Rudolf F. Staritz

Seit Wochen bin ich nun schon mit dem Thema Familiengeschichte und Kriegstagebücher beschäftigt. Es erfüllt mich vollkommen und ich möchte einfach mehr über die Tätigkeit meines Vaters bei der Abwehr erfahren. Er hatte wenig darüber erzählt und ich habe auch nie gefragt, zunächst war ich zu jung dafür und später gedanklich doch sehr weit von meiner Familie entfernt. Doch nun nach der vollständigen Entzifferung der Tagebücher tauchen Fragen auf, und niemand ist da, um sie zu beantworten. Der Krieg brach 1939 aus, wer ihn noch als Soldat erlebt hat, müsste also spätestens 1920 – 1923 geboren sein und wie viele gibt es davon heute noch? Und sind auch noch in der Lage zu erzählen.
Ich suchte das Internet ab, fragte nach im Forum der Wehrmacht, aber wirklich handfeste Informationen fand ich nicht. Ja, es gab einen Organisationsplan. Aber was haben die Funker wirklich gemacht. Canaris, der berühmte Abwehrchef, ist in aller Munde, aber was hat so ein kleiner Funker gemacht? Mein Vater durfte darüber in seinen Tagebüchern ja nichts berichten. Und im Forum gibt es alle möglichen Informationen, aber über die Abwehr, nichts.
Ich war entmutigt und suchte mit immer neuen Schlüsselwörtern. Und traf irgendwann mit einer Kombination, die ich nicht mehr nachverfolgen kann, auf eine PDF-Datei von Rudolf F. Staritz. Das war es! Eine 100seitige Abhandlung über die Technik und Verfahren der Spionagefunkdienste. Das war genau das, was ich suchte und hier waren endlich die Orte genannt, die ich aus dem Tagebuch kannte. Berlin – Stahnsdorf zum Beispiel als Hauptstelle. Ich war begeistert und konnte anhand dieses Textes entsprechende Fußnoten in das Tagebuch einfügen, so dass die Leser nach mir besser Bescheid wissen, um was es eigentlich geht.
Doch je mehr ich mich darin vertiefte, desto mehr Fragen tauchten auf. Wie schön wäre es, wenn ich jemand fragen könnte. Wenn ich diesen Staritz fragen könnte. Auf der Internetseite gab es keinen Kontakt-Link. Aber ein Nachwort der Publikation war von Herrn Staritz selbst unterschrieben, mit der Angabe „Bamberg im April 2018“. Aha, es klingt blöd, aber man sagt sich unwillkürlich: da hat er noch gelebt. Und ein Blick ins Telefonbuch zeigt eine aktuelle Nummer.
Eine Stimme meldet sich, frisch, jung. Der Sohn? Ich frage: Herr Staritz? Ja sagt er.
Er ist es höchstpersönlich und topfit, 97 Jahre alt. Wir tauschen unsere Informationen aus und schnell stellt sich heraus, mein Vater und er waren zum gleichen Zeitpunkt am gleichen Ort. Er kennt zwar nicht den Namen, aber alles, wovon mein Vater so geschrieben hat. Rudolf Staritz ist nicht nur der letzte lebende Zeitzeuge der Abwehr, er war auch sein Leben lang an diesem Thema interessiert, hat recherchiert, Bücher geschrieben, Sammlungen aufgebaut. In zwei Wochen wird er in Berlin bei der ARD sein, um wieder einmal bei einer Dokumentation von seinen Erlebnissen zu berichten.
Ein Wahnsinns-Gespräch entwickelt sich. Und ganz klar ist er dringend an den Tagebüchern interessiert. Ich frage ihn, ob er einen PC hat. Hat er, sagt er, aber kein Internet. Bei dem, was er über die Spionage weiß, will er kein Internet im Haus haben. Aber sein Sohn hat einen Anschluss und ich schicke die Abschrift der Bücher an den Sohn. Morgen will sich Herr Staritz das durchlesen und er hofft, dass er sogar noch neue Informationen darin findet, die ihm bei der Dokumentation hilfreich sein können.
Noch immer haben wir ja einige Lücken in der Abschrift der Bücher. Keine kompletten Sätze, sondern einzelne Wörter, vor allem auch Namen, die auch meine hilfreichen Spezialisten nicht lesen konnten. Ich bin sicher, er kann es. Denn nicht nur kann er natürlich Sütterlin, er weiß auch die Hintergründe und kennt Namen. Ziemlich schnell schlage ich also vor, dass ich ihn besuche. Er freut sich sehr und meint, allzu lange darf ich damit nicht warten in seinem Alter. Meint, dass er zwar immer noch Auto fährt, aber nicht so lange Strecken. Das ist ja das Mindeste was ich tun kann, dass ich zu ihm fahre. Nun warte ich, bis er die Bücher gelesen hat, dann machen wir etwas aus. Ich bin ja so aufgeregt.

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