Dinieren wie Gott in Frankreich

Früh am Morgen ging es los. Manfred schlief noch, ich wollte ihn nicht aufwecken. Immerhin lagen 1300 km vor mir. Es war noch nicht klar, ob ich die in einem Stück fahren wollte oder noch einmal übernachten. Ein großer Teil der Strecke war Landstraße oder vierspurige Nicht-Autobahn, so kam ich doch recht langsam voran. Ab und zu hielt ich an für eine kurze Einkaufspause. Am Morgen hatte ich in einer kleinen Bäckerei eine Rosinenschnecke mit Kaffee geholt, die war so köstlich, dass ich mir noch eine zweite zulegte. Aber irgendwie fand ich nichts schönes, um einen weiteren Kaffee zu trinken und so verzehrte ich die zweite Schnecke auf der Fahrt. Was aber der Güte keinen Abbruch tat. Zweimal hielt ich dann noch für einen Einkauf, Pasteten und leckerer Käse muss auf jeder Frankreich-Durchfahrt sein, aber sonstige Höhepunkte kamen keine mehr. In Höhe von Lyon war ich mir dann unschlüssig, was ich tun sollte. Immerhin hatte ich noch 700 km vor mir. Besonders müde war ich nicht. Aber irgendwie hatte ich keine Lust, weiter zu fahren. Blieb immer noch auf der Landstraße parallel zur Autobahn. Dann kam ein Routière, die echten Routières sind ja selten geworden in Frankreich. An der Theke ein paar holländische LKW-Fahrer beim Pastis, nahmen mich freundlich auf. Kellnerin noch keine zu sehen. Als sie dann kam wollten sie sogar für mich nach einem Zimmer fragen, dachten, ich könne kein Französisch. Aber so freundlich die Männer waren, so unfreundlich war die Hoteldame. Nein, das letzte Zimmer wäre bereits vergeben. Wers glaubt. Die Holländer wollten einschreiten, eine Lösung suchen, fand ich nett, aber ich verabschiedete mich nur kurz. Und dann kam nur wenige Kilometer weiter ein Hotel an der Straße, sogar mit Pool, den man bei dem Wetter heute aber sicher nicht braucht. Von außen sah es eher langweilig aus. Aber an der Rezeption so eine richtige altfranzösische Madame, so wie man es sich wünscht. Und ja, ein Zimmer gibt es noch, 40 Euro. Und ob ich dinieren wolle. Ich sagte ja, ich schaue mir mal die Karte an.

Als ich noch verheiratet war hatten mein Mann und ich eine besondere Vorliebe für Frankreich. Und für das Essen. Wir sind oft mal nur für ein Essen rüber nach Frankreich gefahren, und wenn es 200 Kilometer waren. Auch auf meinen Marokko-Fahrten habe ich immer wieder mal ein Essen in Frankreich eingelegt, aber ich wurde in den letzten Jahren oft enttäuscht. Die guten alten Restaurants wurden immer mehr von Pizza und Snacks vertrieben und eine richtig gute französische Küche ist schwer zu finden.

Aber heute fand ich sie. Ich bin total begeistert. Das Drei-Gang-Menü kostete 21 Euro, ich habe es noch mit einen Mousse au Chocolat erweitert und es war ein richtiges Genießer-Essen, der perfekte Abschluss meiner drei-Monats-Reise. Und auch das Zimmer ist schön, so richtig altfranzösisch und es hat einen Schreibtisch, was mir immer wichtig ist. Es geht sogar zum Piscine hin, aber den braucht man an diesem regnerischen Tag ganz bestimmt nicht. Dafür aber den großen Kühlschrank, in dem kann ich meine Einkäufe kühlen. Auch der Hauskater ist altfranzösisch, vermutlich hat er sein Hauptgericht bereits in der Küche erhalten, kam zu mir nur, um ein Stück delikaten Käse zum Abschluss zu erhalten, dann verzog er sich wieder.

Einziger Nachteil, um 22 Uhr wurde das Wifi ausgeschaltet und so kann ich den Bericht erst am Morgen einstellen.

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Bei Manfred auf der Domäne

Mein Rückweg führt mich über Andorra, wo ich ganz gerne noch ein wenig zollfrei einkaufe. Leider ist Sonntag und so halb Ostspanien hat die gleiche Idee. Und der Zoll untersucht schon etliche Kilometer vor Andorra einige Wagen, was mir die Lust zum größeren Einkauf von Alkoholika doch etwas verleidet, vor allem da ich keinen Schimmer habe, wie groß die Freimengen sind. Und an der eigentlichen Grenze dann eine Riesenschlange, es geht nur im Schritt weiter, vermutlich schon die Auswirkungen der Flüchtlingskrise. Ich kaufe daher nur ganz wenig ein. Und dann werde ich überhaupt nicht kontrolliert. Oben am Pass 7 Grad und Schnee, aber die Straßen sind frei. Und bei Manfred auf der Domäne dann Sonnenschein. Die neun Pferde lassen sich kaum sehen, es geht ihnen gut auf der riesigen Weide. Bei Manfred ist das Schöne, dass es keinen Zwang gibt. Man muss nicht gut drauf sein, man muss nicht groß kochen, man ist einfach. Am Abend teilen wir uns eine Tiefkühlpizza, die aber ist grandios, aus Spanien, mit Serrano-Schinken. Wie schade, dass ich nur eine habe und sie nicht nachkaufen kann. Viel besser als alles, was so in unseren Tiefkühlkisten liegt. Dazu einen Roten, da wird doch die munterste Katze müde.

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Am Sonntag dann gehen wir zum Markt. Das gehört einfach dazu. Diese Ecke von Frankreich ist etwas ganz besonderes. Hier haben sich einige Hippies und Alt-68er angesiedelt, wozu Manfred ja auch gehört. Der halbe Ort spricht deutsch oder andere Sprachen und die wenigen Einheimischen liegen voll auf der Linie. Jeden Sonntag findet ein alternativer Markt statt. Bio-Lebensmittel aus den umliegenden Domänen, Batikkleidung, die Verkäufer sind ein buntes Völkchen und eine solche Mischung gibt’s nirgends sonst auf der Welt. Manfred fühlt sich hier wohl. Hat zusammen mit Freunden mal eben so eine Domäne gekauft und dort leben die neun Pferde. Deutschland fehlt ihm nicht.

Aber ganz ehrlich. Mein Leben wäre das nicht. Wäre mir zu einsam. Ich brauche schon Menschen um mich. Und so fahre ich am Montag dann gleich weiter. Aber das kommt in einem neuen Bericht.

Verveine – Louisa – Zitronenverbene

Ich habe in letzter Zeit ziemliche Probleme beim Schlafen. Entweder ich kann für Stunden nicht einschlafen oder ich wache nachts immer wieder auf. Egal, ob im King Size Bett des Luxushotels oder auf dem harten Strohsack beim Kirschen-Hassan, es ist einfach schrecklich, sich nachts herum zu wälzen. Und während ich mein Leben lang abends nach einem guten Essen einen Espresso genießen konnte geht das plötzlich nicht mehr, neulich habe ich tatsächlich eine komplette Nacht nicht geschlafen.

Dann war ich im Dades-Tal in der süßen kleinen Auberge Les 4 Saisons. Nach dem Essen servierte man mir dort einen Verveine-Tee, wie sie in Französisch sagen. Oder auch Louisa. Mit dem Zusatz, der sei gut zum Schlafen.

Ich habe schon oft Verveine-Tee getrunken, nie etwas gemerkt. Hatte ja auch keine so großen Schlafprobleme. Aber in dieser Nacht schlief ich wunderbar. Und habe mir auch noch mehrmals danach in einer Herberge einen solchen Tee kochen lassen und es hat immer gewirkt. In Meknes dann habe ich für 2 Euro einen großen Beutel dieses getrockneten Krauts gekauft und erst einmal im Auto verstaut.

In Ceuta das gleiche Spiel, mehrmals in der Nacht aufgewacht. Dann unterwegs an der Strecke in einem kleinen Hotel geschlafen, wieder herumgewälzt. Nun bin ich für zwei Tage in Peniscola und wohne in einem Studio mit kleiner Küche. Und fand beim Kramen in meinem Auto den Beutel mit Verveine. Und am Abend einen Tee damit gekocht.

Muss ich noch sagen, wie wunderbar ich geschlafen habe?

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Übrigens, ich habe den Ausdruck Louisa, den die Marokkaner für das Kraut benutzen, immer für aus dem Arabischen kommend gehalten. Aber Wikipedia erzählt mir dazu etwas Interessantes:

Der Zitronenstrauch (Aloysia citrodora), auch Zitronenduftstrauch, Zitronenverbene oder duftende Verbene genannt, ist eine Pflanzenart aus der Familie der Eisenkrautgewächse (Verbenaceae). Der Gattungsname Aloysia bezieht sich auf Maria Luise von Bourbon-Parma, die damalige Prinzessin von Asturien Luisa María und als Gemahlin Carlos IV. spätere Königin von Spanien (1788–1808).

Nie wieder Ceuta –

– Oder was tut man nicht alles für seine Leser.

Nach diesem schönen letzten Tag im Transatlantique in Meknes wollte ich so schnell wie möglich Marokko verlassen. Es kommt eigentlich auf jeder längeren Reise dieser Punkt, da will ich einfach sofort wieder zurück nach Europa, so schön es auch war. Aber gewisse Dinge fehlen mir einfach. Diesmal hatte ich mir vorgenommen, über Ceuta auszureisen und mir diese Stadt noch ein wenig anzusehen. Es ist bestimmt 25 Jahre her, dass ich einmal dort war. Für die 300 km brauchte ich fünf Stunden, normal auf der kurvigen Landstraße. Doch dann kam die Grenze. Und das war einfach Horror pur. Ceuta ist eine spanische Enklave auf marokkanischem Boden und alle Spanier, die dort wohnen, reisen gerne nach Marokko, und alle Marokkaner, die in der Nähe wohnen, dürfen einfach und formlos nach Ceuta, was kräftig ausgenutzt wird. Schon einige 100 m vor der Grenze Autostau. Wenn es nur das gewesen wäre. Aber einerseits diese schrecklich lästigen Helfer, mit dem Ausreiseformular in der Hand wollen sie dem Fahrer ihre Dienste aufzwingen und sehen absolut nicht ein, dass ich weder den Zettel noch ihre Dienste brauche. Carlos hat mir ja auch schon das Ausreiseformular mitgegeben, für Ceuta eine super gute Sache, in Tanger macht das überhaupt keine Probleme, das bekommt man dort ohne Trinkgeld beim Beamten. Wir standen in zwei Schlangen, auf der Gegenfahrbahn zogen oft Autos an uns vorbei. Einerseits Taxis, die nur bis zum Grenzposten fahren, andererseits wohl Leute, die später dem Grenzer ein Bakschisch zahlen, um vorgelassen zu werden. Ob es stimmt habe ich nicht probiert, die Helfer wollten es mir aber auch dauernd aufdrängen.

Doch damit nicht genug, in den zwei kompletten Stunden, die ich warten musste, wurde ich ziemlich massiv von einem Jungen belästigt. Vielleicht so 18 – 20, schmutzig abgerissen angezogen und dauernd Klebstoff aus einer Plastiktüte schnüffelnd. Er hatte schnell bemerkt, dass unter meinem Fahrzeug das Reserverad fehlte und versuchte dauernd, am hellichten Tage und unter den Blicken von Polizisten, dort unterzuschlüpfen und sich zu verstecken. Es war echt eine Zumutung. Wenn er nicht versuchte zu kriechen machte er mir eindeutige Zeichen und kein Polizist schwerte sich drum. Wenn ich ihn anschrie wich er kurz zurück, kam aber immer wieder.

Warum nur hab ich das gemacht? Warum nur meine ich, alles selbst ausprobieren zu wollen. Nie mehr fahre ich über Ceuta, wer einmal die bequeme Ausreise und Überfahrt von Tanger – Tarifa mit der FRS gemacht hat tut sich so etwas eigentlich nicht mehr an. Es war echt heftig. In den zwei Stunden Wartezeit hätte ich in Tanger eingescheckt, übergesetzt und ausgescheckt. Nie mehr.

In Ceuta dann hatte ich mir einen Parador reserviert. Es war wirklich das erstemal, das ich in so einem Haus wohnte. Man kann die Paradores ein wenig mit Riads vergleichen, einfach weil sie so typisch spanisch sind wie Riads marokkanisch. Meist sind es alte Hotels mit Tradition, in historischen Gebäuden untergebracht. Mein Parador war eine Enttäuschung, das einzige, was dem angemessen war, war der stolze Preis von 85 Euro ohne Frühstück. Der einzige wichtige Pluspunkt war der abgeschlossene Parkplatz. Ceuta ist nicht unbedingt sicher, als Stadt wo Flüchtlingswillige leben. Aber der Hotelparkplatz ist groß, kameraüberwacht und immer verschlossen. Ach ja, und am Morgen gab es kostenlos Kaffee.

Ceuta ist nicht groß, typisch spanisch und recht nett. Ich ging noch einen Kaffee trinken und zahlte 1 Euro. Das ist günstig. Ceuta ist zollfrei, daher sind hier viele Dinge ermäßigt, der Treibstoff kostete genau so viel wie in Marokko, das heißt das Diesel 8,39 Cent/l.

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Transatlantique, Meknes

Ich liebe Hotels mit Tradition und Charme und habe die meisten, die es in Marokko gibt, schon besucht. Das Transatlantique fehlte mir noch auf meiner Liste und ich war sehr erwartungsvoll, hatte man mir doch gesagt, dass es renovierungsbedürftig wäre. Zunächst einmal, welches Hotel ist das nicht? Ständig muss etwas gemacht werden, um es zu erhalten, nur wenn dies nicht getan wird gilt es als heruntergekommen.

Die Ankunft war sehr positiv. Ein wunderschönes Grundstück auf einem Hügel, von der ebenfalls auf einem Hügel liegenden Medina von Meknes durch ein Tal getrennt, was einen wunderbaren Ausblick ermöglicht. Das Personal sehr freundlich und hilfsbereit, und man wartete nicht mit ausgestreckter Hand auf das Trinkgeld. Das Hotel hat einen alten Teil von 1927 und einen neueren von 1970, zu beiden gibt es einen Pool. Mein Zimmer lag im alten Teil, den ich empfehle. Schon die Flure sind wundervoll mit Zellije verziert, auch der Boden meines Zimmers ist mit diesen alten, farbenfrohen Fliesen. Mein Zimmer ist sehr gemütlich und komfortabel eingerichtet, ich habe eine Suite aus zwei Zimmern, davor eine Terrasse, von der ich die ganze Altstadt überblicken kann. Positiv ist auch die angenehme Kühle des Zimmers, im Bad gibt es einen guten Föhn, Heizstrahler und Haartrockner, im Zimmer fehlt ein Safe und Minibar, aber ich höre, dass es andere Zimmer gibt, die das haben. Der Türknopf fällt ständig ab, aber das kann ich verschmerzen mit dem wundervollen Zimmer, in dem ich mich sehr wohl fühle. Dagegen schmerzt mich, dass der einzige deutsche TV-Sender ein grissliges Bild hat.

Das Abendessen wird auf der Terrasse serviert, es gibt ein ausgezeichnetes Dreigang-Menü, wahlweise marokkanisch oder international. Aber der Hammer ist das Frühstück. Nein, nicht das Büffet. Das ist okay, es gibt Wurst, Käse und Eier. Aber der Blick. Ich habe einen Tisch direkt am Fenster zur Altstadt und ich habe noch nie mit einem solchen Panorama gefrühstückt. Da kann man doch einen abfallenden Türknopf verschmerzen.

Was für ein letztes Marokko-Frühstück!

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Rückreise

Seit ich Marrakech verlassen habe bin ich ja quasi auf der Rückreise. Es kamen mir zwar noch zwei wunderschöne Pisten in die Quere, und das habe ich nicht bereut. War ein Erlebnis. Heute bin ich in Meknes, in einem wunderschönen Hotel, dem Transatlantique von 1926 mit einem wunderbar altmodischen Charme, das gefällt mir schon. Morgen sollte es noch in eine Auberge bei Tetouan gehen, die einem Cousin von Abdou gehört, aber Abdou meldet sich einfach nicht mit der Wegbeschreibung. Und ich merkte, dass ich absolut unzufrieden war mit der weiteren Planung. Eine weitere Nacht bei Tetouan sollte es sein, dann nach Ceuta und von dort übersetzen. Was alles Zeit in Anspruch nimmt.

Und plötzlich kam der Gedankenblitz. Tetouan wird komplett gestrichen. Stattdessen habe ich mir in Ceuta ein Zimmer in einem Parador reserviert. Ich habe zwar noch kein Heimweh, wie so manchesmal, aber ich will einfach weg aus Marokko. Es war wunderschön, aber es reicht jetzt. Und der Norden ist sowieso nicht meins. Morgen Abend also ins spanische Ceuta und übermorgen dann rüber aufs Festland übersetzen. Ich merkte einfach, wie mein Herz ja sagte. So soll es sein.

Facebook

Heute sollte es von Imilchil über Tounfite nach Midelt gehen. Ich war diese Straße, die 2009 komplett asphaltiert worden war, 2015 gefahren und hatte für die 150 km 5 Stunden gebraucht. Der heftige Winter hatte die Straße ziemlich zerstört und vor allem auf 10 km Länge durch einen Fluss völlig weggerissen. Allein für diese 10 km hatte ich eine Stunde gebraucht , durch Flusssteine und Wasser, es war ziemlich schwierig. Nun wollte ich die Straße noch einmal fahren und hörte, dass es inzwischen für diese 10 km eine neue Umfahrung gibt, der Rest der Straße sei aber unverändert schlecht.

Der Beginn zeigte sich tatsächlich so, wie ich es kannte. Dann kam ich nach Tagounit, wo der Abzweig ist. Der arme Tourist, der davon nicht weiß, kann dies nicht erkennen, denn Tounfite ist weiterhin geradeaus ausgeschildert, während ein Wegweiser links zu einem Dorf zeigt. Aber genau an der Ecke stand eine Frau und winkte, die Straße sei zu, ein lebender Wegweiser sozusagen, aber nicht ohne Eigennutz, denn sie wollte mitgenommen werden. Sie war aus Tounfite, einem kleinen regionalen Agrarzentrum, hatte ihre Familie besucht und wollte heim. Bedankte sich tausendmal, wünschte mir alle Segenswünsche von Allah und lud mich dann in Tounfite zum Tee in ihr Haus ein. Es war eine ganz normale Frau und ein ganz normales Haus, wie ich es schon xmal erlebt hatte. Aber da sie nicht französisch konnte und doch so viele Fragen hatte, telefonierte sie ihre Nichte herbei. Die kam, eine junge Frau mit guter Schulbildung, aber ohne Arbeit, zückte ihr Smartphone und fragte, ob ich in facebook sei. Ich sagte ihr meinen Namen und schon sendete sie mir eine Freundschaftanfrage. Ich sagte, dass ich dies heute Abend im Hotel, wenn ich Internet habe, beantworten würde, aber sie meinte, warum, wir haben hier doch Wifi. Und schon waren wir verbunden. Ich war perplex. Das hätte ich nicht erwartet. Marokko verändert sich.

Gefühlsmäßig bin ich ja gegen facebook. Da passiert zu viel im Hintergrund, was ich nicht beeinflussen kann. Und die Bilder, die man postet, kann jeder herunterladen. Schlimmer noch ist, dass facebook in meinem Namen postet, ohne dass ich es weiß. Dennoch, wenn man ein Geschäft hat, kommt man kaum darum herum. Aber facebook hat auch positive Seiten. So habe ich durch die Möglichkeit der Gruppenbildung schon viele Leute kennengelernt, und zwar richtig, lebensecht. Früher lebte ich in Taunusstein als Neuhinzugezogene, ohne jemand zu kennen. Nun mit der Taunussteingruppe hat sich das geändert, finde ich toll.

Abend in Imilchil

Ich traf mittags um 14 Uhr in Imilchil ein und wollte eigentlich nicht bleiben, der Camping Timnay bei Midelt war mein Ziel. Aber meine Recherchen ergaben, dass ich für die 150 km auf einer sehr schlechten Straße 5 Stunden brauchen würde, also beschloss ich, in Imilchil zu übernachten. Im letzten Jahr hatte ich gesehen, dass es dort ein neues Hotel gibt, das sauber und ordentlich ist, nicht unbedingt etwas normales in diesem Bergdorf auf 3000 Metern. Ich hatte nicht dort gewohnt, das wollte ich nun nachholen. Said empfing mich wirklich sehr freundlich, es ist ein nettes, persönliches Haus, obwohl es immerhin 19 Zimmer hat und weitere gebaut werden. Und während ich noch beim Tee saß, fuhr draußen der grüne Mercedes von der Piste vor. Auch dieses Paar wollte hier übernachten, ich erfuhr dann, dass es sich um einen Marokkaner handelt, der früher in Belgien lebte, er jetzt aber nach Marokko zurückkam, in Begleitung einer älteren Dame aus Belgien, und am liebsten in Marokko, man glaubt es kaum, einen Campingplatz aufmachen möchte. Da war er natürlich bei mir genau richtig und wir fachsimpelten über einer Karte, wo man das am besten machen könnte. So ganz kamen wir nicht zu einem Ziel, denn nicht alle Regionen, wo ein Camping nötig wäre, ich sage nur Mittelmeer, gefielen ihm, und andere hatten einfach zu hohe Grundstückspreise. Nun ja, ich gab ihm meine Karte und er kann mich erreichen, wenn er ein Projekt gefunden hat.

Zum Abendessen sollte es Couscous geben, aber zuvor gab es Musik. Ein Gitarrenspieler mit einem abenteuerlichen Instrument spielte für uns, es war richtig angenehm. Aber nach dem Couscous fiel ich einfach so in mein Bett, war vollkommen erschöpft. Pistenfahren und anschließendes Aufschreiben sind halt sehr anstrengend.

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Und noch eine Piste

Nachdem ich nun schon entgegen meiner Planung in der Dadesschlucht gelandet war statt in Imilchil entschloss ich mich, von der Schlucht aus direkt über Agoudal nach Imilchil zu fahren. Auch hier ist wieder ein Stück Piste inbegriffen und obwohl das so eine touristische Strecke ist hatte ich sie tatsächlich noch nie gefahren und deshalb wäre es ganz gut, sie für mein Reisehandbuch abzufahren. Infos hatte ich keine darüber, aber es hieß, sie sei gut.

Und es stellte sich heraus, dass es eine wirklich kommunikative Piste ist.

Schon gleich zu Beginn kam ich an eine Gabelung, da heißt es immer 50:50, ich entschied mich für links. Nach 1 km tauchte ein Dorf auf, auch mein GPS wollte eigentlich diese Strecke nicht, so drehte ich noch vorher um. Doch dann kam mir ein alter Mercedes entgegen. Ich dachte, ein örtlicher Taxifahrer. Aber nein, es war zwar ein Marokkaner, aber auch auf Urlaub und der Suche nach Imilchil. Ich schickte ihn zum Nachfragen ins Dorf und tatsächlich kam er nach wenigen Minuten zurück, die andere Richtung ist unsere.

Ich fuhr dann so gemütlich dahin, die Piste war trotz endloser Steigung ganz gut, aber schmal. Ich notierte gerade, dass es für Gegenverkehr immer Ausweichmöglichkeiten gibt, da kamen mir fünf Geländewagen entgegen. Und kein Platz rechts oder links. Nichts. Nur ein steiler Abhang und ein felsiger Berg.

Aus dem anderen Fahrzeug stieg jemand aus. Edith, bist du das? Es war Hamid, ein Fahrer, der früher für Sahara Experience gefahren ist. Und Abdelouahad aus Zagora, beide alte Bekannte. Ja, so geht das in Marokko. Sie begleiteten eine Gruppe von Israelis, die zwar die gemieteten Geländewagen selbst fahren, aber einen Führer dabei haben. Abdelouahad stieg in mein Auto, ich dirigierte ihn dicht an den Abgrund und die anderen fuhren vorsichtig vorbei.

Ein Stückchen weiter gerade ein Nomadenumzug. Babies und kleine Ziegen waren samt Zelten oben auf die Kamele gepackt, der Rest musste laufen. Ich durfte ein Foto machen. Hatte noch Zigaretten für den Mann. Und noch ein paar Kilometer weiter ein Auto mitten auf der Straße, umringt von Männern. Sie kamen aus dem 15 km entfernten Agoudal und hatten kein Benzin mehr. Also so richtig kann ich das nicht verstehen. Das hätte sie doch schon in Agoudal wissen müssen. Denn vor sich haben sie bestimmt 100 km ohne Tankstelle. Naja, wie auch immer, ich nahm einen mit, der einen Kanister holen sollte.

Und dann kam der Hammer! Bisher hatte ich Glück und war das einzige Fahrzeug in meine Richtung. Denn so schwer es auch manchmal ist, Gegenverkehr durchzulassen, noch schwerer ist es, ein langsameres Fahrzeug zu überholen. Und vor allem in seiner Staubwolke zu fahren. Deshalb würde ich auch freiwillig nie im Konvoi mit anderen fahren. Zum Glück traf ich die beiden gemieteten Jeeps erst kurz vor Agoudal. Aber der Klops kam, als wir in den Ort einfuhren. Die Fenster auf und genau wie beim Mainzer Karnevalszug rechts und links die Bonbons und Schokoriegel rausgeworfen, unter lautem Gekreische der Kinder. Nur dass sie hier nicht Helau sondern Haloua rufen, das bedeutet Bonbons. Heftig. Kein Wunder, dass andere, die nichts rauswerfen, dann manchmal mit Steinen beworfen werden.

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Vom Glücklichen Tal zum Tal der Rosen

Das Tal von Ait Bou Guemès wird aufgrund seiner blühenden Landwirtschaft das „Glückliche Tal“ genannt. Einst hatte sich hier durch einen Felsrutsch ein natürlicher Stausee gebildet, der das ganze Tal ausfüllte. Als sich das Wasser dann wieder einen Weg durch die Felsmassen gebildet hatte, waren auf dem Untergrund viele fruchtbare Ablagerungen zurückgeblieben, die dem Tal noch heute seine Fruchtbarkeit geben. Es liegt im Hohen Zentralatlas auf der Nordseite des M’Goun-Massifs auf 1800 m Höhe. Agouti lag sozusagen auf meinem Rückweg. Über Imilchil und Midelt wollte ich langsam nach Norden vordringen. Zwar hatte ich mal gehört, zum Beispiel im Saharaforum, dass es eine neue Piste geben soll, die den bisher für Fahrzeuge unzugänglichen Teil des Hohen Atlas mit dem Rosental verbindet, aber die meisten Aussagen lauteten, dass die Straße noch nicht fertig sei und man nicht durchkommt. Hatte es deshalb schon ziemlich aus meinem Programm gestrichen.

In Agouti kenne ich schon sehr lange das Gästehaus Flilou, das der Schweizerin Beatrice und ihrem Mann gehört. Sie bieten sehr schöne Trekkingtouren an in diesem Gebiet, das sich perfekt dazu eignet. Vor zwei Jahren, als ich zuletzt dort war, hatte man gerade umgebaut und nun wollte ich die schönen Zimmer sehen. Früher gab es nur Wandergruppen, die auf ihren Trekkingtouren sehr einfach übernachten wollten, aber auch da zieht heute ein wenig der Luxus ein und Beatrice hat sich darauf eingestellt. Nun gibt es acht schöne Zimmer mit Bad, alle mit europäischen Qualitätsprodukten, aber das schönste ist mein Zimmer auf der Terrasse. Dort habe ich schon vor zwei Jahren gewohnt, aber damals musste ich noch über die Hühnerleiter hinunter zum Klo steigen. Und nun gibt es ein Bad mit Eckdusche, die mich direkt an meines Zuhause erinnert, ist auch eher wie bei sich daheim nett eingerichtet mit Einbauschrank und so. Sehr hübsch geworden.

Beatrice war zwar nicht da, sie musste in Marrakech den schweizer Konsul beehren, aber auch ihr Personal war sehr freundlich. Und übrigens, Flilou hat auch einen kleinen Campingplatz, kein Grund also für Camper, das glückliche Tal auszulassen. Und so erfuhr ich auch, dass Beatrice erst in der letzten Woche diese neue Straße, Piste oder was auch immer gefahren ist. Ich sofort ans Telefon und mich informiert. Beatrice berichtete, dass zwar gearbeitet würde, sie aber ohne Probleme durchgekommen ist, inklusive Picknick in sechs Stunden.

Daher ging es gleich heute Morgen um 9 Uhr los. Die Dinosaurierspuren in Ibakklione kannte ich ja schon (siehe Reisehandbuch), aber ich hatte gerade ein interessantes Buch bekommen und von der Quelle bei dem Ort Rbat kurz dahinter erfahren. Es klang so, als liege die Quelle genau auf meinem Weg, so gab ich die GPS-Punkte als erstes Ziel ins Navi. Ich erreichte Rbat, zur Quelle sollte es immer weiter durch den wunderschönen alten Ort mit Lehmhäusern gehen. Oh mei, mehrmals stieg ich aus und lief vor, um zu schauen, ob der Weg für mein Auto passierbar sei: Ich fragte die Anwohner, sie nickten. Aber Fahrzeugspuren waren keine zu sehen. Komisch. An der Piste soll doch gearbeitet werden. Es wurde enger und enger. Ich hätte am liebsten Beatrice angerufen, aber kein Netz. Mir wurde nicht besser, die Piste war grenzwertig, super schmal.

Dann erreichte ich die Quelle, schön in Stein gefasst. Und auf der Mauer saß ein örtlicher Führer mit seiner Kundin. Ein Gottes Geschenk.

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Und so war auch ziemlich schnell klar, dass ich die richtige Piste verpasst hatte. Diese war schon bei den Dino-Spuren abgebogen, aber ich hatte die Nase halt immer auf das Navi gerichtet. Also wieder zurück, so langsam bekomme ich Übung auf der schmalen Spur und immerhin weiß ich ja jetzt auch, dass man durchkommt. In Ibakklione war es dann klar, dies war die richtige Piste, wie die vielen Spuren zeigten. Und der erste Teil war auch recht gut, eine neue breite Piste war angelegt, die so langsam in engen Serpentinen zum Pass hinaufstieg.

Gut, eine vollständige Streckbeschreibung werdet ihr dann im Reisehandbuch lesen, daher hier nur ein paar Hinweise. Nach der Passhöhe wurde ziemlich viel gearbeitet und einmal musste ich warten, weil der Bagger gerade schwer in Aktion war. Ich schaute an den Straßenrand und traute meinen Augen nicht. Wurde doch da gerade eine Ziege gehäutet, mit ein bisschen Zeit hätte ich zum Mechoui bleiben können. Übrigens gingen nun endlich die Zigaretten weg wie warme Semmeln, die mir Anna für solche Fälle geschenkt hatte. Die Männer freuten sich total, denn sie sind tagelang in den Bergen auf Arbeit und bekommen keinen Nachschub. Von dem Vorarbeiter erfuhr ich dann auch, dass in diesem Jahr nur eine Piste angelegt wird, ob im nächsten Jahr Asphalt folgt ist noch fraglich.

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Nach dem Abstieg vom Pass erreichte ich dann ein Flusstal und von Pistenarbeiten war hier keine Spur mehr zu sehen. Stattdessen ging es durch niedriges Wasser, bei höherem Stand dürfte das ein Problem werden. Allerdings auch für die Pistenbauer. Hier durch können sie keine befestigte Trasse anlegen, die würde bei jedem Regen weggerissen, also muss man irgendwie über den Berghang, aber das heißt noch ziemlich viel Arbeit. Meine Voraussage ist, dass die komplette Fertigstellung, die auch normale Fahrzeuge durchlässt, noch einige Jahre auf sich warten lässt.

Nach dem Fluss ging es wieder hinauf auf den Berg, auch hier noch keine Bauarbeiten und wieder sehr schmale Piste. Und gerade da ist natürlich der einzige Gegenverkehr, drei spanische Geländewagen. Aber wir schaffen das. Und dann wieder Bauarbeiten und ich muss warten, ein Bagger muss mir erst eine Durchfahrt frei schaufeln.

Bei Amejag treffe ich dann die Asphaltstraße, die nun neu aus dem Rosental hinaus führt und auch mein altbekannter Tunnel ist noch da, nur eben führt jetzt Teer hindurch. Nach genau 83 km und vier Stunden ab Tabant treffe ich im Rosental auf Tamaloutte.

Fazit: Für geländegängige Fahrzeuge gut zu schaffen, keine PKW und erst recht keine Wohnmobile.

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