Nachtrag zur Familiengeschichte

Zu diesem Beitrag habe ich Antworten erhalten, aber da ich noch keine Kommentarfunktion ermöglicht hatte füge ich den Text hier ein:

Hallo Edith,

Deine Schilderung/Bewertung entspricht durchaus den beschriebenen Ereignisabläufen der Tagebücher. Text und Wort der Feldpostbriefe und Tagebücher sind nun mal ein Spiegel der verschiedenartigsten Erlebnisse dieser Generation, und jeder erlebte sie auf seine Weise. Wie soll es auch anders sein, sie konnten sich ihre Einheit, ihr weiteres Leben nicht aussuchen. Die Einen hatten Glück und lebten, wie Gott in Frankreich, im wahrsten Sinn des Wortes. Andere lagen an der Ostfront bei – 30° monatelang in Erdbunkern mit erfrorenen Gliedmaßen und hungerten. Viele kamen überhaupt nicht mehr nach Hause. Krieg ist immer ungerecht, die Abläufe gehorchen eigenen Gesetzen, fernab menschlicher Logik. Vielleicht ist es gerade diese Ungerechtigkeit, die deine Freundin empfindet, und die sie so verstimmt. Eventuell genügt ihr ein Hinweis in deinem Text, der relativiert und auf genau diesen Aspekt hinweist.

Guten Morgen, Edith,

ich beschäftige mich ja nun schon einige Jahre mit dem Thema 2. Weltkrieg, mit dem Krieg an sich weniger, mehr mit den Menschen in ihm. Und ja, ich habe schon viele Tagebücher und noch mehr Feldpostbriefe gelesen. Einfach weil ich verstehen will, wie die Menschen damals „tickten“, was sie zu sagen hatten, was sie fühlten, warum sie so handelten wie sie handelten. Ich habe Menschen der unterschiedlichsten Couleur dabei kennengelernt, vom hochrangigen SS-Offizier, der lyrische Gedichte schrieb, von einer Mutter mit Kindern, die einer anderen Frau den Tod wünschte, von Soldaten, die in Stalingrad festsaßen und wußten, daß sie die Heimat nicht mehr wiedersehen werden. Es gibt unzählige Beispiele. Aber die allermeisten haben gemein, daß die im Krieg stehenden Soldaten – aber auch ihre Familien – immer positiv, fast möchte man meinen oberflächlich, ihre Gedanken zu Papier brachten. Was hätten sie auch sonst anderes schreiben sollen? Die junge Frau mit Kindern daheim mit Gruselgeschichten über Bomben, Gefechte oder Tote erschrecken? Nein, das haben die wenigstens getan – und wenn, dann höchstens andeutungsweise.

Ich kann Deinen Vater gut verstehen, daß er fast ausschließlich nur die positiven Dinge aus seinem Soldatenleben notiert hat. Denn ich bin mir ziemlich sicher, daß er auch weniger schöne Erlebnisse hatte und Dinge gesehen hat, über die man besser nicht spricht. Dieses Verdrängen war ganz einfach eine Art der Verarbeitung. Und sich dann an die schönen Dinge zu erinnern, half ihm vermutlich über das weniger Schöne hinweg. …

Über die Gründe Deiner Freundin kann ich natürlich nur mutmaßen. Vielleicht rühren sie aus dem Verlust ihrer Familie her, weil ihr Vater es nicht „so gut“ hatte und an der Front saß und dort sein Leben lassen mußte. Aber dieses Schicksal hätte auch Deinen Vater treffen können. Er hatte ganz einfach nur Glück, nicht mehr und nicht weniger. Jeder kriegstaugliche Mann wurde Soldat, aber wohin er kam, das entschieden andere über ihn.

Edith, das Thema ist wirklich sehr vielschichtig und komplex, mit Worten gar nicht so einfach zu fassen, es füllt ganze Abende. Wichtig ist doch nur, daß wir uns mit unserer Vergangenheit, mit unserer Familie, unseren Wurzeln und dem „woher komme ich?“ auseinandersetzen. Und je früher wir das tun, umso besser.

Hier also nochmal von mir: Ich denke, dass ich sehr realistisch und objektiv berichtet habe, was mein Vater in den Tagebüchern schrieb und wie das auf mich wirkte. Ich war mehr als erstaunt, dass er offenbar so viel Freizeit hatte und auch, dass es wie eine Art Reisebeschreibung gewirkt hat. In den Büchern wird ein ganz anderer Mensch deutlich, als der, den ich gekannt habe. Aber die beiden Beiträge oben von Menschen, die viele Tagebücher kennen, zeigen ja, dass die meisten Soldaten nur das Gute aufschrieben.

Keineswegs möchte ich auf all die herab sehen, die Angehörige in dem Krieg verloren haben. Der Krieg war schrecklich, ich bin erst 1947 geboren, aber meine Mutter erzählte so viel von den Bombennächten, dass sie mir schon fast realistisch erschienen und ich immer Angst hatte, wenn draußen laute Geräusche erklangen. Mein Vater kam äußerlich unversehrt zurück (innerlich nicht), viele andere nicht. Das tut mir leid. Wir können es nicht mehr nicht ändern. Wer es hätte ändern können, das wäre das Volk gewesen, vor dem Krieg, das die Augen hätte aufmachen sollen und gegen die Nazis einschreiten. Aber alle haben an „ihren Führer“ geglaubt, sind ihm ins Verderben gefolgt. Das ist schlimm und sollte uns gerade heute eine Lehre sein.

Zufall oder was

Ich bin heute seltsam in eine frühere Zeit versetzt. Schreibe ja an meiner Familiengeschichte. Es ist merkwürdig, wie die aktuellen Ereignisse heute direkt mit meiner Familiengeschichte in Berührung kommen. Erst schrieb ich über den Nürburgring, erwähnte wie gefährlich er in meinen 1950ern war, und wie sehr sich Niki Lauda nach seinem schweren Unfall dort für einen sicheren Ring eingesetzt hat. Heute Abend in den Nachrichten dann die Meldung, Niki Lauda ist gestorben. Schon seltsam, wo ich kurz zuvor seinen Namen niedergeschrieben habe.

Dann kam ich heute an die Zeit, als ich meinen Mann kennenlernte, als wir unsere Träume hatten. Es war in den wilden 1960ern, als wir frei sein wollten. Ich gehörte voll zur Flower-Power Zeit, kämpfte gegen meine Eltern, wollte über mein eigenes Leben bestimmen. Meine großen Idole waren Sonny & Cher. Ich nähte Jochen und mir Kleidung nach ihrem Vorbild, denn so was konnte man damals nicht kaufen. Und dann machte ich heute Abend den Fernseher an und es läuft ein alter Film mit Cher. Unglaublich. Was jetzt noch fehlt ist eine Dokumentation über die Rolling Stones mit dem Gitarristen Brian Jones. Ich habe für ihn geschwärmt wie alle Mädels damals, er war so süß mit seinen blonden Haaren. Habe meinen Sohn nach ihm genannt. Heute kennt ihn kaum noch jemand, denn kurz danach ertrank er in seinem Pool. Aber ich werde ihn nie vergessen.

Auf Spurensuche in Adenau – 1957 bis 1961

Ausflüge in die Vergangenheit sind einfach grandios. Ich kann nur jedem empfehlen, das zu machen. Im letzten Jahr hatte ich schon meine Geburtsstadt Boppard besucht, dann Bad Kreuznach, wohin ich mit 6 Jahren verzogen war. Und diesmal stand Adenau auf dem Programm. Die Stadt in der Eifel direkt am Nürburgring. Den Ring, den ich in seiner Blütezeit erlebt habe.

Gestern hatte ich mir spontan ein Zimmer im Blauen Eck für heute reserviert. Und im Internet nach Chronisten geschaut. Ich bekam schließlich die Telefonnummer eines Herrn Corden und ihn auch gleich an die Strippe. Ein tolles Gespräch. Liegt es am Alter? Jedenfalls macht es ungeheuren Spaß, über früher zu erzählen. Ich erwähnte den Lehrer, der mir immer mit einem Lineal auf die Finger schlug, wenn ich etwas falsch machte. Das war Herr Brüß, sagte Corden sofort. Der Herr war schon älter, als er aus dem Krieg minus ein paar Extremitäten zurück kam. Er schulte um als Lehrer, die damals sehr knapp waren. Aber diese Profession war ihm offensichtlich nicht auf den Leib geschnitten, er war als sehr streng bekannt. Aber zum Glück kam ich in seinen Bereich in der 4. Klasse und wechselte kurz danach ins Gymnasium. Das Gespräch mit Herrn Corden war toll, also fragte ich ihn, ob er vielleicht morgen auf einen Kaffee Zeit habe. Schade sagte er, eigentlich immer, aber morgen ist ganztägig ein Tennisturnier.

Gleich nach dem Frühstück heute fuhr ich also los. Sonne am Himmel, aber kalt, deshalb blieb das Roadster Dach zu. Zunächst ging es nach Koblenz. Aus dem Kriegstagebuch meines Vaters, mit dem ich mich in der letzten Zeit beschäftigt habe, wusste ich, dass das Haus, das Musikgeschäft und Wohnung meines Großvaters beherbergt hatte, in der Schlossstraße 9 in Koblenz lag und 1942 ausgebombt wurde. Ich war nie dort. In google earth sah ich bereits, dass dies eine Superlage ist, lebhafte Geschäftsstraße, die direkt auf das wunderschöne kurfürstliche Schloss mündet. Schade, richtig schade, dass diese Toplage unserer Familie verloren ging.

Dann ging es weiter nach Adenau. Genau diese Strecke, Koblenz – Mayen – Adenau, bin ich in meiner Kindheit oft gefahren, gab es in dem kleinen Adenau nämlich überhaupt nichts, wir mussten einmal im Monat nach Koblenz, um einzukaufen. Am meisten hat sich Ochtendung auf dieser Strecke in mir eingegraben. Wegen dem lustigen Namen und dem Beton-Steine-Werk, das an der Straße lag. Und das gibt es tatsächlich noch. Von Mayen wusste ich noch, dass es eine Burg in der Stadt gibt. Was mir aber nicht mehr klar war, wie groß dieses alte Bauwerk einschließlich Stadtmauer ist. Sehr schön. Aber ich hielt nur, um das Autodach aufzuklappen bei der schönen Sonne.

Und dann war ich in Adenau. Der erste Stopp war an dem alten Gymnasium. Das kleine Haus, das früher mal eine Tuchfabrik beherbergte, war nach dem Krieg Gymnasium bis zur 10. Klasse für etwa 150 Schüler. Später wurde ein neues Schulgebäude errichtet. Ich suchte den Schulhof, ging hinters Haus und traf einen Mann mit Kaffeebecher. Wie sich herausstellte, der Eigentümer. Ein Architekt, viel zu jung, um meine Erinnerungen zu teilen. Aber er sagte, dass hin und wieder Menschen kamen und sagten, sie seien hier zur Schule gegangen.

Weiter gings zum Blauen Eck. Dieses Adenauer Traditionshotel in einem schönen Fachwerkhaus liegt zentral am Marktplatz und es existierte wirklich auch schon zu meiner Zeit. Da hatte ich es natürlich nur ehrfürchtig von außen angeschaut. Mein Einzelzimmer ist klein und zweckmäßig, aber die Location bringts.

Zunächst lief ich alle altvertrauten Wege ab. Unglaublich viel hat sich verändert. Weg, einfach weg, ist der Bahnhof, der unheimlich wichtig war für uns Kinder, weil der Holzplatz dahinter, wo die Baumstämme lagen, die die Franzosen als Reparationsleistung abgeholzt hatten, unser Spielplatz war. Die Gleise sind verschwunden, an dieser Stelle nun ein Gewerbezentrum. Die alte Volksschule stand noch, wo uns der Lehrer Brüß auf die Finger klopfte. Und im Musikunterricht auf der Geige spielte. Dann kam ich zu der Bäckerei Lehmann. In der Auslage Nussecken. Wenn das mal keine Kindheitserinnerung ist. Wir hatten in Dümpelfeld Bekannte mit einer Bäckerei. Spezialität dort Nussecken, mit denen ich mich immer vollessen konnte, wenn ich dort war. Also hinein. So eine Enttäuschung. Absolut trocken und hart, von Nüssen kaum eine Spur. Aber dann! Zwei ältere Damen kamen. Älter heißt, nicht mehr ganz so jung wie ich. Ich fixierte sie mit Blicken, wartete auf den geeigneten Augenblick. Und dann nichts wie hin auf meine Opfer! Aber das war eine gute Beute für beide Seiten. Ich hatte eine echte Adenauerin erwischt. Mit zwei Tortenstücken auf dem Teller. Um es kurz zu machen, die Torte war eine Stunde später immer noch auf dem Teller. Aber dafür haben wir beide, plus ihre schweigsame, weil nicht eingeborene Begleiterin, liebevoll in der Vergangenheit geschwelgt und alle bekannten Namen durchgekaut. Ja, die Gunhild. Die hat doch den Sohn von Uhren Theisen geheiratet, und so. Xmal wollte ich gehen, sie ihrer Torte und dem kalten Kaffee überlassen, aber immer noch fiel uns was ein. Es war toll.

Ein Grund unter anderem, den ich hier recherchieren wollte, war der Verbleib von Detlev. Ich war etwa 12, er kaum älter. Wir lernten uns kennen, sind in den Wäldern herum gestromt. Sonst war nichts. Wir waren ja gerade 12. Eines Nachmittags waren meine Eltern nach Koblenz zum Einkaufen gefahren, ich allein zu Hause. Bat Detlev, vorbei zu kommen. In der Post, wo wir im 1. Stock wohnten. Wir haben uns nur unterhalten, waren ja Kinder, wenn auch auf der Schwelle zur Pubertät. Dann hörte ich ein Auto. Meine Eltern. Detlev konnte nicht weg, ohne gesehen zu werden. Also ging er in den 2. Stock, wartete bis meine Eltern in der Wohnung waren. Ich ging ins Bett und tat so, als schliefe ich. Kurz danach klingelte es. Die Nachbarn von oben. Klärten meine Eltern über den Jungen auf, der oben gewartet hatte. Ein Donnerwetter brach los. Detlevs Eltern wurden benachrichtigt. Jeder Kontakt verboten.

Kurz danach zogen wir um nach Mainz und ich habe Detlev nie wieder gesehen. Aber er hat einen Eintrag in meinem Poesiealbum hinterlassen, inklusive einem Selbstporträt von sich.

Ich hatte Detlev schon Jahre im Internet gesucht. Sein Name ist sehr selten. Aber keine Chance. Es gibt ihn nicht. Also wollte ich in Adenau nachforschen. Jeder erinnert sich an seinen Vater, den Zahnarzt Dr. Moussie. Auch an den Sohn. Aber was er heute macht weiß niemand.

Auch die älteren Damen erinnerten sich sehr gut an ihn. Ein Tunichtgut. Hatte er nicht ein Baby mit einem Mädchen aus dem Nachbardorf? Durfte es aber nicht heiraten, weil nicht standesgemäß. Dann hat er Adenau verlassen und keiner weiß etwas.

Es war einfach toll im Café, aber irgendwann riss ich mich los und ging zurück ins Hotel. Zum Blauen Eck gehört ein sehr gutes Restaurant, aber ziemlich teuer. Die Damen hatten mir zum Italiener Aviano gleich gegenüber geraten. Also nichts wie hin. Bekam einen kleinen Einzeltisch. Daneben eine große Herrenrunde. Ältere Semester. Trainingsanzüge. Tennistaschen.

Ich stand auf, fragte, ob es einen Herrn Corden gäbe. Natürlich. Wir setzten uns kurz zusammen. Er sagte, dass er auch ein wenig recherchiert habe. Detlev hatte zusammen mit 2 weiteren Jungs zu den Tunichtguten von Adenau gehört. Aber keiner weiß Bescheid über seinen Verbleib.

Ich setze mich zurück an meinen Einzeltisch und bestelle. Definitiv ein guter Tipp der alten Damen. Es ist wohl das Inlokal der Einheimischen. Die Ortselite trifft sich hier, das Essen ist super und preisgünstig. Ich stelle die erst Montag begonnene Diät auf „weiteres“ und bestelle Vorspeise und Pizza. Ein Gedicht. Hätte ich nicht in Adenau bleiben sollen?

Nein, wohl eher nicht. Die Alteingeborenen sind tatsächlich fast alle weggegangen, neue sind nachgekommen. Adenau hat sich verändert. Bahnhof und Gleise sind verschwunden, Aldi und Lidl haben Einzug gehalten. Und die Stadt Adenau hat damals wie heute knapp 3000 Einwohner.

Familiengeschichte

Über einen Monat bin ich jetzt schon aus Florida zurück und meine Blog-Leser haben nichts von mir gehört. Das hat einen Grund. Ich habe beschlossen, meine Familiengeschichte zu schreiben. Inzwischen bin ich die älteste Überlebende in der Familie, die Matriarchin sozusagen, und ich, der ich nie was von Familie wissen wollte, habe plötzlich das Gefühl, ich muss etwas an meine Nachkommen überliefern. Muss ihnen zeigen, wie das Leben damals war. Meine Enkelin wird in diesem Jahr 18 Jahre alt und manchmal, wenn ich irgendein Detail von früher erwähne, ist sie ganz erstaunt. Kennt das Leben damals nicht. Und auch nicht die Familienmitglieder, die inzwischen verstorben sind. Und nun klebe ich 12 Stunden täglich am PC und bin fasziniert.

Als meine Mutter im Jahr 2002 verstarb, Vater bereits 1996, musste ich die Wohnung ausräumen. Natürlich gab es viele Erinnerungsstücke. Vor allem Fotoalben. Aber ich hatte wenig Platz zur Aufbewahrung, aber auch irgendwie ein gestörtes Verhältnis zu meiner Familie. Ich glaube, das geht vielen so aus meiner Generation. Ich wollte nichts von der Vergangenheit wissen und warf vieles weg. Zum Beispiel gab es ein Fotoalbum mit Bildern, die mein Vater während seines Kriegsdienstes gemacht hatte. Weggeworfen. Vernichtet. Aufgehoben habe ich jedoch einige Urkunden, die er im 3. Reich für seinen Ariernachweis benötigte, und es gab auch drei Kriegstagebücher. Sie waren in Sütterlin geschrieben, eine Schrift, die ich nicht lesen kann. Die deutsche Sütterlinschrift wurde ab 1915 in Preußen eingeführt. Sie begann in den 1920er Jahren die bis dahin übliche Form der deutschen Kurrentschrift abzulösen. In der Folge des Normalschrifterlasses wurde allerdings auch sie mit einem Rundschreiben vom 1. September 1941 verboten. Deshalb habe ich nie in diese Bücher geschaut.

Aber dann begann ich mit dem Aufschreiben der Familiengeschichte. Und sofort rückten diese Kriegstagebücher in den Focus. Ich bin Ende 1947 geboren, es war also vor meiner Zeit. Zuhause hat er nie über die Kriegszeit gesprochen. Ich wollte wissen, was darin stand. Zunächst versuchte ich es im Bekanntenkreis, dann gab ich eine Suchanzeige in facebook auf. Das Ergebnis war eher enttäuschend. Zwar meldeten sich viele, die angaben, Sütterlin lesen zu können, aber wenn es wirklich ernst wurde, ein Treffen vorgeschlagen, dann löste sich alles im Nichts auf. Nur wenige Bekannte blieben zurück. Eine Enttäuschung war auch ein Besuch im Altersheim. Dort lebt eine ehemalige Hausbewohnerin, inzwischen 90 Jahre alt, geistig fit und intelligent. Sie kann es lesen, aber … sie hat keine Zeit. Dann erinnerte ich mich an das Internet. Dort gibt es Foren für wirklich jeden Zweck und ich geriet an das Forum der Wehrmacht. Nicht alle Reaktionen waren hilfreich, aber ich fand Ludwig. Und das war ein Geschenk. Ich fotografierte Seite um Seite, schickte die Fotos an Ludwig und er sandte mir am nächsten Tag den entzifferten Text zurück. Ich habe den nicht einfach eingetragen, sondern Wort für Wort mit dem Buch verglichen. Und quasi über Nacht konnte ich Sütterlin immer besser lesen. Zwar waren immer noch einige Wörter fraglich, aber wieder half mir Ludwig. Von den drei überlieferten Büchern war zunächst das dritte und dickste fertig, denn es entstand gerade in der Übergangszeit von Sütterlin auf Normalschrift und ich konnte das meiste lesen. Das zweite Buch ist mit dem heutigen Tag auch fertig, es wurde zu großen Teilen von Ludwig entziffert, nur zum Teil von mir. Noch blieb aber das erste Buch. Ich hatte ein schlechtes Gewissen, den mir doch unbekannten Ludwig zu überfordern, auch war das Buch sehr viel undeutlicher, sehr eng mit Bleistift geschrieben und auf Fotos nicht gut zu erkennen. Ludwig empfahl mir, Diana hinzuzuschalten. Sie ist Moderatorin in diesem Forum und eine Expertin für Sütterlin. Wie sich bald heraus stellte, aber auch für alles, was mit der Kriegszeit zusammenhängt. Ich schrieb sie an. Diana sagte mir ihre Hilfe zu, allerdings nur, wenn sie das Buch im Original erhält. Das macht Sinn, denn die Fotos sind wirklich zu schlecht. Also habe ich es ihr nun geschickt und bereits den ersten Teil zurück erhalten, ohne jede unentzifferbare Lücke. Super. Ich freue mich nun täglich auf die Fortsetzung.

Mich fasziniert der Inhalt der Bücher ungeheuer. Mein Vater war bei der Abwehr. Er durfte über seinen Dienst natürlich nichts schreiben, es geht hauptsächlich um seine Freizeit. Er war während des Krieges mehr im Kino oder Café als ich in meinem ganzen Leben. Er hatte einfach Glück, denn sein Dienst als Funker hielt ihn doch um etliche Distanz von der Frontlinie entfernt. Die ersten Bomben während seines Kriegsdienstes erlebte er 1943. Oder aber auf dem Heimaturlaub. Er schrieb während eines langen Genesungsurlaubs ausführlich, wann genau es täglich Fliegeralarm gab. Natürlich kennen wir alle die Geschichte des 2. Weltkrieges aus dem Unterricht oder dem Fernsehen. Aber dieses persönliche Buch zu lesen ist wieder etwas ganz anderes. Im Fall meiner Familie sieht es oft so aus, als hatte meine Mutter den schwereren Teil, musste sie doch mehrmals täglich mit einem kleinen Kind Zuflucht im Schutzraum suchen, während mein Vater kaum Feindberührung hatte.

Aber total überwältigt war ich von der Erkenntnis wie ähnlich mein Vater und ich uns sind. Das war früher nie so klar geworden, in unserer Familie gab es wenig Kommunikation. Die meisten kennen mich. Ich reise durch die nordafrikanischen Länder, früher sehr abenteuerlich, heute etwas komfortabler, und ich habe es schon immer geliebt, darüber zu schreiben. Zunächst ins Tagebuch nur für mich; Internetblogs, die alles öffentlich machen, gab es damals noch nicht. Dann als Länderberichte für den Saharaclub. Und dann sehr bald in der Form des Reiseführers. Und nun muss ich erkennen, dass mein Vater genau das gleiche gemacht hat. Er reiste und schrieb darüber. Wenn er mal längere Zeit in relativer Sicherheit in einem Büro in Berlin, Warschau, Wien oder Krakau Dienst tat, dann langweilte er sich und meldete sich auf einen Einsatzort in der Ferne. Das Reisen war sein Abenteuer und wenn es noch so schwierig war. Oft reiste er mit der Eisenbahn und das war nicht so einfach wie heute. Schlafen mussten sie oft mit oder ohne Stroh im ungeheizten Güterwagen, standen stundenlang in irgendwelchen dunklen Ecken herum. Wenn ein LKW benutzt wurde blieb er ziemlich oft im Schlamm stecken. Aber all das scheint er mehr geliebt zu haben als den stationären Dienst, der ihm schnell langweilig wurde. Wie sehr kann ich mich doch mit ihm identifizieren. Er nennt die Orte auf seiner Strecke mit Namen, gut für mich, denn ich versuche, seine Reiseroute in einer Skizze zu zeigen. Wenn es auch nicht leicht ist. Viele der besuchten Länder gehörten damals zum deutschen Reich und die Orte hatten deutsche Namen, die heute ganz anders lauten. Aber ich bin doch ganz gut klargekommen.

Ich rate jedem, beschäftigen Sie sich mit Ihrer Familie, solange noch Ältere leben, die Sie fragen können und warten Sie nicht so lange, bis alle gestorben sind. Und wie sehr wünsche ich mir heute, ich hätte das Fotoalbum aus dem Krieg nicht weg geworfen.

Zu Anfang seiner Soldatenzeit war mein Vater übrigens ein Dreivierteljahr in Nordspanien stationiert. Dabei lernte er auch Spanisch. Es war wohl die schönste Zeit seines ganzen Lebens bis dorthin, vor dem Krieg konnte er ja nicht viel reisen. Von daher blieb ihm eine Liebe zu Spanien, die uns nach dem Krieg schon 1954 zu einer Reise durch das Land führte. Und auch danach habe ich noch sehr oft die Schulferien auf Reisen durch Frankreich, Spanien, Portugal und Italien verbracht.

Übernachtung im Freien auf unserer ersten Reise nach Spanien 1954

So schön wohnt man in Florida

Mittags habe ich noch bei einem Telefongespräch mit Freunden ziemlich gehustet und nahm auch noch eine fiebersenkende Pille. Aber ich wollte ja unbedingt zu Maggies’s Party gehen, das wollte ich keinesfalls canceln. Und die Krankheit hat sich tatsächlich im Zaum gehalten, ich habe die Zeit fast ohne Husten überstanden. Und es war ja so schön. Leider waren wir nur ein sehr kleiner Kreis, da viele auf so kurze Notiz keine Zeit hatten, aber ich habe ja immer Zeit. Und wie sagte Maggie beim Abschied, so konnten wir doch viel besser miteinander reden. Und das taten wir. Weder einmal hoffe ich, hier eine Freundin gefunden zu haben.

Ich hatte ja schon angedeutet, wie schön ihr Haus ist. Und habe auch schon mehrmals gesagt, wie ich die Amis um ihren Lebensstil beneide. Man hat hier mehr Möglichkeiten, mehr Platz und wohnt viel schöner. Maggie und ihr Mann sind ganz normale Leute, keine Superreichen, also kann man das ganz gut mit den Menschen vergleichen, die in meinem Lebensumfeld wohnen. Das Haus ist ein altes Holzhaus, man nennt es hier Bungalow, obwohl es nach unseren Maßstäben keines ist. Aber sie haben nach dem Kauf sehr viel umgemodelt. Das Zentrum ist die große Küche, ein Traum für mich mit meiner schmalen langen, engen Küche. Die hohe Holzdecke wurde später eingebaut. Aber das Leben spielt sich draußen ab. Dort ist eine weitere vollausgestattete Küche auf der Terrasse, natürlich mit großem Webergrill und da hat Maggie leckeres Fingerfood aufgebaut. Und dann der Garten. So groß ist er nicht, aber ein richtiger Dschungel. Das Staghorn wächst an den Bäumen entlang, sieht super aus und für das nächste Jahr wurde mir ein Ableger versprochen.

Natürlich ging es wieder viel um das Biken und so langsam entwickelt sich ein Plan in mir. Ich werde doch schon für den kommenden Winter das Bikebook drucken. Und zwar in deutsch und englisch gleichzeitig.

Und vielleicht brauche ich nicht so lange zu warten bis ich Maggie und ihren Mann wiedersehe, denn sie wollen im Sommer in Deutschland eine Radtour machen. Sind nicht die einzigen. Auch Gail, eine Bekannte aus der Explore Volusia Gruppe wird nach Deutschland kommen. Ich freu mich.

Nur die Katze besucht mich

Zur Zeit gibt es wenig zu berichten, denn ich bin krank. Schon auf dem Bikeevent fiel mir auf, dass ich ziemlich müde war, obwohl die Radtour doch ziemlich kurz war und ich mich nicht sehr angestrengt habe. Es ging dann ganz langsam weiter, jeden Tag ein wenig mehr, bis sich schließlich eine Halsentzündung mit Fieber einstellte. Ich musste alle meine schönen Events absagen, Kayaktouren, eine Wanderung und eine Nachtfahrt in einem Naturpark. Heute morgen jedoch war wieder Kayak angesagt und ich hatte schon gestern das Kayak aufs Dach geschnallt, bin auch hingefahren, aber hab es dann doch gelassen. Ich bin einfach immer noch nicht gesund, wenn ich mich auch nur ein wenig anstrenge kommt ein Fieberschub. Ich weiß aus Erfahrung, hier helfen nur Antibiotika. Aber ich habe einfach Angst zum Arzt zu gehen. Die Preise sind einfach zu hoch. Ich bin zwar versichert, aber ich habe doch Angst, dass es Schwierigkeiten gibt, wenn ich öfter krank bin. Also helfe ich mir mit Ibuprofen gegen Schmerzen und Fieber und Lutschbonbons gegen die Halsschmerzen. Ab und zu kommt der Kater Prince und legt sich auf meinen Bauch. Das tut gut.

An diesem Wochenende wollte ich meine Freundin Carla besuchen, ich hatte mich sehr darauf gefreut. Aber auch das musste ich absagen, vor allem auch, weil sie große Angst vor Keimen hat und bei Flügen sogar eine Schutzmaske trägt. Das hat mich überrascht, so kannte ich sie nicht, aber es ist besser, sie sagt offen, wie sie darüber denkt. Also gibt es auch keine weitere Bikestrecke mehr zu erkunden.

Doch von Maggie, der Organisatorin der Biketour, habe ich wieder gehört. Vor allem hat sie mich damit überrascht, dass ich bei der Tombola, die erst stattfand, als ich schon gegangen war, etwas gewonnen habe. Und zwar einen Gutschein für eine Gesichtsbehandlung bei einer Kosmetikerin. Das ist genau das Richtige für mich, darauf freue ich mich sehr. Es war ganz ulkig. Sie hatte mehrere Geschäftsleute, die Preise gespendet hatten, und natürlich waren die meisten irgendwie Fahrradbezogen. Auf einem Tisch standen die Preise sortiert nach Sponsor und bei jedem Sponsor ein Korb. Für das Raffle, wie es hier heißt, bekam ich als Volunteer 4 Tickets, und die konnte ich in einen oder mehrere Körbe werfen, wo mir die Preise gefielen. Ich brauche weder Helm noch Luftpumpe und warf also mein Ticket in den Korb der Kosmetikerin und bei einem Bikeevent war der natürlich am leersten und so kam ich in den Genuss eines Preises. Ich freue mich sehr darüber, gewinne ich doch sonst nie etwas.

Maggie lädt morgen Abend ein zu einer Party, alle Helfer und Freunde, die dabei waren. Ich freue mich total und werde auf jeden Fall hingehen. Maggie wohnt ja in Deland in einem sehr schönen großen Haus, wo man schon ein paar Leute unterbringt. Ich werde mich aber dennoch warm anziehen, denn vermutlich feiern wir draußen. Sie hat eine wunderschöne, überdachte Terrasse mit einer Außenküche, einfach ein Traum. Aber nicht alles blitzblank und designerhaft, sondern wohnlich, richtig gemütlich. Mal sehen ob ich ein paar Fotos machen kann.

Für mich ist diese Einladung unglaublich wichtig. Ich bin eigentlich sehr gesellig und habe früher oft Partys gefeiert, oft mit mehr als 20 Personen in einer kleinen Wohnung mit Musik und Bauchtanz als Höhepunkt. Aber oft habe ich gemerkt, dass ich nie zurück eingeladen wurde. Irgendwie schlief das dann ein und mir bleiben heute weder Freunde noch Partys. Hier in Amerika habe ich ja sehr versucht, Freunde zu finden. Aber leicht ist das nicht. Früher als ich noch zum Fliegen herkam, war das einfacher, denn Fliegen verbindet. Später dann war ich jedes Jahr nur 3, 4 Wochen da und es war unmöglich, Freundschaften zu schließen, dafür braucht man einfach Zeit. Seit ich in Rente bin hatte ich dann Bob als Unterhalter, aber in diesem Jahr aus zwei Gründen nicht. Erstens habe ich dieses Jahr überhaupt keine Lust, abends ins First Turn zu gehen, seine Stammkneipe, und dann hat er ganz neu eine Freundin. Obwohl ich keinerlei Gefahr für sie wäre sind amerikanische Frauen doch sehr eifersüchtig und er hat sich noch nicht mal getraut, mich zur Bikeweek mal auf dem Motorrad mitzunehmen, wie versprochen. Bin gespannt, ob er mich wenigstens zum Flughafen bringen darf. Es macht mir aber nicht viel aus, denn außer dem First Turn hatten wir wenig Gemeinsamkeiten und ich tendiere doch mehr dazu, während des Tages etwas Schönes zu machen.

Da habe ich ja meine Explore Volusia Gruppe und die SIMs. Wir unternehmen öfter etwas, aber außerhalb der Gruppe gab es nie Treffen oder Einladungen. Schade. Umso wichtiger ist es mir, dass ich morgen zu Maggies Party gehe.

St. Johns River-to-Sea Loop

Heute endlich war es soweit, die große Radtour. Während ich selbst ja nicht unbedingt kapiere, warum man sich unbedingt einer geführten Radtour gegen Registrierungsgebühr anschließen sollte ist das hier doch recht häufig. Auch 10 km Läufe sind häufig gegen eine Gebühr, die meist für einen guten Zweck bestimmt ist. In diesem Fall ging es um eine Radtour, um die Initiative St. Johns River-to-Sea Loop zu unterstützen. Das ist ein großes Projekt, das einen 260-Meilen Rundweg beinhaltet, der aber noch im Aufbau ist und 2025 fertig sein soll. Ob ich da noch auf dem Fahrrad sitze?

Ich hatte mich als Volunteer bereit erklärt. Maggie ist die Präsidentin des Clubs, der diese staatliche Initiative unterstützt. Der Spring-to-Spring Trail ist ein Teil der Strecke, der weitgehend fertig gestellt und landschaftlich sehr schön ist. Ich muss Maggie sehr loben, sie hat wirklich sehr viel Arbeit in die Organisation gesteckt, wenn auch von vielen Freunden unterstützt. Es gab 3 Streckenlängen, 25 und 55 Meilen … und … 8 Meilen. Ich hatte die Ehre, eine der Touren zu führen, und nun ratet mal welche? Natürlich die 8 Meilen.

Ich lag ja sowas von daneben

Wir hatten genaue Guidelines, die beschrieben, was die Aufgaben des Führers sind. Zum Beispiel darauf zu achten, dass wir Entgegenkommende freundlich grüßen. Dass wir nicht mitten auf dem Pfad anhalten. Natürlich einen Helm auf dem Kopf haben (den ich zunächst vergessen hatte und für den ich noch ein Stück zum Auto zurückfahren musste). Und natürlich eine Teilnehmerliste, die auch den Sweep enthält. Was ist ein Sweep, fragt ihr euch jetzt sicherlich genauso wie ich. Das ist ganz einfach der Schlussmann, der darauf achtet, dass keiner zurückbleibt. Und in der Liste stand sein Name, Jason Aufdenberg. Mich traf, ganz ehrlich, der Schlag, als ich ihn sah. Anfang 50, fettiger Pferdeschwanz, gammelig angezogen. Aber der Höhepunkt war sein Rad. Ein winziges zusammenfaltbares Rad.

Na gut, während der Tour hatte ich ja keine Berührungspunkte mit ihm, er ganz hinten, ich ganz vorn. Unsere Strecke war hügelig, man glaubt es kaum in Florida, und die drei Kinder, die dabei waren, hatten einfache Kinderräder ohne Gangschaltung. Deshalb hielt ich mehrmals an, damit wir alle zusammen waren, aber die Strecke war ja nur kurz. Als wir im Bluespringspark ankamen war von den  anderen natürlich noch keine Spur. Am Morgen waren zunächst die 55 Meiler aufgebrochen, nach 15 Minuten die 25er, und die aufgeteilt in 2 Gruppen, denn es war die höchste Teilnehmerzahl. Alles in allem gab es etwas 50 zahlende Radler. Wir waren dann die letzten, die ja immer die ersten sein werden. Im Park wollten wir zunächst die Manatees sehen, aber es ist jetzt im März doch schon recht warm, der Park hat ab 15. März wieder für die Schwimmer aufgemacht und die Manatees waren abgerauscht. Dabei hatte ich doch für die Kinder so viele schöne Fragen vorbereitet, die ich neulich mit Ashley zusammen erarbeitet hatte. Auch hier wieder zeigte es sich, dass Kinder ganz begierig darauf sind, solche Fragen zu beantworten, und es gab natürlich für annähernd richtige Fragen kleine Geschenke. Wie schwer wird so ein Manatee? Eine Sechsjährige: 30 Pound. War am nächsten dran an den richtigen 1200 Pound und sie suchte sich stolz ein Geschenk aus.

In einem Pavillon hatten Maggie und ihre Helferlein ein kleines Buffet mit Hotdogs und Salaten aufgebaut und eine Outdoor Ausrüstungsfirma verteilte Werbegeschenke. Und ich kam mit meinem Sweep Jason ins Gespräch. Und war ja sowas von Baff. Als erstes erfuhr ich, dass er hier in USA, wo ohne Autos nichts geht, ein autoloses Leben führt. Das kleine Rad hat er deshalb, weil er es überall hin mitnehmen kann und er benutzt öffentliche Verkehrsmittel, obwohl es die ja wenig gibt. Und was ist sein Beruf? Nein, kein Gammler oder Looser, er ist Professor für Astrophysik an der berühmten Embry Riddle University.

Da hatte ich nichts mehr zu sagen. So schnell werde ich mir keine Meinung mehr über Menschen bilden.

http://faculty.erau.edu/Jason.Aufdenberg#link-info

Rechts ist der Prof

Es geht los …

Das dumpfe Grollen ist überall, Harleys dominieren die Stadt, die Bikeweek 2019 hat angefangen. Man muss es mögen, und ich tue es, denn das Leben ist doch sehr verändert. Überall Staus, was wir sonst nicht kennen, überall haben die Bikes die Vorfahrt, überall röhrt es. Hundertausende sind in der Stadt und in ihrem Umkreis und man sieht sie.

Gestern Morgen hatte ich ein Meeting in Deland. In einem Privathaus und das war wieder eine schöne Gelegenheit für mich, zu sehen, wie die Menschen hier wohnen. Und wieder einmal beneide ich sie um ihren Lebensstil. Hier wohnt man schöner, lebt intensiver. Wenn ich meine einfache Wohnung mit dem Leben hier vergleiche, oder auch das Haus, in dem mein Sohn wohnt. Hier hat man mehr Platz, die Häuser sind raffinierter geschnitten, es gibt zu jedem Schlafzimmer ein Bad und die sind oft richtige Badepaläste. Ach, wär ich nur in Florida geboren ….

Aber egal, ich mache ja das Beste daraus und bin – fast – mit meinem einfachen Trailer zufrieden. Irgendwie möchte ich ja schon mein Leben nochmal von vorn anfangen.

Auf dem Rückweg nach Port Orange dann war Deland’s Hauptstraße gesperrt, für die Biker natürlich. Ich hätte ja am liebsten geparkt und mir alles angeschaut, aber das ging nicht. Als ich am Morgen zu dem Meeting losfuhr wollte ich unterwegs tanken, griff nach meinen Geldbeutel mit Kreditkarte, Führerschein und alles was wichtig ist, aber er war nicht da. Zu Hause gelassen. Wenn ich zurück fahre verpasse ich mein Meeting, vor mir liegen 27 Meilen hin und 27 zurück, die Tankanzeige sagt, ich habe noch Sprit für 90 Meilen. Also los. Aber eben ohne Führerschein und mit den vielen Bikes ist die Polizei schon präsent. Also ging es auf dem schnellsten Weg Richtung Heimat. Dazu fährt man den Highway 44 von Deland nach New Smyrna Beach und ich habe noch nie so viele Bikes darauf gesehen. In ganzen Gruppen kamen sie, hunderte, tausende.

Zuhause dann war nicht nur mein Geldbeutel, sondern auch eine Nachricht von Carla. Ich hatte sie im letzten Jahr kennengelernt und wir waren sofort ein Herz und eine Seele. Aber sie ging zurück zu ihrem Mann, der weiter südlich wohnt und ich hatte den Eindruck, sie will vom Leben hier nichts mehr wissen. Hatte ihr nur kurz eine SMS geschickt wegen der Bikeweek. Und nun schrieb sie, sie sei extra gekommen und warte auf mich in der Main Street. Aber schon ein paar Stunden. Also schnell ins Biker Outfit gewechselt und hingefahren. Die Main Street ist in Daytona Stadt das Zentrum für die Biker, sie patrollieren auf und ab, die Läden führen Bikerzubehör und man muss sich einfach sehen lassen. Und da war Carla mit ihrem David, den ich noch nicht kennen gelernt hatte. Ein netter ruhiger Mann. Sofort zog mich Carla hoch zum Tanzen und es war einfach wieder schön. Mein letztes Wochenende hier werde ich die beiden besuchen fahren.

Eine Liebesgeschichte

Vor ein paar Tagen habe ich Susan, eine nette Amerikanerin, kennengelernt. Wir waren zusammen auf der Mardi Gras Parade, einem Karnelvalsumzug in New Smyrna Beach. Der hat mich ziemlich enttäuscht. Klar kann man nichts mit dem deutschen Karneval vergleichen, und auch in New Orleans, wo Mardi Gras herkommt, ist die Parade schon etwas anders. Okay, New Smyrna Beach ist nur ein ziemlich kleiner Ort. Doch sind selbst die Xmas-Paraden größer und vielfältiger. Was aber interessant war, man hat nicht wie bei uns mit Bonbons geworfen, sondern mit Perlenketten. Das hatte ich auch schon mal auf dem Silvesterfest in der Main Street in Daytona Beach erlebt.

Mardi Gras

Warum Perlen? Winzige Marken, die Wohlstand, Gesundheit und langes Leben repräsentieren, sind seit Jahrhunderten Teil der Menschheitsgeschichte. In Ägypten wurden Jetons in der Hoffnung verteilt, dass sie ein glückliches Leben nach dem Tod garantieren würden. Menschen, argumentiert der Archäologe Laurie Wilkie, zeigen eine Vorliebe für glänzende Objekte. Die klassischen Karnevalsfarben in New Orleans sind Violett, Gold und Grün. Dabei steht Grün für Glauben und Vertrauen, Gold für Kraft und Violett für Gerechtigkeit. Es ist ein möglicher Grund, warum Mardi Gras so viele Menschen  anzieht, die mit den Armen in der Luft begierig sind, ein billiges Plastikgeschenk zu erhalten. Und dort in dieser großen Stadt sollen auch besonders junge Frauen bereit sein, ihren blanken Busen zu zeigen, um eine Perlenkette zugeworfen zu bekommen. Das war in New Smyrna Beach nicht nötig.

Wir haben uns dann für den nächsten Tag in Port Orange verabredet, da meine Lieblingsbar dort am Mittwoch den Start der Bike Week feiern wollte, mit der Band Crashrockett, eine der beliebtesten lokalen Rockbands.

Eine Enttäuschung

Ich hatte mich so richtig auf einen Abend mit ausgelassenem Tanzen gefreut, denn Susan zeigte, dass sie sehr gern tanzt. Umso größer war die Enttäuschung, als sich heraus stellte, dass First Turn die Veranstaltung gecancelt hatte. Es war einfach zu kalt und man fürchtete, nicht genug Bier zu verkaufen, um die Band bezahlen zu können. Ich war total enttäuscht. Susan traf ein, auch noch Barbara, eine weitere Dame vom Fat Tuesday. Um es etwas auszugleichen lud ich die beiden zu mir nach Hause ein, denn ich wohne ja in der Nachbarschaft. Und das wurde ein richtig schöner Abend.

Susan erzählte mir, wie sie an ihren Ehemann kam. Und ich fand das so eine tolle Story, die wäre es wert, ein Buch darüber zu schreiben. Natürlich hat sie nur die Eckpunkte erzählt und die kann ich auch nur weitergeben, aber es genügt, um vor Rührung Tränen in die Augen zu bekommen.

Susan ist in den USA geboren, aber ihre Eltern stammen aus Serbien. Häufig fuhr die Familie dorthin in den Urlaub, sie stammten aus einem ziemlich kleinen Ort. Als Susan 13 Jahre alt war traf sie dort den jungen Dragan, 20 Jahre alt, der schönste Mann im Dorf. Sie verliebte sich sofort Hals über Kopf in ihn. Doch der Gute wollte nichts von ihr wissen, schickte sie heim zur Oma, sie solle ihre Milch trinken und früh ins Bett gehen. Susan war zwar beleidigt und musste nach Ende der Ferien zurück in die USA, vergaß ihren Dragan jedoch nie. Doch das Leben nimmt so seinen Lauf und mit 17 Jahren heiratete sie. Bekam einen Jungen. Doch kein Wunder bei so einer Frühehe, es ging schnell schief und mit 20 Jahren war Susan allein mit ihrem Sohn.

Auf der Suche nach Dragan

Sie hatte Dragan nie vergessen, hatte ihm auch geschrieben, aber er hatte es nie für Wert gehalten, ihr zu antworten. Daher hatte sie keine Ahnung wie sein Leben inzwischen aussah, ob er vielleicht verheiratet war. Trotzdem fasste sie einen Entschluss und fuhr nach Serbien. Mit dem festen Willen Dragan zu finden und zu heiraten. Susan kam im April an, von Dragan keine Spur. Es ist ein kleines Dorf, jeder kennt jeden, und so erfuhr sie schnell, dass er eine Arbeit hat und von seiner Firma nach Japan geschickt worden war. Susan ist redselig, und so erfuhr der ganze Ort von der Absicht der Amerikanerin, auf Dragan zu warten, ihn zu heiraten und mit nach Amerika zu nehmen.

Doch Dragan war nicht da. Eine Tages im Juni ging Susan zusammen mit Kusinen und Freunden in eine Kellerbar,  ihr Dorf hat nur zwei Läden, aber fünf Bars, und auf der Treppe kam ihr Dragan entgegen. Es war, als träfe sie ein elektrischer Schlag. Aber auch er war in einer Gruppe, es gab nur ein großes Hallo und jeder ging seiner Richtung. Susan ging nach Hause, voller Wünsche und Erwartungen, aber hielt es dort nicht aus. Und tatsächlich, auf der Dorfstraße traf sie Dragan. Der natürlich auch längst von dem Dorfklatsch gehört haben musste.

Sie machten einen Spaziergang und Dragan erzählte von seiner Arbeit in Japan, aber auch, wie sehr er seine Heimat vermisst habe und so froh war, wieder zu Hause zu sein. Er hatte nie geheiratet, weil er zwar einer der bestausehendsten Männer im Dorf war, aber so arm, dass ihn niemand heiraten wollte. Er lebte in sehr bescheidenen Verhältnissen, zusammen mit seiner Mutter in nur einem Zimmer, aber er hatte die Mutter sehr vermisst. Susan, die im Inneren ja ganz genau wusste, was sie wollte, fragte nur, also würdest du nicht mehr aus Serbien fortgehen? Er ahnte wohl, was hinter der Frage steckte und meinte nur, mal sehen, das weiß ich noch nicht.

Sie verabredeten sich ein weiteres Mal und ein drittes Mal und bis dahin gab es noch nicht mal so viel wie einen Kuss. Und da konnte Susan nicht anders, sie fragte ihn rundheraus: willst du mich heiraten?

Und er sagte ja.

Dragan wollte sie küssen, doch Susan wehrte ab. Ihr zweijähriger Sohn war beim Onkel und sie sagte, bevor er sie küssen darf müssen sie erst zum Onkel gehen und die Verlobung öffentlich bekanntmachen. Man muss mal eines bedenken: Es war in den 1980ern! Aber gesagt getan, Dragan war einverstanden und der Onkel öffnete den Selbstgebrannten. Und heute sind sie seit 30 Jahren glücklich verheiratet und haben zum Erstgeborenen noch zwei weitere Söhne. Ich kenne nur einen, aber das ist ein toller junger Mann.

Maul zu – für einen guten Zweck

Vor ein paar Wochen hatte ich das Foto dieses jungen Alligators in facebook gepostet, ich gebe zu etwas provokativ mit der Frage, ob das nicht ein Haustier für die Taunussteiner wäre. Ein Sturm der Entrüstung löste das aus. Tierschutz und so. Nun möchte ich euch etwas über den Hintergrund erzählen. Die Lyonia Preserve ist ein staatliches Naturschutzcenter, das es sich zur Aufgabe gemacht hat, die Natur zu schützen und die Bevölkerung aufzuklären. Sie machen vor allem auch viele Veranstaltungen für Schulen.

https://www.volusia.org/services/community-services/parks-recreation-and-culture/land-management/conservation-lands-map/lyonia-preserve.stml

Das Alligatorfoto ist auf dem jährlichen Festival entstanden. Laura Albert arbeitet dort als Outreach Coordinator, das heißt sie leitet viele dieser lehrreichen Veranstaltungen. Sie hat nicht nur immer Schlangen um ihren Hals hängen, sondern ist auch für den Alligator verantwortlich. Natürlich nimmt man den Tierschutz sehr ernst und hat genau das Für und Wider abgewägt. Aber eine Veranstaltung, an der ein lebender Alligator teilnimmt und ein paar Schlangen, ist einfach besser besucht, als wenn nur trockene Theorie verbreitet wird. In der Preserve leben nur einige Alligatoren, die krank sind und sich in der Natur nicht durchschlagen könnten. So ist der auf dem Foto blind. Das Klebeband muss trotzdem sein, aus Sicherheitsgründen, aber es ist ein leichtes Band, das dem Tier nicht weh tut. Laura sagt, ein Alligator, der das nicht will, der lässt sich das Maul nicht zukleben. Es ist eigentlich mit einem Maulkorb für Hunde vergleichbar. Auch Hunde mögen das nicht besonders, es muss aber manchmal sein. Wenn sie ins Gehege gehen, um ein Tier auszuwählen, dann gibt es welche, die weglaufen, und andere, die auf die Menschen zukommen. Für den öffentlichen Vortrag werden natürlich nur letztere ausgesucht, denen das nichts ausmacht. Ich kenne Laura gut und weiß, wie gut und tiergerecht sie die ihr anvertrauten Kreaturen behandelt, ihr braucht euch also keine Sorgen zu machen.