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Winter

Für heute war uns Winter versprochen. In den letzten Wochen hatten wir ein super Wetter, 25 – 28 Grad, ideal für den Strand. Aber in der Nacht sollte ein Tief durchziehen, Regen bringen und am Tag dann kühle 15 Grad. Man freut sich darauf in Florida. Im November gab es mal kühle Tage, da konnte man endlich mal seine Jeans anziehen, wenn auch nur die zerrissenen. Und ich habe ja auch noch wärmere, sogar einen Pullover. Aber nichts war es. Regen schon mal gar nicht, stattdessen Wind. Um 4 Uhr früh waren es immer noch 21 Grad, aber bis 9 Uhr sollte es auf 13 Grad zurückgehen. Freue mich auf lange Hosen. Aber für mehr als die Capris hat es nicht gereicht. Im Haus ist es gerade unter dem Limit, wo man die Kühlung einschaltet und draußen sind es 18 Grad. Sonne satt. Vorhersage für morgen 20 Grad. Ja, das ist Winter in Florida. Und ich jammere auf sehr hohem Niveau.

Flagler Trail

Für die, die selten Fahrrad fahren in USA will ich erst einmal erklären, was ein Trail ist. Es ist ein eigens angelegter, meistens asphaltierter Pfad durch die Natur, für Spaziergänger, Radfahrer, Skater oder was auch immer man ohne Motor machen kann, manchmal auch für Reiter. Am Anfang und Ende sind meist schön angelegte Park- und Rastplätze mit sauberen Toiletten und Trinkwasser, oft auch Reparaturwerkzeuge für die Radler. Und über diese Trails in meiner Region Central Florida habe ich einen Führer geschrieben.

Neulich war ich unterwegs und sah plötzlich neben der Straße das für Trails typische Schild „No motorized verhicles“ und einen Meilenmarker beginnend mit 0,0 und der Bezeichnung Flagler Trail. Nun waren wir weder in Flagler Beach nördlich von Daytona noch sah ich irgendwo einen Trail. Und hatte den Namen auch noch nie gehört. Aber ich bin sehr neugierig, wenn es um Trails geht und so notierte ich alles, um zu Hause zu recherchieren.

Andere fahren ja Fahrrad, um zu fahren. Bewegung zu haben, möglichst viele Kilometer zurückzulegen. Sicher auch, um etwas Schönes zu sehen. Ich fahre nicht einfach Rad, um zu fahren, sondern mir macht es sehr viel Spaß zu recherchieren, genau das, was ich ja auch in Marokko seit Jahren getan habe. Und da ist es einfach die natürliche Folge, dass man das in ein Buch fasst.

Das Internet war nicht sehr ergiebig. Ja, ich fand etwas, aber es war noch sehr vieles unklar. Wo genau der Trail verläuft und ob er durchgehend ist. Der Beschreibung nach sollte er es sein, aber vieles sprach dagegen. Also genau die richtige Aufgabe für mich.

Zunächst einmal die Geschichte. Das war einfach und fand sich überall. Henry Flagler (1830 – 1913) war eine wichtige Person für die Entwicklung von Florida. Er war vor allem auch der Erbauer der Bahnstrecke an Floridas Ostküste (Florida East Coast Railway). Für diesen Zweck wurde ein Streifen Land gekauft, das aber nach der Einstellung der Eisenbahnlinie nicht mehr benötigt wurde und 1984 vom Seminole County aufgekauft wurde, um eben als öffentlicher Weg zu dienen. Doch anders als viele solcher Trails, die auf der alten Eisenbahnlinie angelegt wurden, wurde dieser nach Henry Flagler benannte Trail nicht asphaltiert.

Ich fand heraus, wo das nördliche Ende des Trails liegt und fuhr hin zum St. Johns River Trailhead. Auch hier wieder ein Parkplatz. Der Trail war leicht zu finden, beginnt direkt am Ufer des Flusses und läuft ganz gerade in Nord-Süd-Richtung. Er ist uneben und wild, also nur für Mountainbikes. Zum Glück ist mein Rad ja genau das. Auf der ganzen Strecke habe ich keinen einzigen Menschen gesehen, es gab nur einige Farmen auf großen Grundstücken, aber keine Menschen und auch keine Tiere. Und am Ende war auch ganz klar, der Trail geht nicht weiter, sondern endet an einem privaten Grundstück mit Drohungen gegen die Menschen, die das nicht beachten. Naja, erschossen werden will ich ja nicht, in Florida muss man mit allem rechnen. Also zurück.

Hin und zurück mit Umwegen 27 km auf unebener Strecke, das reicht mir schon für einen Tag. Doch ich wollte zumindest sehen, wo genau der Pfad weiter geht. Und genau über diese Zwischenstrecke war auch nicht so recht etwas im Netz zu finden. Es gab aber den Hinweis, dass es ab der Geneva Wilderness Area wieder weiter geht. Dorthin fuhr ich also. Und auch an dieser Seite konnte ich sehen, dass es tatsächlich keine Verbindung mehr zwischen diesen beiden Trailenden gibt. An dem Kiosk der Wilderness Area beginnt der Pfad dann neu und ich dachte, ach, komm, ein bisschen kann ich ja noch fahren. Genau eine Meile habe ich geschafft, dann bin ich erschöpft umgedreht. Vollkommen sandig und keinerlei Radspuren. Nur Hiker sind hier unterwegs. Es war ja ohnehin schon spät, also bin ich heim. Nach so einer Fahrt findet der nächste Tag immer am PC statt, denn ich muss ja alles aufschreiben, zu jedem Trail mache ich auch eine Skizze, das kostet schon Zeit.

Aber an Neujahr bin ich dann zu dem Trailhead gefahren, der am Ende dieses Stückes liegt und habe den Pfad also von der anderen Seite aufgerollt. Das ging auch recht gut, auch hier wieder nur für Mountainbiker oder Hiker, ich sah die schöne Holzbrücke am Econ River, der komplett Econlockhatchee River heißt, aber das sagt ja niemand. Und kam an den sandigen Teil. Er ist nicht so lang, etwa 2 km, also möchte ich Radfahrer nicht entmutigen, das Stückchen kann man ja auch schieben. Denn die Landschaft ist schön und man sollte sich den Trail nicht entgehen lassen. Auf diesem südlichen Teil waren am Feiertag auch viele Menschen unterwegs.

Ja, aber fehlt da nicht etwas? Ich bin immer noch nicht bei dem 0,0 Marker angekommen, der mich ja erst auf den Trail aufmerksam gemacht hat und der gar kein Trail war. Im Internet gibt es nur Informationen über die beiden Teilstücke, die ich bisher zurück gelegt habe, nichts aber über dieses Ende, immerhin noch 6 km. Das reizt mich und ich machte mich auf die Suche. Und fand auch alles. Wir sind hier in Chuluota, einer Wohnstadt nicht allzu weit von Orlando, und ein großer Teil des Trails ging an Wohnsiedlungen verloren. Aber dennoch sind Reste da. Manchmal ein Grasstreifen neben der Straße, ohne aber ein Trail zu sein, manchmal auch das obligate „No motorized verhicles“ Schild. Und ich fand den historischen Pfad und werde vor allem in meinem Buch darüber schreiben, so dass zumindest die Leute, die es haben, genau Bescheid wissen.

Ach, wo kann ich denn noch was recherchieren, es macht solchen Spaß?!

Personal Diary

Heute gibt es mal was ganz persönliches. Es ist ja Feiertagszeit und ich bin ganz alleine in Florida. Diesmal keine Besucher und auch keine Einheimischen, die mich einladen. Man könnte da als Single schon ein wenig depressiv werden. War sogar kurz davor. Obwohl ich die Tage hier wirklich genieße und mir bewusst bin, wie gut ich es habe. Am Tag vor Silvester ging ich schnell nochmal in die Gym, nur kurz ins Jacuzzi, denn Training brauche ich zur Zeit keines, der Alltag bietet mir genug davon. Dort war es die letzte Zeit sehr ruhig, habe niemand zum Reden gefunden. Was ich ja gerne tue.

Auf dem Weg zur Umkleide sprach mich jemand an, hallo Edith. Oh, hallo. Du bist Michael, nicht wahr. Nein, ich bin Rick. Okay, sorry, aber da fiel es mir wieder ein. Es ist genau vier Jahre her, dass ich ihn traf. Wir gingen ein paarmal aus, einmal zu einem Basketballspiel.

https://marokkoblog.edith-kohlbach.de/my-first-ball-game-in-usa/

Aber dann meinte er, er will mich nicht mehr treffen, da ich keine ernsthafte Beziehung suche, sondern nur Freundschaft. Okaaay, ganz wie er will. Ich brauche ihn zwar nicht, aber Menschen, um etwas zu unternehmen und zu reden schon.

Das ist also das erste Mal seit vier Jahren, dass wir uns treffen. Ich bin da ziemlich gleichgültig, aber Rick flippt total aus. Ich sähe ja so gut aus, so toll, er könne es gar nicht fassen. Und wie er so da vor sich hin brummelt und Lobeshymnen schwingt kommt ein weiterer Herr vorbei, James. Auch ihn kenne ich aus der Gym, auch mit ihm ist die Freundschaft zerbrochen, will gar nicht genau erläutern warum, aber ihr könnt euch ja alle vorstellen, dass er schuld war und auf keinen Fall ich. Er auf dem Weg ins Jacuzzi, ich auch, und dort haben wir natürlich alle Differenzen beigelegt und uns für bald verabredet.

Ein kleines Erlebnis, aber das muntert auf. Danke. Und abends auf dem AB gingen die Lobreden weiter. Noch habe ich nicht zurück gerufen.

Doch damit ob der freudigen Ereignisse nicht genug. Silvester Nachmittag war ich mit Roger Fulton zum Radfahren verabredet, Schriftstellerkollege. Ich war früh dran. Parkte auf dem Trailhead für Biker, wartete. Direkt neben mir ein schöner weißer Jeep, der Mann schnallte sein Fahrrad ab. Irgendwann dann begannen wir ein Gespräch. Ich erzählte, dass ich ein Buch über die Biketrails veröffentliche, er völlig heiß darauf. Kaufte es sofort. Und beschwor xmal, wie froh er doch sei, mich getroffen zu haben. Wir tauschten Adressen aus. Dann kam Roger und auch das war richtig nett. Zunächst fuhren wir ein kurzes Stück 1), dann trafen wir Bekannte von ihm und dann gingen wir zur Picknickhütte zum „Socialising“, wie auch zuvor ausgemacht. Jeder hatte was zu trinken und knabbern dabei. War nett.

1) Ein kurzer Einschub hier. Wie ihr alle wisst, bin ich Ü70, also nicht mehr taufrisch. Und auch die Menschen um mich herum sind etwa im gleichen Alter. Aber was für ein Unterschied zwischen Mädels und Jungs. Wir Weiber sind alle topfit, aktiv und sportlich (tun zumindest so), und die Männer haben lauter Wehwehchen und jammern. Auch Roger. Er kann kaum noch ein paar Kilometer fahren, dann tut sein Knie weh. Okay, so ist es nun mal.

Silvester dann habe ich gefeiert nach deutscher Zeit, dass heißt, um 18 Uhr (Florida) mit Sekt, Dinner for One und Whatsapp mit Family und dann ins Bett. An Neujahr sollte es wieder eine schöne Biketour geben, alleine, etwas weiter weg, also fahre ich wie üblich mit Auto dorthin. Starte, Anzeige kommt: Ölwechsel notwendig“. Ja, das kam auch schon vor ein paar Tagen, so was vergesse ich dann leicht. Aber da ich heute eine längere Strecke fahren will prüfe ich schnell den Ölstand und sehe kaum einen Tropfen. Es ist Neujahr! Und morgen Sonntag! In Deutschland hieße das, bis Montag läuft nichts mehr. Vor allem nicht mein Auto. Ich suche mir die Rechnung des letzten Ölwechsels heraus, damit ich zumindest weiß, welches Öl benutzt wurde. Und wähle einfach mal so die Nummer der Werkstatt. „How can I help you“. Es dauerte einige Sekunden, bis mir klar war, dass dies kein Anrufbeantworter ist. Ja, ich soll gleich kommen, dann kann man mich noch dazwischen schieben. Und mit weniger als einer Stunde Verspätung war ich auf dem Weg zu meinem Trail.

Mein Ziel war, den Flagler Trail zu erkunden, und das allein ist schon ein Blogbeitrag für sich. Doch das folgt morgen. Unterwegs kam ich an eine Wegkreuzung, war mir ziemlich sicher, welcher Trail das war, wollte es aber genau wissen und fragte das junge Paar, das dort rastete. Ja, richtig, es ist der Florida Trail. Und natürlich kamen wir auch hier ins Gespräch. Ein junger Amerikaner, der einige Jahre in Frankreich lebte und auch Deutschland besucht hatte, sogar recht gut deutsch sprach. Okay, auch hier kamen wir darauf zu sprechen, dass ich ein Buch über die Biketrails habe, und auch er ganz heiß darauf. Nein, ich habe es nicht bei mir auf dem Fahrrad. Aber wir haben Adressen ausgetauscht und er will es haben. Im Weggehen fragte er: Parlez-vous francais? Ja, natürlich und wir haben uns noch ein bisschen auf Französisch unterhalten. Das sind einfach die kleinen Begebenheiten am Rande, die ich so liebe. Und meine Bücher helfen mir sehr, die Kontakte zu haben. Ich sagte ihm dann noch das, was ich wirklich immer erlebe. Die Menschen, die man in USA in der Natur trifft, sind immer ganz anders als die Amerikaner, die man sich gemeinhin so vorstellt. Nicht fett und rechtsradikal, sondern natürlich, offen und liberal. Ach, es ist einfach schön, in USA zu sein. Vor allem in der Covid-Zeit.

SunRail

Regionalverkehr in USA. Für mein Buch über die Biketrails wollte ich mal die Zugverbindung prüfen. Leider ist es so, dass es nur eine Linie gibt, der SunRail von DeBary über Orlando nach Kissimee, gut 80 km. Das ist nicht viel und sie fährt auch nur während der Woche, richtet sich also nur an die Commuter. Dennoch ist diese Zugverbindung auch für Radfahrer interessant, zumindest einige der Trails sind so zu erreichen.

Ich kam daher recht früh am Bahnhof in DeBary an. Der erste Pluspunkt für den Regionalverkehr in Florida, es gibt unzählige Parkplätze und kostenlos. Habe also mein Auto geparkt und das Rad abgeschnallt. Am Bahnsteig erst einmal Ausschau nach Tickets gehalten, es gibt einen Automaten. Aber auch einen Ambassador, in diesem Fall eine sehr freundliche Frau, die den ganzen Tag auf dem Bahnsteig herumsteht, an diesem Tag in der Kälte, und den Fahrgästen mit Rat und Tat behilflich ist.

Der Apparat erklärt sich von selbst, man zahlt mit Kreditkarte, aber die nette Dame wies daraufhin, dass ich das Ticket entwerten muss, „tap“. Hätte ich nicht gewusst. Nach dem Aussteigen noch einmal. Das ganze kostet mit Rückfahrt nur 3,85 $ für Senioren, da sollte sich der deutsche Regionalverkehr doch mal eine Scheibe abschneiden. Für etwa 50 km. Und das Fahrrad ist frei. Die Dame wies mich auch noch daraufhin, dass ich am besten in den ersten Wagen einsteige, es gibt eh nur zwei, da wäre mehr Platz für Räder. Und dann sagt sie noch, dass ich eine Maske brauche. Oh, daran hätte ich nicht gedacht, seit meinem Flug nach USA vor 2 Monaten hatte ich keine Maske mehr auf, aber ich krame in meiner Radtasche und finde eine. Nur, der Gummi ist ab! Doch die Ambassadorin kramt in ihrer Handtasche und gibt mir eine neue Maske mit den Worten Merry Christmas. Vorbildlich!

Im Zug dann gibt es eine Längsbank, die klappt man hoch und findet Platz für 2 bis 3 Fahrräder. Super. Ein Mann hinter mir trägt keine Maske, der Zugbegleiter moniert das. Ich höre die Antwort nicht. Nach einiger Zeit kommt der Zugbegleiter wieder, immer noch keine Maske, und der Mann fliegt aus dem Zug. Nein, nicht während der Fahrt, er darf an der Haltstelle aussteigen.

In Orlando dann habe ich Zugang zum Orlando Urban Trail und noch weiter zum Cady Way Trail. Ein wirklich schöner Tag.

Impfen

Ich möchte hier keine Position einnehmen für oder gegen Corona, sondern einfach mal schildern, wie die Situation um mich herum im Augenblick ist. Ich nehme schon seit einigen Monaten teil an einer Studie und muss regelmäßig einen Fragebogen ausfüllen, wie es mir geht, ob ich getestet, geimpft wurde oder an Corona erkrankt bin. Gestern nun gab es in diesem Zusammenhang eine Telefonkonferenz mit weiteren Fragen. Dabei wurde ich gefragt, ob ich bereit sei, mich für die Studie testen zu lassen.

Diese Frage hat mich erstaunt bzw. zum Nachdenken gebracht. Bisher wurde ich genau 3x getestet. Zweimal im Zusammenhang mit einem Flug in die USA, einmal vor einer OP im Krankenhaus in Deutschland. Bisher dachte ich, in meinem sicheren Umfeld lebend, ich brauche mich nur dann zu testen, wenn ich mich krank fühle oder Symptome habe, die auf Corona hinweisen.

Diese Frage aber hat mir zum Bewusstsein gebracht, dass im Moment in Deutschland testen alles ist. Natürlich schaue ich mir Nachrichtensendungen an, weiß von der 3 G Regel oder 2G+. Aber irgendwie habe ich mir keine Gedanken darüber gemacht. Ja, es scheint so, dass man sich in Deutschland ständig testen muss. Wohin man auch gehen möchte.

Aber ich bin in Florida. Hier gibt es an jeder Ecke und in jeder Nachrichtensendung die Aufforderung, sich impfen zu lassen. Und wenn man das tatsächlich tun möchte hat man so viele Impfstellen, dass man sie kaum zählen kann und bekommt innerhalb einer Stunde einen Termin dafür. Nicht so beim Testen. Ja, es ist mir irgendwann mal ein Hinweis aufgefallen, dass zum Beispiel beim Drogeriemarkt Walgreens ein Testen im Drive-in möglich ist. Testen ist hier für nichts vorgeschrieben, testen lassen sich vermutlich nur Menschen, die glauben, sie sind krank. Ich jedenfalls treffe keine, die sich testen lassen. Warum diese Unterschiede? Wir hatten im Spätsommer auch einmal hohe Infektionszahlen, im Augenblick sind sie niedrig.

Was hier aber getestet wird ist das Wasser der Ableitungsrohre. Und dort fand man die Omikronvariante, auch in Florida und ganz in meiner Nachbarschaft. Also nicht an einem Menschen, sondern im Abwasser.

Wie schon zu Beginn gesagt, ich will hier keine Einordnungen treffen, einfach nur berichten, wie die Lage bei uns ist. Wenn man mich aber fragt, wo ich am liebsten wäre in dieser Situation. Ganz klar, hier in Florida. Wir leben das ganz normale freiheitliche Leben.

In den Händen des Jihad

Jihad meint wörtlich „Bemühung“ oder auch „Anstrengung“. Die islamische Tradition kennt sowohl den „kleinen Jihad“ als auch den „großen Jihad“: Der „kleine Jihad“ ist kriegerisch. Er beschreibt den kämpferischen Einsatz zur Verteidigung oder Ausdehnung des islamischen Herrschaftsgebiets. Von militanten Gruppen wird der Jihad häufig als religiöse Legitimation für Terroranschläge oder Befreiungskämpfe verwendet.

Aber heute habe ich mich ganz freiwillig Jihad ausgeliefert. Denn es ist auch ein Name für Männer und so heißt der junge Flight Instructor auf dem Airport von New Smyrna Beach, dem ich mich nun anvertraue. Denn ich möchte mir selbst einen Wunsch erfüllen und mich in die Luft begeben. Mit ihm.

Im Jahr 1997 habe ich in Daytona Beach meinen Flugschein für einmotorige Maschinen gemacht und bin fünf Jahre lang sehr viel geflogen. In Florida und in Deutschland. Doch das endete 2002, seit dem habe ich keine Controls mehr in Händen gehabt. Und als ich neulich nahe dem Daytona Flughafen die kleinen Maschinen hereinkommen sah zur Landung, da regte sich einfach mal wieder der Wunsch, selbst in die Luft zu gehen.

Viel, sehr viel hat sich geändert seit 1997. Damnals ging es nicht nur sehr locker zu auf einem Flugplatz, es war auch viel billiger. Damals habe ich pro Trainingsstunde mit Instructor 68 $ bezahlt, heute kostet es 158 $. Und die Sicherheitsvorkehrungen sind groß. Man kann nicht mehr einfach so auf die Runway spazieren, wie das damals war, alles ist umzäunt und abgesichert. September 11 hat da sehr viel geändert.

Aber auch die Maschinen. Ich hatte mein Training damals immer in einer zweisitzigen Cessna 152 mit sehr einfacher Ausrüstung, natürlich kein GPS. Heute habe ich eine super ausgerüstete Cessna 172, die sogar einen Autopiloten hat. Und keine kleine Flugschule, die aus einem Büro und einem Hangar besteht, sondern eine Flight Academy, wo die Piloten in weißen Hemden herumlaufen und einem Laden, wo man seinen ganzen Flugbedarf kaufen kann. Damals mussten wir zum Laden der Embry Riddle University gehen.

Und dann kommt Jihad. Er war mir sofort sympathisch. Er ist in USA geboren, aber die Familie stammt aus Dubai. Sehr nett und verständnisvoll. Da ich als Pilotin nicht „current“ bin darf ich eigentlich nicht links auf der Pilotenseite sitzen. Aber natürlich setzt er mich sofort dorthin. Keine Panik, er kann natürlich die Maschine auch komplett von rechts bedienen.

Und schon während wir zur Startbahn rollen, nein, eigentlich schon beim Precheck, merke ich, wie viel ich vergessen habe, bzw. wie viel sich inzwischen geändert hat. Er bietet es mir an, aber nein, ich will den Start nicht selbst durchführen und auch später nicht die Landung. Aber in der Luft drehe ich munter meine Turns so wie er es ansagt, und wir haben Spaß. Wir fliegen sogar über mein Wohngebiet, immerhin Charley Airspace von Daytona, wofür wir eine extra Erlaubnis brauchen, und ich kann paar Fotos machen.

Danke Jihad, einen solchen Jihad nehme ich gerne in Kauf.

Lake Apopka North Shore Loop

Im Februar 2020, kurz bevor Corona um die Welt ging, war ich in Apopka, um die schönen Bike Trails hier zu recherchieren. Und stieß auf den North Shore Loop, den ich aber zeit- und kraftmäßig leider nur zur Hälfte fahren konnte. Und seitdem stand dieser Loop auf meiner Wunschliste, denn er ist in meinen Augen der schönste, den Central Florida zu bieten hat. Es ist ein Wildlife Drive durch ein Naturschutzgebiet mit unzähligen Vogelarten, aber auch dicken fetten Alligatoren.

Lake Apopka Wildlife Drive

Im Grunde fahre ich nur bis zu 30 – 35 km pro Tag, da ich ja doch schon eine ältere Dame bin und hier kein eBike zur Verfügung habe. Es war klar, der Loop ist länger, aber ich habe ja auch den ganzen Tag. Dazu etwas Obst, es wird schon gehen.

Bloß, zu Beginn kam ich einfach nicht weiter. Schon gleich am Anfang lagen dicke fette Alligatoren am anderen Ufer in der Sonne und ließen sich wärmen. Und die Vögel! Einer schöner als der andere. Zwar habe ich tatsächlich schon alle Vögel selbst fotografiert, die man in Central Florida so sehen kann, und auch schon ein Buch darüber gemacht, aber trotzdem musste ich immer mal anhalten, weil es einfach doch wieder ein schönes Motiv gab.

Es waren sehr, sehr wenige Menschen unterwegs und überhaupt keine Radler. Die kommen alle eher am Wochenende. Wenn mir hier etwas passiert bin ich auf mich selbst gestellt, und nein, ich habe kein Flickzeug dabei. Nur den schon vielfach genutzten Schutzengel. Am alten Pump House sitzen zwei Männer mit dickem Teleskop und warten auf Vögel, den fetten Alligator, der gleich daneben liegt, haben sie noch nicht mal bemerkt. Ist nicht in ihrem Beuteschema. Doch frage ich sie, ob sie mich mal vor dem Gator knipsen können.

Mein Ziel ist der Green Mountain, Endpunkt des Trails. Ein Berg in Florida? Ja doch, ganze 41 m hoch. Das ist schon was. Deshalb führt ein Serpentinenweg hinauf und oben gibt es einen Outlook, von dem man auf die Marsch schaut. Ein lohnenswertes Ziel, wenn man keinen Himalaya hat. Am Ziel angekommen habe ich schon gut 25 km geschafft, nicht schlecht für mich. Aber natürlich muss ich das gleiche wieder zurück, denn einen lieben Engel, der mich jeweils am Ende abholt, habe ich leider nicht. Die Trails in Florida sind leider nie Rundwege, man muss auf dem gleichen Weg zurück. Aber zuvor suche ich noch die Toilette auf. Das ist einfach vorbildlich in USA. Es gibt immer saubere und kostenfreie Toilettenanlagen, da muss sich Deutschland eine Scheibe abschneiden. Auch Trinkwasser ist da und die Möglichkeit, seine Trinkflasche zu füllen.

Zwar wünsche ich mir manchmal auf der Strecke, ein Pickup von einem Ranger würde mich auflesen, aber doch nicht wirklich. Ich habe natürlich den Ehrgeiz, es zu schaffen und bin noch nicht mal sehr kaputt, als ich wieder am Pumphaus ankomme. Ein einzelner Mann sitzt auf der Bank und telefoniert. Laut. Zwar dachte ich manchmal, ist da nicht ein deutscher Klang in der Sprache, aber er spricht eindeutig englisch. Mein Freund der Gator liegt nun nach Stunden immer noch unbeweglich auf seinem Platz und ich mache ein Video. Ob ich ihn mal streicheln soll? Der Telefonierer ist fertig und fragt mich, ob er richtig gehört habe, dass ich mit dem Alligator Deutsch gesprochen habe. Ja, genau. Und er ist Österreicher. Lebt aber schon lange in USA. Zunächst in Kalifornien, das er aber, wie angeblich auch viele andere, verlassen hat, weil dort die Coronamaßnahmen so streng sind. Und ich muss mir eine lange Litanei über Coronapolitik anhören und warum man sich nicht impfen lassen sollte.

Ich flüchte. Auf dem letzten Stück zum Parkplatz dann Wegelagerer. Im Abstand liegen dort vier Alligatoren auf dem Weg. Was macht man da? Man filmt!

Thanksgiving

Die Grundidee des US-amerikanischen Thanksgiving basiert der Encyclopedia Britannica zufolge auf dem „Ersten Erntedankfest“ und wird am vierten Donnerstag des Monats November gefeiert. Die britischen Einwanderer feierten es 1621 gemeinsam mit Vertretern des Wampanoag-Stammes in Plymouth, Massachusetts, um für die Ernte und die guten Ereignisse des vergangenen Jahres Dank zu sagen. Doch gab es auch schon vorher geschichtlich belegte Erntedankfeste in den USA, die jeweils von den Eroberern oft zusammen mit Ureinwohnern gefeiert wurden. Es ist ein typisch amerikanisches Fest, das nicht vergleichbar mit dem deutschen Erntedankfest ist, da es speziell auf den Einwanderern beruht, die dankbar für ihr neues Leben waren, das ihnen Nahrung gab. Im Mittelpunkt steht ein großes Essen, das zusammen mit Familie und Freunden eingenommen wird, die Bestandteile begründen sich auf diese erste Zeit: einen gebratenen und gefüllten Truthahn mit einer reichhaltigen Auswahl an Beilagen und Nachspeisen wie Cranberry-Sauce, Süßkartoffeln (Sweet Potatoes), Apfel- und Kürbiskuchen sowie Gemüse wie Kürbis, grüne Erbsen und Mais.

Freund Bob fragte mich schon vor Wochen, ob ich zum Essen mit in den Eagles Club kommen wollte. Das hatten wir schon einmal gemacht und ich sagte zu. Kurz vorher jedoch meinte er, die hätten den Preis auf 8 $ angehoben und er würde dort sowieso nicht satt, weshalb er lieber ins Golden Coral gehen wollte. Das ist ein Buffet und für 8,49 $ kann man essen, so viel man will, was auch sehr gerne von den Übergewichtigen angenommen wird. Ich sagte enttäuscht ab mit der Begründung, erstens esse ich eh nicht viel und zweitens möchte ich, wenn es schon ein Festtag ist, lieber in einer festlichen Umgebung essen.

Nun kann ich mir wie jeden Tag etwas kochen, ist ja schließlich auch kein Feiertag für mich, aber wenn ich in einer Welt lebe, wo rundum gefeiert wird, dann will ich auch. Und fand ein großes Plakat mit einer Einladung zum Thanksgiving-Essen, kostenlos und für alle. ALLE in Großbuchstaben. Also fuhr ich heute dorthin. Es stellte sich heraus, dass es sich um die Port Orange Christian Church handelte. Super aufgezogen und organisiert. Auf dem Parkplatz schon Einweiser, vor der Tür wurde ich sehr freundlich empfangen. Und dann der Saal! Wunderschön dekoriert. An einer Seitenwand das Buffet, vor dem unzählige Helfer standen, vor jedem Menuebestandteil einer. Und die Kellner! So etwas muss man gesehen haben. Ein Mädchen und ein Junge kamen dauernd an unseren Tisch, um zu fragen, ob wir noch Wünsche hätten. Höchstens erstes Schuljahr und so lieb und höflich.

Große runde Tische waren festlich geschmückt und ich eröffnete einen neuen. Melissa von der Kirche setzte sich sofort zu mir, um mir ein bisschen Hintergrundwissen zu geben und natürlich auch zu fragen, wer ich bin und mich zum Gottesdienst einzuladen. Aber sehr freundlich, absolut nicht aufdringlich. Mir war nicht klar, zu welcher Glaubensrichtung die Kirche gehörte, sie meinte, wir sind christlich, offen für jede Richtung. Bald kamen weitere Gäste an meinen Tisch und wir unterhielten uns sehr angeregt. Michael und Donna sind Mitglieder in gleichen Fitnessclub, der auch gerade gegenüber der Kirche liegt. Daher hatte ich ja das Plakat bemerkt. Als Donna erzählte, dass sie neue Fahrräder hätten habe ich ihnen gleich mein Bikebook verkauft. Aber dann fing Michael an, mehr über die Kirche zu erzählen. Unglaublich engagiert, er hörte gar nicht mehr auf. Irgendwann fragte er aber, zu welcher Richtung ich gehöre, ich sagte die Wahrheit, katholisch getauft, aber schon lange ausgetreten. Zunächst war er geschockt, doch dann legte er so richtig los und ganz langsam merkte ich, welcher Richtung die Kirche eben doch angehört. Nämlich der wiedergeborenen Christen. Von denen habe ich spätestens seit Präsident Bush nicht unbedingt die beste Meinung. Und natürlich wurde ich noch einmal bestürmt, doch ganz bestimmt am Sonntag zum Gottesdienst zu kommen.

Aber das Essen war super und ich habe mich in dem Kreis sehr wohl gefühlt. Und ein Foto meines Essens etwas hämisch an Bob geschickt.

Farmtour

Immer eine Woche vor Thanksgiving findet im Volusia County die Farmtour statt. Da mache ich schon seit Jahren mit, da man einen guten Einblick in die Landwirtschaft des Bezirks bekommt. Der normale Florida-Urlauber, der Themenparks und Strand besucht, denkt vielleicht gar nicht daran, dass es doch bedeutende Landwirtschaft im State gibt. Zu jeder Farmtour öffnen einige Farmen ihre Tore und zeigen ihre Arbeit. Heute habe ich mir die vier teilnehmenden Farmen in meiner Nähe ausgesucht und dabei hat mich eine besonders beeindruckt, über die ich berichten möchte. Bisher gab es eigentlich nur private Farmen, die Gemüse anbauen, Tiere züchten oder Honigbienen halten. Doch diesmal war das Land Lab der High School von New Smyrna Beach dabei. Und das war eine Überraschung, denn so etwas gibt es in Deutschland nicht.

Die Schule unterhält diese Farm mit Ziegen, Schafen, Schweinen und Kühen. Es gibt zwar auch Kaninchen, aber nicht auf der Farm, die haben die Schüler meist zuhause. Auch andere Tiere haben sie auf ihrer eigenen Farm, da hier ja auch viele Farmerkinder zur Schule gehen. Die Farm ist wie ein richtiger Landwirtschaftsbetrieb aufgebaut und die Schüler haben besondere Aufgaben, die nicht nur die Versorgung der Tiere beinhalten, sondern sie lernen auch die wirtschaftliche Seite kennen. Etliche Schülerinnen standen in kleidsamer Uniform bereit, um uns Besucher herumzuführen. Emma Normann erklärte uns alles sehr engagiert, so dass ich sie fragte, ob sie auch später einen Beruf in dieser Richtung anstreben möchte. Sie sagte, ja auf jeden Fall, sie wird in diesem Sommer die High School abschließen, dann auf eine Landwirtschaftsschule gehen und schließlich landwirtschaftliche Lehrerin werden, also genau in die Richtung dieser Farm.

Übrigens werden die Tiere nicht zur Schlachtung gehalten, sondern zur Zucht. Die Schüler gehen auf Ausstellungen und haben schon viele Preise gewonnen. Da kommen dann auch die Kaninchen mit und ich habe sie sogar auf der kürzlichen Ausstellung auf der Volusia County Fair gesehen. Und genau da stammen auch die Küken her, die in einem Kasten mit Wärmelampe untergebracht sind. Die Schüler haben sie von anderen Farmern geschenkt bekommen, die sie nicht haben wollten, da weiblich. Sie züchten Hähnchen.

Da wir nur Mädchen sahen fragten wir natürlich, ob denn keine Jungs bei dem Projekt mitmachen. Doch, sagte Emma, aber sie halten die Tiere meist zuhause und sind heute bei der Präsentation nicht dabei.

 

Deutschland

Was ist nur in Deutschland los. Das ist kein Land mehr, auf das ich stolz bin, zu dem ich gehören möchte. Die Coronazahlen schießen in die Höhe, die Politik ist zerstritten wie nie. Die CDU hat monatelang nichts getan, blieb völlig in ihre eigenen Probleme verstrickt, und nun plötzlich werden sie aktiv. Und versuchen die Pläne der künftigen Regierung zu blocken. Ich bin so froh, dass die CDU und ihre unfähigen Minister bald weg sind vom Fenster, aber ich würde zumindest so viel Menschlichkeit erwarten, dass sie nun nicht die Handlungen weiter verhindern. Im Bundestag konnten sie das neue Gesetz nicht verhindern, aber im Bundesrat wollen sie es blockieren.

Ich bin nur froh, dass ich rechtzeitig geflüchtet bin. Wenn alles gut geht kann ich bis zum März bleiben und ich hoffe sehr, dass es in Deutschland bis dahin besser geht. Und kann nur jedem raten, der wie ich Rentner und frei ist, machen Sie das gleiche. Flüchten Sie so schnell wie möglich, suchen sich ein schönes Land für den Winter und bleiben Sie Deutschland fern. Ich habe auch die Befürchtung, dass, wenn die Zahlen in Deutschland weiter steigen, viele Länder ihre Grenzen für Deutsche dichtmachen werden.

Für Corona bin ich kein Experte. Ich kann nur beobachten und mir das für mich persönlich am passendste heraussuchen. Und das habe ich mit Florida getan. Hier waren die Zahlen im Sommer auch extrem hoch. Und man hat so gut wie nichts dagegen getan. Die Impfrate ist ähnlich hoch wie in Deutschland. Was hier deutlich besser ist, ist das Impfangebot. Hier wird nicht beim Arzt geimpft, sondern in den Apotheken. Es gibt zwar auch öffentliche Impfzentren, aber recht wenig,. Dafür sind die Apotheken sehr, sehr zahlreich. Am Tag, als meine zweite Impfung genau ein Jahr her, war fragte ich online nach einem Termin bei meiner bevorzugten Walgreens-Pharmacie für den Booster und konnte bereits nach 45 Minuten vorfahren. Karte ausgefüllt, Pieks und fertig. So geht das hier.

Negativ ist zwar, dass es hier bestimmt so viele Impfgegner gibt wie in Deutschland, aber trotzdem sind die Zahlen sehr niedrig. Es gibt so gut wie keine Coronamaßnahmen mehr. Zwar streitet der Gouverneur mit den Kommunen über eine Maskenpflicht in den Schulen, aber im Alltag ist die Maske praktisch nicht da. Nur einige Angestellte tragen sie, und sehr, sehr wenige Bewohner. Ansonsten ist wirklich alles auf, es gibt Feste, Konzerte und Sportveranstaltungen.

Ja, das ist mein Land.