Back Home

Ich glaube, ich werde gleich sehr melodramatisch und persönlich. Sitze im Flieger auf dem Weg nach Hause und reflektiere natürlich über mein Projekt. Und über mein Leben. Zuerst mal, es war auf jeden Fall das Beste, das ich in dem Corona Jahr gemacht habe. Und ich hätte es auf jeden Fall schon sehr viel früher machen sollen.

Auf dem Hinweg habe ich mich ja noch sehr als Pionier gefühlt, als jemand, der Neuland entdeckt. Was ich ja auch gemacht habe. Die Rückkehr ist sehr viel weniger aufregend. Zunächst mal die Fakten. Deutschland hat kürzlich seine Einreisebestimmungen geändert und erlässt nun den voll Geimpften sowohl den negativen Test vor Einreise als auch die Quarantäne. Richtig so. Damit habe ich auch gerechnet. Übrigens, ich habe keinem einzigen Deutschen die Impfdosen weggenommen, ist doch auch etwas!

Zunächst galt es Koffer packen. Ich habe in Daytona ja voll den Einkaufsrausch ausgelebt, nach einem Jahr Enthaltung, allerdings nicht ganz so vollkommen, wie ich es gerne getan hätte. Denn meinem Eindruck nach haben zwar alle Geschäfte geöffnet, aber mit dem Nachschub hapert es. Im Grunde gab es die gleichen Kleidungsstücke wie im letzten Jahr, die Auswahl war gering und die Regale leer. Hängt wohl auch mit Corona zusammen. Trotzdem war es nicht ganz einfach, die Gepäckbestimmungen zu beachten. Als ich meinen Koffer zupresste und hochhob, war er gefühlt 30 kg schwer. Die Waage zeigte 21, kam mir schleierhaft vor. Als meine Abholer kamen und den Koffer ins Auto schleppten äußerten sie die gleichen Bedenken. Xmal gewogen, es blieb bei 21. Und schließlich im Flughafen waren es 48 pound. Stimmt also ungefähr.

Daytona ist ja ein kleiner Regionalflughafen und ich war neugierig, ob man nach dem Impfausweis fragen würde. Ich hatte ein Basic Ticket für den Rückflug gebucht, wo man erst beim Check in seinen Koffer anmelden muss und auch erst am Gate seinen Sitz bekommt. Also war ich neugierig, ob man mich nach einem negativen Test oder Impfausweis fragt, was ja innerhalb USA nicht vorgeschrieben ist. Und ja, man tat es. Dann kam ich nach Atlanta und ging zum Gate wegen dem Platz. Vor dem Gate, wo man ja normalerweise nicht mehr an den Schalter muss wenn man seine Bordkarte hat, eine kleine Schlange. Ich muss ja hin, wegen dem Sitz. Doch sehr langsam ging mir auf, dass diesmal jeder dorthin muss. Um eben wegen den Einreisebedingungen von Deutschland seine entsprechenden Papiere vorzuweisen. Ich hatte ja alles beisammen und die Dame atmete richtig auf, als ich ihr zack meine CDC Karte und die deutsche Einreiseanmeldung auf den Tresen legte. Viele andere hatten das nicht parat und so wurde die Schlange auch immer länger, vor allem weil den meisten erst sehr spät klar wurde, dass alle an den Schalter müssen.

Dann konnten wir boarden und nicht wie sonst in den berühmten Gruppen, sondern jeder, der seine Papiere deklariert hatte, konnte gleich rein. Ein Riesenaufwand. Im Flieger stellte sich raus, dass nur etwa die Hälfte besetzt war, ich möchte mir gar nicht ausmalen, wie lange das dauern würde, wenn das Ding voll besetzt ist.

Im Flieger selbst ging es locker zu, knapp die Hälfte besetzt, aber immer noch mehr als auf meinem Rückflug im Coronajahr , als die Pandemie eben begann und ich über London zurück musste. Jeder konnte sich frei einen Platz ohne Nachbarn suchen. Interessant, dass tatsächlich die meisten Passagiere Amis waren, keine Deutschen, obwohl sie doch eigentlich immer noch nicht nach Deutschland einreisen dürfen.

Aber ich sprach von melodramatisch. Und das kam durch den ersten Film, den ich mir ansah. Eigentlich mag ich keine Filme, tat mir auch schwer mit der Auswahl, und entschied mich schließlich für den Film „In Translation“ mit Bob Murray. Der war echt schön. Aber eben melodramatisch. Man denkt dann automatisch an sich selbst, man möchte auch einfach mal so etwas Schönes erleben. Wie zwei Menschen sich näher kommen und eine wunderbare Zeit haben. Die wirklich in die Tiefe geht. Ja, das fehlt mir. Diese oberflächlichen alten Herren, die im Grunde sich nach eine jungen Pflanze umsehen, die sich mit mir ganz sicher nicht mehr beschäftigen wollen, aber diese junge Pflanze eben auch nicht finden. Okay, Bill bekam auch nicht die schöne Junge, aber er wollte ja auch nicht. Es war ein sehr gefühlvoller Film, der mir gut gefiel.

Ach ja. Aber es ist nunmal so, dass ich zwar nicht jung bin, aber ganz viel Aufregendes tue. Wie eben nach USA zu fahren wenn man es gar nicht darf. Und da jemand ebenbürtigen zu finden, der es mir gleich tut ist schwer. Freunde habe ich ja, und meine deutschen Freunde haben es mir gleich getan, auch sie sind über den Umweg DomRep nach Florida gefahren, und haben mich heute zum Flughafen gebracht. Und werden nächste Woche sogar ein paar Tage in meinem Haus wohnen.

Warum? Das ist ganz einfach. Sie haben den Urlaub so geplant, dass der eine, der noch arbeitet und deshalb Urlaubstage nehmen muss, zu Hause eine Quarantäne eingeplant hatte, bevor es zurück zur Arbeit ging. Zunächst konnte ich ihn überzeugen, sich in USA impfen zu lassen, so rechtzeitig, dass er genau dann in Deutschland ankommt, wenn die 14 Tage Frist nach der Impfung vorbei sind. Sein Begleiter dagegen weigerte sich, hatte Bedenken vor der Impfung. Drei Tage hat es gedauert, bis wir auch ihn überzeugen konnten. Was bedeutete, dass er zu Hause doch noch ein paar Tage in Quarantäne muss, bis die Schutzfrist um ist. Also wurden zwei Fliegen mit einer Klappe geschlagen, der Rückflüge wurden um die ursprüngliche Quarantänezeit verlängert und so kommt auch der andere in den Genuss der weggefallenen Quarantäne.

Ach ja, sie wurden natürlich mit dem einmaligen J&J geimpft, nur das ist ja in der kurzen Zeit vollkommen abgeschlossen. In USA bekommt man seinen Termin sofort und kann das Produkt auch noch auswählen.

Ja, bloß, ihr Haus war ab dem Zeitpunkt bereits vermietet und sie hätten auf der Straße gestanden. Nun wohnen sie bei mir. Und sie sind nicht die Einzigen. Kurz vor Abflug war ich noch in meiner Lieblingsbar, um mich von Freund Bob zu verabschieden. Er fragte mich, ob ich nicht mein Haus vermieten wolle. Nein, will ich nicht. Erzählte, dass es jemanden gäbe, dessen Wohnung von schlimmem Schimmel befallen sei und der deshalb ganz dringend etwas Neues suche, und das in einer Zeit, wo der Wohnungsmarkt in Florida absolut verrückt ist. Ich war keine 24 Stunden im Land, da erhielt ich zwei SMS auf mein amerikanisches Telefon mit Anfragen von Maklern, die mein Haus wollten und sofort ein Angebot abgeben wollten. Die Preise sind völlig überhöht. Und dieser Bekannte suchte etwas für einige Monate, um in Ruhe dann nach etwas langfristigem Ausschau zu halten. Bob gab mir seine Businesskarte und was mich überzeugte war der Beruf. Baumeister und Renovierer von Häusern. Solche Leute sind Gold wert, die muss man sich zum Freund machen. Nun werden wir mal sehen, wie dieses Projekt läuft.

Und nun lehne ich mich entspannt im Flieger zurück und genieße meinen Baileys auf Eis.

Mein Kampf

Nein, mein Kampf richtet sich nicht gegen eine menschliche Volksgruppe, aber dennoch gegen ein Volk, das mindestens so stark und zahlreich ist wie die Menschenvölker und zumindest auf meinem Grund und Boden ausgerottet werden soll. Das Ameisenvolk ist gemeint. Ich kämpfe nun schon einige Wochen, bin aber immer noch auf der Verliererseite.

Zunächst geht man mal hin, kauft eine Sprühdose und sprüht. Der Erfolg ist augenblicklich. Die Ameisen sind mausetot!

Ja, aber nur die, die durch den Sprühstrahl direkt getroffen werden. Nicht die vielen Tausend oder Millionen, die noch in der Erde sind. Um es mal klar zu machen, es geht mir nicht um die Ameisen, die irgendwo in der Erde leben und das als ihr gerechtes Zuhause betrachten. Die können wegen mir dort bleiben, auch wenn das Zuhause in meinem Garten liegt.

Nicht aber die Ameisen, die in MEIN Zuhause eindringen. Und vor allem diese winzig kleinen Biester, die man kaum sieht. Die aber eine Menge Dreck hinterlassen oder aus was auch immer ihre Hinterlassenschaft besteht. Es war schon bei meinem letzten Aufenthalt ein Problem, aber so richtig habe ich mich nicht darum gekümmert. Und dann mussten die guten Kleinen erleben, dass ihnen mein Haus ein ganzes Jahr mietfrei zur Verfügung stand. Und so sah es aus. Heftig. Verschmutzt. Nur in einem Raum, nicht im Hauptgebäude, sondern nur in einem Vorraum. Aber trotzdem. Ich will alleine dort leben!

Also, die Spraydose hat keine echte Verbesserung gebracht. Also Pest Control angerufen. Für Nicht-Floridianer, das ist etwas, das hier zum Leben gehört, geht nicht ohne. Dazu wird innen im Haus gesprüht, einmal im Jahr, auch von außen entlang der Grundmauer, und das soll verhindern, dass die lieben Kakerlaken, die hier eine ganz schöne Größe erreichen, ins Haus kommen. Klappt meist. Die Garantie lautet nur, drinnen dürfen keine Lebenden gefunden werden, Tote schon.

Der gute Mann kam, meinte aber, er sei nicht so recht für die Ameisen zuständig, da sie von außen kommen. Dazu müsste man den Lawn Service rufen. Auch das ist Florida, hier hat fast jeder einen Lawn Service und es wird jedes Quartal gesprüht, gegen alle möglichen in der Erde vorkommenden Insekten. Ist teuer, wollte ich mir erstmal ersparen. Also habe ich mir einen Sack des entsprechenden Produktes gekauft und im Garten verteilt. Genau nach Anweisung.

Es zeigte sich, dass dies offensichtlich ein gutes Futter für die Ameisen ist. Sie leben und gedeihen außerordentlich gut. Dann ging ich die Sache methodisch an und kniete mich vor die Mauer. Suchte und fand die Ameisenstraßen, die alle irgendwie durch die Wand wollten und konnten. Meine Idee war nun, die Löcher zu verstopfen. Dazu kaufte ich, in geordneter Reihenfolge, Gips, Silikon, liquid nails und so. Jeweils in so eine Pistole gesteckt und die Masse herausgedrückt. Der ganze Prozess zieht sich nun schon seit Wochen hin. An einem Tag alle Ritzen und Löcher verstopfen, warten. Am nächsten Morgen schauen, noch ist keine neue Straße entstanden. Freude. Hat geklappt. Irgendwann am Tag neuer Blick, Scheiße, die Kerle haben eine neue Straße entwickelt. Man kann es richtig sehen. Da ist ein Baumeister, der kommt von außen, bohrt ein Loch ins Silikon, sein ganzer vorderer Körperteil steckt drin, dann ist er durch und andere folgen nach. Dann kam ich auf die Idee, diese kleinen Löchlein mit noch winzigeren Kieselsteinen zu verschließen, denn Silikon allein hilft ja nicht. Klappt einigermaßen, aber in der Außenwand finden sie immer noch ein Loch.

Also wieder ins Home Depot und nach einer chemischen Keule gefragt. Ant Shield heißt das Produkt. Also der Name klingt gut. Ameisen sind es ja und ein Schutzschild davor wäre auch ganz gut. Schön nach Anleitung den Rasen davor eingesprüht, die Hauswand auch. Am nächsten Morgen: neue Ameisenstraße. Das ganze drei Tage wiederholt, gleiches Ergebnis. Ich würde es lieber Ant Feed statt Ant Shield nennen, denn es schein den Tierchen gut zu schmecken.

Also irgendwas ist in der Mauer, das die Ameisen brauchen. Vielleicht ihre Königin, ich weiß es nicht. Schließlich finde ich eine kleine Metallplatte, die die schwierige Stelle komplett abschirmen soll. Klappt auch. Aber die Biester finden neue Löcher und Wege. Ab zu Jan und seine chemische Keule geborgt. Da steht zwar nichts von Ameisen drauf, aber wer weiß, Jan hat immer nur Gutes.

So, nun war ich lange genug am PC, ich gehe mal raus nachschauen.

Ruhe.

Aber vielleicht nur die Ruhe vor dem Sturm.

Rage

Zurückblickend war es gestern ein Apriltag, sehr wechselhaftes Stimmungswetter. So richtig gut fing es schon nicht an. War mit der üblichen Gruppe für den Sonntagmorgen-Hike verabredet, hatte auch selbst ein Ziel vorgeschlagen, aber auf meine Messages zwischendurch kam keine Antwort. Erst heute um 10: wir sind da! Nun, ich war noch zu Hause und blieb es. Um in der Gruppe etwas zu machen braucht es Kommunikation.

Aber ich fahre sowieso lieber Rad. Begab mich auf den am nächsten gelegenen Trail, denn ich muss Benzin sparen. Hier wird nun kein Klopapier mehr gehamstert, sondern Benzin. Hacker haben eine US-Pipeline angegriffen und obwohl Florida durch Schiffe mit Treibstoff versorgt wird und nicht durch diese Pipeline gab es einen Run auf die Tankstellen. Ich blieb vorerst ruhig, aber dann brauchte ich doch Nachschub. Die ersten drei Tankstellen waren leer, aber an der vierten bekam ich dann ganze 8 Gallonen, aber immerhin so viel, dass der Tank fast voll ist.

Ich fahre super gerne Rad, habe mich nun auch wieder daran gewöhnt, hier kein eBike zu haben, auf den flachen Trails geht es ja auch ohne, nur die Brücken bilden eine Herausforderung. Ich fuhr 40 km und war recht glücklich, sparte mir meine Stärkungsbanane für die Halbzeit auf, traf einen Graureiher, einen Bussard und drei große Landschildkröten und war nach 40 km auch noch recht fit. Doch wer mich hier erzürnte war mein Fitnesstracker. Ich habe ja tägliche Ziele, ich weiß, kein Mensch versteht mich, aber mir sind sie wichtig. Dazu gehören täglich mindestens 10.000 Schritte, 30 aktive Minuten und in jeder Stunde muss ich mindestens 250 Schritte zurücklegen.

Und Radfahren, ohne die bergigen Taunusswege, erkennt der Tracker nicht wirklich als Tätigkeit an. Kaum Schritte wurden mir gut geschrieben und es blieb tatsächlich eine Stunde, wo ich die nötigen 250 Schritte nicht zusammenbekam. RRRR, mal wieder sauer. (Ich weiß, ich habe Luxusprobleme.)

Zuhause dann in Facebook geschaut und einen Kommentar gefunden, den ich auf meine gestrige wunderschöne Radfahrt durch New Smyrna Beach bekommen habe, immerhin der schönste Ort der ganzen Region. „ach es gefällt mir doch nicht so .Daham is daham

Das hat mich erst so richtig in Rage gebracht. Keiner versteht mich, zumindest nicht zuhause in Taunusstein. Und das Wörtchen daham bringt es insofern auf den Punkt, als ich mich eben hier zuhause fühle und nicht in Taunusstein, ein Ort, den ich inzwischen schon fast hasse. Ja, er bietet nicht viel, hauptsächlich Wald, aber der Hass kommt eher durch die Menschen. Sie sind einfach nur furchtbar, eng an den Ort gebunden, nicht weltoffen, nicht liberal. Ich liebe nun mal die Freiheit in Florida, die Offenheit, die Lockerheit. Auch hier ist nicht alles perfekt, aber hier passe ich einfach besser hin. Aber in der Welt, in der wir leben, kann man nicht einfach grenzüberschreitend seine Heimat frei wählen. Deshalb war ich eigentlich auch recht zufrieden, im Jahr 5 Monate hier zu sein.

Bis Corona kam, aber die alte Leier kennt ihr ja schon.

Aber gerade in der Coronazeit haben die Amis, ich spreche natürlich nur über Florida, eben doch das Richtige getan, obwohl sie vorher ziemlich deswegen kritisiert wurden. Gouverneur DeSantis ist ein Republikaner stramm an der Seite von Trump, ich könnte mir sogar vorstellen, er zielt selbst auf das Präsidentenamt, und er ist für Freiheit und Lockerung. Und hat Erfolg damit. Die Polizei geht hier ihren eigentlichen Aufgaben nach, der Bekämpfung der Kriminalität, wobei sie zugegebenmaßen auch genug zu tun hat. Und nicht wie in Deutschland schaut, ob auch alle ihre Masken aufhaben, Strafen verhängt oder gar, OMG, sich in der Wohnung mit mehreren treffen.

Hier wird auf Eigenverantwortung gesetzt und nicht auf die Polizei. Auch deshalb fühle ich mich hier so viel wohler. Ich bin sehr freiheitsliebend. Erst wenn man aus Deutschland raus ist, von außen herein schaut, merkt man, wie übel die Stimmung dort ist. Da wird genau geschaut, was der Nachbar macht, da wird von der Regierung Druck aufgebaut, von der Regierung, die selbst nichts zustande bringt, da werde die Menschen zum Blockwart gemacht, und die sind absolut davon überzeugt, dass sie das richtige tun. Wir haben doch eine Pandemie!

Ja, aber damit kann man unterschiedlich umgehen. Und hier klappt es ganz gut. Die Impfquote ist hoch, schon fast 40 % der Menschen haben den vollen Impfschutz und deswegen wird jetzt die Maskenpflicht für voll Geimpfte aufgehoben. Eine Reporterin fragte: Wie wird denn kontrolliert, dass wirklich nur die Geimpften ohne Masken laufen? Antwort: Es wird nicht geprüft, wir dürfen nicht nach dem Impfausweis fragen, wir vertrauen auf die Selbstverantwortung. Ach ja, wie mein Held, der Herr Lindner.

Ja, das ist mein Land, hier würde ich gerne bleiben, doch leider muss ich bald zurück. All dies, vor allem auch die fehlende körperliche Leistung auf meinem Tracker, haben mich in eine furchtbare Wut gebracht. Ich rannte wie ein Hamster im Kreis, aber bevor ich zum Sportstudio fuhr, um mich auszutoben, fuhr ich kurz bei meinen Freunden vorbei. Auch Deutsche, und sie waren coronabedingt schon eineinhalb Jahre nicht mehr in Florida, sie sind meinem Beispiel gefolgt und haben nun natürlich alle Hände voll zu tun am Haus. Ich erwischte sie beim Lunch, kleines Schwätzchen, dann hieß es, ich muss nun die Hecke schneiden. Ich schnell heim gefahren, meine Heckenschere geholt und dann rückten wir zu zweit der richtig hohen, wilden Hecke zu Leibe. Es war viel Arbeit, aber genau das Rezept, meinen ganzen Ärger zu heilen. Bewegung, gepaart mit Reden. Das brauche ich.

Überhaupt, hier habe ich ja auch mein Häuschen und jede Menge Arbeit, die für nun schon getan ist. Aber genau das ist es auch, was mir in Deutschland fehlt. Da gibt es nichts zu werkeln. Da starten weder Kakerlaken noch Ameisen einen Angriff aufs Haus, muss ich mich nicht um leckende Dächer kümmern, nicht dem Unkraut zuleibe rücken.

Aber auch nicht am Abend geruhsam auf meiner Terrasse einen Cocktail schlürfen und den vielen Vögeln zusehen, die zu mir kommen. Habe gerade gestern wieder einen neuen gefunden, der noch nicht in meiner großen Sammlung war. Und wenn ich zurück in Deutschland bin werde ich als erstes ein Buch mit Fotos der vielen Vögel drucken, dazu ihren Namen in Deutsch, englisch und Latein. Das ich auf meinen Spaziergängen mitnehmen kann. Denn in meinem alten Kopf bleiben die vielen Namen nicht mehr hängen.

Florida – mein Paradies

Hier in Florida habe ich mein persönliches Paradies gefunden. Hier gibt es alles, was ich mir vom Leben erhoffe und erträume, sagen wir mal, für die letzten Jahre. Ich weiß nicht, wie lange ich noch herkommen kann, irgendwann bin ich vermutlich einfach zu alt und zu krank, um so weit zu fliegen, aber noch geht es.

http://www.florida.mobilunterwegs.eu/

Ja, was ist es, das mir hier so gut gefällt. Und ich möchte vorausschicken, es ist mein persönlicher Eindruck, es sind die persönlichen Dinge, die einfach zu mir passen, und kein Lebenskonzept für jedermann.

Es ist zunächst das Wetter. Ich bin ein Wärmemensch, je wärmer desto besser. Ich gehöre nicht zu den Deutschen, die bereits bei 25 Grad über die Hitze schimpfen. Mein Wohlbefinden fängt gerade mal bei 25 Grad an. Gerne bis in die mittleren 30er. Das ist meine Temperatur, da fühle ich mich wohl, da erwache ich zum Leben. Und nun überlegt selbst, wie oft haben wir das in Deutschland? In Marokko schon, aber da gibt es Minuspunkte für andere Dinge.

Damit wären wir bei Punkt 2. Die Natur ist hier ein ganz wesentlicher Faktor. Einerseits habe ich meine eigene Natur, nämlich einen kleinen Garten, statt einem Betonbalkon in Taunusstein,  aber vor allem die Natur um mich herum. Selbst bis in meinen Garten kommen alle möglichen Wildtiere, allein für diese habe ich eine eigene Webseite gemacht:

http://www.florida.mobilunterwegs.eu/tiere-im-garten.html

Aber es ist nicht nur mein Garten, es gibt so viele wunderbare Naturparks und Reservate hier in Central Florida. Ich kenne sie alle. Und dann die Biketrails. In meiner Jugend und in den frühen Erwachsenen-Jahren bin ich Fahrrad gefahren, aber nicht viel, und später überhaupt nicht mehr-. Erst in Florida kam ich wieder darauf, einfach, weil es hier die wunderbaren Biketrails gibt. Sehr gut angelegte und gepflegte Pfade durch die Natur, meist abseits der Straßen, und überall gibt es Parkplätze, saubere Toilettenanlagen, Bänke, Trinkwasser und Stationen mit Reparaturwerkzeug. Ich war von diesen Pfaden so begeistert, dass ich einen Bikeführer gesucht habe, um die schönsten Pfade zu finden. Ja, es gab Bücher, aber sie haben meinen Ansprüchen nicht genügt. Was also tun? Mit meinem Hintergrund als Reisebuchautorin für Marokko und Mauretanien war das nicht schwer. Ich brauche Routenbeschreibungen mit genauen GPS-Punkten, wenn ich das für Marokko kann, warum dann nicht auch für die Biketrails. Gesagt getan, das Buch ist nun schon zwei Jahre alt. Die erste Ausgabe war komplett zweisprachig, Deutsch und Englisch, aber schnell habe ich gemerkt, dass meine Kunden hier aus USA kommen. Kein Deutscher fährt nach Florida wegen den Biketrails, obwohl es sich lohnen würde. Nun gibt es das Buch also nur in Englisch, ich verkaufe es einzig über lokale Bikeshops, und es läuft ganz gut.

http://www.bikingflorida.mobilunterwegs.eu/

Soziale Kontakte sind aber auch wichtig und genau das fällt mir in Deutschland sehr schwer. In Marokko war das schon immer anders und sehr leicht, aber auch in Florida ist es zumindest leichter als in Deutschland. Hier bekommt man vor allem Kontakt über Dinge, die man gemeinsam tut. So bin ich in einer Gruppe, die wandert, Kayak und Rad fährt. Und das macht richtig Spaß.

Der nächste Punkt ist das Auto fahren. Zu meinem Lebens-Wohlgefühl gehört das einfach dazu. Und das muss einfach sein. In Florida kostet eine Tankfüllung nicht mal die Hälfte von Deutschland, das Auto ist im Carport immer sofort greifbar, ich brauche nicht durch Regen zu gehen oder umständlich Garagentore aufzumachen, und noch viel wichtiger, wohin ich auch fahren will, überall gibt es direkt davor einen großen und kostenlosen Parkplatz. Die Straßen sind breit und leer, Staus gibt es in meiner Umgebung kaum und Geschwindigkeitskontrollen sehr selten. Wohne ja nicht in Miami. Ja, das ist Leben, auch das brauche ich. Und finde es hier in Florida.

Natürlich haben mich schon oft Menschen gefragt, ja, warum ziehst du nicht gleich dorthin. Aber diese Frage ist sehr naiv und unüberlegt. Wir sind in dieser Welt nicht frei, unseren Aufenthalt zu wählen. In einem Land, dessen Staatsangehörigkeit man nicht hat, kann man, wenn es uns Deutschen freundlich gesinnt ist und Visumsbedingungen erfüllt sind, längstens einen Tag unter einem halben Jahr leben. Man kann nicht einfach sagen, so, jetzt bin ich hier und bleibe hier. Mit einer Umsiedelung sind etliche Probleme verbunden, und nicht die kleinste ist die Krankenversicherung. Aber kurz und gut, mir reichen diese 6 Monate, ich habe nicht die Absicht, ganz hierher zu ziehen, denn es gibt ja in Deutschland Familie und Verlag, die mich festhalten.

So war mein Leben eigentlich sehr schön aufgeteilt. Ich konnte in den kalten Wintermonaten Deutschland entfliehen und mich im milden Florida aufhalten.

Bis Corona kam und alles auf den Kopf stellte. Schon seit März wird die Einreise allen Menschen verweigert, die sich in den letzten 14 Tagen in Europa aufgehalten haben. US-Amerikaner ausgenommen. Die Gründe sind mir nicht ganz verständlich, denn Europa ist ja nicht das einzige Land, in dem es Corona gibt. Menschen aus anderen Ländern mit sehr viel höheren Inzidenzen dürfen einreisen. Und auch der neue Präsident Biden hat bis heute nichts daran geändert. Ich verstehe das nicht. So langsam müsste doch da etwas geschehen. Zumindest geimpfte Menschen müssten einreisen dürfen.

Brot und Spiele

Nachdem gestern Spiele angesagt waren geht es heute um Brot. Also mal zuhause bleiben und was arbeiten, vor allem in der Küche. Zunächst wird ein Brotteig angerührt. Eigentlich backe ich mir hier immer mein Brot selbst, aber nachdem ich nun doch relativ kurz da bin, dachte ich, diesmal geht es mit den handelsüblichen Bagels. Immerhin hat man mit denen etwas mehr handfestes, im Gegensatz zu dem Brot, das so weich ist, dass es irgendwie verschwindet und sich dann klammheimlich auf den Hüften ansetzt. Aber nein, meine Verdauung schreit nach einem richtig handfesten Brot, etwas, das man kauen kann und das möglichst Körner enthält. Also mal sofort einen Hefeteig mit Weizenvollkornmehl angesetzt.

Außerdem hatte ich noch einiges im Kühlschrank, das sich ideal eignet, um ein süß-saures Schweinefleisch zu fabrizieren. Ich erinnere mich noch an meine erste Zeit in Florida. Null Computer, keine Email, null google oder Internet. Das ist heute so viel einfacher. Da ich kein altes Familienrezept habe für süß-saures Schweinefleisch, habe ja keinen asiatischen Background, ziehe ich natürlich Küchenmeister Google zu Rate und finde auch etwas richtig Gutes. Während mein Brot im Backofen vor sich hinbäckt ist mein Schweinefleisch fertig und ich esse mich dumm und dämlich. So was Leckeres. Aber ich tröste mich damit, dass die Waage heute Morgen sehr niedrig anzeigte. Wird morgen ein wenig anders sein.

So, nach all diesen Genüssen setze ich noch einen drauf, ziehe mich schick an, habe hier ja wenig genug Gelegenheit dazu, und ziehe los in die Outlet Mall. Mal sehen, was ich finde …

Titusville

Was für ein schöner Tag! Schon vor vier Wochen habe ich Jason getroffen und er hat mir von dem neuen Welcome Center in Titusville berichtet, das ich in meinen Bikeführer einbauen will. Und bis heute hat es gedauert, bis ich endlich nach Titusville fahren kann. Es gibt einfach immer so viel zu tun hier, Langeweile kenne ich nur von Taunusstein. Oder wenn es hier mal regnet.

Aber ich kann noch eine andere Recherche einbauen in diese Tour. Der Chef des Bikeshops in New Smyrna, ein guter Kunde von mir, hat gesagt, dass es auf Merritt Island noch einen guten Trail für MTB gibt, den ich ausprobieren soll. So bin ich also schon um 8:30 Uhr losgefahren, voller Vorfreude. Zunächst ein kurzer Abstecher zur Mosquito Lagoon, weil es dort so schöne Vögel gibt. Aber kein einziger war da, ich bin einfach zu spät. Die Vögel machen halt nur im warmen Winter hier Station, so wie ich auch normalerweise, und nun sind sie schon längst Richtung Norden aufgebrochen. Sie haben ja zum Glück keine Corona-Einreise-Beschränkungen.

Weiter ging es zur Biolab Boat Ramp, sie ist auf Merritt Island nahe dem Kennedy Airspace Center und auch an der Mosquito Lagoon. Hier sollte eine Möglichkeit für MTB sein. Aber nicht wirklich. Es gibt zwar eine ungeteerte Straße, die ist aber für Autos und kostet 10 $ Nutzung. Kein Parkplatz. Daneben ist die Boat Ramp, mit Parkplatz, kostet auch 10 $ Benutzung der Ramp. Da stand ich also ratlos davor. Weder wollte ich mit Auto rein noch auf die Rampe mit meinem Bike, muss ich also bezahlen? Ist ja ziemlich teuer. Da kam ein Ranger. Meine Frage hat ihn etwas überfordert, aber er war sehr hilfsbereit, rief alle möglichen Leute an und bekam keine Verbindung. Dann meinte er, ich solle einfach fahren.

Das tat ich. Es ist eine sehr schöne Straße entlang der Mosquito Lagoon, wenige Leute waren unterwegs, hauptsächlich Angler, denn die Vogel Beobachter kommen um diese Zeit weniger, es sind ja auch nur wenige Vögel da. Aber es war trotzdem recht schön und ziemlich heiß. Einige Vögel und auch ein Krokodil. Dann traf ich noch ein Anglerpaar, wir unterhielten uns und auch hier sofort die Frage, wo ich herkomme. Und klar, auch diese Frau hatte eine deutsche Mutter. War ein  nettes Gespräch und ich bekam noch den Tipp in Titusville nach dem Chaine of Lakes zu suchen., da man dort auch gut Fahrrad fahren kann.

Am Himmel brauten sich ziemlich dunkle Wolken zusammen, aber bikerfreundlich hat es erst geschüttet, als ich bereits wieder im Wagen saß. Und hörte auf, als ich in Titusville wieder aufs Rad wollte. Im Internet hatte ich mir die Adresse des Welcome Centers herausgesucht, wunderte mich schon etwas, da es doch ziemlich weit vom Biketrail entfernt ist. Kein Wunder, es war ja auch nicht das Welcome Center, sondern das Chamber of Commerce, also die übergeordnete Stelle. Aber das Glück hat mich hergeführt, denn hier war ich bei Jessica besser ausgehoben, man konnte meine Fragen gut beantworten und interessierte sich sehr für mein Buch. Ich bekam die Adresse der Chefin und mal sehen, was sich daraus noch ergibt.

Weiter gings zum einzigen Bikeshop der Stadt, Jessica meinte, die seien sicher an dem Buch interessiert. Aber schon der Eintritt war ein Schock, es ist eine elende Bude, der Chef war nicht da, aber der Mitarbeiter meinte, er hätte auch sicher kein Interesse. Ich glaube es, denn der Laden sah nun wirklich nicht aus, als würde er gute Geschäfte machen, und das in der Coronazeit, wo die anderen Läden nur so brummen und die Floridianer mehr Rad fahren als je zuvor. Selbst eBikes kommen langsam. Aber nicht in Titusville.

Nun ging es zum Welcome Center. Es ist in der Innenstadt, nahe dem Biketrail und hat einen großen Parkplatz, wo man seinen Wagen parken und losradeln kann. Zwar gibt es auch Klos, aber die sind abgeschlossen. So richtig, richtig freundlich waren sie auch nicht, jedenfalls nicht so wie Jessica, aber es ging. Der Chain of Lakes ist, wie der Name schon sagt, eine Kette von kleinen Seen, um die herum Spazier- und Radwege sind. Sehr hübsch für eine stadtnahe Erholung.

Das waren nun also gut 30 km für diesen Tag, ohne eBike, aber auch ohne Berge und ich konnte zufrieden heimfahren. Ob ihr es glaubt oder nicht, sobald ich im Wagen saß, fing es wieder an zu regnen.

Biolab Road

Chaine of Lakes

Zufrieden

Oh, Mann, ich kann kaum noch japsen, so voll und zufrieden bin ich. Um 11 fiel ich gerade völlig erschöpft auf meinen Terrassenstuhl, als mein Handy klingelte. Ich konnte nur noch stöhnen. Am Apparat war eine Freundin aus Deutschland und verstand überhaupt nicht, warum ich morgens um 11 Uhr schon so fertig bin. Aber ich hatte gerade den letzten Pinselstrich getan an der Decke im Wohnzimmer und war am Ende. Neulich habe ich ja schon die Küche gestrichen, heute also ging es weiter. Dazu muss ich sagen, die Farbe gibt es hier in sehr großen Eimern, die kann man meist nicht aufbrauchen. Und mein Eimer mit der weißen Farbe stand etwa 1 – 2 Jahre im Schuppen, genau weiß ich nicht mehr, wann ich sie gekauft habe. Sie war immer noch sehr gut, überhaupt nicht klumpig, aber wohl doch etwas fester, als neue Farbe es ist. Und das war genau das Richtige für die Decke. Ich habe zwar einige Möbel beiseite geräumt und auch ein Betttuch über das Sofa gespannt, aber eigentlich hat es kaum getropft. Allerdings weiß ich nicht, wie ich es trotzdem fertig bringe, danach von Kopf bis Fuß mit Farbflecken übersät zu sein.

Unglaublich aber wahr, die Farbe hat exakt gereicht bis zur letzten Deckenecke und dann war der Eimer leer. Besser hätte es nicht sein können. Aber ich, wie gesagt, völlig fertig. Ich habe dann immer Ruhepausen gemacht, ein Espresso und so, auf der Terrasse, und in Etappen geputzt. Nun ist fast alles fertig, auch die Deckenlampe hängt, aber offen ist noch der Deckenventilator. Ich hatte das antike Stück, das nicht mehr richtig funktionierte, entfernt, bzw. Nachbar Jim schraubte es ab, und nun warte ich bis er am Abend kommt und das neue Teil aufhängt. 30 $ kostet so was hier nur, und es ist sogar noch eine Lampe daran.

Mein Fitness Tracker zollte dieser Leistung Respekt und zeigte mehr Schritte und aktive Minuten an als wäre ich in der Gym. Und damit hatte ich mir dann auch ein gutes Mittagessen verdient. Schon am Samstag hatte ich die Nachbarn zu Rinderbraten in Biersause, Semmelknödel und Rotkraut eingeladen, und davon gibt es noch genug Reste.

Also, pappsatt und zufrieden.

Zahnarzt 2

Nun habe ich es hinter mir. Und ja, es hat sich bewahrheitet, der Zahnarzt und seine ganze Mannschaft sind supernett. Haben mich tausend private Sachen gefragt. Zunächst hat er sich schildern lassen, was mein Problem sei, am Vorderzahl fehlt ein Stück und es bröckelt immer mehr, dann hat er als erstes einen Kostenplan erstellt. 351 $ soll es kosten, wobei er mir die 30 $ für das Röntgenbild erlässt.

Dann geht es ans Werk. Nicht ein altes Röntgengerät, wo sich die Assistentin hinter der Tür verstecken muss. Nein, ich bleibe auf meinem Stuhl sitzen, sie bringt ein kleines tragbares Gerät und schon ist ein X-Ray erstellt, das ich gleich auf dem Bildschirm sehen kann. Ich bekomme eine Sonnenbrille, um mich gegen Wasserstrahlen und das Licht der Lampe zu schützen und los gehts. Er macht auch eine Spritze, ohne mich zu fragen, denn eigentlich brauche ich die nicht. Aber die Nadel steckt schneller drin als ich denken kann, aber er ist ganz sanft. In Deutschland habe ich ja den Dr. Ehnes, zu dem ich sehr gerne gehe, weil er nett ist, man mit ihm mal plaudern kann und er sogar Lebenshilfe gab zu meinem verletzten Bein. Er ist einfach super und hatte vor der Reise alles getan, um die Behandlung rechtzeitig zu beenden, damit ich auch pünktlich weg kam. Aber dieser Dr. Obeng aus der Karibik ist genauso nett. Ich habe ihm natürlich auch gesagt, dass ich ihn vor allem gewählt habe, weil er aus der Karibik kommt.

Im einzelnen kann ich nicht beschreiben, was die Beiden so an meinem Mund gewerkelt haben, ein wenig anders fühlte es sich schon an als zuhause, aber die 351 $ müssen ja auch irgendwie verdient werden. Ich saß fast eine Stunde auf dem Stuhl nur wegen der Füllung. Aber es war nötig, ich hätte nicht bis zu Hause warten können. Die alte Füllung, die schon seit Jahren bestand, ist brüchig geworden und hätte man nichts getan, wäre mir der ganze Zahn abgebrochen. Vor der Tür war ein Jaguar geparkt, ein Patient, schon daran sieht man, dass sich in USA nur die Wohlhabenden eine Zahnbehandlung leisten können. Ist in der normalen Medicare nicht drin.

P.S. Am 29.4. war ich beim Zahnarzt und habe mit KK bezahlt, am 6.5. ist das Geld von meiner Krankenkasse auf meinem Konto. Das ist doch mal eine super Kasse.

Wo kommst du her

Ich bin so was von rein deutsch, da kann ich suchen und suchen, die einzige Urahnin war mal aus Polen, aber das ist lange her. Aber schon mein Vater ist gerne gereist, trieb sich in vielen Ländern der Welt herum und ich habe das geerbt. Ich liebe fremde Kulturen, aber habe ja auch meine besonderen Vorlieben, wie man weiß, Marokko und die Menschen dort sind einfach meine Herzensangelegenheit. Und so interessiert es mich auch immer, wenn ich jemand treffe, der nicht so richtig deutsch ausschaut, woher er denn eigentlich kommt. Beziehungsweise, wenn er in Deutschland geboren ist, wo seine Wurzeln liegen. (Und nein, ich gendere ganz bestimmt nicht, ich benutze aus Überzeugung das generische Maskulin.)

Wenn die Person dann aus einem Land stammt, das ich gut kenne, dann haben wir sofort einen Draht zueinander, ich freue mich total und wir haben viel zu erzählen. Kürzlich war ich bei einer neuen Friseuse, die marokkanisch aussah. Es brannte mir auf der Zunge, hatte Angst zu fragen, da man immer dafür kritisiert wird, von den Medien, nicht von den Betroffenen. Dann traute ich mich. Zwar war sie aus Syrien, aber durch den arabischen Hintergrund hatten wir sofort wieder ein Thema und wir redeten und redeten. So viel, dass ich vor lauter Reden vergaß, ihr ein Trinkgeld zu geben und extra nochmal zurück musste.

Oder kürzlich, als ich in der Dominikanischen Republik war, wo man spanisch spricht, das ich nicht kann, traf ich hin und wieder einen Menschen aus Haiti, der Französisch sprach. Auch dadurch hatten wir sofort eine Verbindung und ich konnte viele Fragen über Haiti stellen.

Um es kurz zu machen, die Geschichte der Menschen ist immer sehr interessant und es ist wichtig, die Wurzeln zu kennen und stolz darauf zu sein. Ich bin immer besonders traurig, wenn man in Deutschland es oft als rassistisch darstellt, wenn man einen Menschen nach seiner Herkunft fragt. Was mir übrigens selbst noch nie passiert ist. Immer wurde mir freundlich geantwortet. Ich bin ja oft in USA, dort erkennt man an meinem fürchterlichen Akzent sofort, dass ich nicht hier geboren bin, erkennt auch oft recht schnell, dass ich aus Deutschland komme. Auch hier ist es immer ein Gesprächsstoff, oft wird die eigene deutsche Verwandtschaft hervorgekramt und man freut sich. Aber selbst die TV-Moderatorin Dunya Halali, die ich sehr schätze, weist energisch darauf hin, dass man damit den Menschen unterstellen würde, keine Deutschen zu sein. Aber ich frage ja nicht nach der Staatsangehörigkeit, die ist mir egal, sondern nach den Wurzeln.

Also, warum ist es so schlimm, einen Menschen nach seiner Herkunft zu fragen?

P.S. Und warum das alles genau jetzt? Es liegt an dem Zahnarzt aus der Karibik, bei dem ich noch nicht war, wo aber inzwischen schon drei Telefonate stattfanden, die alle sehr nett waren. Irgendwas hat das doch mit der Herkunft zu tun, oder?

Zahnarzt die erste

Ich werde den Zahnarzt-Blog nummerieren, denn ich ahne schon, es gibt Fortsetzungen. Schon in der Dominikanischen Republik ist mir ein kleines Stück vom Vorderzahn abgebrochen, weh tat nichts, aber man musste fürchten, dass mehr wegbricht. Aber in der DomRep zum Zahnarzt? Lieber nicht. Dann doch lieber in dem Land des medizinischen Fortschritts, in den USA!

Immer beim Zähneputzen merke ich, wie die Zahnbürste daran hängen bleibt. Heute Morgen dann bekam ich die Borsten kaum noch los, ein zweites Stückchen brach. Hier muss was geschehen. Sah ich nicht in der Dunlawton ein großes Schild Dentistry? Also dorthin. Eine Dame an der Anmeldung: wie ist ihr Name? Den werden sie nicht kennen. Ich schilderte mein Problem und sie war sehr unfreundlich. Nein, das können sie nicht machen, alle Termine sind ausgebucht, der Arzt mit Arbeit voll. Wer mir denn helfen könnte? Keine Ahnung. Ich soll doch einfach zur nächsten Tür gehen, das ist Halifax Health Emergency. Nun, die Leute kenne ich, sie haben mir bei einem Notfall mal sehr gut geholfen, wenn auch zu horrenden Preisen. Aber dort ist kein Zahnarzt. Die Dame meinte doch, da ist einer. Sie wollte mich einfach nur loswerden.

Halifax Health hat natürlich wirklich keinen Zahnarzt, aber zumindest freundliche Leute. Sie produzierten ein Infoblatt mit der Nummer eines zahnärztlichen Notdienstes. Ich rief an, aber man meinte, sie würden nur ziehen, sonst nichts. Wer mir denn sonst helfen könnte? Auch hier absolut unfreundlich, keine Ahnung, wer helfen kann. Die freundliche Halifax Dame rief dann selbst noch mal an, aber auch sie erfuhr nur Unwillen. Ich habe ja schon bemerkt, dass die Amerikaner in meiner Umgebung sehr schlechte Zähne haben, auch viele Zahnlücken, es wundert mich nicht. Wobei wir ja auch noch nichts über die Höhe der Rechnung wissen.

Ich musste also unverrichteter Dinge wieder heimkehren und beschloss, das Internet zu Rate zu ziehen. Port Orange hat viele Zahnärzte, und der erste, den ich mich entschloss, anzurufen, stammt aus der Karibik. Dort habe ich doch so viele freundliche Leute kennengelernt. Also los. Schon die Dame am Telefon war sehr nett, woher sie auch stammen mag. Ich schilderte mein Problem und war sprachlos als sie freundlich sagte, sure, heute Mittag um eins?

Ich konnte es nicht fassen, freue mich total, verzichte auf meine für heute geplante Biketour und warte freudig auf den Termin.