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5. Juni 2013 1001 Spa

Uschi feiert noch in diesem Jahr ihren 90. Geburtstag. Fiona studiert mit ihren gerade mal 19 Jahren bereits in Oxford. Manu hat in den letzten Monaten 40 kg verloren.
Was haben diese drei mit mir und den anderen acht Leuten zu tun, die zusammen an einem warmen Abend im Hotel Tazarkount sitzen und sich ein leckeres, in Manus Fall aber sehr mageres Essen, schmecken lassen?
Ich bin mal wieder auf meiner „Schönheitsfarm“ eingetroffen. Das Haus kannte ich bereits, als es noch Baustelle war, zusammen mit der Österreich Ilse bin ich hier herumgestiefelt und habe mir damals von Ilse ausmalen lassen, was sie so alles geplant hat. Damals hieß ihr Vorhaben noch Schönheitsfarm, heute jedoch sagt man Spa! Ilse hat Ende der 1980er ein ganz normales 4-Sterne-Hotel gebaut, es beherbergt hauptsächlich durchreisende Gäste, aber ein kleiner Bereich ist reserviert für „ihre Damen“, die durchaus auch Herren sein können. Wer einmal so richtig ausspannen will kommt für eine Woche her und lässt sich mal so richtig verwöhnen. Ein Bad in Eselsmilch, Wohlfühlmassagen mit Arganöl, Wassergymnastik und Kräuterfußbäder sind nur einige der Anwendungen, die man in der Erholwoche über sich ergehen lassen kann. Alles ist freiwillig, wenn Mohammed um 8.30 Uhr zur Gymnastik am Poolrand ruft ist dies kein Muss. Denn im Vordergrund stehen Entspannung und Erholung, nicht Stress. Aber dennoch hat Manu im letzten Herbst hier 6 Wochen verbracht und sich erfolgreich aufs Abnehmen eingestimmt, zu Hause hat sie weiter gemacht und bringt inzwischen 40 kg weniger auf die Waage. Nicht nur sie kommt immer wieder, auch die fast 90jährige Uschi war schon häufig da, allerdings begleitet von guten Bekannten, denn so fit sie ist, ganz allein würde sie nicht mehr auf die weite Reise nach Marokko gehen. Und auch alleinreisende Damen können sich hier absolut sicher fühlen, Ilse passt gut auf ihre Schäfchen auf.
Insgesamt sind 11 Damen und ein Herr da, und die meisten kommen regelmäßig ins schöne Afourer. Obwohl es in der Umgebung die beeindruckenden Wasserfälle von Ouzoud gibt oder den Stausee Bin-el-Ouidane, sind die meisten hier den ganzen Tag über im Hotel, denn es gibt ja eine Menge zu tun. Um 8.30 Uhr Gymnastik am Pool, dann Frühstück, um 10 Uhr warmes Kräuter-Fußbad, dann einzelne Anwendungen. Dazwischen bräunt man sich am Pool, der von einem duftenden Rosengarten umgeben ist und mittags wartet dort ein Barbecue mit frischen Salaten. Fünf Tibeter stehen danach auf dem Programm, gefolgt von Aqua-Gymnastik im geheizten Pool. Der Tag klingt aus mit der Hammam um fünf und einem Kräuter-Handbad. Dann hat man gerade noch Zeit, sich schön zu machen, bevor sich dann um 8 Uhr alle mit Ilse zum Cocktail treffen. Man sieht, volles Programm. Allerdings sieht man von Marokko recht wenig. Doch wo sonst hätte man ein solch angenehmes Klima und einen blühenden Rosengarten das ganze Jahr über.
http://marrakechtours.de/313.0.html?&L=0

24.5. Picknick

Es war noch einmal ein schöner Abschluss meiner Zeit in Marokkos Süden. Denn leider gehen auch drei Monate mal zu Ende und ich muss nun Richtung Norden aufbrechen. An diesem letzten Tag habe ich auf einen Kunden gewartet, der eine Reise bei mir gebucht hatte (danke Bärbel) und ganz allein mit einem Geländewagen und Chauffeur durch Marokko gereist ist. Wir hatten schon vorher, als ich die Reise für ihn zusammenstellte, einen netten Emailkontakt, wo der Wunsch aufkam, dass man sich doch mal persönlich kennen lernt, und so wartete ich nun in Agdz auf seine Ankunft. Am Tag zuvor stand in seinem Programm ein ganztägiges Trekking im Gebiet des Djebel Sarho und so war die Strecke für den heutigen Tag nur kurz, unterwegs war ein Picknick geplant. Ich rief den Chauffeur an und dirigierte ihn kurzerhand um, er soll doch gleich nach Agdz kommen und wir machen das Picknick zusammen.
Zunächst einmal aber gab es zum Empfang einen Tee in der Kasbah und Dieter war bereits total begeistert von dem Charme des Gebäudes. Dann fuhren wir zu dem „Piscine naturelle“, den ich zusammen mit Kamal entdeckt hatte. Der Chauffeur Khalid bereitete unser Picknick zu. Mir ist aufgefallen auf dieser Reise, dass viele Agenturen für eine solche Tour einen Fahrer und einen Guide einsetzen und sogar manche, wenn es unterwegs ein Picknick gibt, auch noch einen Koch. So traf ich tatsächlich unterwegs einen Minibus einer deutschen Agentur mit diesen drei Mitarbeitern, die nur ein einziges Ehepaar kutschierten. Also ich muss sagen, dass meine Methode des Mädchens für alles die bessere ist (und auch kostengünstiger). Wenn zwei, drei Einheimische zwei Touristen fahren ist es ganz natürlich, dass die Einheimischen sich viel in ihrer Sprache unterhalten. Wenn es aber nur den Fahrer gibt muss er sich automatisch immer mit dem Gast unterhalten und die meisten meiner Kunden kommen zurück und sind vom Fahrer begeistert, sagen, er ist mein Freund. Auch wenn unsere Fahrer kein Deutsch sprechen, sondern höchstens ein wenig englisch. Und auch Dieter kommt und begrüßt zunächst alle in Arabisch, mit der ganzen Abfolge der Fragen, die zu einer solchen Begrüßung gehören, das hat ihm Khalid schon alles beigebracht.
Wir verbringen den ganzen Nachmittag an dieser herrlichen Stelle, keiner hat Lust aufzubrechen und wir erzählen endlos. Doch einmal müssen wir doch zurück, vor allem, weil ich ja Dieter noch die weite Anlage der Casbah des Arts bei gutem Licht zeigen und die Geschichte erklären möchte. So machen wir es und kurz vor Sonnenuntergang gehen wir dann auch noch in die gegenüberliegende Kasbah Caid Ali, um den geschichtlichen Exkurs abzuschließen. Halt, abgeschlossen haben wir das ganze natürlich erst mit dem guten Abendessen, das uns Mohammed mal wieder gekocht hat. Denn in der Casbah des Arts ist auch das Essen sehr gut und reichhaltig. So ging ein schöner Tag zu Ende und gleichzeitig leider auch meine Zeit in Marokkos Süden, morgen geht es erstmal nach Ouarzazate.

Viele Tage auf einmal

3.5.
Heute will ich eine neue Route erkunden, überwiegend Asphalt, aber auch ein Teil Piste. Das ist immer ein Abenteuer, wenn man überhaupt nichts über die Strecke weiß. Von Midelt aus geht es zunächst wieder Richtung Er Rachidia, hinter dem Parc N’Zala aber dann rechts ab auf eine neue Asphaltstraße nach Zaouia Sidi Hamza. Bis dorthin sind es 25 km Teerstraße und daher leicht zu finden. Der Teer endet bei dem kleinen Ort mit einer berühmten Sufi-Bibliothek, ich habe auch einen Zettel mit dem Namen des Wächters, aber die Bibliothek ist zu und ich kann nichts erreichen. Desto schöner ist es jedoch, durch das kleine, halb verfallene Dorf zu schlendern. Sidi Hamza ist nicht nur für seine Bibliothek berühmt, sondern auch für seine ausgefeilte Kanalisation. Schon seit Jahrhunderten wird das klare Bergwasser in schmalen Kanälen durch die Häuser geleitet, eine große Erleichterung für die Frauen. Viele Häuser stehen leer, eine Frau lädt mich sofort zum Tee ein. Überhaupt sind alle sehr freundlich hier, am Ende der Straße wurde ich darauf aufmerksam gemacht, dass es nicht weiter geht und wie ich die Piste nach Ait Yacoub finde. Touristen scheinen wirklich niemals hierher zu kommen.
An dem Pistenabzweig sitzen ein paar Männer und ich erkundige mich bei ihnen nochmals, alles in Ordnung, es ist die richtige Piste. Und sie macht auch keine Schwierigkeiten, weder von der Navigation noch vom Straßenzustand. Dennoch würde ich kein Wohnmobil hier fahren lassen. Es geht immer entlang eines wunderschönen Oueds, ein kleines Stück geht es auch durchs Flussbett, sehr reizvolle Landschaft. Der nächste größere Ort ist Ait Yacoub, und die Verbindung von dort zur Asphaltstraße Rich – Imilchil ist schon fast fertig geteert. Das Abenteuer war also gar keins.
Das könnte sich aber noch ändern, denn je näher ich Imilchil komme desto schwärzer wird der Himmel, das Thermometer sinkt bis auf 5 Grad und in der Ferne zucken Blitze. Hagel- und Schneesturm voraus. Ich verzichte auf Imilchil, dort habe ich eh nichts zu tun, biege vorher auf die gute Asphaltstraße nach Ait Hani und zur Todraschlucht ab und direkt nach der Abzweigung geht’s los. Dicke Hagelkörner. Aber eh ich mich’s versehe stehe ich in Almerou vor dem Haus einer Familie, die ich vor 25 Jahren kennengelernt habe. Ein paar kleine Jungs schauen zur Tür hinaus, wissen natürlich nicht, wer ich bin, winken mich aber herein. Machen ein Zeichen, ich soll mit ihnen essen.
Drinnen ist die Schwiegertochter inmitten der Kinderschar, sie erkennt mich sofort. Als ich das erste Mal zu Gast war, wäre sie noch ein Nachbarskind gewesen, aber im Verlauf der 25 Jahre hab ich ab und zu mal kurz hereingeschaut. Da niemand französisch spricht nimmt sie das große Bild ab, das noch immer einen Ehrenplatz an der Wand hat. Ich hatte es ihnen damals geschenkt mit Fotos von der ganzen Familie. Und nun bekomme ich von jedem gezeigt, wo er sich aufhält, den Vogel abgeschossen – in ihren Augen – hat die Tochter, die nach Nador geheiratet hat. Die Schwiegertochter fragt Alemania msien (gut)? Ich nicke und sage Maghrebia msien! Almerou msien. Sie schüttelt sofort den Kopf und gibt mir zu verstehen, dass Almerou nicht msien ist.
Ich kann das nachvollziehen. Die große Familie mit Eltern, unverheirateter Tochter, Sohn, Schwiegertochter und sieben Kindern lebt in einem Häuschen, das im Erdgeschoss nur Lager hat, der erste Stock ist über eine Treppe mit sehr hohen Steinstufen zu erreichen, dort ist in der Diele die Küche und davon ab gehen zwei Räume. Punkt. Zum Glück gibt es nun Strom, aber kein fließendes Wasser. Der Familienraum wird mit einem kleinen Öfchen geheizt, wofür die Frauen in langen Märschen die trockenen Wurzeln suchen mussten und dann in einem schweren Haufen auf dem Rücken heimgeschleppt haben. Im zweiten Raum, dem Salon, habe ich vor Jahren mit der ganzen Familie zusammen auf dem Boden geschlafen, einer neben dem anderen.
Nacheinander trotten die Familienmitglieder ein, sie waren beim Freitags-Gebet, zuletzt der Vater, der sich sehr freut. Es fehlen der Sohn, der den familieneigenen Lastwagen fährt, sowie die drei ältesten Enkelkinder, die in der Schule sind, zwei davon auf dem College in Imilchil.
Sehr interessant ist es, die Familienzusammenhänge zu studieren. Die A…Karte hat ganz klar die unverheiratete und auch etwas hässliche, aber sehr freundliche Tochter gezogen. Ihr obliegen die meisten Arbeiten. Sie kümmert sich nun vor allem ums Essen. Die Schwiegertochter um die jüngsten Kinder (ca. 1 und 2 Jahre), wobei das Kleine noch die Brust bekommt und gerade dabei ist, sich aufzurichten und zu laufen. Die Mutter macht natürlich nichts, das hat sie verdient, denn sie war früher immer diejenige welche. Nun darf sie sich ausruhen. Und der Vater ist der Pacha. Sobald das Geräusch seines Autos ertönt war (ja, er hat eins), wurde der kleine Ofen angezündet, damit er’s schön warm hat.
Einer der Jungs bringt die Schüssel zum Händewaschen und die zweijährige Khadija reicht mir ganz stolz das Handtuch. Eine Schale mit herrlich duftendem Tajine wird hereingetragen, natürlich von der Jungfer. Es setzen sich zum Essen: Vater und Mutter, Gast und die zwei kleinen Söhne. Die kleine Khadija hat noch alle Freiheiten, sie darf hier essen oder später mit der Mutter, ganz wie sie will. Zum Glück kenne ich die Etikette, also nehme ich nur Soße mit Gemüse, kein Fleisch. Das teilt der Vater zu gegebener Zeit zu. Dieser Moment ist gekommen, als ich mich satt zurücklehne. Mir wird ein Hühnerschenkel vorgelegt. Ich schätze schnell die unter dem Gemüse versteckte Fleischmenge ab, reiße mir ein paar Bissen ab und sagen dann: lächlif, so etwas wie: Vergelts Gott. Das wird akzeptiert, nun bekommen auch die anderen Fleisch zugeteilt. Als alle um die Schale sich satt zurücklehnen kümmern sich Tochter und Schwiegertochter um die Reste.
Das war mal wieder ein richtig schönes Erlebnis. In meinen ersten Marokko-Jahren hatte ich davon sehr viel mehr und habe auch oft die Einladung zur Übernachtung akzeptiert, aber man wird älter und bequemer, und ich kenne es nun ja. Da gehe ich doch lieber in ein schönes Hotel mit warmer Dusche und Zimmer zum Abschließen. Ich weiß ja auch noch aus Erfahrung, dass man in Almerou, sollte man zur Toilette müssen, entweder ein weites Gewand braucht, das alles verdeckt, oder man wartet bis es dunkel ist. Es ist ein Tausend-Sterne-Klo in der weiten Natur.
Nach Almerou geht eine sehr gute Straße, die zu bauen auch sehr lange gedauert hat, durch ein schönes, fruchtbares Flusstal. Oft laufen mir Kinder hinterher, betteln, möchten, dass ich anhalte. Aber das schöne ist, dass ich weiß, diese Kinder sind so nur zu Fremden. Sobald man in die Familie kommt, dazu gehört, sind sie ganz brav. Und dann auf dem 2.600 m hohen Pass kommt mir eine ganze Nomadenfamilie entgegen. Bestimmt 20 Kamele tragen die Habseligkeiten, Zelte, Stangen, Teppiche. Die Esel tragen das Kleinzeug, obenauf sitzen die Hühner. Schafe und Ziegen folgen und natürlich auch die Familienangehörigen. Ich mache ein Foto, aber ich stoppe auch und gebe ihnen eine Kleinigkeit, sie sehen wahrlich nicht reich aus. Ich würde gerne mehr Zeit haben, um auch diese Menschen besser kennenzulernen.
Und dann bin ich im Les Amis in Tamtatouchte. Wahrlich bei Freunden!

4.5. Kontrastprogramm
Heute bin ich in Tinerhir angekommen, wo ich in der Kasbah Lamrani wohne. Sie gehört einem hiesigen Teppichhändler und seinem Bruder, den ich schon seit Jahren kenne und daher werde ich von ihm zum Abendessen mit seiner Familie eingeladen. Dieses Essen könnte kein größerer Kontrast zu dem gestern in Almerou sein und dazwischen liegen ca. 150 km. Ali holt mich in seinem Geländewagen vom Hotel ab und wir fahren zu seinem Haus, ein schicker Neubau in der besseren Gegend von Tinerhir direkt neben der Moschee, wohin Ali erst noch kurz entschwindet. Ich hatte seine Frau Latifa bereits vor zwei Jahren kennengelernt, eine scheue, hübsche junge Frau, sie spricht aber kein Französisch. Und sie verlässt auch nur selten das Haus. Die drei Kinder sind wohlerzogen, Larbi etwa 10, spricht Französisch und übersetzt für mich, die Mittlere, Name vergessen, ist ziemlich müde und schläft auf dem Sofa im eleganten Salon ein. Das Herzchen ist die kleine, vierjährige Douria, ganz süß, blinzelt vergnügt, hängt immer irgendwie an der Mutter, hat lustige Spängchen im ordentlich gekämmten Haar und zeigt stolz ihr Buch aus der Vorschule, wo alle möglichen Gegenstände aus dem Alltagsleben mit dem französischen Wort bezeichnet sind. Sie zeigt mir später darin die Gemüse, die im Couscous verwendet wurden.
Während Ali noch in der Moschee ist lüftet Latifa die Spitzentischdecke von dem runden Tisch, auf dem große Schalen mit süßen Leckereien stehen. Schalen mit einem Durchmesser von bestimmt 60 cm prall gefüllt mit den köstlichsten Marzipanplätzchen, Nüssen, Datteln, was das Herz begehrt. Dazu gibt es Tee. Larbi schaltet den Plasmafernseher ein und reicht mir als Zeichen der Höflichkeit die Fernbedienung. Im Satellitenprogramm gibt es hunderte Sender, aber ich verzichte dankend. Daraufhin wählt Larbi etwas aus und er hätte es besser nicht machen können. Eine Dokumentation über einsame Berggegenden in Marokko, in Arabisch mit französischen Untertiteln. Ein Film, den ich mir liebend gerne noch mal in Ruhe anschauen möchte. Darin wird auch das Leben einer Berberfamilie gezeigt, die Leute sitzen so zum Essen zusammen, wie ich das gestern in Almerou tat. Larbi ist bass erstaunt. So etwas hat er noch nie gesehen. Er schaut genauso fremd darauf, wie man das bei uns in Deutschland tun würde. Der Familienvater wird gezeigt, der gerade auf Raten seinen kleinen, altmodischen Fernseher mit Schüssel für 1.000 DH angeschafft hat. Er zahlt nun jeden Monat ab, was er gerade kann. Warum hat er ihn gekauft, fragt der Reporter. Er meint, für die Kinder. Es sei einfach obligatorisch. Auch seine Frau, eine Berberin, schaut gebannt auf den flimmernden Kasten. Sie versteht jedoch kein Wort, denn sie spricht nur ihre Berbersprache. Andere Frauen werden erwähnt, die ihre Männer bitten, die Eier der familieneigenen Hühner auf dem Markt zu verkaufen, um Spielfilme auf CD anzuschaffen, der Reporter kritisiert das, denn die Nahrung dieser Eier würde so den Kindern fehlen. Also ein wirklich interessanter, kritischer Film und für den jungen Larbi hätte er auch in China aufgenommen sein können. Leider ist er bald zu Ende und ich traue meinen Augen nicht. Als nächstes folgt die marokkanische Version von DSDS.
Der Vater kommt nach Hause und diesmal kommt kein Kind mit einer Waschschüssel zum Händewaschen, sondern ich werde ins Bad geführt. Ich hatte Ali ganz klar gesagt, dass ich kaum etwas esse und er um Gottes willen nicht so viel auftischen sollte wie beim letzten Mal. Er verspricht, nein, nur einen kleinen Couscous. Doch zunächst folgen kleine Schälchen mit Salat und eine große Schale mit gegrillten Fleischspießen, wobei mir nicht klar wird, wer die wo gegrillt hat. Alle setzen sich um den Tisch, auch Latifa, wenn sie nicht schnell mal in die Küche laufen muss, aber das würde ich ja auch so tun.
Mir werden unaufhörlich Spieße gereicht, das Fleisch ist wirklich lecker und zart und es ist nicht leicht, dem endlich ein Ende zu machen. Sobald alle satt sind und sich zurücklehnen wird jedoch abgeräumt und die Schale mit Couscous kommt, auch das keine kleine. Und irgendwann bin ich doch wieder so rundum satt, wie ich eigentlich nicht wollte und werde zurück ins Hotel gefahren. Habe leider keine Fotos gemacht.

7.5.
In früheren Jahren kam ich vor allem nach Marokko, um die wunderschönen Pisten hier zu fahren. Heute gibt es davon ja nur noch wenige. Auf Pisten hat man zwangsweise einen anderen, innigeren Kontakt zu den Menschen und der Natur, da man langsam fahren muss. Heute hatte ich mir eine Strecke vorgenommen, die zu früheren Zeiten sehr schwierig war. Nicht nur einmal hatte ich auf dem spitzsteinigen Felsanstieg, comme les escaliers, wie man hier sagt, einen Platten und einmal musste ich sogar am Pistenrand übernachten. Doch heute sind von der anspruchsvollen Verbindung von der Dades- zur Todraschlucht nur noch 40 Pistenkilometer übrig geblieben und die sind nicht allzu schwer. Und dennoch, diese 40 km haben mir wieder interessante Eindrücke gegeben durch drei unterschiedliche Erlebnisse.
Zunächst einmal begegnete mir auf der schmalen Piste eine Nomadenfamilie, die ihre Habseligkeiten auf die verschiedenen Tiere geladen hatte und zu einem neuen Standplatz unterwegs war. Jetzt im Frühjahr ist die große Zeit des Wanderns zu den besseren Weideplätzen. Darunter war ein alter Mann, der auf einem Esel ritt. Ich hielt an, um ihn besser vorbei zu lassen, grüßte höflich. Er grüßte zurück und machte aber ein Zeichen dafür, dass er Geld wollte. Das hat mich sehr beeindruckt. Kinder und Jugendliche fragen mal nach Geld, Bettler, aber alte würdevolle Familienväter tun das meist nicht. Wenn er danach fragte, dann muss es reine Not sein. Ich gab ihm nichts, diese Gedanken gingen mir auch erst danach durch den Kopf. Ich denke, die Nomaden gehören hier schon zu den Ärmsten.
Die nächste Station war ein Bergüberhang, unter dem sich schon immer eine Nomadenfamilie häuslich eingerichtet hat, es gab sie (oder andere) schon, als ich vor 20 Jahren hier fuhr. Hier kamen die Kinder und auch eine junge Frau mit Baby ans Auto gelaufen, fragten nicht unbedingt nach Geld, zeigten aber schon durch ihre Anwesenheit, dass sie etwas haben wollten. Teils durch das Erlebnis davor, teils aber auch weil ich noch Kindersachen dabei hatte, gab ich ihr eine Kleinigkeit. Ich predige selbst in meinen Büchern, dass man am Wegesrand nichts verschenken soll, nicht ohne Gegenleistung. Aber ich denke, alle, die in Marokko unterwegs sind, kennen auch die Zwickmühle, in der man sich befindet. Man möchte doch eben etwas geben, möchte helfen.
Wieder einige Kilometer weiter, nach der Passhöhe, von der man schon Tamtatouchte herrlich in der Ferne liegen sieht, kam ich an ein kleines Café und hielt an. Ich wurde sehr freundlich empfangen. Hier lebt eine 11-köpfige Familie, die dieses kleine Haus mit Aussichtsterrasse, einem Salon, Küche und WC gebaut hat, um die Familie irgendwie durchzubringen. Sie sind super nett, machen spontan Musik auf selbst gebauten Gitarren. Ich habe nur einen Orangensaft getrunken, aber sie bieten auch Essen an. Und da dachte ich mir, das ist doch die richtige Lösung. So macht es die Familie richtig, dass sie eine sinnvolle Erwerbsmöglichkeit sucht statt zu betteln. Und der Tourist macht es richtig, wenn er hier einkehrt, eine Kleinigkeit verzehrt und so der Familie hilft. Sie bewahrt so ihren Stolz und gibt auch den Kindern ein gutes Vorbild.

9.5.
Ich muss sagen, der Tag heute endet irgendwie unwirklich, pervers. Ich sitze mitten in der knallheißen Wüste in einer schicken Bar, trinke einen eisgekühlten Gris und im TV läuft ein vermutlich französischer Film mit Untertiteln in Arabisch und Englisch über Leni Riefenstahl und die Nazizeit. Ich bin so perplex, dass ich kaum noch mehr schreiben kann.
Dabei fing der Tag ganz normal an. Nachdem ich gestern Nachmittag vollkommen erschöpft und fast orientierungslos in Zagora im Perle du Draa ankam drückte mir Hassan ganz einfach einen Zimmerschlüssel in die Hand, ließ mein Gepäck hinauf bringen und das wars im Wesentlichen für den Tag. Ich war am Morgen die Piste über den Jebel Sarho gefahren, wunderschön, aber die allein hätte mich nicht so fertig gemacht. Es war wohl eher die Tatsache, dass ich nun seit zwei Monaten täglich etwa 16 Stunden arbeite, fahre, recherchiere, rede, schreibe, ohne eine Minute des Ausruhens, des Rastens, des Alleinseins. Wenn ich abends in einem Hotel ankomme dann kümmert sich immer der Hotelbesitzer sehr nett um mich, er meint es gut, ich erfahre auch immer sehr wertvolles, aber irgendwann ist es auch einfach zu viel. Ich brauche eine Auszeit. Ich habe die Wahl zwischen Mhamid und Foum Zguid. An beiden Orten Freunde, die mich gerne ein paar Tage aufnehmen. Und vielleicht auch zu mir kommen lassen.
Ich entscheide mich für Foum Zguid. Sicher auch deshalb, weil dort das schönere Hotel ist. Ich empfinde es inzwischen fast als der Inbegriff einer Wüstenetappenstation. Piste heißt Hitze, Schweiß, Anstrengung, Staub. Nach einer Pistenfahrt will man ankommen, duschen, ein eiskaltes Bier zischen, relaxen. Wo könnte man das besser als im Bab Rimal. Ich schwimme in dem großen Pool und bin dabei nicht die Einzige, denn die Vögel sind in der weiten Wüste glücklich über diese Wasserquelle. Einige große Ameisen kostet der Drang nach Wasser das Leben. Mein Autothermometer zeigte heute 39 Grad an. Auf dem Weg hierher habe ich unter einer Akazie Halt gemacht und einfach nur den Augenblick genossen. Es wird mal nicht gearbeitet.

10.5. Dust und Diesel oder … Maktoub
Es gibt hier eigentlich keinen Tag, an dem nicht zumindest eine winzige Kleinigkeit berichtenswert wäre. Heute war so ein Tag. Er plätscherte so dahin, durchaus gewollt, denn ich musste mich ja endlich mal ausruhen. Abends wieder ein schöner Ausklang zusammen mit ein paar Bekannten bei einem Glas Gris. Wieder eiskalt im heißen Foum Zguid. Gegen 21 Uhr bekam Naji dann einen Anruf: eine Gruppe Deutscher am Ende der Piste von Chegaga und ein Wagen war zusammengebrochen. Naji witterte Kunden für sein Hotel, ich hörte nur Deutsche. Also Autoschlüssel gezückt und nichts wie hin. Direkt dort, wo die Piste auf Asphalt mündet, stand eine Gruppe von Mercedessen. Zumindest überwiegend. Ich stieg aus und fragte: „Das ist doch nicht etwa Dust and Diesel“. Sie: Ja klar!“ Ich: „Wo ist Flori?“ „Hier ist er!“ Kaum zu glauben, die Gruppe Dust and Diesel, die jedes Jahr nach Mauretanien fährt, um dort ihre Fahrzeuge für einen guten Zweck zu verkaufen und die natürlich auch hier im Forum vertreten ist. Wenn das nicht Maktoub ist.
Flori hatte alles im Griff. Der Werkstatt-LKW war schon am Ziel bei den Kaskaden von Tissint, der zusammengebrochene Wagen sollte dort hingeschleppt werden. Einige schrieen nach einem kalten Bier, was sie bei Naji bekommen hätten. Aber keine Chance, Flori dirigierte seine Leute mit starker Hand ab in die Wüste. Ich konnte ihm gerade noch so eben ein paar Bücher für Idoumou mitgeben.

im Sandkasten

Diesmal erlebe ich den Erg Chebbi wieder ganz anders. Es sind unglaublich viele Touristen hier, so viele habe ich noch nie gesehen, und sehr viel mehr als in Mhamid/Chegaga. Ich habe immer gegen der Bau der vielen Hotels geschimpft und die Ruhe des Erg Chegaga hervorgehoben, aber diesmal sehe ich es anders. Sicher sind nicht alle Herbergen ausgebucht, aber einige schon und die anderen haben ganz gut zu tun. Die Betten werden gebraucht.
Der ganze Erg Chebbi ist eine riesige Spielwiese für Jungs, ein einziger großer Sandkasten. Nirgendwo sonst ist das Dünenmeer so einfach erreichbar, man kann über gute Straßen im komfortablen Fahrzeug direkt bis in den Sand fahren, kann dann umsteigen auf was immer man möchte, Kamele, Quads, Enduro oder Geländewagen und bekommt das Wüstenerlebnis direkt und ohne Umstände serviert. Die Auberges sind komfortabel, die Biwaks nur wenige Kamelschritte entfernt. Die meisten Gäste bleiben mehrere Tage. Und die Jungs, die hier arbeiten, bieten eine tolle Atmosphäre mit ihren blauen Gandoras und mächtigen Chechs. Einerseits sind sie keine Hoteliers, sondern immer noch Nomaden ganz hinten in ihrer Seele, andererseits machen sie das ganze total professionell und viel besser als in Mhamid. Auch viele Biwaks sind hier noch ursprünglicher, authentischer als am Erg Chegaga, wo man inzwischen zu immer mehr Luxus übergeht. Und am Abend trommeln und singen sie sich die Seele aus dem Leib. Fast die perfekte Wüstenferienmaschinerie, die hier abgeht. Nur Dunkelheit, um die Sterne zu sehen, Stille, um die Wüste zu spüren, leere Weite, um mit den Kamelen zu gehen, die gibt es nicht mehr. Die findet man am Erg Chegaga.

27.4. Erg Chebbi mit Ali

Ich staune hier immer wieder über die Bedürfnislosigkeit der Menschen. Ali hat eine wunderbare Auberge aufgebaut, hat die Zimmer sehr schön eingerichtet, mit Teppichen und Tüchern dekoriert, sie sind geräumig, haben auch einen Wandschrank und ein ordentliches Bad. Der Innenhof ist am Abend romantisch von Laternen beleuchtet. Ali hat Geschmack bewiesen. Man müsste davon ausgehen, dass er auch für sich selbst ein kleines Reich geschaffen hat, ich zumindest hätte das getan. Doch als ich heute Morgen in dem langen Salon schon über eine Stunde bei der Arbeit sitze, klingt plötzlich ein „Guten Morgen“ an mein Ohr. Ich schaue mich um, erblicke zunächst niemanden. Dann aber, ganz am Ende des Salons, sehe ich Ali, in Gandora und Chech wie schon seit Tagen, auf den Sitzpolstern liegen und noch halb schlafend. Er ist einfach noch immer der Nomade, als der er geboren wurde.
Aber was er hier geschaffen hat beeindruckt mich wirklich. Dieser Junge, den ich Haschisch rauchend und auf Touristen wartend vor 20 Jahren kennengelernt habe, hat dies alles zusammen mit seinem Bruder aufgebaut. Diese Herberge läuft, hier klappt alles, es ist sauber und ordentlich. Und auch an Gästen mangelt es nicht. Heute sind allein 25 Personen im Biwak, eine ebenso große Gruppe kommt zum Abendessen, Musiker aus Khamlia spielen dazu, eine Joga-Gruppe bezieht die Zimmer, französische Motorradfahrer springen noch spät in den Pool, und spätabends wird noch eine Gruppe Portugiesen erwartet, die erst an diesem Tag in Marokko eingetroffen sind und den weiten Weg bis nach Merzouga mit eigenen Geländewagen zurücklegen wollen. Aber dennoch hat man hier nie den Eindruck einer Gruppenabsteige, obwohl die 35 Zimmer um die 100 Leute aufnehmen können. Vielleicht auch, weil hier keine Bustouristen ankommen, sondern zumeist Gruppen von Geländewagenfahrer und Rallyes. Und auch das Büffet ist einfach grandios. Das ist kein Kantinenessen, hier ist alles so lecker zubereitet und aufgebaut, als wurde für jeden Gast einzeln gekocht. Und Ali braucht sich nicht zu kümmern. Er hat die drei Tage ganz für mich reserviert und sein Bruder und die Angestellten machen das hervorragend.
Wir sind am Morgen die Piste vom Erg Chebbi nach Norden gefahren. Aber dann doch nicht Richtung Boudenib wie vorgesehen, sondern wir haben einen weiten Bogen nach Erfoud geschlagen. Und dies war eine der schönsten Strecken, die ich in dieser Gegend je gefahren bin. Die Wüste zeigt alles, was sie zu bieten hat. Kleine, rotgoldene Sanddünen, winzige Oasen mit wenigen saftig grünen Dattelpalmen, einsame Reg-Ebenen, oleanderbewachsene Schluchten, dazwischen ein kleiner, steiniger Pass, kaum Bewohner, null Verkehr, viele Militärposten, die die nahe Grenze zu Algerien bewachen. Die Strecke stellt Ansprüche an den Fahrer, aber mein Land Rover bleibt nicht stecken.
Und dann endlich mal ein Picknick. Wir haben uns eine schöne Stelle ausgesucht, mit ein wenig Schatten, und Ali hat wirklich alles dabei. Nicht so ein Edith-Picknick mit Brot und La Vache qui rit, nein, es gab gegrillte Kefta, die in eine geröstete Brottasche mit Zwiebeln und Tomaten gesteckt wurden, ganz lecker. Dazu Rotwein und zum Nachtisch Orangen. Als Zuschauer hatten wir Kamele, die die grünen Spitzen der Bäume abknabberten und uns in die Ohren schmatzten. Und das Wetter war einfach Spitze. Sonnig, heiß, aber nicht zu heiß. Drei Nomadenkinder kamen vorbei und schauten zu. Das hier ist eine Strecke, wo wirklich wenig Bewohner kommen, sie haben nicht gebettelt, und das wird belohnt. Ich drücke ihnen mit Alis Einverständnis ein paar Kindersachen und Bonbons in die Hand und sie ziehen still ab, sind ganz liebe Kinder und wir können in Ruhe unsere Pause genießen.

16. – 24.4.

16.4.
Bubsche emanzipiert sich! Ganz langsam erobert er sich seinen Platz. Zunächst hat er sich nur in der Nähe des Verschlages aufgehalten, lief selbst mir nur in einem begrenzten Rahmen nach. Aber er wurde immer mutiger, dehnte seinen Radius immer mehr aus. Die Katze muss weichen oder ihn zumindest akzeptieren. Heute waren sie beide am Tisch. Aber ich füttere Bubsche nicht direkt am Tisch, dennoch steht er davor und sieht mich halb verhungert an. Und morgens nach Sonnenaufgang bellt er herausfordernd, so wie: steh gefälligst auf und gib mir was zu fressen.
Morgen reise ich ab, das Personal hat versprochen, ihn zu füttern. In einigen Tagen komme ich nochmal zurück und will sehen, wie es steht. Bisher war jeden Tag ein Kind hier im Hotel zu Gast und hat sich sofort mit ihm angefreundet. Vielleicht duldet man ihn ja doch hier. Nur der Gärtner schimpft. Bubsche findet es natürlich herrlich kühl unter den saftig grünen Pflanzen, die viel gewässert werden. Und wälzt sie nieder. Sagt zumindest der Gärtner.

17.4.
Dieses Zagora ist einfach immer wieder unvergleichlich. Bin heute früh hierher gefahren, muss mal für zwei Tage den Sand und Staub hinter mir lassen und Luxus und Piscine genießen. Bin wieder in dem herrlichen Riad Dar Sofian, mein absolut bevorzugtes Zuhause in Zagora. Am Abend mache ich einen Rundgang in der Stadt. Ich kenn das ja schon von früher, spaziere dennoch liebend gerne an den Boutiquen entlang, wo jeder mich anspricht und mich irgendwie in seinen Laden locken will. Mit allen möglichen dummen Sprüchen. Dann höre ich, wie jemand von der Seite sagt: „Ich kenne dich. Du warst hier mit einem roten Suzuki und hattest mit Hassan und Mohammed zu tun.“ Ich gehe weiter, grinse aber vor mich hin. Einfach unglaublich, es stimmt. Das ganze war 1986 im Oktober, nur der Suzuki war weiß. Ich gehe unbeeindruckt weiter, muss aber heimlich grinsen und gehe deshalb so ganz unauffällig zurück. Dann kommt wieder was: „Und ich kenne dich auch von dem Heiratsmarkt in Imilchil. Da warst du mit Abdelilah aus Agdz.“ Also nein, nun bleibe ich wirklich stehen. Das war 1994. Behaupte zwar erstmal großspurig und wahrheitsgemäß: „Ich hatte noch nie einen roten Suzuki.“ Aber er hat mich natürlich ganz klar erkannt und mir macht das einen diebischen Spaß. Es endet wie es enden muss, bei einem Tee im Teppichgeschäft und die ganzen alten Geschichten werden aufgerollt. Mostafa gesellt sich zu uns, ich kenne ihn noch nicht, aber er betreibt ein neues Lokal in Zagora, das Dromedar Gourmand. Ich hatte das Schild schon gelesen und für lustig befunden. Morgen geh ich hin.
Vorher war ich noch bei einer Werkstatt. Hauptsächlich, um ein Foto davon für meinen Guidewriter-Campingführer zu machen. Die Werkstätten von Zagora sind ja was Besonderes. Ihre Schlepper lauern überall, ich hab sie sogar im 90 km entfernten Mhamid gesehen, wo sie kurz vor der örtlichen Werkstatt versuchen, Kunden abspenstig zu machen. Und in Zagora gelingt es niemand, mit einem Fahrzeug die Stadt zu durchqueren, ohne von den Motorradschleppern angesprochen zu werden, die für ihre Werkstatt werben. Und auch bei mir wars natürlich nicht mit einem Foto getan, der Luftfilter zumindest sollte gesäubert werden, den coolen Wüstenstaub auf dem Disco habe ich dagegen mit Zähnen und Klauen verteidigt. Meine Land Rover Werkstatt hat ja klar gesagt, Luftfilter dürfen nicht gereinigt werden, aber ich glaube, von denen hat auch noch nie jemand einen Kilometer in der Wüste zurückgelegt. Berge von Sand fanden sich dort, ein Wunder, dass überhaupt noch Luft durchging.
Dann gings zum Abendessen ins Dar Sofian. Eigentlich sollte ich dieses wunderbare Riad nie erwähnen, sollte es als Geheimtipp für mich und meine Reisegruppen behalten. Aber zum Glück lesen hier im Forum ja hauptsächlich Wohnmobilisten, die kein Hotel brauchen. Dieses Riad habe ich vor einem guten Jahr entdeckt und lasse seitdem alle meine Wüstenreisen hier Unterkunft nehmen, es ist einfach ein Paradies. Abends beim romantischen Licht vor dem Piscine zu sitzen, eingerahmt von hohen Palmen, edel gedeckter Tisch, köstliches Abendessen. Als Nachtisch hatte ich mir Tarte au Citron ausgesucht und dann plötzlich gedacht, autsch, das hatte ich doch schon beim letzten Mal. Aber es kam ganz was anderes, ein richtiges Gemälde. Sie haben eigens für Nachtisch und Dessert einen Chef, der immer neues kreiert. Ach, wie geht’s mir gut.

18.4.
Ich weiß, es muss langsam langweilig wirken, wenn ich immer wieder das Loblied des Riad Dar Sofian singe, aber leider kann ich nicht anders. Es ist einfach zu schön. Ich war ja deshalb ins Sofian zurückgekehrt, weil ich eine kleine Kundengruppe hatte, die bereits vor zwei Jahren eine Tour zum Erg Chegaga gemacht hatten und dieses Mal nach Merzouga wollten. Und sie hatten den Wunsch geäußert, mich kennenzulernen. Das hätte eigentlich nicht geklappt, unsere Wege kreuzten sich nicht, sie sollten von Merzouga nach Tazzarine und Nekob, dort essen und dann in Agdz schlafen. Und ich war in Mhamid. Also machte ich mit dem Chauffeur aus, dass er heimlich einen Umweg fährt, von Tazzarine aus direkt über die neue Straße nach Zagora und dort treffen wir dann im Sofian zum Essen zusammen. Und so kam es dann.
Es war einfach überwältigend. Die drei Schweizer stießen nur Entzückungsrufe aus, sie schlenderten überall herum, nahmen jedes Detail wahr, und der Kellner kam überhaupt nicht dazu, seine Menükarte loszuwerden. Die waren einfach so begeistert. Doch endlich gelang es ihm, inmitten unserem Geschnatter doch noch unsere Essenswünsche aufzunehmen, und als dann das Essen kam war das auch nicht geeignet, die Jubelrufe zu unterbrechen, denn es war einfach wieder hervorragend. Das Menü kostet 160 Dirham, soll zum Winter etwas heraufgesetzt werden, da auch noch ein neuer Koch das ganze weiter verbessern soll. Aber für meine Leser soll es weiterhin 160 Dirkam kosten, ihr müsst das einfach nur der Bedienung sagen. Ihr findet es in der elektronischen Guidewriter-Version, aber auch in meinem Campingupdate hier im Forum. Und im August kommt ja dann die neue Ausgabe für die Wintersaison, da stehts dann drin als Tipp. Es liegt in Zagora im Palmenhain direkt neben dem Camping Oasis Palmier.

20.4.
Heute war noch mal ein Tag, an dem ich nicht nur zwei Gruppen meiner Kunden getroffen habe, sondern vor allem auch in Mhamid einen Kochkurs beigewohnt habe. Zuvor hatte ich das ja schon bei Marrakech erlebt und war nicht restlos begeistert. Der Koch fühlte sich doch recht erhaben und wollte am liebsten alles selbst machen. In Mhamid war man schon seit Tagen dabei, die große Küche sauber zu schrubben, um den Gasherd wurde alles neu mit Alufolie abgedeckt. Dann traf der „Große Chef“ vom Dar Azawad ein. Er stellte sich als ein sehr netter, sehr gesprächiger und umgänglicher Koch heraus, der sich durchaus nicht für was besseres hielt und es machte meinen zwei Kunden sehr viel Spaß mit ihm zu kochen. Allerdings hat er, noch bevor es losging, die Küche inspiziert und trotz der vielen Mühen vorher eine Nachbesserung verlangt. Machte mir heimlich viel Spaß. Er zog sich eine blütenweiße Kochjacke an, und als er ging, traute ich meinen Augen kaum, auch unser altbewährter Kasbahkoch trug plötzlich eine saubere weiße Kochjacke statt seinem gewöhnlichen T-Shirt. Und er guckte dem Starkoch öfter mal über die Schulter. Meine zwei Kunden waren am Vormittag bereits mit dem Rezeptionist in den einzigen Supermarkt con Mhamid gefahren und hatten die entsprechenden Gewürze eingekauft, die man zum Tajine braucht, Gelbwurz, Cumin, Ingwer, Paprika, schwarzer Pfeffer, Zimt, alles fein gemahlen, sowie Knoblauch. Beim Metzger dann wurde von einem toten Schaf ein Stück heruntergesäbelt.
In der Küche gings dann los. Am Morgen waren extra zwei neue Schneidebretter eingetroffen und die drei werkelten wirklich eifrig vor sich hin, vor allem duften sie alles selbst machen, der Koch, Haj genannt, da er schon in Mekka war, gab nur die entsprechenden Hinweise. Zunächst das Tajine, weil es ja lange auf dem Holzkohlfeuer köcheln muss, dann einen gemischten marokkanischen Salat, wo z.B. die Paprika zunächst ganz in Öl frittiert wurden, und zum Abschluss einen Salat aus Salatherzen und Orangenscheiben mit einer Sauce aus Orangensaft und Rosenwasser, gewürzt mit Honig. Und dann haben wir alle zusammen das herrliche Menü verspeist.
Zum Mittagessen hatte sich in der Kasbah noch eine kleine Gruppe von vier Personen eingefunden, auch dies Kunden von mir, die die Nacht zuvor im Riad Dar Sofian verbracht hatten. Ich sag nur so viel: die Lobeshymnen gingen weiter. Auch diese beiden Ehepaare waren total begeistert.
Allerdings muss ich einen Fehler eingestehen. Ich habe gestern bei der Preisangabe falsch geschaut, das Menü kostet 160 DH, ich hatte den Preis nur für das Hauptgericht angegeben. Aber es ist es auch vollkommen wert. Im Dromadaire Gourmand kostet das Menü 150 DH, ist aber bei weitem nicht damit zu vergleichen. Ich habe es oben korrigiert.

21.4.
Das faule Leben in Zagora/Mhamid ist vorbei, ich bin wieder auf der Piste, im wahrsten Sinne des Wortes. Bin heute die Strecke Zagora – Oum Jrane – Fezzou – Mecissi gefahren, die ich schon lange nicht mehr gesehen habe. Und es war immer noch Piste zur Freude aller 4×4-Fahrer. Schöne Wüstenstrecke. In Oum Jrane in der Auberge wurde schwer gebaut, und die neuen Zimmer sind wohl kaum für die seltenen Pistenfahrer, die vorbei kommen, sondern wohl eher für Mitarbeiter der in der Nähe liegenden Minen. In diesem Gebiet gab es früher viele stillgelegte Minen, doch seitdem die Rohstoffpreise kräftig gestiegen sind lohnt sich hier wieder der Abbau. Auch die Auberge Tombouctou in Mecissi war vollkommen im Umbau und es amüsiert mich immer wieder, wenn man sagt, in zwei Wochen sei alles fertig.
Ab und zu muss ich ja auch Hotels anschauen, nicht immer nur Campingplätze, und so fuhr ich in Rissani sofort zur Kasbah Ennasra, da ich darüber schon einiges hatte munkeln hören. Das wunderschöne Hotel habe ich jahrelang sehr geliebt, es hatte nicht nur sehr hübsche Zimmer und einen tollen Piscine im blühenden Garten, das Besondere war der nette, warmherzige Empfang von Hassan und seinen Brüdern. Finanziert worden war das Haus von einem Italiener in Partnerschaft mit den Brüdern. Da dieser Italiener nun eine einheimische Frau geheiratet hat, hat diese ihn unter Druck gesetzt, die Brüder rauszuschmeißen und das Haus von ihrer Schwester leiten zu lassen. Er selbst lebt mit seiner neuen Frau in Italien. Unmöglich, das Ergebnis. Das wird in meinem Hotelführer stark herabgesetzt und im Campingführer gestrichen. Alles kalt, unpersönlich, leer. Auf meine Bitte, mit der verantwortlichen Person zu sprechen, kam eben diese Rissanerin, die nicht nur vom Hotelgewerbe keinerlei Ahnung hat, sondern auch kein Wort einer Fremdsprache spricht. Nein, dieses Haus kann man nicht mehr empfehlen.
Weiter gings zum Camping Karla und einem stark entgegen gesetzten Erlebnis. Camper hatten mir von diesem neuen Platz in Erfoud nur Gutes berichtet und ich wollte nun mal selbst nachschauen. Die erste Frage, die man mir dort stellte, war, ob ich den Tee mit oder ohne Zucker trinken will. Und ohne eine Antwort darauf kam ich nicht weiter. Es sind sehr freundliche, sehr nette Brüder, die diesen Platz betreiben und jedem Gast wird ein persönlicher Empfang mit Tee zuteil. Tee gibt’s auch später jederzeit gratis und am Morgen wird das Brot kostenlos verteilt. Der Stellplatz fasst etliche Fahrzeuge, auch Dickschiffe finden ein gemütliches Plätzchen unter hohen Palmen, da keine abgeteilten Stellflächen angelegt wurden. Die Sanitäranlagen sind nicht nur sauber, sondern auch sehr hübsch, es gibt drei warme Duschen und drei Sitzklos mit Klopapier. Ich wohne in einem gemütlichen Haus, das zwei Schlafzimmer hat und in der Mitte einen großen, ganz mit Teppichen ausgelegten Salon. Ismail, der Chef, soll auch tolle Musik am Abend machen, aber ich habe ihn nur kurz gesprochen, er musste nach Fes fahren mit seiner spanischen Frau Karla. Ich finde diesen Platz auf jeden Fall sehr viel gemütlicher als Tifina, und auch die Umgebung ist sehr ansprechend. Vom Platz aus werden interessante Ausflüge angeboten. Zum Abendessen habe ich mir die regionale Spezialität Kallia ausgesucht und es schmeckt sehr gut und ist reichlich. Also, diesen Platz kann ich nur empfehlen und ich setze den Bericht nun mit dem Platz-Wi-Fi ins Netz. Im Guidewriters ist natürlich schon das Update online.

22.4.
Der Tag war auf jeden Fall ereignisreich. Die netten Leute vom Camping Karla schlugen vor, mir einen Führer mitzugeben für eine kleine Piste, die nördlich von Erfoud direkt zu der Himmelstreppe des Hannsjörg Voth führt. Das hat mich auf jeden Fall interessiert und so fuhren wir früh los. Zunächst ging es zu einem wirklich tollen Aussichtspunkt, von dem man aus viele Kilometer bis zum Palmenhain von Erfoud schauen kann. Die Saudis haben diesen Platz auch schon entdeckt und gehen dort mit Falken auf Jagd.
Weiter gings zunächst zur Himmelstreppe, die ich mir 1988 mal angesehen hatte und seitdem nie wieder. Deshalb habe ich auch die beiden später geschaffenen Kunstwerke noch nicht gesehen. Sie liegen weit voneinander entfernt in der Wüste, dazwischen sind sandige Oueds, und deshalb ist ein Geländewagen unbedingt nötig. Man kann aber zum Beispiel vom Camping Karla einen solchen Ausflug buchen und ich finde, es lohnt sich.
Ich wollte so schön mit fotografieren loslegen, musste aber feststellen, dass meine Batterie fast leer war. Kein Problem, hab ja eine zweite. Da fing das Suchen an. Nichts. Etliche Telefonate wurden geführt. Nichts. Das Ding bleibt verschwunden. Obwohl die Batterieanzeige schon lange warnt, habe ich es dann doch geschafft, von jedem Kunstwerk zumindest einige Fotos zu machen, bevor es ganz aus ist.
Die Piste endet bei den Foggaras an der R702 zwischen Tinejdad und Erfoud. Das ist ein ganz besonders schönes Plätzchen. Entlang diesen Foggaras sind nun einige Auberges entstanden, die Inhaber haben in gemeinsamer Arbeit die Foggaras wiederhergestellt und als Museum geöffnet. Dazu gehören jeweils ein Zelt mit Restaurant und Souvenirladen sowie ein Campingplatz. Ein Stopp, der sich unbedingt lohnt.
Die Brüder Abdul und Bachir – junge sympathische Leute – haben sich die Arbeit gemacht und ein Stück Foggara-Stollen wieder instand gesetzt. Sie haben in Handarbeit eine tadellose Treppe hinunter bis auf die Höhe des Stollens gegraben, der Gang ist 2 bis 3 m hoch. Den Stollen haben sie hübsch mit Kerzen ausgeleuchtet, so dass man sich fast wie in einer Tropfsteinhöhle fühlt. Man kann den Stollen gut begehen. An jedem Einstiegsloch haben fünf Leute gearbeitet, zwei an der Seilwinde, drei unten im Stollen, der je nach Lage 10 bis 50 m tief war. Der Besuch kostet pro Person 10 DH und endet mit einer Einladung zum Tee im Beduinenzelt nebenan. Im heißen Sommer wird der Tee im romantisch erleuchteten kühlen Stollen serviert. Die jungen Leute sind sehr freundlich, sprechen gut französisch. Vor dem Zelt ist ein junges Kamel als Attraktion angepflockt, aber es stehen auch acht Dromedare für Ausritte, zum Beispiel zum Sonnenuntergang, zur Verfügung.
Vor den Foggaras wurde eine ebene Fläche als Stellplatz für Wohnmobile eingerichtet, es gibt natürlich weder Wasser noch Strom, aber viel Platz, auch für Dickschiffe, und Trommelmusik am Abend. Der Platz ist inzwischen offiziell angemeldet.

Wir wollten dann weiter nach Erfoud und mussten zu diesem Zweck durch das Örtchen Jorf. Und da kam das nächste Problem. Die Ortsmitte war gesperrt wegen einer Demonstration, mit Bändern war die Straße blockiert, dazwischen hunderte meist junger Leute. Ich hatte ja keine Ahnung, was abgeht, mein Führer winkte mir, daran vorbei zu fahren und schon hatten wir den Salat. Alle umrundeten uns, belagerten das Fahrzeug, einer warf sich davor auf den Boden. Ich versuchte, ganz langsam weiter zu fahren, aber keine Chance. Wir waren einfach mittendrin in einem Volksaufstand. Ich schrie los, pa toucher la voiture, und so. Schließlich kam ein Polizist, nur einer war da, und meinte, ich solle zurück fahren. Bloß wie denn? Um mich herum nur Menschen. Schließlich schaffte er es doch, die Menschenmenge zu teilen und wir konnten zurück vor die Blockade, wo inzwischen auch drei Wohnmobile warteten. Dort ging ein Sträßchen, exakt 10 cm breiter als mein Land Rover, in den Ortskern. Dann wieder die nächste links wollten wir die Blockade umgehen, aber das war wohl ein wenig zu früh. Wir wurden entdeckt und die johlende Menschenmenge kam sofort angerannt und umstellte erneut den Wagen. Es waren überwiegend junge Leute und ich hatte den Eindruck, es ging ihnen vor allem darum, dass mal was los war, dass sie etwas zu tun hatten. Zunächst brüllte ich wieder los, pas toucher, pas toucher, denn ich hatte wirklich Angst, dass die mir meinen Wagen demolieren wollten. Einige machten ständig Fotos mit ihren Handies, ich bin sicher, dass ich nun irgendwo in Twitter rumgeistere. Wirklich voran kamen wir nicht, zurück war auch schlecht, denn die Gasse nicht unbedingt breit genug zum Umkehren. Ich sagte ihnen, ich müsse unbedingt ins nur 15 km entfernte Erfoud, aber sie meinten nur ziemlich gleichgültig, dann sollte ich zurück nach Tinejdad und über Errachidia nach Erfoud, ungefähr 200 km Umweg.
Da besann ich mich auf Ruhe. Ich fragte, wer Französisch könne. Ein etwa Siebzehnjähriger auf einem Fahrrad meldete sich. Ich fragte: willst du mal Arbeit? Willst du einen Job und Geld verdienen? Dir auch ein Auto kaufen? Da musste er natürlich ja sagen. Ich sagte, ich sei Touristin und Journalistin. Touristen bringen das Geld, schaffen Arbeitsplätze. Wenn ich nun als Journalistin zurück komme und schreibe, in Marokko sind Demonstrationen und Touristen sind nicht sicher, dann kommt niemand mehr ins Land. Dann gibt es keine Arbeitsplätze.
So ganz langsam beruhigte sich die Lage. Zwei etwas ältere Männer schalteten sich ein und bedeuteten den Jungen, mir Platz zu machen und mich durchzulassen. Ich war wohl die einzige, die diese Blockade durchfahren konnte. Später in Erfoud hörte ich, dass es diese Probleme in Jorf wohl schon seit längerem gäbe. Es geht um die Verteilung von Wasser, zwei große Familien sind sich da wohl in die Haare gekommen und die Demos finden alle paar Tage statt.

Es ging zunächst zum Fotogeschäft, und kaum zu glauben, ein Akku für meine Canon-Kamera war vorhanden. Wieder ins Auto, Motor starten, Anzeige: „Smart Key nicht gefunden“. Ach wie schön, ich habe ihn um den Hals hängen. Also noch mal raus, Auto zu, Auto auf, gleiches Spiel, kein Mucks. Also noch mal raus, Auto zu und 2 Minuten warten, hab ich von meinem Sohn gelernt, und es klappt. Ja, das ist die neue Technik.
Dann fuhr ich zum Restaurant Dakar mit dem netten Inhaber Ismaily Sidi Mohamed, um sie dort aufzuladen. Ich kam da natürlich nicht wieder weg, ohne etwas zu essen, aber das macht in dem netten, schattigen Garten ja auch Spaß. Am Nebentisch saßen zwei kanadische Paare im Großelternalter, wir kamen ins Erzählen und sie fragten, ob ich denn auch Bücher in Englisch oder Französisch hätte. Flugs holte ich mein Alibuch aus dem Auto und schon waren wieder zwei Exemplare verkauft. Es ist wirklich witzig, über meinen Onlineshop verkaufe ich dieses Buch recht wenig, aber wenn ich es jemand in die Hand gebe, wird es mir ganz selten zurück gegeben, jeder will es sofort kaufen. Selbst die Marokkaner.
Nach so viel Aufregung hatte ich wenig Lust, meine Besichtigungstour fortzuführen und fuhr sofort zum Erg Chebbi in den Sahara Garden von Hassan, der früher die Kasbah Ennasra in Rissani betrieben hatte. Hassan ist ein guter Freund und ich freute mich zu sehen, dass er in kurzer Zeit aus seinem Biwak sehr viel gemacht hat. Als ich vor knapp zwei Jahren das erste Mal dort war gab es nur ein Biwak, das Restaurant war noch im Bau. Nun gibt es außer dem weiter bestehenden Biwak ein großes Restaurant, einen Salon und um einen kleinen Innenhof acht schöne Zimmer mit Bad. Aber das besondere bei Hassan und seinem Bruder Brahim ist ja immer der Empfang und die Herzlichkeit, zu der kleinen Gruppe stieß noch der Musiker Belaid aus Zagora, der dort die Auberge Prends ton temps hat. Er war mit drei Französinnen auf Rundreise und es war klar, dass es am Abend eine Session vor dem Lagerfeuer gab. Und dabei stieß ein Junge den Tisch um, auf dem in einer Tasche mein Fotoapparat war, sie fiel in den Sand und die Kamera geht nicht mehr.
Manchmal fragt man mich, ob es nicht zu langweilig sei, alleine zu reisen. Ich glaube, meine Reiseberichte geben die Antwort. Sie sind viel länger und ereignisreicher, wenn ich alleine auf Tour bin.

23.4.
Heute ist absolut nicht mein Tag. Nichts läuft richtig, ein Tag, an dem man einen Freund braucht, um sich an seiner Schulter auszuweinen. Habe unendlich viele Bekannte, aber keinen Freund. Zunächst ist die Dusche kalt. Dann die Kamera. Die Eltern des Jungen zucken die Schultern. Hassan bemüht sich, meint, in Erfoud sei jemand, der kann das säubern. Ich gebe ihm die Kamera und gehe auf Tour. Fühle mich echt gehandikapt, denn ich finde wunderschöne Herbergen und kann sie nicht fotografieren. Finde Kamele, die ganz alleine durch die Wüste ziehen und sich im Sand wälzen. Nichts. Am schönsten ist es noch im Ocean des Dunes, wo zwei deutsche Wohnmobile stehen und ich schon von weitem mit „Edith?“ gerufen werde. Ein Camperpaar, das ich schon mal vor Jahren getroffen habe. Und endlich habe ich mal Zeit für ein Schwätzchen, ist selten genug. Zeige das Alibuch, und wieder brauche ich es nicht zurück ins Auto zu legen.
Auf dem Rückweg suche ich mir einen schönen Hügel aus mit herrlichem Blick auf die Dünen. Das Auto schützt vor dem Wind, ich stelle einen Klappstuhl auf und denke, an diesem Tag habe ich mir einen Schluck Wein verdient. Und schon kommt ein Moped angefahren, stoppt. Ich sage dem Herrn nicht ganz freundlich, dass er sich verziehen soll, ich will allein sein. Anlass für ihn, sich gemütlich auf dem Boden nieder zu lassen. Klappstuhl wieder rein, Flasche bleibt zu. Ach, wie wird meine Laune dadurch gebessert.
Zurück im Sahara Garden will Hassan mir Tee anbieten, was zu essen, alles, alles, nur um ja von der Kamera abzulenken, das einzige, was mich interessiert. Die Kamera ist da, meint er. Aber geht nicht. Müsste nach Casa, vier Tage, die wäre ich doch noch da …! Also nein, da habe ich kein Zutrauen mehr, da hilft nur noch eine neue Kamera, aber hier in Erfoud? Wir verschieben das Problem auf den nächsten Morgen, wenn die Franzosen aus dem Wüstenbiwak zurückkommen. Und das Internet geht auch nicht.
Nun aber endlich mal duschen und Haare waschen. Die Dusche ist kalt. Ich suche einen Ansprechpartner. Man meint, ich solle das Wasser länger laufen lassen. Nunja, das habe ich ja schon getan. Bestimmt 10 Minuten, das Bad steht schon unter Wasser. Aber ich versuchs weiter und irgendwann kommt tatsächlich heißes Wasser. Ob da jemand am Knopf gedreht hat oder nicht, wer weiß.
Am Abend dann ist Kontrastprogramm angesagt. Während ich ja sonst in kleinen, gemütlichen Herbergen zuhause bin, mit persönlichem Empfang, hatte ich am Morgen direkt neben dem Sahara Garden eine große Anlage entdeckt. Sie gehört zum Palmotel in Erfoud und ist entsprechend groß. 25 Zimmer in einer Reihe, dahinter unendlich viele Zelte wie in einer Stadt der Reihe nach angeordnet, ohne Zwischenraum. Sie sind zwar hübsch mit Decken verkleidet, aber als Möbel gibt es nur Betten und wenig Platz. Das bedeutet, man ist vom Nebenschläfer nur durch eine dünne Zeltwand getrennt. Wenn überhaupt muss man hier in den vier Suiten übernachten, die sind geräumig und ansprechend. Und liegen etwas höher auf einem Hügel mit schönem Blick auf die Dünen. Doch werde ich auch hier sehr nett empfangen, der Chef persönlich, und er lädt mich sogar ein, hier zu essen bzw. zu wohnen. Ich nehme die Einladung zum Abendessen gerne an, aber nicht zum Wohnen. Ich möchte mir mal anschauen, wie man sich hier fühlt.
Also eins muss man der Anlage lassen, die Örtlichkeit ist wunderbar. Vom Pool und auch vom Restaurant blickt man auf die herrlichen goldgelben Dünen, die greifbar nahe sind. Wenn man Gründe hat, mit einer großen Gruppe zu reisen, gibt es sicher schlechtere Unterkünfte als diese hier. Doch ist mir hier alles ein wenig zu groß, zu unpersönlich. Man ist auf Gruppen eingerichtet, kann locker Hunderte von Gästen unterbringen. Das Personal, das ich kennenlerne, ist sehr freundlich, darunter ist auch der Koch, der so früh am Tag noch genug Zeit hat, am Abend probiere ich sein Essen und es kann halt mit den kleinen Häusern nicht mithalten, ist eher Kantinenessen. Ein Teller Couscous mit in Zwiebeln gedünsteten Rosinen, also weder Fleisch noch Gemüse, ich esse diese Rosinen gerne, aber sie müssen richtig karamellisiert sein, und dazu ein Hühnchentajine mit Oliven, drei Karottenspalten und drei halben Kartoffeln. Danach Orangenscheiben mit Zimt, sehr einfallsreich. Überzeugen tut mich das nicht. Wo ist mein Riad Dar Sofian?
Bevor ich nach Hause gehe komme ich mit einem deutschen Ehepaar am Tisch nebenan ins Gespräch. Mich wundert schon die ganze Zeit, warum sie nur zu zweit in diesem Gruppenetablissement sind. Bevor ich viel sagen kann schütten sie mir auch schon ihr Herz aus. Es sei einfach furchtbar, nie wieder Marokko. Sie haben bei Dertour gebucht, haben zu zweit einen Minibus mit Fahrer und Guide (möchte nicht wissen, was das gekostet hat), haben in Fes in einem unpersönlichen großen Hotel gewohnt, in einem Tag die lange Strecke gefahren, spät angekommen, keine Zeit gehabt, die Dünen zu besteigen und Fotos zu machen, nun ein recht erbärmliches Essen, Nacht in einem engen Zimmer und am Morgen die ganze Strecke nach Ouarzazate. Die rasen nur durch, sehen kaum etwas, kommen mit niemand ins Gespräch. Waren total unglücklich. Wie anders erleben da doch meine Kunden Marokko und viele kommen wieder.

24.4.
So schön Sahara Garden für mich ist und Hassan immer ein guter Freund war, mein Aufenthalt dort wurde getrübt durch den Verlust der Kamera. Die französische Familie denkt gar nicht daran, mir irgendetwas zu ersetzen und so fahre ich weiter, will einfach nicht mehr daran erinnert werden. Weit geht die Fahrt allerdings nicht, nur wenige Kilometer entfernt liegt das Hotel Yasmina. Diese Herberge gehört zu den vier ersten, die es ab den 1980ern am Erg Chebbi gab. Sie wurde nach und nach immer mehr ausgebaut und erweitert und gehört heute zu den schönsten Anlagen. Die Lage des Yasmina hat mich einfach überzeugt und dazu geführt, dass ich mir von den fast 100 Hotels um die Dünen des Erg Chebbi für heute genau dieses ausgesucht habe. Das besondere ist die herrliche Lage nicht nur vor den mächtigen Sanddünen, die sich direkt vor der Restaurantterrasse erheben und je nach Tageslicht ihre Farbe ändern, sondern vor allem auch durch seine exponierte Lage auf einem Hügel über dem von Tamarisken umstandenen Yasmina-See. Dieser füllt sich nur bei den seltenen Regenfällen, bietet dann aber eine Augenweide für den Touristen und eine lebensspendende Quelle für die Tiere und Vögel. Daher ist dieses Hotel ein Treffpunkt der Ornithologen. Im Frühjahr und Herbst machen hier viele Migrationsvögel Station, um sich aufzutanken. Man kann hier in normalen, klimatisierten Zimmern mit Bad schlafen, in Zelten in den Dünen direkt vor der Herberge oder – und das habe ich mir ausgesucht – in den schönen Suiten um den Pool. Meine Suite hat zunächst einen kleinen Salon mit Sitzecke und Einzelbett, dahinter liegt das geräumige Schlafzimmer mit Doppelbett, von dem aus man auf das offene Fossil-Waschbecken blickt. Rechts und links davon liegen hinter einem Duschvorhang dann WC und Dusche. Im Schlafzimmer gibt es einen Wandschrank, dessen offene Fächer hübsch mit Teppichen ausgelegt sind. Überhaupt ist alles sehr hübsch dekoriert, peinlich sauber und klimatisiert. Die einzige Ausnahme davon bildet die Dachterrasse. Über eine Treppe von meinem Salon erreicht man diese private Sonnenterrasse, von der sich ein toller Blick zu den Dünen und zum Sonnenauf- und -untergang bietet. Es gibt Liegen und einen Tisch mit Stühlen, also alles perfekt. Bis auf die Tauben. Nicht nur den hübschen Migrationsvögeln gefällt es am Yasmina-See, sondern es haben sich auch etwa 100 Tauben hier nieder gelassen. Einschließlich ihren Abfällen. Es ist sicher nicht leicht, diese ständig zu entfernen und so stören die Hinterlassenschaften auf der Terrasse ein wenig. Außerdem muss man sich darüber im Klaren sein, dass Yasmina inzwischen recht groß ist. Einschließlich der Zelte können 100 – 200 Gäste beherbergt werden und wenn gerade eine Rallye einfällt, so wie bei mir, ist es schon ein wenig lebhaft. Wer mehr Ruhe braucht geht besser in eine der Herbergen mit nur wenigen Zimmern. Die Rallye ist die Super5Raid, Teilnehemr sind zumeist kleine Renault 5.
Ich benutze nun mein Smartphone, um zumindest einige Fotos zu machen. Aber weder ist die Qualität so gut wie bei meiner Kamera, noch ist die Bedienung im hellen Sonnenlicht einfach. Und die Innenaufnahmen werden grisselig. Hassan hat leider nichts in dem Dilemma beitragen können, aber bei einem Telefonat mit Ali Mouni vom Nomad Palace verspricht dieser zumindest, sich umzuhören, ob ich irgendwo eine Kamera leihen kann.

10.4. Foum Zguid – Zagora

Und auch der nächste Tagesanfang ist absolut angenehm. Schon früh am Morgen mache ich einen Spaziergang, möchte gerne den Campingbereich des Bab Rimal von außen aufnehmen. Dazu gehe ich in den benachbarten Palmengarten und erst, als ich einen kleinen Palmenstamm überstiegen habe, wird mir klar, dass ich wohl in Privatgelände bin. Ich zögere, doch da klingt nur wenig entfernt eine weibliche Stimme an mein Ohr. Viens!
Jetzt rieche ich auch das Feuer. Ein junges Mädchen sitzt in einer Palmhütte und backt das Brot der Familie. Sie spricht ein paar Worte Französisch und ehe ich denken kann drückt sie mir einen Laib des frisch gebackenen Brotes in die Hand. Ich versuche abzulehnen, aber habe keine Chance. Das sind so die Momente, wo ich mich freue, dass ich einen Sack Kleider dabei habe. Allerdings nur Kindersachen von der befreundeten Laila, aber das nette Mädchen sagt, gleich, dass es in der Familie auch kleine Kinder gibt. Ich lege noch ein T-Shirt von mir dazu und sie freut sich sehr. Wenn man mal überlegt, die Familie hat nun zum Frühstück einen Laib Brot weniger und es muss erst ein neuer Teig gemacht werden. Ich esse zum Hotelfrühstück stolz mein eigenes Brot und es ist echt viel würziger und kräftiger.
Der Abschied von Bab Rimal fällt mir schwer und ich verspreche, noch einmal wiederzukommen. Aber nun will ich den aktuellen Zustand der Strecke Foum Zguid – Zagora erkunden, warten doch alle Wohnmobile darauf, hier fahren zu können. Gegenüber dem Januar 2012 hat sich die Strecke verbessert, ab Foum Zguid sind etliche Kilometer Asphalt dazu gekommen, aber dazwischen ist immer noch steinige Piste mit tiefen Querrillen, ich würde es nur für geländegängige Wohnmobile wir VW-Bus empfehlen. Alle anderen müssen sicher noch mehr als ein Jahr warten. Immerhin ist das kurze Stückchen Sand vom letzten Jahr verschwunden.
In Zagora gehe ich in den lauschigen Garten von Prend ton temps fürs Mittagessen. Erik Moore ist da mit ein paar Kumpels, ich kenne ihn aus Facebook. Ja, in Marokko läuft man sich immer schnell über den Weg. Auf dem Weg nach Mhamid besuche ich noch Fritz Koring in seinem Sternengucker-Hotel. Er hat inzwischen den Spabereich fertig und der ist sehr schön. Vom Whirlpool schaut man in einen künstlichen Sternenhimmel, aber von seinem Observatorium, ausgerüstet mit den besten GPS-Teleskopen, sieht man die echten Sterne und die Milchstraße. Und in Mhamid ist dann natürlich wieder ein Zimmer für mich reserviert. Hier werde ich ein paar Tage bleiben, wenn also jemand in der Gegend ist …

14.4. Mhamid

Ich bin nun schon einige Tage in Mhamid. Das Leben geht hier einen ruhigen Gang. War mal kurz auf den Campingplätzen, aber es sind kaum Leute da. War wieder sehr froh, dass ich alleine lebe. Ich kam auf dem Al Khaima zu einer Gruppe von zwei Wohnmobilen mit zwei Paaren, die sich kannten. Der eine Mann war draußen und ich sprach ihn an. Was für ein Kotzbrocken. Dann kamen die Frauen dazu, sehr nette Damen. Wir unterhielten uns freundlich, er warf immer mal was bösartiges dazwischen. Zum Beispiel, dass ich doch den Tourismusminister anschreiben solle, um ihm zu sagen, wie verdreckt die Campingplätze seien. Der zweite Mann kam erst gar nicht aus seinem Wagen, obwohl seine Frau ihn herbeirief. Ach, wie schön ist es, allein und unabhängig durchs Land zu reisen. An Gesprächen mangelt es mir hier nicht, und die meisten sind doch wesentlich netter, als das was ich bei diesen Leuten erlebt habe. Ich habe hier auch Isolde besucht, die ebenso gerne alleine lebt und gestern Abend einen sehr schönen Abend mit Paru erlebt, die nicht weit von Isoldes Café ein Meditationszentrum mit Gästehaus hat. Auch sie ist Deutsche und lebt allein und glücklich.
Eigentlich kam ich ja hierher wegen dem Moussem. Es sollte ein schönes Fest sein, zu dem Nomaden aus nah und fern kommen. Wie es hier so üblich ist wusste niemand genau, wann es anfängt und wie es abläuft. Aber dann konnte ich an der Musik doch hören, dass es angefangen hatte und ich fuhr hin. Also von Nomaden keine Spur. Stattdessen jede Menge schöne Frauen und Mädchen aus Mhamid. Es findet nämlich gleichzeitig ein kleiner Markt statt, der bei den Frauen sehr beliebt ist. Das Warenangebot kam mir sehr bekannt vor, ich glaube die meisten Sachen, Malhafas und Gandoras sowie Schmuck, waren aus Mauretanien.
Die Fantasia war dann alle drei Tage immer das gleiche. Sie bestand aus einer Gruppe von etwa sieben Pferden, schön geschmückt, die Reiter mit langen Flinten bewaffnet, und einer Kamelreitergruppe von sechs Kamelen, ohne Flinten, aber mit Tuaregsättel, in denen die Jungs noch nicht mal richtig sitzen konnten und auch ab und zu mal herunterfielen. Da hab ich in anderen Ländern schon wesentlich besseres gesehen. Die rotteten sich jeweils ein wenig entfernt von dem Zelt mit den Notablen zuammen und sprinteten dann aufs Zelt zu, wobei die Pferdereiter ihre Flinten abfeuerten, während die Kamelreiter sich etwas unprofessionell durchschütteln ließen. Dazwischen Gesang und Getrommel, und alles in unendlicher Wiederholung.
Hier ein Video

Aber das beste ist mein kleiner Hund. Vor drei Tagen war der Welpe heimlich in die Kasbahanlage gekrochen und hatte sich einen kleinen Verschlag, in dem Getränke gelagert werden, als Zufluchtsort ausgesucht. Dort lag er zitternd vor Angst und Hunger und versteckte sich bei jedem menschlichen Anblick in die hinterste Ecke. Bis ich ihm dann was zum Fressen brachte. Seitdem sieht er mich als seine Mutter an und springt immer zwischen meinen Beinen umher. Ich füttere ihn nun dreimal täglich, denn er scheint vollkommen ausgehungert zu sein. Da es ein Junge ist hab ich ihn auf gut hessisch „Bubsche“ gerufen, und das ist nun sein Name. Zum Glück ist die Hotelanlage groß. Der hintere Teil ist in Händen der Katze, Bubsche muss sich auf den vorderen Teil beschränken, was sie durch deutliches Fauchen klar gemacht hat. Und die Essenstische sind ebenfalls tabu für ihn. Doch dafür hat er ja mich, ich bringe ihm immer mal was leckeres und in der Küche steckt man mir Knochen und Sardinenbüchsen zu.
Aber wie es weitergehen soll weiß ich nicht. Das arme Tierchen tut mir leid, aber ich kann mich wirklich nicht mit einem Hund belasten.

6.4. Anti-Atlas

Ach, was war das heute für ein schöner Tag! Nicht nur das Wetter war herrlich. Die letzten Tage hatte es ja schauerweise geregnet und besonders der gestrige Abend war nicht so gemütlich. Ich war in ziemlich nassem und kalten Wetter in einem winzigen Hotel bei den Kaskaden von Imouzzer gestrandet. Angeblich mit klimatisierten Zimmer und heißer Dusche. Beides zwar theoretisch möglich, aber praktisch gibt man weder die Fernbedienung für die Klimaanlage noch stellt man den Gasboiler an. Ich wollte mich auch nicht beschweren, hatte eh keine Lust, in dieser Kälte zu duschen.
Doch nachdem ich heute Morgen diese kalten Berge überquert und Agadir flott auf einer Umgehungsstraße passiert hatte wollte ich nach Jahren mal wieder die Route von Ait Baha über Tanalt nach Tafraoute fahren. Ich hatte sie damals schon als eine wunderbare Straße empfunden, aber heute war sie eher noch schöner. Auch wegen der unglaublichen Artenvielfalt an Blumen, die am Wegesrand blühten. Nach den zahlreichen Regenfällen der letzten Wochen war dies gerade der Moment, wo die Blümlein sprießen. Und das in wirklich allen Farben. Der dunkelblaue Thymian strömte dann noch einen kräftigen Duft aus. Ich brauchte endlos für die Strecke, musste dauernd anhalten und fotografieren. Wie tun mir da wieder die armen Touristen leid, die mich manchmal anschreiben, weil sie eine Wüstentour buchen wollen. Einmal Marrakech – Wüste und zurück am liebsten in einem Tag. Sie vergessen ganz, oder können sich einfach nicht vorstellen, dass in Marokko der Weg das Ziel ist, dass es nicht gilt, Ausgangs- und Endpunkt zu besichtigen, sondern die ganze aufregende Landschaft dazwischen.
Zum Glück war kaum Verkehr und ich konnte anhalten, wo immer ich wollte, um Fotos zu machen. Nur ab und zu traf ich lokale Fahrzeuge, Touristen waren absolut nicht zu sehen. Aber dafür Berge, bizarre Felsen, Frauen, die Wäsche wuschen und zum Trocknen auf die grün ausschlagenden Büsche hängten. Alle paar Minuten kam ein anderer atemberaubender Ausblick. Auf dem Rand eines gemauerten Brunnens gönnte ich mir ein Picknick, es gab nur den berühmten La vache qui rit und ein ganz leckeres Brot, das ich in Ait Baha erstanden hatte und das eine regionale Spezialität ist. Der Blick ging direkt auf einen Agadir auf einer Bergspitze und in ein weites, grünes Bergtal. Der Verlauf meines Sträßchens war in engen Serpentinen zu sehen. Auf dieser Route darf man gewiss nicht anfällig sein für Schwindelgefühle, die enge Straße geht ohne Leitplanke scharf am Abgrund entlang. Aber der Ausblick entschädigt für alles.

2.4. Campingplätze

Die Familie ist weg, da kann ich ja wieder in die Campingplatzrecherche einsteigen. Ich fahre zunächst von Casablanca nach Norden. Wenn es in einer Stadt Verkehr gibt, dann ist das Casablanca. Wenn man nicht unbedingt in die Innenstadt muss fährt man besser auf der Autobahn drumherum. Aber ich will ja nur nach Mohammedia, da ist es doch der kürzeste Weg. Mein erster Weg führt zum Camping Loran. Der sieht so was von zu aus, eigentlich nicht, als würde er im Sommer wieder geöffnet werden. Dann geht es auf der Küstenstraße direkt zum Ocean Bleu, dem weitesten Punkt meiner heutigen Tour, von da aus will ich wieder zurück. Auf den Plätzen treffe ich nur tief gebräunte Urlauber, sie waren meist sogar 6 Monate im Land und sind nun auf dem Heimweg. Ocean Bleu ist wirklich sehr schön angelegt. Der Betreiber kommt sofort auf mich zu und führt mich herum. Ich kann den Platz sehr empfehlen, alles ist sauber und ordentlich, angelegte und mit Blumen eingefasste Stellplätze unter schattigen Bäumen in Standardgröße, aber es gibt auch ein paar separate Plätze für Dickschiffe. Wenn mich etwas stört, dann, dass der Betreiber mir noch nicht mal einen Tee anbietet. Das ist einfach marokkanische Höflichkeit und gehört dazu, meist muss ich darum kämpfen, eben nicht so viel süßen Tee trinken zu müssen. Wenn ich daher also gut auf dieses Glas Tee verzichten kann, so stört mich dieser Mangel an Gastfreundschaft und ich denke, das könnte sich auch auf die Gäste auswirken. Aber der Platz ist sicher der schönste in dieser Region.
Über eine kleine strandnahe Piste geht’s zu den gegenüberliegenden Plätzen Mimosa und International in Oubaha. Beide sind zu und definitiv nur im Sommer für die Zeltstädte der marokkanischen Familien geöffnet. Der dabei liegende Strand Tilal dagegen, an dem viele Restaurants sind, ist schon ein wenig besucht, hier kommt man gerne zum Mittagessen hin mit Blick aufs Meer. Und dann komme ich zum Camping Said. Hier war ich schon mehrmals. Er hat zusammen mit Ocean Bleu das ganze Jahr über auf, liegt aber 500 m vom Meer entfernt. Es ist nur ein kleiner Platz, und die Umgebung ist auch nicht besonders, aber hier besticht eben die Herzlichkeit der Familie, die den Platz betreibt. Und es ist näher zu Geschäften, ein Argument für die Camper, mit denen ich spreche. Der Platz besteht aus zwei Teilen, einer auf Wiese mit Bananenbaum, der andere betoniert direkt vor den Bungalows, insgesamt passen wohl 10 – 12 Fahrzeuge darauf. Die kalten Duschen und Stehklos werden peinlich sauber gehalten, auch der Platz wird täglich gefegt, den Wintercampern wird ein Zimmer mit Sitzklo und warmer Dusche geöffnet. Im Sommer ist hier die Hölle los, aber im Winter ist es ganz gemütlich.
Und natürlich bringt Saida gleich eine Kanne Tee und eine Etagere mit selbst gemachten Plätzchen, sehr lecker. Obwohl es noch recht früh am Nachmittag ist beschließe ich, mir ein Bungalow zu gönnen, ich kann den Wagen direkt davor parken, meine Wäsche waschen und auch alles Gepäck wieder richtig ordnen, nachdem die Koffer der Familie weg sind. Ich musste ein Teil meiner Ausrüstung in Mhamid lassen, sonst hätte nicht alles hineingepasst. Und natürlich fehlt einem das dann immer. Habe mir beim Matschloch den Arm verletzt, aber der große Koffer mit Verbandszeug war in Mhamid. Und jetzt fehlen mir die Stühle. Aber Saida hilft aus und ich komme langsam zur Ruhe.