Von Tichit ins Nomadenland zum Brunnen Enji

Die Männer haben alle im Freien geschlafen, mir hat man ein Bett in einer der Rundhütten bereitet. Bett heißt, dünne Matte und sonst nichts. Als von marokkanischem Luxus verwöhnte Dame habe ich natürlich gemeckert, ich bräuchte doch zumindest ein Betttuch, aber das gibt es nicht. Also nehme ich meine Melahfa, die mir in Terjit geschenkt wurde. Ich muss wirklich die Frauen hier bewundern, wie sie mit diesem Gewand arbeiten können, ich kann noch nicht mal damit laufen und falle dauernd über meine Füße. Als Kopfkissen nehme ich das große Handtuch, das ich in der Auberge in Tidjika auch erst nach Jammern bekommen habe. Das heißt, am Abend hieß es, haben wir nicht, am Morgen nahm man es dann frisch von der Leine. Ich ließ in meiner Rundhütte Fenster und Türen offen, aber an Schlaf war nicht zu denken. Einfach viel zu heiß. Literweise schwitze ich täglich das Wasser aus. Und nachts ebenso. Kein Auge konnte ich zutun, also nahm ich irgendwann am frühen Morgen mein Bündel und legte mich wie die Männer draußen hin. Jeder schläft hier in seinen Kleidern, natürlich tue ich das auch, habe ja sonst nichts. Zum Glück hatte ich mir in Nouakchott drei Kleider gekauft, eines davon nur mit schmalen Trägern, und das ist nun immer mein Nachthemd.

Auf der Brunnenpiste

Am Morgen gab es Frühstück und um 7 Uhr waren wir schon auf der Piste. Bis Oualata, dem nächsten Ort, sind es 400 km Piste, das kann man nicht in einem Tag schaffen. Daher war ein Biwak in der Mitte geplant. Ich Luxusweibchen hatte keine besonders große Lust darauf, aber es gibt keine Alternative. Doch zunächst galt es ja, diese 200 km hinter uns zu bringen. Und ich muss sagen, es war eine traumhaft schöne Strecke, das ist jede Mühe wert. Man könnte es auch die Brunnenpiste nennen, denn um die Brunnen dreht sich alles in diesem Kamelzüchterland. Ich habe noch niemals im Leben so viele Kamele gesehen, und so schöne, gepflegte. Nicht so geschundene Tiere wie in Marokko. Am Anfang, als ich nur auf der Karte Tichit und Oualata las und an die tüchtigen marokkanischen Straßenbauer dachte, stellte ich mir vor, dass der Staat bestimmt doch auch bald diese Piste teeren wird. Aber nachdem ich sie gefahren bin glaube ich das nicht mehr. Wir sind hier in der Welt der Kamele, hier passt keine Straße hin und sie gehört auch nicht zur nomadischen Kultur, die hier noch voll gelebt wird.

Die Tiere brauchen jetzt im Sommer alle 5,6 Tage Wasser, im Winter kommen sie wochenlang ohne aus. Die Nomadenfrauen bleiben meist in der Nähe der Brunnen und hüten die Kinder und Ziegen, die Männer gehen weite Strecken mit den Kamelen, die natürlich Dromedare sind und nur einen Höcker haben. Aber trotzdem darf man sie auch Kamel nennen. Mich verwundert, wie freundlich die Leute sind und wie gerne sie sich fotografieren lassen. Es ist natürlich wunderschön, dass ich meine vier einheimischen Männer dabei habe, so können wir kommunizieren. Wenn ein Kamelreiter uns von weitem sieht kommt er flugs herbei geritten, denn wir bringen ja die vielbegehrten Nachrichten. So passierte es, dass wir an einem Brunnen mit Männern sprachen, die erzählten, sie wollen in Kürze weiter, und am nächsten Brunnen Familie von ihnen fanden, die sehr froh über diese Nachricht waren. Identifiziert wurden sie natürlich anhand der Fotos. Ich kann jedem nur dringend empfehlen, einen einheimischen Führer mitzunehmen, es ist viel interessanter. Und natürlich auch sicherer. Wir reden bei dieser Piste von insgesamt 750 km ohne Asphalt, die zurückgelegt werden müssen, um Hilfe zu bekommen, hier gibt es keine Abkürzung und auch keinen Telefonempfang. Und ein Satellitentelefon ist keine schlechte Idee, auch Idoumou hat eins zur Sicherheit dabei.

Brunnen Enji

Doch Idoumou hatte mir für heute ein weiteres Highlight versprochen, den Elefantenfelsen. Natürlich war ich neugierig. Und es war wirklich traumhaft. Eingebettet in goldgelbe Sanddünen steht eine bizarre Felsengruppe, ausgewaschen von Wind und Regen. Von Europäern Elefantenfelsen genannt, aber bei den Einheimischen heißt die Gruppe Machrouga und bedeutet, der Felsen mit den vielen Löchern. Wo nun genau der Elefant sein soll, kann sich jeder selbst aussuchen.

Kaum hatten wir diese traumhaft schöne Felslandschaft hinter uns kam der Brunnen Aghrfjit. Hier sind gleich mehrere Wasserstellen, weil es ja auch viele Tiere zu versorgen gibt. Das Wasser ist hier in geringer Tiefe, deshalb braucht man keine Pumpe, sondern bindet einfach ein Kamel an die Seilwinde und schon nach wenigen Metern ist das Wasser oben, worauf hunderte durstige Mäuler warten. Auch hier wieder viele nette Männer, die sich einfach über eine Unterbrechung ihrer Arbeit und eine nette Unterhaltung freuen. Bisher habe ich noch keine Frauen gesehen.

Idoumou, wann kommt das nächste Highlight? Gleich sagt er, wir sind gleich da. Richtig verwöhnt wird man auf dieser Strecke von den vielen einzigartigen Anblicken. Auch das war wieder eine Felsengruppe, diesmal genannt Die Finger, weil viele Felsen wie Nadeln aufragen. Aber diesmal ist es keine einzelne Felsengruppe, sondern eine ganze Reihe davon, die von Wind und Wetter immer wieder andersartig geformt werden. Zwei hohe Felsen bieten einen schmalen Durchlass, der uns jetzt zu der Mittagszeit guten Schatten bot. Ahmed, unser Koch, hatte diesmal nur Salat mit Thunfisch im Angebot, gerade richtig für den heißen Tag.

Weiter soll es gehen, aber das ist nicht so einfach. Die volle Schönheit der Finger-Felsen erkennt man erst, wenn man etwas abseits der Hauptpiste fährt, und um die wieder zu finden, muss man offroad fahren. Im Sand eigentlich kein Problem. Nur, wo ist hier Sand? Es geht über eine scharfkantige Felsenplatte und ziemlich im Zickzack, bis die Jungs gemeinsam wieder die Piste gefunden hatten. Denn Spuren kann man auf Felsen ja nicht sehen. Alle, die mir nachfolgen, bekommen von mir zumindest einen Fixpunkt geliefert, nach dem sie sich richten können. Verglichen mit diesen einzigartigen Naturschönheiten ist der Rest eher langweilig, Sand, Dünen, Kamele, Reiter. Aber dann kommt Enji.

Enji ist ein weiterer Brunnen an der Strecke und hier ist richtig was los. Hier sind auch viele Nomadenfamilien mit Frauen und Kindern, sie haben hier ihr Lager, während die Männer auf Futtersuche gehen. Doch muss man wissen, das ist nicht immer so. Das Nomadenleben ist geprägt vom vorhandenen Futter, und das ist jetzt, direkt vor dem Beginn der Regenzeit, mehr als knapp. Wir treffen einen Nomaden, den Idoumou schon kennt. Er kommt mit seiner Kamelherde gerade von der Wasserstelle. Die Familie kam erst heute nach Enji, konnten noch nicht ihr Zelt aufbauen und er zeigt Idoumou, wo sein Lager zu finden ist. Auch wir wollen hier die Nacht verbringen. Es ist zwar noch früher Abend, wir könnten es noch weiter schaffen, aber einerseits sind wir genau auf halber Strecke nach Oualata, und andererseits ist es eine wunderbare Stelle zwischen Dünen und Akazien. Wir finden die Familie, trinken einen Tee mit den Frauen. Idoumou will eine Ziege fürs Abendessen kaufen, doch die Frauen winken ab. Die Ziegen sind einfach zu geschwächt, zu mager, man kann sie nicht schlachten. Sie schickt uns zu einer Familie, die schon länger hier lagert und vielleicht etwas hat. Doch auch hier finden wir nur die Frauen. Die Männer sind noch in der Wüste mit den Tieren. Wir trinken Tee und als die Sonne untergeht geben wir auf. Der Mann ist noch immer nicht zurück und wegen mir braucht keine Ziege ihr Leben zu lassen. Ich bin mit ein wenig Brot und Thunfisch zufrieden.

Wir erfahren viel über das Leben der Nomaden. Die Tiere sind alles. Eine große Gefahr ist auch der Schakal, der jede Nacht irgendwo eine Ziege reißt. Hier oben gibt es nichts mehr zu fressen, aber unten in Mali soll es regnen. Die Kamele wittern das. Also packen die meisten Familien ihre Sachen und machen sich auf Richtung Süden. Dort wird es bald frisches Gras geben. Aller Hausrat und das leichte Zelt werden auf die Kamele gepackt, auch die Kinder und kleine Zicklein sowie ein Wasservorrat, etwa 5,6 Tiere und sie ziehen los. Die Söhne gehen mit der Kamelherde und den Ziegen vor. Vor allem die Ziegen brauchen täglich Wasser, also gibt es festgelegte Routen entlang der Strecke. Und tatsächlich, als wir später die Route de l’Espoir nach Ayoun fahren kreuzt gerade vor uns eine Familie die Straße. Und rechts und links sieht man tatsächlich schon frisches Grün.

Wir bereiten unser Nachtlager. Und irgendwie taucht plötzlich sogar ein Bettlaken auf. Welch ein Wunder und ein Geschenk. Denn dieses Laken ermöglicht mir, mich bis auf die Unterwäsche auszuziehen, und ich schlafe gar nicht mal so schlecht. Überall um mich herum sind Kamele und sie grunzen leise vor sich hin. Ich wusste gar nicht, dass Kamele selten still sind und auch die Menschen sprechen mit ihnen. Das ist wichtig. Als die Herde spät am Abend ins Lager kam grunzte auch Idoumou, denn die Kamele würden erschrecken, wenn sie plötzlich einen Menschen sehen, und würden weglaufen. Die Nacht ist außergewöhnlich hell, wir brauchen keine Taschenlampen. Ich könnte sogar ein Buch lesen, wenn ich denn meinen Koffer mit meinem Gepäck hätte.

Das Erwachen am Morgen ist wunderschön, die Sonne ist noch nicht aufgegangen. Überall grunzen die Kamele, viele haben einen Vorderfuß nach oben gebunden, damit sie nicht weglaufen. Die Jungen natürlich nicht, denn sie bleiben bei der Mutter. Unser Nomade bindet seine Tiere los, er kennt sie genau und merkt, eines fehlt. Doch wir können es in der Ferne sehen und er reitet hin, um es zu holen. Eines kann ich jetzt nach dieser Biwaknacht sagen: immer wieder würde ich Biwak einer einfachen Auberge vorziehen. Hier kann man frei schlafen und nicht in einem stickigen Raum. Allerdings waren die Nächte bisher auch windstill. Wir verabschieden uns von der Familie und machen uns auf den Weg.

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