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Ein ganz normaler Tag in Florida

Heute ist Samstag, gestern war Black Friday, davor Thanksgiving. Nur zur Einordnung. Heute brauchte ich einfach mal wieder ein wenig Bewegung. Also aufs Fahrrad. Inzwischen pendelt sich hier der Benzinpreis bei so um die 3 $ pro Gallone ein, also unter 1 Euro pro Liter. Da kann ich mir doch wieder einige Meilen leisten. Fuhr also nach Winter Springs, 43 Meilen, und parkte da am Central Winds Park. Schöne Sportstätten, Restrooms, Picknick, Spielplatz und natürlich Tools für das Bike.

Ich möchte euch von dieser Fahrt so gerne etwas Aufregendes erzählen, aber es gab einfach nichts. Wunderschöne Tour auf Bike Trails, nur selten musste ich eine Straße mit Ampel überqueren, also es passierte einfach nichts. Alles in allem 68 Kilometer hin und leider auf gleichem Wege zurück. Aber einfach schön.

Auf dem Heimweg dann kurz bei Safe a lot gehalten, brauche Milch zum Frühstückskaffee. Auch die ist hier, genau wie die Eier, sehr teuer geworden. Ich könnte ja mal nach Steaks schauen. Esse selten Fleisch, brauche es einerseits nicht, andererseits sind auch die teuer geworden. Doch heute die T-Bones 3.99 das Pound. Super Preis, schon lange nicht mehr gesehen. Also sofort eine Packung gekauft und eins auf dem Grill gelegt. Dazu gibt’s nur Steaksauce und eine Tomate. Lecker. Dann kurz mal in die Heuteshow geschaut. Was in Deutschland so los ist. Dann gelangweilt. Am liebsten gleich ins Bett gegangen, morgen ist ja ein schöner neuer Tag. Aber noch so früh.

Doch halt. Ich bin ja in Florida. Also habe ich das Rad wieder raus geholt und bin rüber ins First Turn. Eine Rock Band hat gespielt. Ich brauche da kein Getränk, stelle mich einfach vor die Band und tanze vor mich hin. Schön ist das. Tue so als sind die Rockband und ich die einzigen Menschen auf der Welt. Niemand, der mich mal wieder enttäuscht. Nur die und ich und ich tanze.

Genau das ist es, was mir in Taunusstein fehlt.

Thanksgiving with Shay

Thanksgiving ist in USA der höchste Feiertag, mehr noch als Weihnachten. Und niemand möchte an diesem Tag alleine sein. Im letzten Jahr war ein wunderschönes Weihnachtsessen veranstaltet von einer Kirche, dort habe ich mich sehr wohl gefühlt. Leider machen die das in diesem Jahr nicht.

Also habe ich in der lokalen Facebookgruppe mal nachgefragt, ob jemand eine andere Kirche kennt, die ein solches schönes Essen mit netten Menschen veranstaltet. Daraus ging unter anderem eine persönliche Einladung hervor, die ich schließlich annahm. Shay hatte Freunde, Familien, Nachbarn zu Gast zum Turkey Dinner und lud mich herzlich ein.

Also Shay. Ich sollte um 12 erscheinen. Es ist nicht meine erste Einladung zu einem amerikanischen Thanksgiving Dinner, so hatte ich in etwa eine Vorstellung, was mich erwartete. Man steht zusammen, trinkt ein Glas, setzt sich dann um einen großen Tisch und die vielfältigen traditionellen Speisen werden aufgetragen.

Bei der Anfahrt fiel mir auf, dass nicht allzu viele Autos vor der Tür parkten, was man bei vielen Gästen ja eigentlich erwarten würde. Die Familie saß versammelt in der Garage, hier in Florida gang und gäbe. Garagen werden selten für Autos verschwendet. Statt hallo waren die ersten Worte, die Shay zur Begrüßung sagte, wir rauchen Weed, stört dich das? Nein, überhaupt nicht! Ich fühlte mich auf einen Schlag versetzt in meine Anfangstage in Marokko, als die ganzen Jungs um mich herum Haschisch rauchten. Ich rauche gar nichts, weder Zigaretten noch Haschisch, das sagte ich auch, aber damit war dann alles klar. Ein Stuhl wurde bereit gestellt und ich wurde fröhlich aufgenommen. Ich hatte Wein mitgebracht, Shay suchte Gläser, was nicht so einfach war, denn sie trinken selten Wein. Sie trinken tatsächlich hauptsächlich Softdrinks, keinen Alkohol, und ich leerte die Flasche quasi allein. Dafür wird dann so eine dicke Tüte gedreht, die reihum ging. Man bot sie mir an, akzeptierte aber meine Weigerung, eben ganz genau wie früher in Marokko.

Shay stellte mir ihren Mann Kris vor, ihre Schwester mit Boyfriend und ihren Schwiegervater. Dazu gehörten ein Baby und ein vierjähriger Sohn. Alle sehr nett und es gab überhaupt keine Schwierigkeiten mit der Kommunikation. Irgendwann erwähnte Shay, dass Kris sich um den Turkey kümmern würde, während sie einen Kuchen als Nachtisch gemacht hatte. Dann bot sie mir stolz an, eine Tour durchs Haus zu machen. Nun könnte ich sagen, dass ich geschockt war, aber das stimmt nicht. Ich habe schon einige amerikanische Haushalte gesehen und die reichen vom Luxus bis zur totalen Unordnung. Das Haus hier war auf der Skala von 1 bis 10 so etwa bei 3. Aber Shay war so stolz auf ihr Haus mit Garten, das sie erst vor einigen Monaten bezogen haben und sah die totale Unordnung als völlig normal an. Dabei konnte ich auch einen Blick in die Zimmer der zwei großen Mädels (10 und 15) werfen, die noch zur Familie gehören. Sie lagen auf dem Bett und hörten Musik.

Inzwischen war es halb drei, in der Küche hatte ich vom Turkey weder etwas gesehen noch gerochen, und ich sagte, ich wolle aufbrechen. Auch das wurde sehr freundlich aufgenommen und ich verabschiedete mich herzlich.

Auf dem Heimweg stoppte ich bei deutschen Freunden vor Ort, die auch ein fettes Tier brieten, aber eine Einladung von denen erfolgte nicht. Obwohl ich viel für die tue. Also ging es nach Hause und eine Dose aus dem Gefrierschrank musste daran glauben. Ich aß gemütlich, trank noch ein Gläschen und dachte zwei Dinge. Erstens dass ich nun ein wenig Bewegung brauche und zweitens, dass es bei Shay doch eigentlich ganz nett war. Also stieg ich auf mein Fahrrad und fuhr wieder zurück. Alle freuten sich. Der Vierjährige war von meinem Fahrrad begeistert, worauf ich ihn durch die Nachbarschaft fuhr. Übrigens lief er die ganz Zeit barfuß. Ich war zuvor schon mit ihm und dem Baby spazieren gegangen, wobei er den ganzen Weg über spitze Steine barfuß zurück legte. Eben wie die Kinder in Marokko.

Um den Garagentisch fehlten einige Personen, dafür waren neue dazu gekommen. Man erwähnte sogar ganz kurz wieder etwas von einem Turkey, aber wiederum konnte ich ihn weder sehen noch riechen. Er schien aber bereits gegessen worden zu sein. Auf dem Tisch lagen einige interessante Tüten und ich wollte nun doch mal genaueres wissen. Was sie rauchen ist also medizinisches Cannabis, dafür braucht man ein Rezept, was aber alle Mitglieder der Familie hatten. In einer Dose war die reine Pflanze, die zerkrümelt und mit Tabak gemischt in einer selbst gedrehten Zigarette geraucht wird. Aber auf einer anderen Tüte stand Milchschokolade. Man zeigte mir ein Stückchen, bot mir es auch hier wieder freundlich an (nein, danke) und es gab noch eine zweite Tüte mit dem Geschmack von Pecan Nüssen. Mhm. Und die ganzen Kinder drumherum. Ich wollte wissen, was besser ist. Man meinte, geraucht wirkt es schneller. Der Vater litt unter Nackenschmerzen, ich fragte, ob er dafür das Cannabis rauche, ob es seine Schmerzen lindere. Nein, sagte er, er wäre nun schon so daran gewöhnt, dass es keinen Unterschied mehr macht. Warum also raucht man es? Ich weiß es nicht. Übrigens konnte ich den ganzen Nachmittag lang an den Menschen keine Veränderung feststellen, sie waren unverändert freundlich und herzlich. Wenn ich an Menschen denke, die so viel Alkohol trinken, dann verändern die sich doch sehr. Welche Droge ist also schlechter?

Ich blieb noch ein Weilchen, weil ich mich bei den Leuten wirklich wohl und herzlich aufgenommen gefühlt habe, dann machte ich mich auf dem Heimweg, es wurde ja schon langsam dunkel. Shay bot mir an, etwas von ihrem Kuchen mitzunehmen, was ich auch gerne tat. Den gab es also.

Zuhause musste ich mich sofort ausziehen und meine Kleidung in die Waschmaschine stecken, so sehr habe ich nach Weed und Zigaretten gestunken. Aber schön wars. Haben uns für die Weihnachtsparty verabredet.

Brita Taunusstein

Auf den Family Days in Port Orange war ein Stand von Brita, einer Firma, die Wasserfilter herstellt und in meinem Wohnort Taunusstein beheimatet ist. War natürlich klar, dass ich an diesem Stand stehen bleiben und alle aufklären musste, dass Brita aus meiner Stadt kommt. Das hat nun nicht wirklich jemand von dem freundlichen Personal beeindruckt, die hatten weder eine Ahnung, wo Brita herkommt noch hat es sie überhaupt interessiert. Es wurde einem die Teilnahme an einer Verlosung versprochen für einen 500 $ Einkaufsgutschein beim örtlichen Supermarkt. Kann man in Zeiten von Inflation gebrauchen, aber ich gewinne ja nie was. Was sie wirklich wollten war die Anschrift von Hauseigentümern. Weil es Brita war habe ich den Zettel ausgefüllt.

Und schon am Montag bekam ich einen Anruf. Ob jemand vorkommen dürfe um meine Wasserqualität zu testen. Und wieder habe ich zugestimmt, einfach weil es Brita ist und ich neugierig war, was kommt. Und ja, die 500 $ hatte ich nicht gewonnen, aber ich würde doch einen 50 $ Gutschein bekommen für meine Zeit. Ich stimmte zu und dachte im Stillen, der kann mich mal, den Gutschein nehme ich und dann muss ich ihn loswerden.

Aber es kam so ganz anders als ich dachte. Es erschien ein sehr sympathischer junger Mann, Will, und packte seinen Testkoffer aus. Während er noch das Wasser laufen ließ, bot ich ihm einen Espresso an. Nun ist mein Espresso immer gewürzt mit einem Sambucca, alte Familientradition. Damit hatte ich ihn schon mal gewonnen. Er war begeistert. Doch dann legte er los und nun war ich begeistert. In den knapp zwei Stunden, die er bei mir war, habe ich so viel über das Floridawasser gelernt, und es waren sehr wichtige Dinge, die ich nicht wusste. Zunächst einmal erklärte er mir, dass Brita tatsächlich der Marktführer ist in USA für solche im Haus installierten Filtersysteme. Er testete zunächst das Wasser aus dem Wasserhahn (1), dann das aus meinem Kühlschrank (2), der an einen Filter angeschlossen ist (USA – Kühlschränke haben einen Wasseranschluss für gekühltes Trinkwasser und Eiswürfel), dann fragte er mich, ob ich gekauftes Wasser in Flaschen habe. In USA wird zweierlei Wasser angeboten, Purified (3) und Spring Water (4). Ich hatte beides im Kühlschrank, wenn ich auch vorwiegend Spring Water kaufe, ist doch aus einer natürlichen Quelle. Dachte ich.

Zu diesen vier Proben kam dann noch eine Probe von Brita gefiltertem Wasser hinzu, das er mitgebrachte hatte. Und dann wurde getestet mit verschiedenen Fläschchen, von denen er etwas ins Wasser träufelte. Bestanden hat das Brita Wasser, das aus meinem Kühlschrank und das Purified. Spring Water und das aus dem Hahn färbte sich schrecklich gelb. Hier in Florida wird sehr wenig getan um das Trinkwasser zu reinigen, man schüttet einfach nur Chlorbleiche hinzu, was man auch riecht und schmeckt. Sonstige Bakterien werden nicht abgetötet, außerdem enthält das Wasser auch viel Sand, was wiederum den Geräten wie Kühlschrank, Waschmaschine und Heißwasserbereiter schadet. Es war wirklich eindrucksvoll, was er mir gezeigt hat und die Zeit für diesen Besuch war nicht verschwendet. Ich werde nie mehr das Spring Water kaufen, das noch nie eine Quelle gesehen hat.

Zum Abschied servierte ich ihm noch einen Limoncello und wir wurden Freunde fürs Leben. Er rief dann seinen Chef an, berichtete ihm von meinem Besuch und überzeugte ihn, dass ich als Snowbird, die ja nur einige Monate jedes Jahr im Land bin, mir diese schöne und sicher gute Anlage nicht zulegen kann. Aber ich kann Brita nur in höchsten Tönen loben. Von der Qualität der Produkte her und von der Freundlichkeit der Mitarbeiter.

Trick or Treat

Gestern war der 31. Oktober, Halloween. Dieses etwas verrückte Fest kommt ja aus den USA, wo ich gerade bin, wenn es auch seinen Weg über den Atlantik gefunden hat. Dennoch ist es hier ein wenig anders. Die Tradition will, dass die Kinder von Haus zu Haus ziehen und um Süßigkeiten bitten, Treat; anderenfalls sie schreckliches androhen und vollziehen, Trick. Doch werden schon seit Jahren Eltern immer mehr gewarnt, das doch nicht zu machen oder zumindest die Kinder zu begleiten, zu sehr hat man Angst vor bösen Menschen, die die Süßigkeiten vergiften könnten oder sonstwas anstellen.

Ja, die Welt wird halt immer gefährlicher.

Um dieser Gefahr entgegen zu wirken, den Kindern aber trotzdem ihren Spaß zu lassen, hat es sich immer mehr durchgesetzt, dass es ein öffentlich organisiertes Trick or Treat gibt. Manchmal organisiert von Privatleuten, von Geschäften, der Stadt, aber vor allem von den Kirchen. Und die machen den Job gar nicht mal so schlecht. Diesmal fiel der Tag auf einen Montag, deshalb war auch schon das ganze Wochenende mit Halloween Veranstaltungen angefüllt. Für mich die Ideale Gelegenheit, das Rad einzusetzen und die verschiedenen Adressen abzufahren. Am Samstag war es meine Stadt Port Orange, die daraus ein dreitägiges Family Days Event gemacht hat mit Buden und Kirmes. Am Sonntag fuhr ich dann drei Kirchen ab. Die erste sehr schön in einem Park, im großen Kreis waren Autos geparkt, die jeweils furchterregend dekoriert waren, die wie in unserem Fasching verkleideten Kinder gingen im Kreis umher mit einem Eimerchen und packten Süßigkeiten ein. Ließen sich auch gerne und stolz fotografieren.

Bei der zweiten Kirche ging es sehr viel ruhiger zu, ich wurde mit meinem Fahrrad von einigen älteren Damen begrüßt und meinte spaßig, ich wäre ja wohl schon zu alt für Trick or Treat. Nein, nein, meinten sie, ich solle nur losziehen. Und so war es. Habe ein Körbchen vorne am Rad und jeder warf mir etwas ein, eine sagte, mein Zahnarzt wird sich freuen.

Bei der dritten Kirche war dann richtig was los. Auf der Straße stand schon ein Polizeiwagen und leitete die Fußgänger sicher auf die andere Straßenseite und dort war es dann richtig schwer, überhaupt mit meinem Rad durchzukommen. Aber es fiel kein einziges böses Wort, jeder machte mir freundlich Platz. Hier konnten die Kinder sehr viel machen, im Hamsterrrad drehen, Hüpfburg, Streichelzoo und Ponyreiten. Kein Wunder, dass hier so ein Gedränge war. Aber mein Körbchen wurde nicht gefüllt, ich kam ja noch nicht mal durch zu den Ausgabestellen und gönne es gerne den Kindern.

Am Montag dann, dem eigentlichen Halloween, gab es im Riverwalk Park direkt am Fluss wieder ein großes Fest, auch diesmal von einer Kirche. Es spielte sogar eine Band, zu den Süßigkeiten gab es noch Eis und Popcorn. Jedes Auto war auch wieder schön dekoriert, die dazu gehörigen Menschen natürlich auch, und immer wurde ein christliches Thema dargestellt. Man ging in einer langen Schlange an den Autos vorbei und hielt sein Körbchen zum Füllen hin, oft mussten die Kinder auch irgendwas spielen, Angeln, Axtwerfen oder so. Hier bekam ich dann auch wieder was ab. Das wird nun sicher bis zum Ende meines Aufenthaltes reichen, denn ich darf ja täglich nur einen Snack essen. Die Linie ….

Komoot in USA

Zuhause in Deutschland nutze ich zum Fahrradfahren die App Komoot. Das ist eine schöne Sache. Ich aktiviere beim Start die Aufzeichnung, nach dem Ende bekomme ich dann genaue Daten über KM-Zahl, Steigung und Geschwindigkeit. Dazu eine schöne Skizze und wenn ich unterwegs Fotos mache die auch noch dazu. Wenn ich mal gar nicht weiß, wohin ich fahren soll lasse ich mir ab meinem Standort schöne Radtouren anzeigen und habe schon sehr viel abgefahren. Immer voll zufrieden.

Nun bin ich aber in Florida. Einerseits ist Komoot hier nicht sehr bekannt, andererseits gibt es direkt um meinen Standort auch keine regulären Biketrails. Es gibt allerdings hin und wieder Straßen, die auf dem Bürgersteig oder neben der Fahrbahn ausgewiesene  Radspuren haben. Aber wenige. Radfahren ist noch nicht so richtig angekommen in diesem Autoland und wenn, dann freizeitmäßig auf den Biketrails, aber nicht in der Stadt, um irgendwohin zu kommen.

Deshalb ist es auch kein Wunder, dass mir Komoot auch absolut keine schöne Rundtour in meiner direkten Umgebung zeigt. Nun hat Komoot aber auch die Funktion, sich selbst eine Route anzulegen. Die kann man am PC genau bearbeiten und dann sogar ohne Internet unterwegs abfahren. Genau das habe ich heute getan. Eine Rundtour von gut 30 km. Ohne designierte Biketrails und entlang wirklich großer Straßen. Zum Glück gab es an den wirklich großen einen Bürgersteig, der für Radfahrer zugelassen ist, und an den Kreuzungen jeweils Drück-Ampeln. Nicht nur, dass man an solchen Ampeln eine Ewigkeit wartet ( es geht immerhin um 6- und mehr spurige Straßen), sondern vor allem rechnen die Autofahrer absolut nicht mit Radfahrern und es gibt immer wieder tödliche Unfälle.

Heute also habe ich das Risiko auf mich genommen und bin tatsächlich lebend zurück gekommen. Richtig Spaß macht es nicht, aber anders kann man kein Ziel erreichen. Plötzlich leitete mich die Komoot App in eine Wohnsiedlung, ich habe schon Böses geahnt. Es ging etliche Kilometer durch diese Siedlung, die laut Schildern ja nur für Residents ist, und am Ende war dann auch ein großes Tor, das mich eigentlich die vielen Kilometer wieder zurück schicken wollte. Aber zum Glück kam gerade ein Auto rein und ich konnte durchschlüpfen. Auf dieser Strecke hatten die großen Straßen jeweils einen schmalen Bereich am Rande, den ich nutzen konnte, der aber eigentlich nie als Bikelane ausgeschildert war. Und es bleibt einfach das Risiko.

Fazit: ich brauche unbedingt eine Transportmöglichkeit für mein Auto, um die schönen Biketrails zu erreichen.

EBike Kauf und Test

4 Tage besitze ich nun mein neues eBike und möchte einen ersten Bericht geben. Zunächst mal der Hintergrund. Da ich in zwei Welten lebe, Deutschland und Florida, muss ich leider auch die lebenswichtigen Dinge zweimal besitzen. Für den hügeligen Taunus habe ich mir ein eBike von Giant zugelegt. Das Giant Explore+ 2 GTS zu 2499 Euro hat die neueste Technik, hier mein Erfahrungsbericht:

https://marokkoblog.edith-kohlbach.de/2-wochen-giant-ebike-erfahrung/

Nachträglich muss ich zufügen, dass mir erstens der Rücken nicht mehr weh tut und ich zweitens viel mehr Kilometer fahren kann. Hab es nie bis zum letzten ausprobiert, aber als ich von Boppard nach Taunusstein fuhr hatte ich 85 km auf dem Display und immer noch eine halb volle Batterie.

Nun also nach Florida. Ich kam mit dem festen Vorsatz, mir KEIN eBike zu kaufen. Am ersten Tag auf meinem MTB 18 km gemacht. Ich war müde. Am zweiten die gleiche Strecke auf dem älteren Rad, ich war fertig. Und bei alldem geht es nur auf gerader Strecke, nicht auf die Brücke, die ich mithilfe der Gangschaltung zwar schaffe, aber es ist doch ziemlich lang und steil und gern macht man es nicht. Bin einfach nicht fit seit ich hier bin. Jetlag?

Die Brücke ist im Hintergrund

Am dritten Tag Recherche über eBikes begonnen. Aufgrund der doppelten Haushaltsführung sind meine Mittel begrenzt und ich kann mir keinesfalls ein qualitativ so gutes Rad kaufen wie mein Giant zu Hause. Ich wollte möglichst unter 1.000 $ ausgeben. Auch hier gibt es natürlich online Angebote. Ein sehr gutes Angebot für 1.100 $ gebraucht war leider schon weg, sonst nichts Berühmtes. Ein eBike Laden in Daytona Beach Shores hatte ein Rad, ein Eunorau E-Torque für 1.400 $. Es hatte eigentlich alles, was ich mir vorstelle. Kein Mountain Bike, sondern ein Cruiser mit Schutzblechen und Gepäckträger. Ich hätte sonst nichts weiter gebraucht. Nun muss man wissen, dass hier immer noch eine Salestax von 7 % drauf kommt. Der Verkäufer bot mir an, bei Barzahlung die Salestax zu streichen. Das ist ein tolles, wenn auch illegales Angebot, aber ich wollte ja keine 1.400 $ ausgeben. Ich versprach, es mir zu überlegen.

Daytona Electric Bikes

Auf dem Rückweg kam ich an dem Laden vorbei, der vornehmlich eBikes vermietet und sie dann später gebraucht verkauft. Daytona Electric Bikes, 116 Dunlawton Ave Ste 4, Daytona Beach Shores, daytonaelectricbikes.com.

Ich kam rein, der Verkäufer schaute mich an: Edith? Ja. Wieso kennst du mich? Ich bin doch Jimmy aus dem Bikestore in Sanford, wo wir deine Bücher verkaufen.

Großes Hallo. Aber nun zum Geschäft. Angeboten wird hauptsächlich das Surface 604 Colt zu einem Preis von knapp 3.000 $ neu und 1.450 $ gebraucht. Es ist ein sehr gutes, starkes Rad, das die Brücke, die an dem Laden beginnt, in einem Ruck hochsaust. Ja, macht Spaß. Aber es kam mir auch ziemlich groß und schwer vor. Und halt zu teuer. Denn auch hier käme ja noch die Salestax hinzu. Und ein Verhandeln über den Preis ergab nichts. Ich versprach, es mir zu überlegen.

Zuhause habe ich noch ein wenig im Internet geschaut, einige Gebraucht-Angebote kontaktiert und einen weiteren Laden gefunden. Ich vergaß zu erwähnen, dass es ja auch noch die drei lokalen Bikeshops gibt, die schon lange existieren und die meine Bücher verkaufen. Aber keiner dieser Läden hatte ein Rad in meiner gewünschten Preisklasse. Diese eBike und Rental Shops, die ich gefunden habe, sind dagegen ziemlich neu und bieten auch nicht das volle Equipment eines Bikeshops.

Gear Bicycle Sales

Ein solcher Shop ist auch Gear Bicycle Sales in 209 Dunlawton Ave, Port Orange. Ich düste mit meinem MTB dorthin. Sie hatten ein neues Aventon MTB inseriert für 1.000 $. Es gefiel mir schon, fuhr sich auch gut. Klar war aber schnell, wenn ich es auf meinen Autoträger montieren will brauche ich eine zusätzliche Querstange. Ich fragte was das alles zusammen kosten solle. Er addierte und addierte. Rad, Sales Tax, Battery Recycle fee, Querstange. Und kam auf 1203,45 $ Noch nicht mal den Change wollte er mir erlassen, handeln war absolut unmöglich. Dennoch war ich einigermaßen auf das Rad fixiert und fuhr zur Bank, um Geld zu holen. Und zu Hause das Auto. Doch inzwischen war die Antwort von einem Gebrauchtrad gekommen, das 500 $ kosten sollte. So ein Preis würde mir gefallen. Auf dem Foto konnte ich die Marke erkennen: Hyper. Und fand, dass Walmart es neu für 598 $ verkauft. Erstens zu billig, um gut zu sein, zweitens sind da 500 $ ein ziemlich schlechter Preis für ein gebrauchtes Rad. Mir ist auch die Kilometerleistung wichtig. Der Verkäufer sagte, er wäre immer 15 Meilen zur Arbeit gefahren und 15 Meilen zurück, dafür reichte es, ist mir aber etwas wenig. Zu den meisten Rädern im Angebot heißt es, sie fahren 45 – 50 Meilen (72 – 80 km).

Ich schaute mir das Foto noch einmal genau an. Es war ein MTB, hatte also keinen Gepäckträger und keine Schutzbleche. Das genügt mir nicht. Schaute noch mal das Aventon zu 1.200 $ an. Ebenso. Das war die Entscheidung! Die zurück zum Eunorau, das alles hat, was ich brauche für 1.400 $. Mein Cash gezählt und genau die geforderten Scheine gefunden, nichts wie ab zum Laden.

Nun muss ich das Rad aber auch nach Hause kriegen. Meine Autohalterung für 2 Normalräder ist nicht für schwere eBikes ausgelegt, zudem hat das Rad auch keine Querstange. Aber ich werde es versuchen.

Daytona Outdoors

Ist in Daytona Beach Shores, 2408 S Atlantic Ave, https://daytonaoutdoors.com. Auch hier werden vornehmlich Fahrräder zum Vermieten angeboten, aber auch neue verkauft. Und der Verkäufer ist ein wirklich netter Typ. Mein Eunorau E-Torque stand noch wie gewünscht in der Ecke und ich erkundigte mich zunächst mal, ob zu den 1.400 $ auch wirklich nichts dazu kommt, wie diese blöde Recycling Fee. Nein, das ist der Endpreis. Und schon wurden wir uns einig. Als erstes half er mir, das Rad auf meinem Wagen zu befestigen. Schon dabei zeigte sich, dass diese Billighalterung einfach nicht ausreichend ist. Aber ich schaffte es, das Rad sicher heim zu bringen. Und es fühlt sich in dem schönen Abstellraum, der in den Florida-typischen Farben wie das Rad gestrichen ist, sichtlich wohl.

Auto-Rack

Aber das Thema Autohalterung besteht weiter. Mein Budget ist erschöpft, und mein Auto hat keine Anhängerkupplung, ich bin nicht mal sicher, ob man eine anbringen könnte. Aber es fehlen mir einfach die Mittel dazu. Ich habe daraufhin in der Fahrradgruppe nach Empfehlungen gefragt, welche Halterung ich benutzen könnte, die wie bisher an der Rückseite befestigt wird, aber auch ein eBike aushält. Die Antworten sind ernüchternd. Es scheint einfach nicht möglich zu sein. Mein Entscheidung für den Moment ist also, das Rad nur in der heimischen Umgebung zu benutzen und für die schönen Florida Trails, zu denen ich im Auto anreisen muss, noch das alte Rad zu nutzen.

Kilometerleistung

Und so radele ich also munter durch die Daytona Area. War schon zur Main Street während der Bike Week, habe den neuen Sweetheart Trail an der Beachstreet ausprobiert und war in Ponce Inlet. Alles einfach super. Dabei waren etliche Brückenüberquerungen nötig, die das Bike locker schafft. Ich mache im Schnitt 30 km pro Tour. Übernommen habe ich das Rad voll geladen und diese erste Ladung hatte nach 3 Tagen und 103 km noch einen Füllstand von 25 %. Also kann ich wesentlich mehr Kilometer damit fahren als von den Verkäufern angegeben. Es kommt mir etwas langsamer vor als mein Giant, aber ist vollkommen ausreichend für das flache Florida.

Throttle

Anders als in Deutschland haben die eBikes hier einen Throttle, also einen Gashebel. Eigentlich fand ich das als Biker ja blöd. Will doch kein Moped haben, sondern mich trotz Motor noch sportlich betätigen. Ein eBike ist pedal assisted, also der Motor läuft nur, wenn man in die Pedale tritt. Hier in Florida sind die meisten eBikes tatsächlich halbe Mopeds, mit breiten Reifen, einem starken Motor und werden meist ohne in die Pedale zu treten gefahren. Das ist mir aber nicht sportlich genug. Ich wollte ein richtiges Fahrrad und habe es mit dem e-torque bekommen. Aber es hat auch einen Throttle. Und natürlich muss ich den auch mal ausprobieren. Und muss zugeben, dass es doch schön ist. Vielleicht hat man nach einer langen Fahrt mal müde Beine und kann sich ein paar Meilen ausruhen. Das Bike beschleunigt dann auf 18 mph, denn es ist ja genau wie die deutschen eBikes auf 25 kmh begrenzt. Wo ich es aber besonders hilfreich finde ist es bei einer Anfahrt im Berg. Aufsitzen, den Throttle drücken und schon fährt man los. Ich freue mich inzwischen darüber und hätte es mir auch für mein deutsches Bike gewünscht.

Allerdings steht in der Beschreibung, dass man bei Nutzung des Throttles nur etwa 15 Meilen mit einer Ladung fahren kann, es braucht ja wesentlich mehr Energie.

Back Home

Was ist eigentlich das Gegenteil von Heimweh? Keine Ahnung, kann es nicht benennen, nur fühlen. Bald muss ich heim und ich will absolut nicht. Jetzt gibt es wieder die Superschlauen, die sagen, ja bleib doch. Wandere aus. Aber leider ist dies nicht so einfach, es gibt eine Menge Gründe dagegen, die ich euch jetzt nicht aufzählen werde. Zu persönlich. Ergebnis ist, ich muss heim.

Wenn es irgendetwas Schönes an dieser Tatsache gibt, so ist dies nur der Flug. Auf den freue ich mich wirklich. Mein Hinflug ging ja über die DomRep, so dass ich nun einen extra Rückflug brauchte. Also nur Einweg. Habt ihr so etwas schon mal gebucht? Schweineteuer! Hätte in der billigsten Economy etwa 1000 Euro gezahlt, nur einfach ohne Gepäck. Schließlich habe ich für nur wenig mehr einen Roundtrip gefunden in der besten Economy Klasse. Delta hat umgebaut und bietet nun in Economy drei Klassen an. Ich habe die Premium Select, nur ein wenig schlechter als Business und es scheint sogar Zugang zu der Lounge zu bieten. Kann gerne nach dem Flug über die Erfahrung berichten. Das heißt natürlich auch, dass ich für den Herbst schon meinen Rückflug nach Florida habe und dann wieder vor der gleichen Situation stehe, zurück nach Deutschland zu müssen.

Aber so weit sind wir ja noch nicht. Erst einmal geht es um das Negativ-Heimweh. Ich bin hier inzwischen so sehr verwurzelt und werde gebraucht, dass ich mich nur sehr schwer lösen kann. In Taunusstein wartet kein Schwein auf mich, braucht mich niemand. Das ist schon schwer.

Snowbird

Eine Bekannte sagte einmal zu mir, du bist doch immer nur kurz dort, da kannst du doch keine Beziehungen aufbauen. Wie falsch das war. Florida ist einfach einzigartig, dies ist ein State, in den viele Amerikaner und Kanadier, sogar ein paar Deutsche, tatsächlich nur für den Winter kommen. Das ist hier das normale Leben, darauf ist alles aufgebaut. Und es hat tatsächlich eine lange Tradition. Schon vor über 100 Jahren haben hier die Reichen aus New York überwintert, haben den Staat erst aufgebaut. Und wie schön, dass dies heute auch für Nicht-Reiche so wie mich möglich ist. Fast alle Leute, mit denen ich zu tun habe sind nur im Winterhalbjahr hier und alle Serviceprodukte sind darauf aufgebaut. Nehmen wir einmal Internet und TV. Letzteres brauche ich nicht, da ich streame, aber Internet ist sehr wichtig. Mein Provider, Spectrum, bietet da einfache Lösungen. Entweder ich kündige jeweils bei meiner Abreise und melde mich danach wieder neu an. Das kostet eine Gebühr. Oder ich melde eben seasonal an, also eine Auszeit für den Sommer. Das kostet pro Monat ebenfalls eine Gebühr, aber gering, so dass die beiden Alternativen in etwa aufs Gleiche rauskommen. Diesmal habe ich seasonal gewählt, da ich ja auch durch den Rückflug den genauen Tag kenne, wo ich wiederkomme, und automatisch habe ich von diesem Tag an wieder Internet.

Strom und Wasser lasse ich immer weiter laufen, aber wichtig ist mir da noch mein Sportstudio. Schon allein der normale Preis ist der Hammer. Ich zahle monatlich knapp 30 $ für ein komfortables Studio mit Pool, Sauna und Jacuzzi. Auch hier könnte ich mich einfach ganz abmelden, oder gegen geringe Gebühr den Vertrag einfach einfrieren. Diesmal war ich nicht so ganz sicher, ob ich vielleicht doch kündige, zögerte, und schon bot man mir an, den Vertrag ohne Gebühr einzufrieren. Das ist Service.

Und dann sind wir beim Autofahren. Darüber habe ich schon oft berichtet, aber man kann einfach nie genug darüber sagen. Für mich ist Autofahren einfach ein humanitäres Recht, ich brauche es und möchte nicht darauf verzichten. Und hier kann man dies einfach entspannt. Zwar schossen auch hier durch den Krieg in der Ukraine die Benzinpreise in die Höhe, aber sie sind immer noch nur halb so hoch wie in Deutschland. Aber das ist es nicht alleine. Gerade kürzlich lese ich in Facebook in der Gruppe Polizeikontrolle von den täglichen Blitzern, die irgendwo stehen. Das gibt es hier einfach nicht. Hier kann man recht entspannt fahren. Ich rede hier nicht zugunsten von Rasern, das ist natürlich nicht richtig, aber jedem normalen Autofahrer kann es passieren, dass er mal zu schnell ist und schon ist es kriminell. Hier nicht. Hier läuft es entspannt und ich habe noch nie ein Ticket bekommen. Auch Rotlichtkameras gibt es so gut wie nicht.

Dass es überall Parkplätze gibt habe ich ja früher schon erwähnt, aber auch die reinen Fahrzeugkosten sind viel niedriger, so dass sich wirklich jeder ein Auto leisten kann. Einen TÜV und die damit verbundene Gebühr gibt es nicht, auch eine Autosteuer nicht, nur das Tag, also die Zulassung, muss jährlich bezahlt werden, Kosten unter 50 $. Und auch die Autoversicherung, die auf deutschem Niveau ist, lässt sich bequem absenken für die Zeit, die das Fahrzeug unberührt in der Garage steht.

Ein paar Gründe fürs Hierbleiben, aber es gibt noch so viel mehr. Das Wetter, die niedrigeren Hauspreise, das entspannte Leben. Ach, ich mache lieber nicht so viel Reklame, sonst kommen alle.

Goodwill

Wenn ich einen Laden vermisse werde, wenn ich zurück in Deutschland bin, dann ist es Goodwill. Das ist für mich wie eine Wundertüte, jeden Tag finde ich eine neue Überraschung.

Es gibt hier in Florida etwas, was ich mir sehnlichst für Deutschland wünsche. Das sind die Thrift Stores. Es sind Läden geführt von gemeinnützigen Organisationen, als Arbeitskräfte meist freiwillige Helfer, die gebrauchte Sachen anbieten. Oft gehören sie zu Kirchen, oder Hospizen oder Tierhilfevereinen und zahlen daher auch keine Steuern. Menschen bringen ihre überflüssigen Sachen dorthin, von Kleidung über Hausrat bis hin zu Möbeln, geben dies kostenlos ab und dann wird es zugunsten der Einrichtung sehr billig verkauft. Ich weiß, dass es auch in Deutschland die Sozialkaufhäuser gibt. Aber erstens sind es sehr wenige und zweitens werden sie von der Bevölkerung nicht so angenommen wie hier. Hier gehen also nicht nur arme Menschen einkaufen, die sich nichts Neues leisten können, hier geht jeder hin und findet immer was Interessantes. So hat eine kleine Kirche auf dem Weg zum Sportstudio, wo ich häufig vorbei fahre, einen solchen Laden, und ich habe dort hauptsächlich Geschirr für meinen Haushalt gekauft. Sehr schön und sehr billig. Und wenn ich selbst überflüssige Sachen habe bringe ich sie vorwiegend dorthin. Zwar haben wir in Deutschland Altkleider-Container, aber wir wissen ja alle, dass diese Sachen oft nicht wiederverwendet werden. Oder nach Afrika verschifft werden und dort die lokalen Preise kaputt machen. Hier wird alles örtlich wiederverwertet, was in den Laden kommt.

Goodwill dagegen ist ein klein wenig anders. Es ist eine ziemlich große, überregionale Organisation, die es sich hauptsächlich zum Ziel setzt, Menschen Arbeit zu geben. Also nicht nur mit kostenlosen Freiwilligen zu arbeiten, und sie zahlen auch Steuern. Daher sind die Preise dort ein wenig höher. Das hält aber niemand vom Kaufen ab. Der Laden wird gestürmt. Er hat 7 Tage die Woche auf und gerade der Sonntag ist ein sehr beliebter Tag. Dort sieht man Menschen aller Schichten einkaufen, und an der hinteren Tür, wo man seine Sachen abliefern kann, fährt eine beständige Autoschlange vor. Im Laden selbst sind die Mitarbeiter ununterbrochen dabei, die Regale mit den gespendeten Sachen aufzufüllen.

Fast jeden Tag gehe ich mal in den Laden und es ist unglaublich, was ich da schon gefunden habe. Nagelneue Kleidungsstücke, die das Preisschild noch haben, für unter 10 $. Riesenauswahl an Sportklamotten, womit ich mich reichlich eingedeckt habe. So reichlich, dass ich einen neuen Koffer kaufen musste und trotzdem noch nicht recht weiß, wie ich das alles heimschleppen kann.

Aber am Interessantesten ist das Technik – Regal. Was man da nicht immer findet, Dinge, von denen man nie geglaubt hat, dass sie existieren. Wie zum Beispiel der Bierdosenhalter für die Dusche. Ist das nicht absolut lebenswichtig? Der schöne nagelneue Duschkopf, den ich mir geleistet habe, ist da schon weit weniger spannend. Oder die Light-Show für den Pool. Und so richtig motivierend fand ich die neue Tasse mit dem Plan B, ein Ratschlag, der immer wichtig ist.

Biker

Selbst in Florida habe ich manchmal ziemlich depressive Stimmungen. Als Single fehlt mir einfach oft jemand zum Quatschen. Aber ich weiß, wenn ich nur auf meiner Couch sitzen bleibe hilft mir das absolut nicht. Raus muss man. Das ist nicht nur schön, um etwas zu sehen und sich zu bewegen, oft trifft man auch nette Leute.

Diese Woche bin ich mit dem Zug nach Orlando gefahren, um einen Biketrail auszuprobieren. Auf dem Rückweg habe ich dann in Winter Park Station gemacht. Wer das nicht kennt, dieser Ort ist absolut einen Stopp wert. Völlig unamerikanisch. Ein nettes Zentrum zum Bummeln, schöne Boutiquen und tolle Restaurants. Viele Leute sind zu Fuß unterwegs, lassen ihr Auto stehen. Und absolut Upper Class.

So schob ich also mein Bike durch die netten Gassen, kam an einem Straßencafe vorbei. Dort saß ein Biker, ganz klar zu erkennen an seinem eindeutigen T-Shirt. Wir lächelten uns an. Ich stoppte. Er forderte mich auf, doch auf einen Kaffee zu bleiben. Ich tats. Es folgte eine wahnsinnig tolle Unterhaltung von gut einer Stunde, in deren Verlauf er sogar mein Buch kaufte, das ich natürlich dabei hatte. Die Unterhaltung war wirklich interessant, es gab so viele Gemeinsamkeiten, aber als ich erwähnte, dass wir am kommenden Sonntag ein großes Bike-Event haben, wo man noch mitmachen kann, fragte er nach der Uhrzeit. Er hatte durchaus Interesse, aber als ich sagte, Sonntag Morgen, meinte er sofort, nein, das geht nicht, er muss in die Kirche, sei Republikaner und sehr konservativ. Mhm, so kann man sich in Menschen täuschen, bis dahin wirkte er tolerant und offen. Aber egal, es war schön, mit ihm zu reden.

Ähnlich ging es mir vor zwei Tagen. Ich saß im Jacuzzi des Sport Studios und kam mit zwei Männern ins Gespräch. Beide Biker. Also, um es klar zu sagen, Fahrradfahrer, nicht Motorrad. Was ja im englischen nicht immer klar zu erkennen ist. Auch hier wieder nette Unterhaltung. Einer gab sich als Nachbar des örtlichen Bike Shop Inhabers zu erkennen. Ich meinte nur, dann sollte er in den Laden gehen, dort würde er mein Buch auf der Theke finden. Und auch hier sprach ich die Einladung zum Bike Event für diesen Sonntag aus und bekam die gleiche Antwort. Nein, muss zur Kirche.

Das ist schon ein Unterschied zwischen der Gesellschaft hier und der in Deutschland. Es waren ja die extrem gläubigen Christen, die ihr Heimatland vor gut 200 Jahren verlassen haben, nach Amerika auswanderten, um ihren Glauben freier ausüben zu können. Das hat sich bis heute erhalten. Während in Deutschland kaum noch einer zur Kirche geht.

Heute nun ein unglaublich schöner Tag, 29 Grad waren vorausgesagt und ich entschied, Beach is the place to be. Natürlich mit Fahrrad von Zuhause, was immer den endlos langen Anstieg zur Brücke beinhaltet. Immerhin ernannte mich Strava daraufhin zur Local Legend, weil ich den Anstieg so oft geschafft habe. Am Strand war High Tide, was bedeutet, dass das Wasser sehr hoch kommt und es keinen wirklich harten Sand zum Radfahren gibt. Also schob ich und schob auch dann noch, als es längst wieder möglich war. Es machte mir einfach Spaß, meine Beine zu bewegen. Da kam mir wieder ein Radler entgegen. Er hielt extra an und fragte, warum ich schiebe.

Hier ein kleiner Einschub. In Deutschland gibt es so oft die Rassismus Debatte, bei der man nicht fragen darf, woher jemand kommt. Das ärgert mich zutiefst. Ich finde es gerade sehr wichtig, zu wissen, woher jemand kommt, wo seine Wurzeln sind. Nehmen wir mal das Beispiel: Comedian Abdelkarim hat seine Wurzeln in Marokko. Beschwert sich in jeder seiner Shows darüber, dass ihn jemand fragt, woher er kommt und betont, dass er Deutscher ist. Das will ich ihm nicht nehmen, aber ich finde, dass gerade die marokkanischen Wurzeln ihn interessant machen. Zumindest für mich. Ich frage immer Menschen, die offensichtlich nicht deutsche Wurzeln haben, woher sie bzw. ihre Eltern kommen und leite daraus sehr interessante Gespräche ab. Im persönlichen Gespräch hat sich darüber auch noch nie jemand beschwert.

Und man darf ja nicht vergessen, dass wir alle Ausländer sind. Irgendwo. Ich spreche ganz gut Englisch, aber ich habe natürlich einen Akzent. Einen Deutschen. Und ich werde ständig darauf angesprochen. Und bin stolz darauf. Und möchte deshalb allen Menschen zurufen, seid stolz auf eure Wurzeln und verleugnet sie nicht. Sie machen eure Persönlichkeit aus.

Zurück also an den Strand. Wir kamen ins Gespräch. Und ich wurde gefragt, woher ich komme. Ich fragte, generell oder gerade jetzt. Generell. Also gut, aus Deutschland. Er überschwänglich: ich auch. Ich sagte auf Deutsch, aber sie sind doch kein Deutscher. Nein, war er nicht, sondern Pole. Seit 50 Jahren in USA lebend. War für ihn aber alles gleich, wir sind schließlich Nachbarn. Auch hier wieder eine richtig nette Unterhaltung, bis wir auf den Krieg in der Ukraine zu sprechen kamen. Ich äußerte meine Ängste für Deutschland. Seiner Meinung nach besteht dazu überhaupt kein Grund. Ursache des Übels ist allein die Ukraine, sie müssen aufgeben, sich den Russen ergeben, und dann ist das Problem aus der Welt.

Ich verabschiedete mich recht schnell und radelte weiter. Wollte zur Ponce Preserve, da dort heute ein Naturkundetag ist, wo sich bestimmte Institutionen vorstellen. Und auch dort war es wieder nett, Bekannte zu treffen. Lisa von DeBary Hall, wo ich schon zwei Vorträge gehalten habe. Wir machten gleich aus, dass es im Herbst wieder etwas mit mir geben wird.

Ich fuhr zurück zum Strand und traf dort im Pavillon zwei Biker. Einer mit einem normalen eBike, pedal assistet, aber der andere mit einem „Motorrad“. Also fette Räder und E-Motor, für den man nicht in die Pedale treten muss. Natürlich machte ich auch hier meinen Mund auf, aber immer freundlich. Und auch hier blieb ich wieder fast eine Stunde stehen. Super nette Unterhaltung. Erfuhr von den Beiden auch, dass bald in Port Orange ein neuer Aldi aufmacht, wichtige Information für mich. Nach ausgiebiger Hetze über Throttle-eBikes, aber diesmal nicht über Politik fuhr ich glücklich und zufrieden weiter. Solche Tage brauche ich. Hatte diesmal kein Buch bei mir, aber auch dieser nette Fahrradfahrer wohnte genau neben dem Inhaber des Bike Shops von Port Orange und ich empfahl ihm, mal dort auf der Theke nachzuschauen.

Beach Life

Ganz unvermutet tauchte heute ein freier Tag in meinem Terminkalender auf. Was tue ich da nur? Am liebsten würde ich nach Mims zu dem freundlichen Bike Stop fahren und von dort aus bis nach Titusville radeln. Aber die Autofahrt würde insgesamt etwa 180 km sein und auch hier in USA ist der Sprit sehr teuer geworden und ich gezwungermaßen schon sehr viel auf der Straße. Doch da fiel es mir ein. Ein herrlicher Tag heute, wir erwarten 29 Grad. Das ist doch DER Tag für den Beach. Wir haben Spring Break, die Strände sind zum Platzen voll. Aber ich nehme mein Fahrrad, muss mich halt wieder über die hohe Brücke kämpfen und werde den Tag am Strand verbringen.

Ach, warum nur muss ich bald wieder zurück ins traurige, kalte Taunusstein.

P.S. Fotos folgen