasst euch von den relativ guten Pistenfotos nicht täuschen, von den schlimmen Stellen habe ich kein Foto.

Jardin d‘Issil

Ich habe Heimweh. Erst heute Morgen bin ich vom Jardin d’Issil abgefahren, aber schon sehne ich mich danach zurück. Es hat mir unglaublich gut gefallen. Jardin d’Issil ist eine große Anlage, 20 km außerhalb von Marrakech ruhig im Grünen gelegen, aber so schön. Man wohnt hier in Zelten, in richtig großen, eleganten Zelten. Hat genug Platz, um auch einige Tage auszuhalten und was mir mit am besten gefallen hat war der Ankleideraum. Da hat man nicht immer den Koffer im Zimmer stehen und die Kleidung liegt herum, hier ist alles in einem Raum gut aufgehoben. Und im Schlafsalon ist sogar eine Musikanlage und es gibt eine kleine Terrasse. Das Wetter war nicht so richtig gut, so dass ich die Terrasse nicht nutzen konnte. Am ersten Tag war es noch sonnig, aber da kamen meine Freunde Peter und Adil zu Besuch und wir haben den ganzen Nachmittag im Poolrestaurant gequasselt. War richtig schön.

Aber so schick die Zelte auch sind, sicher die schönsten und größten, die ich je gesehen habe, so ist das Besondere am Jardin d’Issil doch der Chef Marcel. Er ist immer für seine Gäste da, ein äußerst charmanter, liebenswerter Franzose. Er gibt jedem das Gefühl, sein besonderer Gast zu sein, setzt sich immer mal wieder zu den Gästen. Er fehlt mir.

Nun bin ich in den Bergen, im Chez Momo. Was für ein Unterschied. Momo habe ich vor vielen Jahren kennengelernt. Er hatte gerade eine süße kleine Auberge am Ortsrand gebaut, hübsch eingerichtet, und auch er war für seine Gäste immer da. Dann musste die Auberge versetzt werden, denn bei Ouirgane entstand ein neuer Staudamm und Momo musste weichen. Er kaufte ein Ersatzgrundstück am Berg, das neue Hotel ist nun schon etliche Jahre alt und wunderschön, aber Momo bekommt man nicht mehr zu sehen. Es scheint, dass er gleich nebenan sein Privathaus gebaut hat und von dort aus alles seinen Mitarbeitern überlässt. Es ist immer ein Riesenunterschied, ob der Chef sich persönlich kümmert oder ob es nur Angestellte sind. So schön Chez Momo ist, wohl fühlen tue ich mich nach den zwei schönen Tagen bei Marcel hier nicht.

Safranparadies und Anima-Garden

Beide Anlagen liegen nur wenige Kilometer entfernt auf dem Weg ins Ourikatal, aber dennoch liegen Welten dazwischen. Da ich in einer wunderschönen Hotelanlage in der Nähe wohne, habe ich mir den Besuch beider Gärten für heute vorgenommen. Zunächst das Paradis de Safran der Schweizerin Christine Ferrari. Ich habe es schon vor drei Jahren besucht und war begeistert. Nun hatte ich aber etliche Stimmen gehört, die meinten es sei nicht mehr so gut, zu viele Leute dort, Christine nimmt sich keine Zeit mehr. Das ist natürlich für mich ein Grund, selbst nachzuschauen. Ich rief eine Stunde vorher an, um zu erfahren, ob sie dort ist und war dann bei ihr. Und genau wie beim erstenmal ein super netter Empfang. Nicht nur für mich, ich habe ja gesehen, wie Christine mit den anderen umgeht. Sie nimmt sich für jeden Besucher Zeit, erklärt das Prinzip und dann können die Besucher alleine den Garten erforschen. Der natürlich nicht nur Safran enthält, sondern sehr viele Pflanzen, Kräuter und Obst, die in Marokko gedeihen. Für Kinder gibt es ein Suchspiel, wenn sie den Löwen finden bekommen sie ein Geschenk. Und das Highlight ist nach wie vor der Barfußpfad, den Christine noch etwas ausgebaut hat. Zum Empfang gibt es ein Glas frisches Wasser, mit Rosenblätter aromatisiert. Auch im Garten sind immer wieder gemütliche Sitzecken, dort stehen ebenfalls Wasserkrüge bereit. Am Eingang gibt es eine ganze Batterie Strohhüte, so dass Christine auf heißes Wetter gerüstet ist. Heute jedoch war es kalt, doch das bringt Christine auch nicht in Verlegenheit. Jeder Besucher wurde in eine Ferrari-rote Decke gepackt. Wir haben uns dann zusammen die TripAdviser Kommentare angeschaut. Sie sind exzellent. Ein einziger Besucher war unzufrieden, weil er gerade ankam, als Christine eine große Gruppe abfertigen musste. Sie hatte daher wenig Zeit und auch die Essensvorräte reichten nicht aus. Im Safranparadies ist ja kein richtiges Restaurant, sondern es wird ein kleines feines Menü in der Miniküche zubereitet, von den Mädels super lieb serviert, und das reicht bei großem Andrang nun mal nicht für jeden. Wenn man vorher reserviert ist es auf jeden Fall besser und kann sich auch versichern, dass keine Gruppe da ist. Ärgerlich, wie ein einziger negativer Kommentar neben all den Guten gleich so weite Kreise zieht.

Aber zum Menü. Es ist einfach exzellent. Alles kleine feine Portionen, sehr delikat und nach Wochen in Marokko mit fadem Tajine-Couscous-Brochette einfach eine Gaumenweide. Ich habe es genossen, das Menü ist seine 200 Dirham wert. Dazu gibt es wieder Rosenwasser, und danach ein Kännchen Tee, da kann man echt nichts sagen.

Ach ja, der Barfußpfad. Das Wetter war ja nicht einladend und eigentlich macht das auch eher in der Gruppe Spaß, aber nach dem Essen gab ich mir einen Ruck und lief los. Sie hat das ganz süß gemacht, die verschiedenen Untergrundfelder immer mit ganz natürlichen Dingen gefüllt, Rosmarinzweige, Mandeln komplett in der Frucht, verschiedene Steine, Hölzer, ach, ich kann mich nicht mehr an alles erinnern. Danach stehen vor einer langen Bank verschiedene Wasserbottiche, wieder mit Kräutern versetzt, darin taucht man nun abwechselnd seine Füße und auch für die Hände gibt es Bottiche. Dazwischen auch ein Salzfass und ein Bottich mit Oliventrester. Am Ende dann heißes Wasser und Handtücher, dazu kann man die Füße noch mit aromatisierten Arganöl einreiben. Zum Abschluss gibt es eine Kanne Tee und Christine setzt sich zu den Besuchern. Und das alles für 100 Dirham? Ich finde das okay.

Geöffnet ist der Garten von 11 bis 17 Uhr, Dienstag und im heißen Sommer geschlossen. Eintritt 100 DH, Kinder bis 18 Jahre 50 DH.

Doch dann ging es hinüber zum Anima-Garten. Er wurde von Andre Heller kreiert und ist schon dadurch in der kurzen Zeit seines Bestehens sehr viel bekannter, es wird auch viel Werbung betrieben. Zudem gibt es ab der Koutoubia-Moschee in Marrakech einen Shuttle, der die Kunden zum Garten bringt, das ist im Eintritt von 120 Dirham eingeschlossen. Christine dagegen ist ohne eigenes Fahrzeug nicht so leicht zu erreichen. Es waren Besucher da, aber all zu viele nicht, der Tag war ja auch nicht besonders schön. Anders als der Jardin Majorelle in Marrakech geht es hier nicht nur um Pflanzen, der Garten ist eigentlich ein Kunstwerk für sich. Obwohl das Gelände nicht besonders groß ist führen schmale verschlungene Wege wie in einem Irrgarten durch den dichten Pflanzenwald, so hat man den Eindruck, dass er viel größer ist. Einen netten persönlichen Empfang wie bei Christine gibt es nicht, sondern ein richtiges Kassenhäuschen, dann geht man seiner Wege. Hier gibt es ein kleines Café mit Terrasse, wo man Erfrischungen bekommt und immer wieder sind Skulpturen aufgestellt. Es ist ganz nett, aber ich war in einer halben Stunde durch. Bei Christine habe ich mich drei Stunden aufgehalten. Die österreichische Gruppe, mit der ich sprach, war aber ganz begeistert.

Wenn ich nun überlege, wohin ich beim nächstenmal meine Familie hinführe, ich glaube es wird ins Safranparadies sein.

Safranparadies

Anima-Garden

Das leidige Übernachtungsproblem

Wenn ich nicht weiß, wo ich nachts schlafe, dann werde ich knatschig. So auch heute. Gestern Abend war ich ja in Agdz eingetroffen und habe diesmal bei Familie geschlafen. Da sie auch ein touristisches Unternehmen betreiben, will ich den Namen nicht nennen. Ich kenne die Familie seit 30 Jahren und am Beginn dieser Zeit hatte ich versucht, ihnen ein wenig touristisches Bewusstsein beizubringen, ihnen zu zeigen, was Touristen suchen. Das ist als Nummer 1 Sauberkeit, funktionierende Sanitäranlagen, dann gemütliches Ambiente und natürlich ein freundlicher Empfang. Letzteres konnte die Familie seit eh und je, sonst wären wir ja auch nicht so lange befreundet. Aber den Rest – den kann man vergessen. Als ich gestern ankam zeigte mit der Freund stolz den Neubau, vor der alten Kasbah, den er für seine Eltern und für seine Familie gebaut hat. Er hat mir die Baustelle schon vor vier Jahren gezeigt, und wesentliches ist seitdem nicht geschehen. Es wurde zwar ein Stockwerk nach dem anderen zugefügt, aber nichts fertig gestellt. Mit der einen Ausnahme, die kleine ebenerdige Wohnung für die Eltern, die ich schon fertig – aber nicht möbliert – gesehen hatte. Nun wohnen die Eltern dort, aber ich war ziemlich geschockt, als ich die Räume betrat, es stank fürchterlich nach Toilette.

Dann sah ich die anderen Räume. Es gibt viele in dem Haus, und sehr viele auch mit eigenem Bad, oft auch eine Küche. Könnte also wunderschön sein. Aber nichts ist fertig oder funktioniert. Das Zimmer, das ich dann bekam, betritt man zunächst durch eine Tür, deren offenes Gitter von einer völlig demolierten Jalousie geschmückt ist. Es war heftiger Sturm, diese Jalousiefetzen schlugen die ganze Nacht an den Eisenrahmen. Ich schloss die Tür zu meinem Zimmer, die von innen keine Verriegelung hat. Der Sturm blies sie auf. Also musste ich einen Stuhl einklemmen, wie im Krimi. Die Toilette des nagelneuen Zimmers, das angeblich fertig sein sollte, funktionierte nicht. Es gab eine Dusche, ein Schlauch, kein Duschkopf. Ich habe nicht versucht, ob warmes Wasser raus kommt. Die neuen Fliesen völlig von Farbe verschmutzt. Die Steckdose hing halb aus der Wand. Kein Bettzeug, harte Wolldecken. Pottdreckig der ganze Raum. Ich redete mir immer ein, für eine Nacht geht es, und kuschelte mich in meine mitgebrachte Decke. Ja, es ging. Irgendwann hörte ich den Sturm nicht mehr und freute mich auf meine nächste Unterkunft mit warmer Dusche.

Ich möchte hier ganz bestimmt nicht alle Marokkaner in einen Topf werfen. Es ist ein Land wie jedes andere, in dem es Menschen gibt, die etwas auf die Reihe bringen, und Menschen, die es einfach nicht können. Genau wie in Deutschland. Nur schade, dass diese Familie hier über einen kostbaren Schatz verfügt, ein wunderbares Anwesen, aber es nicht versteht, etwas daraus zu machen und sich untereinander völlig zerstreitet. Schade.

Um so mehr freute ich mich darauf, am nächsten Tag eine schöne Unterkunft zu finden. Zunächst besuchte ich Anouar im Riad Caravane in Ait Benhaddou. Ich habe schon da im letzten Jahr geschlafen, Anouar aber nicht getroffen. Er hatte Urlaub. Anouar ist ein Sohn eben dieser Familie. Aber welch ein Unterschied. Anouar ist sauber, ordentlich und fleißig. Deshalb hat er auch die Familie verlassen und sich ein eigenes Leben aufgebaut. Er ist nun Manager in einem sehr schicken Riad, der auch bereits in meinem Reisehandbuch empfohlen wird. Und liebend gerne hätte er mich für die Nacht aufgenommen, aber dieses schöne Riad ist jetzt, immer noch Hochsaison, völlig ausgebucht. Kein Problem, ich habe noch einige Adressen auf meiner Liste.

Zunächst ging es nach Tamdaght, wo ich vor 3 Jahren das neue Gästehaus Kasbah Tamdaght besichtigt hatte und sehen wollte, was daraus geworden ist. Aber es war noch vor Mittag, also keine Anreisezeit, und der Hausherr Mohammed nicht da. Die Frauen im Haus verstanden nichts. Also hier kann ich mich nicht verständlich machen. Die nächste Adresse ist in Telouet, wo ein anderer Mohammed das gute Restaurant Palace de Telouet betreibt und auch einige Gästezimmer hat. Aber er ist nicht da, kauft in Marrakech Nachschub ein. Kurzer Anruf in der Auberge Agdal an der Strecke, bevor ich weiter fahre will ich wissen, ob es dort ein Zimmer gibt. Auch hier ist der Inhaber in Marrakech, um für eine Gruppe einzukaufen, die am Abend erwartet wird. Alle Zimmer belegt. Ob ich im Salon schlafen will? Nein, will ich nicht. Also doch die einfachen Zimmer von Mohammed?

Ich fahre zunächst zur Auberge Telouet. Sie ist am südlichen Ortseingang und immer gut besucht. Der Inhaber zahlt Kommission an die Fahrer und so kommen alle hier zum Essen. Ich wusste vorher, dass das Essen mies ist, steht auch in meinem Reisehandbuch, aber ich bin schlechter Laune und lasse mir ein Omelette bringen. Echt das schlechteste, das ich auf der Reise bekommen habe. Der Inhaber Ahmed bietet mir ein Zimmer an, verlockend, da die Zimmer gut sind und ich genau in diesem Augenblick Hans Winkler treffe, ein Deutscher, der Motorradgruppen führt. In Tamtatouchte hatten wir uns um einen Tag verpasst und hier laufen wir uns über den Weg. Aber sobald die Leute vom Ort erfahren wer ich bin bestürmen sie mich von allen Seiten, wollen in mein Buch. Den Vogel schießt mal wieder ein Mohammed ab. Mein Vertrauen erwirkt er, als er sagte, dass ihm der Camping des Grottes an der Strecke gehört. Der ist in meinem Buch, aber vor Ort treffe ich nie jemand an, mit dem ich reden kann. Und nun hat Mohammed hier in Telouet ein neues Gästehaus eröffnet. Das interessiert mich, denn es gibt einfach nicht viel hier. Also schauen wir es uns zusammen an. Und ich bin schnell überzeugt. Hans in der Auberge Telouet hin und her, hier gefällt es mir und Mohammed ist absolut sympathisch. Dieses Gästehaus kommt ganz sicher in mein Buch.

In dem kleinen Dorfhaus, solide aus Stein gebaut, gibt es vier Zimmer, alle mit Bad, und das schönste ist natürlich das im ersten Stock. Es hat ein Schlafzimmer mit Doppelbett und Einzelbett, ein extra Raum für Waschbecken und WC, extra Dusche und einen Balkon. Außerdem gibt es vor der Tür eine Sitzgelegenheit und eine große Terrasse. Hier gefällt es mir. Unten sind drei weitere Zimmer und die Küche, wo man sich auch selbst mal etwas zubereiten könnte. Ich erhalte einen Hausschlüssel und kann frei schalten und walten, Mohammed geht in den Ort, um weitere Gäste einzufangen oder die Kasbah des Glaoui Touristen zu zeigen. Muss ja irgendwie sein Geld verdienen.

Und das Palace de Telouet ist nur ein paar Schritte entfernt, dort werde ich heute Abend essen. Vielleicht kommt Hans auch.

Felsenkriechen im Djebel Saghro

Natürlich habe ich Angst. Ich bin völlig allein in einsamer Landschaft und vollkommen auf meinen Land Rover und meine Fahr- und Navigationskünste angewiesen. Weiß noch nicht mal genau, wo ich bin, denn die Strecke ist in keiner Karte markiert. Das einzige, was mich aufrecht hält sind die Fahrzeugspuren. Hier sind mit Sicherheit in den letzten Tagen Autos mit 4 Rädern gefahren und offensichtlich durchgekommen. Aber die Felsenpiste ist extrem schlecht, es geht in Treppenstufen aufwärts, nicht selten berühre ich Boden. Wichtig dabei ist, möglichst langsam zu fahren. Ich versuche, bei meiner Automatik das Sonderprogramm Felsenkriechen einzustellen, aber es geht nicht. Die Anzeige sagt, ich muss dazu auf manuelles Schalten gehen und den niedrigsten Gang einlegen. Um das zu finden müsste ich erst die Betriebsanleitung studieren, also fahre ich in der Funktion Schotter weiter. Langsam, langsam. Aufrecht hält mich auch, dass ich natürlich Essen und Trinken dabei habe. Im Geiste gehe ich die Notfallprozeduren durch, wen rufe ich an, wenn ich nicht weiter komme. Aber das mache ich sogar auf der Autobahn. Da denke ich immer vor mich hin auf der Rückfahrt, ach, jetzt komme ich in ein europäisches Krankenhaus, jetzt in ein deutsches, und jetzt sogar in ein Wiesbadener Hospital. Das war schon immer so. Und noch nie musste ich es in Anspruch nehmen.

Warum bin ich eigentlich hier? Ich habe schon immer nach einer Abkürzung gesucht, von Skoura ins Dratal. Und ich hoffte, dies sei eine. Hassan im 123Soleil meinte, kein Problem, 3 Stunden und du bist da. Ist nicht schwierig. Wie oft habe ich ihn heute schon verflucht.

Aber zurück auf die Piste.  Irgendwann bin ich tatsächlich mal auf 2.000 Meter Höhe angekommen. Eines ist klar, egal was passiert, es geht nur vorwärts weiter, diese Piste fahre ich nicht zurück. Zum Lenken bräuchte man beide Hände, aber ich muss das GPS halten, da ich die Halterung vergessen habe, muss ins Diktiergerät die Beschreibung der Strecke sprechen und poste dazwischen Fotos der Berge in Facebook. Multitasking, hier ist es. Zum Glück bin ich eine Frau.

Drei französische Geländewagen kommen mir entgegen, zum Glück an einer Stelle, wo die Piste recht breit ist. Der Führer wohl ein Profi, der hier öfter fährt. Er meint, es kommt noch schlimmer. Aber die Landschaft sei traumhaft. Na danke, das muntert ungeheuer auf. Dann kommen Endurofahrer. Ich stoppe bei jedem, damit sie auch sicher vorbei kommen, der erste teilt mir mit, dass es ein Begleitfahrzeug gibt. Natürlich hoffe ich an jeder breiten Stelle, dass es nun kommt, aber leider nichts. Dann sehe ich eine weite Pistenanfahrt auf einen Berghang vor mir, der Abgrund immer dicht dabei. Kein Fahrzeug, also los. War ja klar, dass es genau hier kommen musste. Wir bleiben beide stehen, der andere findet eine Stelle zum Ausweichen und sein Kollege winkt mich vorsichtig vorbei. Es geht immer irgendwie.

Dann steht ein Junge vor einem Steinhäuschen. Ich vergewissere mich, dass ich auf der richtigen Piste bin, viele Menschen zum Fragen gab es ja nicht, und dann bittet er mich, dass ich ihn mitnehme. Aber gerne doch. Dann brauche ich an den nächsten Abzweigungen nicht zu überlegen. Aber die Freude währt nur 4 km, dann steigt er aus. An einer Stelle, die genauso einsam war wie die, an der ich ihn aufgelesen habe. Wo der wohl hin will?

Ich kann kaum glauben, dass ich tatsächlich irgendwann ankomme. Ich hatte es mir völlig offen gelassen, ob ich nach Nekob fahre oder nach Agdz. Ich erreiche die neue Teerstraße, die links vom Dra durch die Dörfer geht. Wenn ich rechts abbiege komme ich nach Agdz, das soll es also sein. Es ist Freitag, gegen 13:30 Uhr, der Muazzin ruft, die Menschen gehen zum Mittagsgebet. Und ich komme genau bei meinen Freunden in Agdz an, als die ganze Familie zum Couscous versammelt ist. Endlich mal wieder ein Familienessen, kein Restaurant. Angekommen. Richtig schön.

Tamtatouchte – am Rande des Abgrunds

In vielen Gemeinden Marokkos ist Trinkwasser knapp, oft wird für einige Stunden täglich das Wasser abgestellt, weil einfach nicht genügend da ist. Und die vielen neuen Hotels mit Duschen und Pool helfen da auch nicht gerade. Seit einiger Zeit wird deshalb bei Tamtatouchte ein Staudamm gebaut, er soll Tinerhir bis hin nach Nekob mit Wasser versorgen. Das bedeutet natürlich auch, dass viele Einwohner ihr Heim verlieren. Heute war ich in Tamtatouchte und habe mir das einmal angeschaut.

Wer durch die Enge der Todra-Schlucht hinauf Richtung Imilchil fährt kennt den weißen Marabut Sidi Mohammed Tmassin, er war damals, als die Strecke noch schwierige Piste war, eine feste Landmarke. Und genau bei diesem Marabut wird nun der Staudamm gebaut. Die Arbeiten werden noch vier Jahre dauern, ein Teil der Straße ist schon verlegt worden. Noch steht der Marabut, aber man kommt nicht mehr direkt daran vorbei. Von diesem Marabut aus wird dann Tamtatouchte überflutet werden. Der Ort ist sehr hügelig, deshalb trifft das nur die tiefer gelegenen Stellen.  Dazu gehört am Ortsanfang die schöne Kasbah Les Amis meines gut deutsch sprechenden Freundes Mohammed, sowie danach das Hotel Essalam. Der altbekannte Camping und Auberge Baddou kann bleiben, und den Vogel wird voraussichtlich die Auberge Bougafer abschließen. Schon jetzt hat sie ja von ihrem Campingplatz eine wunderbare Aussicht, auf den Ort mit seinen alten Lehmburgen und die im Frühjahr tiefgrünen Felder. Aber genau diese Felder, Lebensgrundlage der Einwohner, und 140 Dorfhäuser fallen dem Staudamm zum Opfer, und auch die alte Moschee. Die wird auf einem höher gelegenen Teil neu gebaut werden, und daneben werden dann auch die Überreste des Marabut Sidi Mohammed Tmassin beigesetzt werden, in einem schönen neuen Häuschen. Und Bougafer wird dann direkt an den Stausee angrenzen, ich sehe schon vor mir, wie man ein paar Treppen herab steigt und mit dem Boot fahren kann.

Die Einwohner sind zwar nicht glücklich, haben sich aber weitgehend mit der Notwendigkeit abgefunden. Noch weiß keiner so recht, wie es weiter geht, ob sie neue Grundstücke zugewiesen bekommen oder einfach nur eine Entschädigung gezahlt wird. Mohammed rechnet damit, dass es selbst nach Fertigstellung des Staudamms 2022 noch einige Zeit dauern wird, bis die Häuser wirklich geflutet werden, denn dazu ist ein heftiger Regen notwendig, und der kommt nicht alle Jahre.

Am Marabut beginnen die Arbeiten

Diese Ortseinfahrt und die herrlichen grünen Felder sowie die Häuser dahinter wird es nicht mehr geben.

Und von der Auberge Bougafer wird man dann statt auf das herrliche Tal auf den See blicken können.