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Corona versus Grippe

Langsam fange auch ich an zu zweifeln. Ich habe hier eine Seite des RKI über die Grippe gefunden

https://de.statista.com/infografik/13040/woechentliche-influenzafaelle-in-deutschland/

Dabei ist in der Saison 2019/20 das Ende noch nicht erreicht, die Zahl kann noch höher werden. Diese Zahlen über die Grippe zeigen erschütternd hohe Infektionszahlen. Und das, obwohl es eine Grippeimpfung gibt und sie auch von einem großen Teil der Bevölkerung in Anspruch genommen wird. Und obwohl Grippe einigermaßen gut behandelt werden kann.

Die Zahlen über Corona sind erheblich niedriger. Hier zitiere ich die Seite, deren Ziffern auf der John Hopkins Universität beruhen. Sie sind erheblich höher als die vom RKI. Und trotzdem gibt es mit Stand heute, 26.3.2020, mit 40421 Fällen deutlich weniger Infizierte und 229 Todesfälle gegenüber 265. Warum also diese Panik? Warum werden wir Menschen eingeschlossen?

https://www.worldometers.info/coronavirus/country/germany/

Ich weiß, dass etliche Verschwörungstheorien existieren. Ich bin aber kein Verschwörungsfanatiker, ich denke immer noch, ich bin ein Mensch mit gesundem Menschenverstand. Und ich kann einfach nicht mehr glauben, dass diese heftigen, einschneidenden Maßnahmen wirklich gerechtfertigt sind, dass die komplette Weltwirtschaft lahm gelegt werden muss.

Aber genau wie damals bei der Flüchtlingskrise (ich war ein freiwilliger Helfer) ist es auch hier nicht erlaubt, eine Meinung zu sagen, die gegen den Mainstream geht. Traue mich nicht, diesen Blog wie üblich in Facebook zu teilen. Langsam mache ich mir Sorgen, was aus der Demokratie, aus der Menschheit wird.

Gooood morning, Vietnam

Ich hätte nie, nie, nie daran gedacht, nach Vietnam zu reisen. Das war nie in meinem Kopf, in meinem Programm, niemals. Und dann kam dieses supergünstige Angebot. Das hat mich interessiert, dieser Gedanke ließ mich nicht mehr los. Der Zeitpunkt geht, dann bin ich wieder zurück in Deutschland und weiß, dass ich mich in Taunusstein maßlos langweile. Ohne lange zu überlegen habe ich gebucht.

Aber lang hat es dann auch nicht gedauert, bis ich realisiert habe, dass dieser Flug über Peking geht. Peking in China, das im Moment vom Coronavirus beherrscht wird. Vietnam hat sämtlichen Flügen über China die Einreise verweigert. Und seitdem kann ich an nichts anderes mehr denken. Ich will nach Vietnam, ich muss unbedingt nach Vietnam. Ich habe mir in der Bücherei schon Reiseführer angeschaut und schließlich den Lonely Planet bestellt, ich habe mich in der Facebook Gruppe eingelesen und konnte feststellen, dass es ein sehr interessantes Land ist, dass ich unbedingt dorthin muss. Und deshalb Virus, bitte, mach dich davon. Ich will nach Vietnam!!!

Hanoi, Vietnam

– oder wenn nicht jetzt, wann dann?

Man bekommt ja täglich ziemlich viel Werbung zugeschickt und das meiste wird von mir ungelesen gelöscht. Reiseangebote schaue ich mir allerdings meistens kurz an. Und so kam heute von einem mir bekannten Reisebüro das Angebot für einen Flug nach Vietnam für sage und schreibe 327 Euro. Wohlgemerkt, nicht nur hin, sondern auch wieder zurück. Der reine Flug war tatsächlich nur 80 Euro, der Rest waren Steuern. Und das hat mich nicht mehr losgelassen. Ich war noch nie in Asien und solch ein fernes Land reizt mich doch sehr. Aber da ist ja nur der Flug dabei, sonst nichts. Also habe ich mich mal im Internet eingelesen. Vor allem hat es mich interessiert, was Hotels so kosten. Und die sind erstaunlich billig. Ich habe schon ein paar Stunden Überlegung gebraucht, aber dann habe ich den Flug gebucht. Natürlich erst meinen Mitarbeiter gefragt, ob er einsatzbereit ist. Ist er, er fährt genau ein Tag nach meiner Rückkehr selbst weg, klappt also.

Das ganze sieht nun also so aus: Da der Flug so billig ist, ist es natürlich kein Lufthansa Business Direkt Flug, sondern Air China. Und es gibt nur einen einzigen Termin, vom 12. bis zum 28.5.2020. Aber trotzdem viele Varianten, die teils 33 Stunden dauern mit 2 Stopps, einer hat 20 Stunden Aufenthalt in Peking. Da ich aber so schnell gebucht habe, habe ich einen ganz guten Flug bekommen, auf dem Hinweg nur 14 Stunden in Peking, wo ich mir den Flughafen mal so richtig gut anschauen und die Menschen mit ihren Gesichtsmasken betrachten kann. Auf dem Rückweg geht es schneller weiter und ich komme noch am gleichen Tag nach Hause. Wenn ihr also nun auch wollt, dies ist das Angebot:

elumbus

Ich habe vorläufig geplant, die ganze Zeit in Hanoi zu bleiben und die Stadt so richtig auf mich wirken zu lassen. Ich war mal 14 Tage in Tunis und das war sehr schön. Nachher kannte mich jeder Händler im Souk und ich hatte tolle Erlebnisse. Es hat mich etliche Stunden gekostet, das richtige Hotel zu finden. Es gibt so unglaublich viele. Und sie sind so preiswert. Nun habe ich eine tolle Suite gebucht mitten in der Altstadt für nur 480 Euro, inklusive Frühstück. Für 14 Tage. Die Bewertungen für das Hotel sind super und ganz offensichtlich kann man auch Ausflüge organisieren. Bei diesem niedrigen Preis lasse ich durchaus das Zimmer mal leer und mache eine schöne Tour, aber das wird erst vor Ort entschieden.

Also zunächst hatte ich ja etwas Hemmungen, so etwas ganz fremdes zu buchen. Aber dann habe ich mir einen Ruck gegeben. Ich bin nicht mehr die Jüngste und so viel Zeit habe ich nicht mehr, etwas Besonderes zu unternehmen. Ich freue mich total.

Nachtrag vom 22.2.2020: Erst nachdem ich gebucht hatte erfuhr ich, dass Vietnam alle Einreisen mit Transit aus China verweigert. Ich habe daraufhin das Reisebüro angerufen. Sie zucken nur mit den Schultern, meinen, es ist noch zu früh, um vorauszusagen, was im Mai ist. Also heißt es warten und noch nichts  zusätzliches buchen. Die einzige Ausgabe war bisher für einen Lonely Planet Reiseführer, der hier in USA viel billiger ist. Das Geld für den Flug würde ich zurück bekommen und das Hotel kann ich bis zum 8. Mai kostenfrei stornieren.

Was tun gegen Knieprobleme?

Seit fast einem Jahr spüre ich Schmerzen im Knie. Zunächst nur ganz wenig, aber ich dachte, lieber gehe ich früh zum Arzt, dann kann man vielleicht noch etwas tun. Der Besuch bei Wiesbadens wohl teuerstem Orthopäden, der nur Privatpatienten nimmt, war enttäuschend. Ja, ich habe Arthrose im Knie. Was man dagegen tun kann? Nicht viel, ist halt das Alter. Aber man könnte Akkupunktur machen, oder Hyaluron-Spritzen direkt ins Knie. Beides wird von der Krankenkasse nicht bezahlt. Da ich so gut wie keine Information über die Ursache und Behandlung der Schmerzen erhielt, musste ich Dr. Google konsultieren. Hier fand ich weitgehende Informationen und war zumindest etwas aufgeklärt. Dann besuchte ich meinen Hausarzt. Der verschrieb mir dona. Eine Dreimonatskur zu 135 Euro. Als ich die in der Apotheke holen wollte erfuhr ich, dass sie vermutlich nicht von der Krankenkasse bezahlt werden. Danke, nein.

Ich ging zur DM Drogerie und fand ein Präparat, das ebenfalls Hyaluronsäure enthielt. Aber es gab eine ganze Reihe von unterschiedlichen Produkten für Gelenkprobleme. Ja, was ist denn hier das richtige. Ich kaufte zunächst ein Präparat, das wie dona 750 mg Glucosaminsulfat enthielt, aber viel billiger ist. Daneben gab es von der gleichen Firma auch ein Präparat, das zusätzlich Hyaluronsäure enthielt. Ich probierte zunächst das eine, dann das andere. Was ich feststellen konnte ist, dass es hilft. Die Schmerzen verschwinden nicht völlig, aber werden besser. Als ich in einen Abenteuerurlaub flog und bei der Ankunft mein Koffer mitsamt Medikamenten nicht da war und ich 9 Tage ohne alles auskommen musste, merkte ich schon deutlich, dass mein Knie mehr weh tat, was besonders schwierig war, da ich in der Wüste keine komfortable Toilette fand, sondern mich hinter eine Sanddüne kauern musste, was mit dem Knie einfach nicht ging. Sobald ich wieder Zugang zu den Tabletten enthielt, war alles gut.

Nun war mir aber immer noch nicht klar, was eigentlich der Wirkstoff ist, der mir hilft. Glucosaminsulfat oder Hyaluron? Also ging ich heute zu meinem Hausarzt, der endlich aus dem Urlaub zurückgekehrt war. Er sagte, ganz klar Glucosaminsulfat. Hyaluron ist eher eine Mogelpackung, es hilft nur, wenn es direkt ins Knie gespritzt wird, eine Prozedur, die weh tut und Gefahren birgt, wie z.B. eine Infektion.

Da ich mich über den hohen Preis von dona beschwerte, schaute er in seine geheime Liste und fand ein Präparat, das den gleichen Inhaltsstoff hat, Glukosamin Chondrotin Kapseln, eine Drei-Monats-Packung zu 12,95 Euro. Ich war glücklich, das ist es doch, was ich brauche. So viel billiger als dona. Also gleich damit in die Apotheke. Dort war die Freude sofort vorbei. Das Präparat gibt es, aber nicht über den Großhändler, an den die Apotheke angeschlossen ist. Ich soll es doch mal im Internet versuchen.

Na, vielen Dank. Das ist also unser Gesundheitssystem. Teure Medikamente gibt es sofort, die preiswerten nur über Schwierigkeiten.

Ein kleines Foto – und so viel steckt dahinter

Hier zunächst einmal das Foto. Es zeigt ganz offensichtlich eine Schlange von Menschen, die sich vor einem Schuhgeschäft gebildet hat. Es sind nur Frauen, sie sind sommerlich gekleidet, das Foto wurde ja auch im Juli aufgenommen, und sie haben höchstens eine Handtasche bei sich. Ganz normal also, vielleicht damals in der DDR, wo man anstehen musste, wenn es etwas Schönes gab.

Aber das Foto befindet sich im Fotoalbum meines Vaters, das er über seine Kriegszeit angelegt hat. Dort im Buch gibt es eine Unterschrift, die besagt, dass dieses Foto in Lemberg (heute Lwiw, in der westlichen Ukraine) aufgenommen wurde. Immer noch alles ganz normal. Doch eines Tages kam ich auf die Idee, das Foto aus dem Album zu nehmen und auf die Rückseite zu schauen. Siehe dieses Foto.

Dort steht 24.7.42 9:30 Uhr Judenkolonne in Przemysl.

Das polnische Przemysl liegt 115 km von Lemberg entfernt, wo mein Vater auf der Fahrt nach Lemberg durchgekommen war.

Mein Vater hat immer alles sehr korrekt aufgeschrieben, dies ist das einzige Foto, wo Vorder- und Rückseite nicht überein stimmen. Also fing ich an zu recherchieren. Und fand – natürlich wieder mit Hilfe des tollen Forums der Wehrmacht – heraus, dass es hier um eine sehr brenzlige Situation ging.

Wikipedia sagt (Kurzfassung):

Vor Beginn des Zweiten Weltkriegs lebten in Przemyśl etwa 24.000 Juden, die vollständig in den polnischen Alltag integriert waren. …

Nach Bruch des Ribbentrop-Molotow-Paktes besetzten deutsche Truppen am 28. Juni 1941 erneut Przemyśl. Zu diesem Zeitpunkt lebten dort etwa 16.500 Juden. Umgehend begann man damit, unter der jüdischen Bevölkerung Zwangsarbeiter zu rekrutieren. Eine Registrierung der jüdischen Bevölkerung wurde vorgeschrieben. Die Gestapo ordnete an, dass die jüdische Bevölkerung nun auch in ganz Przemyśl den Judenstern tragen müsse, um sie dadurch öffentlich zu brandmarken. Jüdisches Eigentum musste zum Teil abgegeben werden, jüdische Studenten wurden gezwungen, die Straßenreinigung sowie die Müllabfuhr zu übernehmen. In den Straßen wurden Plakate aufgehängt, die die Juden als „Ungeziefer“ oder „Läuse“ beschimpften. …

Am 14. Juli 1942 (also 10 Tage vor dem Foto) wurde bekannt gegeben, dass in Przemyśl ein jüdisches Ghetto im Stadtteil Garbarze eingerichtet werden soll (nahe diesem Schuhgeschäft). Das Ghetto wurde inzwischen von 20.000 bis 24.000 Juden bewohnt. Am 26. Juli wurden erneut Zwangsarbeiter rekrutiert, am Folgetag 6.500 Juden ins Vernichtungslager Belzec deportiert. Am 31. Juli sowie am 3. August 1942 verließen Transporte mit jeweils 3.000 Juden die Stadt in Richtung Belzec. Die Transportkosten wurden den Juden in Rechnung gestellt. Zusätzlich zwang man die noch verbliebenen Juden, den größten Teil ihres Geldes der Gestapo zu übergeben. Das Ghetto wurde verkleinert, wobei die Juden für die Kosten des Stacheldrahtes, der das Lager umgab, aufkommen mussten. Ende August 1942 wurden von der Gestapo in Przemyśl 100 Juden ermordet. …

Man kann also davon ausgehen, dass die jungen Frauen auf dem Foto für Zwangsarbeiten rekrutiert wurden. Als Erklärung für die unterschiedliche Bezeichnung vorne und hinten denke ich mir, dass der Text auf der Rückseite zeitnah und korrekt geschrieben wurde. Das Fotoalbum wurde aber vielleicht erst nach dem Krieg geklebt, also in der Zeit, wo man nachweisen musste, dass man kein Nazi war. Und deshalb kam wohl die harmlose Unterschrift „In Lemberg“ zustande, also noch nicht einmal die richtige Stadt.

Was mich am meisten erschüttert, ist, dass die Juden auch noch selbst für die Kosten der Zwangs-/Vernichtungsmaßnahmen aufkommen mussten. Was mich aber noch mehr erschüttert, ist, dass Teile in Deutschland schon wieder auf dem gleichen Weg sind.

Das Kriegstagebuch kann hier bestellt werden:

http://kriegstagebuch.edith-kohlbach.de/

Das Kriegstagebuch ist erschienen

Für alle, die meine früheren Beiträge zum Kriegstagebuch meines Vaters gelesen haben und an dem Buch interessiert sind, es kam heute druckfrisch zu mir. Darin ist ein zwar privates Tagebuch enthalten, das aber viel über die Arbeit der Abwehr im 2. Weltkrieg aussagt. Enthalten sind die Namen vieler Kameraden und auch Fotos.

Zu bestellen über diese Seite:

http://kriegstagebuch.edith-kohlbach.de/

Zweiter Tag in Bamberg

Heute früh um 10 Uhr war ich wieder bei Herrn Staritz. Gestern hatten wir es ja nicht geschafft, auch die Funkausrüstung anzuschauen. Also ging es in den Keller. Also dieses Haus könnte man gut und gerne, so wie es ist, als Museum eröffnen. Hier befindet sich eine riesige Sammlung von Funkgeräten, nicht nur deutsche, auch amerikanische, englische, russische und was weiß ich nicht. Herr Staritz hat ja nach dem Krieg studiert, ist Dipl.-Ing. und kennt sich auf diesem Gebiet wirklich gut aus. Und sammelt alles wessen er habhaft werden kann. Dabei ist schon ein großer Teil seiner Sammlung im Spionage-Museum in Berlin. Hier konnte ich auch die Geräte sehen, mit denen mein Vater vermutlich gearbeitet hat.

Zu Mittag gingen wir dann „auf den Keller“, wie man hier sagt. Im Rheingau enthält ein Keller Wein, hier Bier, und die Bierlokale heißen eben Keller. Und da geht man nicht in den Keller, sondern auf den Keller. Schäufla hatte ich ja schon probiert, also entschied ich mich diesmal für Krautbraten. Es sind eigentlich die gleichen Bestandteile wie Kohlrouladen, nur dass hier das Kraut gehäckselt in dem Hackfleischteig untergezogen wird und in einer Kasserolle im Ofen gebraten wird. Sehr lecker und deftig.

An unserem Tisch nahm eine Familie Platz und schnell wurden sie ins Gespräch einbezogen. Sie waren ganz gerührt, mit welch wichtigem Mann sie hier zusammen saßen, ließen sich den Namen geben, damit sie im Internet darüber nachlesen können. Auch dies also wieder ein gelungener Tag und mein Abschied von Herr Staritz, ich selbst bleibe aber noch eine Nacht in Bamberg und will mir morgen hier noch die berühmte Fronleichnam-Prozession anschauen.

Nachsatz: Das Kriegstabeguch ist nun fertig gedruckt. Auf dieser Webseite sind nähere Infos, dort kann es auch bestellt werden:

http://kriegstagebuch.edith-kohlbach.de/

 

Besuch in Bamberg

Im Zuge meiner Familienchronik habe ich schon viele Orte meiner Kindheit besucht, Spurensuche betrieben in Boppard, Bad Kreuznach und Adenau. Aber Bamberg? Da habe ich nie gelebt Und doch ist auch dies ein Ort zur Spurensuche. Die Spuren meines Vaters.

Viel zu lange habe ich gewartet mit dieser Suche. Nun sind alle verstorben, die ich hätte fragen können. Aber nein, einen Menschen gibt es. In Bamberg. Rudolf F. Staritz. Er hat zwar meinen Vater nie gekannt, aber er war im gleichen Bereich tätig im 2. Weltkrieg, bei der Abwehr.

So viele Menschen fragen mich, Abwehr? Was genau ist das. Und warum Spanien? Das Land war doch nicht am 2. Weltkrieg beteiligt. Nein, war es nicht. Aber Franco sympathisierte durchaus mit den Deutschen und gab den Spionen freie Hand dort. Und eben der Abwehr. Der Tätigkeit, die mein Vater als Funker ausgeübt hat. Und eben Herr Staritz, wenn auch nicht in Spanien.

Endlich war es so weit, endlich konnte ich nach Bamberg fahren. Schon am Telefon hat Herr Staritz ja durch einen sehr klaren Verstand geglänzt, er kann sich an alles erinnern und erzählt nichts doppelt. Wie gerne würde ich auch ein hohes Alter in dieser Klarheit erreichen. Als er mir dann an seiner Haustür gegenüberstand war schon ersichtlich, dass er nicht mehr ganz so beweglich ist wie ein junger Mann, aber das bin ich auch nicht mehr und doch noch so viel jünger. Auch ich habe ja noch so viel zu erledigen und möchte gerne lange so fit bleiben.

Mein oberstes Anliegen war ja tatsächlich, die Lücken in den Tagebüchern zu schließen, die meine Sütterlin-Experten nicht lesen konnten. Und wir haben uns tatsächlich mit aller Energie daran gemacht. Obwohl Herr Staritz noch von der Reise erschöpft war, hat er nicht aufgegeben, bis wir mit den drei Büchern durch waren. Alles konnte auch er nicht entziffern, aber es bleibt wirklich nur noch ein sehr kleiner Rest. Danach haben wir uns zusammen einen Film angeschaut, 2 Stunden lang, in dem Herr Staritz sein Leben bei der Abwehr geschildert hat. Ein witziges Detail war, dass er seinen jüngeren Bruder Karl, auch Amateurfunker, der noch nicht eingezogen worden war, auch zur Abwehr brachte und ihn nach einer kurzen Ausbildung selbst zu seiner ersten Einsatzstelle in Hamburg gebracht hat. Das war wohl 1941. Der Bruder ging von Hamburg aus zur Abwehr in Norwegen. Es folgten Kriegsjahre, an deren Ende die Brüder keinerlei Informationen über den anderen oder die Eltern mehr hatten, die Möglichkeit, dass sie gefallen waren, bestand. Im Mai 1945, als die letzten Anstrengungen unternommen wurden im zerfallenden Heer, war Herr Staritz in Lübeck. Alleine musste er die Funkstelle bedienen, was schlicht nicht möglich war. Er bat um Unterstützung und wurde schließlich nach Hamburg geschickt, um dort nach einem Helfer zu suchen. Als er sich beim Wachtposten der Dienststelle meldete, sagte der Soldat, Staritz? Da haben wir auch einen hier. Nun ist das ein seltener Name und Herr Staritz dachte sofort an seinen Bruder. Und tatsächlich, er war es. Weinend fielen sie sich in die Arme. Und er konnte ihn mitnehmen nach Lübeck, obwohl kurz danach ja alles aus war. Also hatte er seinen Bruder in den Krieg geführt und auch wieder abgeholt.

Es war ein sehr interessanter Nachmittag, aber ich bekam Hunger und Herr Staritz war müde, also ging ich in die wunderschöne Altstadt von Bamberg. Hier war ich noch nie und ich war überrascht, was für eine schöne Stadt das ist. Klein-Venedig nennt man es ja auch, wegen der schönen alten Wohnhäuser direkt am Fluss, wo die Bewohner von ihrem Gärtchen direkt im Fluss schwimmen können oder ins Kanu steigen. Dazu hatte ich auch noch ein herrliches Wetter.

Und zum Abschluss wollte ich natürlich das fränkische Schäufele probieren. Bei den vielen schönen Lokalen in der Altstadt war es schwer sich zu entscheiden. Schließlich landete ich im Hotel Ringlein, weil es dort einen hübschen kleinen Garten gab. Natürlich bestellte ich mir das Nationalgericht Fränkische Schäufla mit Knödel und Wirsing. Wirsing hat meine Mutter auch immer gekocht, ich habe es gerne gegessen, aber zumindest in unserer Region ist dieses Gemüse vollkommen aus der Mode gekommen. Es hat alles super geschmeckt, sehr würzig, aber die Portion so groß, dass selbst ich gute Esserin es nicht gepackt habe.

Am Nebentisch saßen drei Damen, so etwa in meinem Alter. Wir warfen uns mal Blicke zu und ich konnte auch Fetzen aus ihrem Gespräch aufschnappen. Als aber das Wort Wehrmacht fiel, also ja genau mein Thema zur Zeit, da konnte ich nicht anders, bin hin und fragte, ob ich mich dazu setzen könne. Ich durfte und es folgte ein wirklich schöner Ausklang dieses interessanten Tages. Es waren drei Schulfreundinnen aus Hamburg auf einem Mädelsausflug, und tatsächlich genau mein Jahrgang. Wir hatten sehr viele gemeinsame Themen, nicht nur die Familien-Recherche, mit der auch sie sich befassten, sondern auch in der Flüchtlingspolitik hatten wir ähnliche Ansichten. Wieder einmal dachte ich mir, warum nur treffe ich interessante Menschen nur auf Reisen, nie zu Hause.

Rudolf F. Staritz

Seit Wochen bin ich nun schon mit dem Thema Familiengeschichte und Kriegstagebücher beschäftigt. Es erfüllt mich vollkommen und ich möchte einfach mehr über die Tätigkeit meines Vaters bei der Abwehr erfahren. Er hatte wenig darüber erzählt und ich habe auch nie gefragt, zunächst war ich zu jung dafür und später gedanklich doch sehr weit von meiner Familie entfernt. Doch nun nach der vollständigen Entzifferung der Tagebücher tauchen Fragen auf, und niemand ist da, um sie zu beantworten. Der Krieg brach 1939 aus, wer ihn noch als Soldat erlebt hat, müsste also spätestens 1920 – 1923 geboren sein und wie viele gibt es davon heute noch? Und sind auch noch in der Lage zu erzählen.
Ich suchte das Internet ab, fragte nach im Forum der Wehrmacht, aber wirklich handfeste Informationen fand ich nicht. Ja, es gab einen Organisationsplan. Aber was haben die Funker wirklich gemacht. Canaris, der berühmte Abwehrchef, ist in aller Munde, aber was hat so ein kleiner Funker gemacht? Mein Vater durfte darüber in seinen Tagebüchern ja nichts berichten. Und im Forum gibt es alle möglichen Informationen, aber über die Abwehr, nichts.
Ich war entmutigt und suchte mit immer neuen Schlüsselwörtern. Und traf irgendwann mit einer Kombination, die ich nicht mehr nachverfolgen kann, auf eine PDF-Datei von Rudolf F. Staritz. Das war es! Eine 100seitige Abhandlung über die Technik und Verfahren der Spionagefunkdienste. Das war genau das, was ich suchte und hier waren endlich die Orte genannt, die ich aus dem Tagebuch kannte. Berlin – Stahnsdorf zum Beispiel als Hauptstelle. Ich war begeistert und konnte anhand dieses Textes entsprechende Fußnoten in das Tagebuch einfügen, so dass die Leser nach mir besser Bescheid wissen, um was es eigentlich geht.
Doch je mehr ich mich darin vertiefte, desto mehr Fragen tauchten auf. Wie schön wäre es, wenn ich jemand fragen könnte. Wenn ich diesen Staritz fragen könnte. Auf der Internetseite gab es keinen Kontakt-Link. Aber ein Nachwort der Publikation war von Herrn Staritz selbst unterschrieben, mit der Angabe „Bamberg im April 2018“. Aha, es klingt blöd, aber man sagt sich unwillkürlich: da hat er noch gelebt. Und ein Blick ins Telefonbuch zeigt eine aktuelle Nummer.
Eine Stimme meldet sich, frisch, jung. Der Sohn? Ich frage: Herr Staritz? Ja sagt er.
Er ist es höchstpersönlich und topfit, 97 Jahre alt. Wir tauschen unsere Informationen aus und schnell stellt sich heraus, mein Vater und er waren zum gleichen Zeitpunkt am gleichen Ort. Er kennt zwar nicht den Namen, aber alles, wovon mein Vater so geschrieben hat. Rudolf Staritz ist nicht nur der letzte lebende Zeitzeuge der Abwehr, er war auch sein Leben lang an diesem Thema interessiert, hat recherchiert, Bücher geschrieben, Sammlungen aufgebaut. In zwei Wochen wird er in Berlin bei der ARD sein, um wieder einmal bei einer Dokumentation von seinen Erlebnissen zu berichten.
Ein Wahnsinns-Gespräch entwickelt sich. Und ganz klar ist er dringend an den Tagebüchern interessiert. Ich frage ihn, ob er einen PC hat. Hat er, sagt er, aber kein Internet. Bei dem, was er über die Spionage weiß, will er kein Internet im Haus haben. Aber sein Sohn hat einen Anschluss und ich schicke die Abschrift der Bücher an den Sohn. Morgen will sich Herr Staritz das durchlesen und er hofft, dass er sogar noch neue Informationen darin findet, die ihm bei der Dokumentation hilfreich sein können.
Noch immer haben wir ja einige Lücken in der Abschrift der Bücher. Keine kompletten Sätze, sondern einzelne Wörter, vor allem auch Namen, die auch meine hilfreichen Spezialisten nicht lesen konnten. Ich bin sicher, er kann es. Denn nicht nur kann er natürlich Sütterlin, er weiß auch die Hintergründe und kennt Namen. Ziemlich schnell schlage ich also vor, dass ich ihn besuche. Er freut sich sehr und meint, allzu lange darf ich damit nicht warten in seinem Alter. Meint, dass er zwar immer noch Auto fährt, aber nicht so lange Strecken. Das ist ja das Mindeste was ich tun kann, dass ich zu ihm fahre. Nun warte ich, bis er die Bücher gelesen hat, dann machen wir etwas aus. Ich bin ja so aufgeregt.

staritz_abwehr

Link zu Wikipedia

Nachtrag zur Familiengeschichte

Zu diesem Beitrag habe ich Antworten erhalten, aber da ich noch keine Kommentarfunktion ermöglicht hatte füge ich den Text hier ein:

Hallo Edith,

Deine Schilderung/Bewertung entspricht durchaus den beschriebenen Ereignisabläufen der Tagebücher. Text und Wort der Feldpostbriefe und Tagebücher sind nun mal ein Spiegel der verschiedenartigsten Erlebnisse dieser Generation, und jeder erlebte sie auf seine Weise. Wie soll es auch anders sein, sie konnten sich ihre Einheit, ihr weiteres Leben nicht aussuchen. Die Einen hatten Glück und lebten, wie Gott in Frankreich, im wahrsten Sinn des Wortes. Andere lagen an der Ostfront bei – 30° monatelang in Erdbunkern mit erfrorenen Gliedmaßen und hungerten. Viele kamen überhaupt nicht mehr nach Hause. Krieg ist immer ungerecht, die Abläufe gehorchen eigenen Gesetzen, fernab menschlicher Logik. Vielleicht ist es gerade diese Ungerechtigkeit, die deine Freundin empfindet, und die sie so verstimmt. Eventuell genügt ihr ein Hinweis in deinem Text, der relativiert und auf genau diesen Aspekt hinweist.

Guten Morgen, Edith,

ich beschäftige mich ja nun schon einige Jahre mit dem Thema 2. Weltkrieg, mit dem Krieg an sich weniger, mehr mit den Menschen in ihm. Und ja, ich habe schon viele Tagebücher und noch mehr Feldpostbriefe gelesen. Einfach weil ich verstehen will, wie die Menschen damals „tickten“, was sie zu sagen hatten, was sie fühlten, warum sie so handelten wie sie handelten. Ich habe Menschen der unterschiedlichsten Couleur dabei kennengelernt, vom hochrangigen SS-Offizier, der lyrische Gedichte schrieb, von einer Mutter mit Kindern, die einer anderen Frau den Tod wünschte, von Soldaten, die in Stalingrad festsaßen und wußten, daß sie die Heimat nicht mehr wiedersehen werden. Es gibt unzählige Beispiele. Aber die allermeisten haben gemein, daß die im Krieg stehenden Soldaten – aber auch ihre Familien – immer positiv, fast möchte man meinen oberflächlich, ihre Gedanken zu Papier brachten. Was hätten sie auch sonst anderes schreiben sollen? Die junge Frau mit Kindern daheim mit Gruselgeschichten über Bomben, Gefechte oder Tote erschrecken? Nein, das haben die wenigstens getan – und wenn, dann höchstens andeutungsweise.

Ich kann Deinen Vater gut verstehen, daß er fast ausschließlich nur die positiven Dinge aus seinem Soldatenleben notiert hat. Denn ich bin mir ziemlich sicher, daß er auch weniger schöne Erlebnisse hatte und Dinge gesehen hat, über die man besser nicht spricht. Dieses Verdrängen war ganz einfach eine Art der Verarbeitung. Und sich dann an die schönen Dinge zu erinnern, half ihm vermutlich über das weniger Schöne hinweg. …

Über die Gründe Deiner Freundin kann ich natürlich nur mutmaßen. Vielleicht rühren sie aus dem Verlust ihrer Familie her, weil ihr Vater es nicht „so gut“ hatte und an der Front saß und dort sein Leben lassen mußte. Aber dieses Schicksal hätte auch Deinen Vater treffen können. Er hatte ganz einfach nur Glück, nicht mehr und nicht weniger. Jeder kriegstaugliche Mann wurde Soldat, aber wohin er kam, das entschieden andere über ihn.

Edith, das Thema ist wirklich sehr vielschichtig und komplex, mit Worten gar nicht so einfach zu fassen, es füllt ganze Abende. Wichtig ist doch nur, daß wir uns mit unserer Vergangenheit, mit unserer Familie, unseren Wurzeln und dem „woher komme ich?“ auseinandersetzen. Und je früher wir das tun, umso besser.

Hier also nochmal von mir: Ich denke, dass ich sehr realistisch und objektiv berichtet habe, was mein Vater in den Tagebüchern schrieb und wie das auf mich wirkte. Ich war mehr als erstaunt, dass er offenbar so viel Freizeit hatte und auch, dass es wie eine Art Reisebeschreibung gewirkt hat. In den Büchern wird ein ganz anderer Mensch deutlich, als der, den ich gekannt habe. Aber die beiden Beiträge oben von Menschen, die viele Tagebücher kennen, zeigen ja, dass die meisten Soldaten nur das Gute aufschrieben.

Keineswegs möchte ich auf all die herab sehen, die Angehörige in dem Krieg verloren haben. Der Krieg war schrecklich, ich bin erst 1947 geboren, aber meine Mutter erzählte so viel von den Bombennächten, dass sie mir schon fast realistisch erschienen und ich immer Angst hatte, wenn draußen laute Geräusche erklangen. Mein Vater kam äußerlich unversehrt zurück (innerlich nicht), viele andere nicht. Das tut mir leid. Wir können es nicht mehr nicht ändern. Wer es hätte ändern können, das wäre das Volk gewesen, vor dem Krieg, das die Augen hätte aufmachen sollen und gegen die Nazis einschreiten. Aber alle haben an „ihren Führer“ geglaubt, sind ihm ins Verderben gefolgt. Das ist schlimm und sollte uns gerade heute eine Lehre sein.