In Memoriam Destatis

Gestern schon tat sich mir ein Blick in meine Vergangenheit auf, durch das Foto von Isolde wurde ich an die sehr schöne, aber auch zu kurze Zeit mit ihr erinnert, das ging mir noch lange im Kopf herum. Nie hätte ich mir vorstellen können, dass schon einen Tag später sich eine andere Vergangenheit auftut, eine die wesentlich länger andauerte und nicht immer schön war.

Nun bin ich in Rente, aber davor habe ich 46 Jahre im Statistischen Bundesamt gearbeitet. Das ist eine sehr lange Zeit mit sehr unterschiedlichen Aufgaben, manche davon schön, andere weniger, und mit Kollegen, manche davon nett, andere weniger. Aber auch Vorgesetzte. Nun muss ich aber zunächst die Hierarchie erklären. Das Bundesamt, oder auch Destatis wie es heute heißt, ist eine große Behörde mit etwa 2500 Mitarbeitern. Ein Präsident an der Spitze, darunter die Abteilungsleiter, dann folgen die Gruppen-, dann die Referatsleiter. Darunter kommt dann das Fußvolk, zu dem ich gehörte. Normalerweise hat ein solcher Mitarbeiter nur Kontakt zu seinen direkten Vorgesetzten bis zum Referats- oder Gruppenleiter. Obwohl ich von Marokko oder Florida tausende Fotos habe, sind aus diesen 46 Jahren nur wenige erhalten und die schlecht aus dem Fotoalbum abfotografiert. Hier ein Foto von mir an meinem Schreibtisch.

Bei mir war das ein wenig anders. Ich hatte oft Aufgaben, bei denen ich mit den höheren Rängen in Kontakt kam. Zum Beispiel half ich bei Sitzungen innerhalb des Hauses, besorgte zum Beispiel Kaffee und Plätzchen, eine wichtige Aufgabe, wobei ich alle gut kennenlernte. Oft waren bei diesen Sitzungen auch die Leiter der 16 Landesämter, die ich so nach und nach ebenfalls kennenlernte.

Viel wichtiger und in den ganzen 46 Jahren meine Lieblingsaufgabe, waren aber die Messeauftritte des Statistischen Bundesamtes, bei denen ich für einige Jahre mithalf. Wir gingen zum Beispiel zu so großen Messen wie die Cebit oder die Industriemesse in Hannover, aber auch viele kleinere mehr intern wichtige Veranstaltungen. Und auch dort waren natürlich die Großen aus dem Haus vertreten. Meine Aufgabe war es, zuvor bei der Organisation zu helfen und später dann am Stand zu stehen und den Besuchern den Zugang zu unseren Statistiken zu erklären. Und natürlich auch Kaffee zu kochen, immer eine sehr wichtige Aufgabe, die alle glücklich machte.

Ich habe in dieser Zeit sehr viele Präsidenten erlebt, nicht alle direkt persönlich. Für die Insider schreibe ich es mal auf:

Bei meinem Eintritt war Dr. Hildegard Bartels Präsidentin, die einzige Frau in der Reihe. Ihr folgte Franz Kroppenstedt und dann kam Egon Hölder von 1983 – 1992. Er war der erste Präsident, den ich persönlich kennenlernte, denn damals begann es, dass ich bei Konferenzen mithalf. Er war in meinen Augen ein richtiger Sonnyboy, immer charmant und freundlich. Man sah ihn sogar manchmal auf dem Wiesbadener Weinfest herum schlendern.

Ihm folgte Johann Hahlen. Eine völlig andere Persönlichkeit, was nicht jedem gefiel. Er wirkte manchmal schroff und abweisend. Das war aber absolut nicht der Fall und in der langen Reihe der Präsidenten ist er derjenige, der mir den meisten Respekt einflößte. Er rief durchaus mal Mitarbeiter zu einem persönlichen Gespräch zu sich, um sie besser kennenzulernen.

Aber ein Fall ging mir sehr nahe. Es war ein Wochenende, am Sonntag sollte ich zu einer Dienstreise aufbrechen, um eine Konferenz vorzubereiten, die am Montag beginnen sollte. Am Samstag aber hatte ich einen schweren Unfall, von dem ich nicht berichten möchte. Nur so viel: es war ein schwerer Schock für mich, aber niemand war verletzt. Doch konnte ich absolut nicht darüber sprechen, noch nicht einmal zu meiner Familie.

So war ich auch am Stand, baute mit auf, tat meine Arbeit, aber schweigend. Dann kam Präsident Hahlen. Er spürte sofort, dass mit mir etwas nicht in Ordnung war und fragte mich danach. Und er war tatsächlich die einzige Person, mit der ich in diesen Tagen darüber sprach. Er war beeindruckt, dass ich trotzdem zu der Dienstreise aufgebrochen war und dankte mir. Aber nicht nur das, als ich danach wieder an meinen Arbeitsplatz zurückkehrte rief mich meine Gruppenleiterin zu sich und dankte mir ebenfalls. Präsident Hahlen hatte auch sie angerufen und von meiner „Heldentat“ berichtet, dass ich trotzdem zur Dienstreise kam. Und ein paar Tage später rief er mich nochmal zu sich, um mir erneut zu danken.

Danach habe ich nur noch Roderich Egeler als Präsident erlebt, aber da gab es keine besonderen Vorkommnisse und als Dieter Sarreither, den ich gut kannte, Präsident wurde, war ich schon in Rente.

Aber warum erzähle ich das alles und warum komme ich gerade jetzt darauf zu sprechen. Eigentlich habe ich mit meiner Vergangenheit im Statistischen Bundesamt vollkommen abgeschlossen und denke nie mehr daran. Mein Leben besteht heute aus meinen Reisen nach Marokko, wo ich viele Freunde habe und für meine Reiseführer recherchiere. Aber vor allem aus den 6 Wintermonaten, die ich in meinem kleinen Haus in Florida verbringe und dort sehr engagiert im Bereich Fahrradfahren bin. Wen interessiert also Destatis?

Gestern war ich mal wieder mit meinem Nachbarn Aleksander unterwegs in Frauenstein. Wir wurden etwas hungrig und beschlossen, im Weinhaus Sinz etwas zu essen. Ich hatte noch nicht richtig Platz genommen, da stand eine Frau neben mir. Angela Schaff, eine der Gruppenleiterinnen, die ich in meinem langen Amtsleben hatte, und die mir sehr viel Rückendeckung gegeben hatte. Ich schätze sie sehr. Eben genauso wie Präsident Hahlen. Und was sagte sie? „Dort hinten ist ein ganzer Tisch vom Bundesamt, wir treffen uns einmal im Jahr, kommen Sie doch mal rüber!“

Und dann kam der Schock! Da saßen sie alle. Nein, nicht die 2000 Menschen vom Fußvolk, sondern die ganze Führungsebene aus meiner Zeit. Und die natürlich auch schon in Rente sind. Und dabei Präsident Hahlen. Wahnsinn, es ging mir wirklich sehr nahe. Und die meisten kannten mich. Und ich sie natürlich. Das Ganze geht mir seit gestern so sehr im Kopf herum, dass ich es heute im Blog niederschreiben muss. So ganz kann man 46 Jahre seines Lebens doch nicht vergessen.

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