Von Enji nach Oualata

Nach Oualata sind es wie gestern noch einmal 200 km, aber Idoumou ist zuversichtlich, dass wir es schaffen, Oulata zu besichtigen und dann noch weiter bis nach Nema zu fahren. Er lockt mich mit der Aussicht auf ein bequemes Hotel dort. Ich kenne ihn ja nun schon eine Weile und habe trotzdem noch nicht gelernt, dass man sich auf diese Versprechungen nicht 100 prozentig verlassen kann. Die Piste gleich nach Enji ist am Beginn trostlos, mit gestern nicht zu vergleichen. Doch bald schon kommen wieder kleine Sanddünen und auch Brunnen. Aber eines ist klar, das Highlight der ganzen Strecke ist die mittlere Etappe zwischen Tichit und Enji. Wir treffen mehrere Familien, die gerade mit allem Hausrat nach Süden ziehen. Als sie uns sehen bleibt der Mann gleich stehen, denn natürlich will er reden. Doch seine Frau treibt ihn an, wir müssen weiter, die Kinder sind vorne mit den Tieren, haben kein Wasser, wir dürfen sie nicht verlieren. Einfach toll durch Idoumou von diesem Gespräch zu hören, diese interessanten Details zeigen viel von dem Wesen der Menschen, was man nicht mitbekommt, wenn man alleine reist. Und die Frauen der Nomaden, aber auch generell in Mauretanien, sind stark und haben oft das Sagen.

Oualata

Dieser Teil der Piste ist schneller zu fahren als bisher und so erreichen wir Oualata tatsächlich schon zur Mittagszeit. Es ist glühend heiß. Oualata ist eine alte Karawanenstadt und die schönste Stadt in Mauretanien. Denn hier ist es üblich, dass die Frauen die Portale der Häuser wunderschön mit geometrischen Mustern verzieren. Ein Auszug aus meinem Reiseführer:

Besonders ist die Stadt berühmt für die strahlend weißen Ornamente und Medaillons, die die Frauen des Ortes seit jeher als festliche Rahmen für Türen und Fenster auf die lehmverputzten Wände der Innenhöfe und um die Eingangstüren auftrugen. Oualata liegt an einem Hügel, um den sich die traditionsreiche Altstadt windet. Dort sind viele Häuser bereits verfallen, aber einige Familien leben noch hier. Die eng aneinandergebauten ein- bis zweistöckigen, mit rotem Lehm verputzten und mit gemalten Ornamenten verzierten Wohnbauten aus Stein wurden von der UNESCO zum Weltkulturerbe erklärt. Aber auch im flacheren Umkreis, wo neue Häuser gebaut wurden, tragen die Wände noch immer diese schönen Motive, die nicht mehr nur in weiß sind, sondern es werden immer häufiger auch bunte Farben verwendet. Oualata ist die einzige Stadt Mauretaniens, deren Bewohner nie in Khaimas gewohnt haben.

Entlang der Straße fotografieren wir einige Eingangstüren, aber auch die Innenhöfe sind sehr schön bemalt. Idoumou meint, die Leute seien hier ein wenig speziell und ließen nicht gerne Fremde ins Haus. Wir fahren zu der Auberge, wo wir eigentlich übernachten wollten, und machen Pause. Die Männer fallen müde auf den Teppich, ich mache eine kleine Tour. Fotos über Fotos kann man hier machen, ein Paradies für jeden Fotografen. Es ist Freitag und die Männer gehen gerade zum Gebet. Ein Mädchen winkt mir zu ihr zu folgen. Sie führt mich immer weiter und schließlich stehen wir vor ihrem Haus im alten Kern. Sie winkt mich herein und tatsächlich betrete ich das Haus noch vor ihr. Die Frauen lachen sich kaputt, von wegen sind speziell und lassen niemand rein. Ich werde gleich zum Tee und Bleiben eingeladen, aber kann die Männer in der Auberge ja nicht warten lassen, sie haben sicher etwas zu essen vorbereitet. Aber ich kann so viel sagen, als alleinreisende Frau ist man immer willkommen und kommt überall rein. Als ich frage, ob ich Fotos machen kann winkt die Dame des Hauses aber ab, sie müsse erst aufräumen. Ich kann trotzdem kurz fotografieren, aber es ist tatsächlich nicht das allerschönste Haus. Da gibt es ganz andere, in die ich gerne reinginge.

Doch die Zeit habe ich nicht, wir wollen ja nach Nema, noch einmal 100 km Piste. Ich gehe zur Auberge, von den Männern keine Spur. Sind natürlich auch in der Moschee. Aber kaltes Wasser steht bereit. Ich habe den Spaziergang ja in der vollen Sonne gemacht, kann nur schätzen, aber 45 bis 50 ° sind es schon. Mein mauretanisches Kleid könnte ich auswringen und auch sonst bin ich vollkommen erschöpft von dem kleinen Bummel.

Von Tichit ins Nomadenland zum Brunnen Enji

Die Männer haben alle im Freien geschlafen, mir hat man ein Bett in einer der Rundhütten bereitet. Bett heißt, dünne Matte und sonst nichts. Als von marokkanischem Luxus verwöhnte Dame habe ich natürlich gemeckert, ich bräuchte doch zumindest ein Betttuch, aber das gibt es nicht. Also nehme ich meine Melahfa, die mir in Terjit geschenkt wurde. Ich muss wirklich die Frauen hier bewundern, wie sie mit diesem Gewand arbeiten können, ich kann noch nicht mal damit laufen und falle dauernd über meine Füße. Als Kopfkissen nehme ich das große Handtuch, das ich in der Auberge in Tidjika auch erst nach Jammern bekommen habe. Das heißt, am Abend hieß es, haben wir nicht, am Morgen nahm man es dann frisch von der Leine. Ich ließ in meiner Rundhütte Fenster und Türen offen, aber an Schlaf war nicht zu denken. Einfach viel zu heiß. Literweise schwitze ich täglich das Wasser aus. Und nachts ebenso. Kein Auge konnte ich zutun, also nahm ich irgendwann am frühen Morgen mein Bündel und legte mich wie die Männer draußen hin. Jeder schläft hier in seinen Kleidern, natürlich tue ich das auch, habe ja sonst nichts. Zum Glück hatte ich mir in Nouakchott drei Kleider gekauft, eines davon nur mit schmalen Trägern, und das ist nun immer mein Nachthemd.

Auf der Brunnenpiste

Am Morgen gab es Frühstück und um 7 Uhr waren wir schon auf der Piste. Bis Oualata, dem nächsten Ort, sind es 400 km Piste, das kann man nicht in einem Tag schaffen. Daher war ein Biwak in der Mitte geplant. Ich Luxusweibchen hatte keine besonders große Lust darauf, aber es gibt keine Alternative. Doch zunächst galt es ja, diese 200 km hinter uns zu bringen. Und ich muss sagen, es war eine traumhaft schöne Strecke, das ist jede Mühe wert. Man könnte es auch die Brunnenpiste nennen, denn um die Brunnen dreht sich alles in diesem Kamelzüchterland. Ich habe noch niemals im Leben so viele Kamele gesehen, und so schöne, gepflegte. Nicht so geschundene Tiere wie in Marokko. Am Anfang, als ich nur auf der Karte Tichit und Oualata las und an die tüchtigen marokkanischen Straßenbauer dachte, stellte ich mir vor, dass der Staat bestimmt doch auch bald diese Piste teeren wird. Aber nachdem ich sie gefahren bin glaube ich das nicht mehr. Wir sind hier in der Welt der Kamele, hier passt keine Straße hin und sie gehört auch nicht zur nomadischen Kultur, die hier noch voll gelebt wird.

Die Tiere brauchen jetzt im Sommer alle 5,6 Tage Wasser, im Winter kommen sie wochenlang ohne aus. Die Nomadenfrauen bleiben meist in der Nähe der Brunnen und hüten die Kinder und Ziegen, die Männer gehen weite Strecken mit den Kamelen, die natürlich Dromedare sind und nur einen Höcker haben. Aber trotzdem darf man sie auch Kamel nennen. Mich verwundert, wie freundlich die Leute sind und wie gerne sie sich fotografieren lassen. Es ist natürlich wunderschön, dass ich meine vier einheimischen Männer dabei habe, so können wir kommunizieren. Wenn ein Kamelreiter uns von weitem sieht kommt er flugs herbei geritten, denn wir bringen ja die vielbegehrten Nachrichten. So passierte es, dass wir an einem Brunnen mit Männern sprachen, die erzählten, sie wollen in Kürze weiter, und am nächsten Brunnen Familie von ihnen fanden, die sehr froh über diese Nachricht waren. Identifiziert wurden sie natürlich anhand der Fotos. Ich kann jedem nur dringend empfehlen, einen einheimischen Führer mitzunehmen, es ist viel interessanter. Und natürlich auch sicherer. Wir reden bei dieser Piste von insgesamt 750 km ohne Asphalt, die zurückgelegt werden müssen, um Hilfe zu bekommen, hier gibt es keine Abkürzung und auch keinen Telefonempfang. Und ein Satellitentelefon ist keine schlechte Idee, auch Idoumou hat eins zur Sicherheit dabei.

Brunnen Enji

Doch Idoumou hatte mir für heute ein weiteres Highlight versprochen, den Elefantenfelsen. Natürlich war ich neugierig. Und es war wirklich traumhaft. Eingebettet in goldgelbe Sanddünen steht eine bizarre Felsengruppe, ausgewaschen von Wind und Regen. Von Europäern Elefantenfelsen genannt, aber bei den Einheimischen heißt die Gruppe Machrouga und bedeutet, der Felsen mit den vielen Löchern. Wo nun genau der Elefant sein soll, kann sich jeder selbst aussuchen.

Kaum hatten wir diese traumhaft schöne Felslandschaft hinter uns kam der Brunnen Aghrfjit. Hier sind gleich mehrere Wasserstellen, weil es ja auch viele Tiere zu versorgen gibt. Das Wasser ist hier in geringer Tiefe, deshalb braucht man keine Pumpe, sondern bindet einfach ein Kamel an die Seilwinde und schon nach wenigen Metern ist das Wasser oben, worauf hunderte durstige Mäuler warten. Auch hier wieder viele nette Männer, die sich einfach über eine Unterbrechung ihrer Arbeit und eine nette Unterhaltung freuen. Bisher habe ich noch keine Frauen gesehen.

Idoumou, wann kommt das nächste Highlight? Gleich sagt er, wir sind gleich da. Richtig verwöhnt wird man auf dieser Strecke von den vielen einzigartigen Anblicken. Auch das war wieder eine Felsengruppe, diesmal genannt Die Finger, weil viele Felsen wie Nadeln aufragen. Aber diesmal ist es keine einzelne Felsengruppe, sondern eine ganze Reihe davon, die von Wind und Wetter immer wieder andersartig geformt werden. Zwei hohe Felsen bieten einen schmalen Durchlass, der uns jetzt zu der Mittagszeit guten Schatten bot. Ahmed, unser Koch, hatte diesmal nur Salat mit Thunfisch im Angebot, gerade richtig für den heißen Tag.

Weiter soll es gehen, aber das ist nicht so einfach. Die volle Schönheit der Finger-Felsen erkennt man erst, wenn man etwas abseits der Hauptpiste fährt, und um die wieder zu finden, muss man offroad fahren. Im Sand eigentlich kein Problem. Nur, wo ist hier Sand? Es geht über eine scharfkantige Felsenplatte und ziemlich im Zickzack, bis die Jungs gemeinsam wieder die Piste gefunden hatten. Denn Spuren kann man auf Felsen ja nicht sehen. Alle, die mir nachfolgen, bekommen von mir zumindest einen Fixpunkt geliefert, nach dem sie sich richten können. Verglichen mit diesen einzigartigen Naturschönheiten ist der Rest eher langweilig, Sand, Dünen, Kamele, Reiter. Aber dann kommt Enji.

Enji ist ein weiterer Brunnen an der Strecke und hier ist richtig was los. Hier sind auch viele Nomadenfamilien mit Frauen und Kindern, sie haben hier ihr Lager, während die Männer auf Futtersuche gehen. Doch muss man wissen, das ist nicht immer so. Das Nomadenleben ist geprägt vom vorhandenen Futter, und das ist jetzt, direkt vor dem Beginn der Regenzeit, mehr als knapp. Wir treffen einen Nomaden, den Idoumou schon kennt. Er kommt mit seiner Kamelherde gerade von der Wasserstelle. Die Familie kam erst heute nach Enji, konnten noch nicht ihr Zelt aufbauen und er zeigt Idoumou, wo sein Lager zu finden ist. Auch wir wollen hier die Nacht verbringen. Es ist zwar noch früher Abend, wir könnten es noch weiter schaffen, aber einerseits sind wir genau auf halber Strecke nach Oualata, und andererseits ist es eine wunderbare Stelle zwischen Dünen und Akazien. Wir finden die Familie, trinken einen Tee mit den Frauen. Idoumou will eine Ziege fürs Abendessen kaufen, doch die Frauen winken ab. Die Ziegen sind einfach zu geschwächt, zu mager, man kann sie nicht schlachten. Sie schickt uns zu einer Familie, die schon länger hier lagert und vielleicht etwas hat. Doch auch hier finden wir nur die Frauen. Die Männer sind noch in der Wüste mit den Tieren. Wir trinken Tee und als die Sonne untergeht geben wir auf. Der Mann ist noch immer nicht zurück und wegen mir braucht keine Ziege ihr Leben zu lassen. Ich bin mit ein wenig Brot und Thunfisch zufrieden.

Wir erfahren viel über das Leben der Nomaden. Die Tiere sind alles. Eine große Gefahr ist auch der Schakal, der jede Nacht irgendwo eine Ziege reißt. Hier oben gibt es nichts mehr zu fressen, aber unten in Mali soll es regnen. Die Kamele wittern das. Also packen die meisten Familien ihre Sachen und machen sich auf Richtung Süden. Dort wird es bald frisches Gras geben. Aller Hausrat und das leichte Zelt werden auf die Kamele gepackt, auch die Kinder und kleine Zicklein sowie ein Wasservorrat, etwa 5,6 Tiere und sie ziehen los. Die Söhne gehen mit der Kamelherde und den Ziegen vor. Vor allem die Ziegen brauchen täglich Wasser, also gibt es festgelegte Routen entlang der Strecke. Und tatsächlich, als wir später die Route de l’Espoir nach Ayoun fahren kreuzt gerade vor uns eine Familie die Straße. Und rechts und links sieht man tatsächlich schon frisches Grün.

Wir bereiten unser Nachtlager. Und irgendwie taucht plötzlich sogar ein Bettlaken auf. Welch ein Wunder und ein Geschenk. Denn dieses Laken ermöglicht mir, mich bis auf die Unterwäsche auszuziehen, und ich schlafe gar nicht mal so schlecht. Überall um mich herum sind Kamele und sie grunzen leise vor sich hin. Ich wusste gar nicht, dass Kamele selten still sind und auch die Menschen sprechen mit ihnen. Das ist wichtig. Als die Herde spät am Abend ins Lager kam grunzte auch Idoumou, denn die Kamele würden erschrecken, wenn sie plötzlich einen Menschen sehen, und würden weglaufen. Die Nacht ist außergewöhnlich hell, wir brauchen keine Taschenlampen. Ich könnte sogar ein Buch lesen, wenn ich denn meinen Koffer mit meinem Gepäck hätte.

Das Erwachen am Morgen ist wunderschön, die Sonne ist noch nicht aufgegangen. Überall grunzen die Kamele, viele haben einen Vorderfuß nach oben gebunden, damit sie nicht weglaufen. Die Jungen natürlich nicht, denn sie bleiben bei der Mutter. Unser Nomade bindet seine Tiere los, er kennt sie genau und merkt, eines fehlt. Doch wir können es in der Ferne sehen und er reitet hin, um es zu holen. Eines kann ich jetzt nach dieser Biwaknacht sagen: immer wieder würde ich Biwak einer einfachen Auberge vorziehen. Hier kann man frei schlafen und nicht in einem stickigen Raum. Allerdings waren die Nächte bisher auch windstill. Wir verabschieden uns von der Familie und machen uns auf den Weg.

Tidjikja – Tichit

uen.

Es ist als hätte Idoumou meinen Reiseführer verinnerlicht, denn wie auch ich es empfehle fuhr er noch am Abend als erstes zur Tankstelle. Das ist ein Muss für jede Tour in Mauretanien, denn so hat man noch eine zweite Chance am Morgen, wenn am Abend der Treibstoff alle ist oder das Stromnetz mal wieder ausfällt. Und auch der Luftdruck der Reifen wurde verringert, denn heute geht es auf sandige Pisten. Da bleiben wir dann die nächsten Tage. Hatten wir gestern schon den Guide Ahmed dabei, von dem ich nicht so genau wusste, was seine Aufgabe war, saß er doch einfach nur dabei, so haben wir heute noch zwei andere. Also ich und vier Männer ab in die Wüste. Die Landschaft ist wunderschön. Kleine Sanddünen in wechselnden Farben, ein Oued zieht sich an unserem Weg entlang. Damit wir uns nicht falsch verstehen, es hat keinen Tropfen Wasser, aber ist dennoch zu erkennen an seinem Baumbewuchs. Und hie und da ist auch ein Brunnen. Das Wetter ist überraschend angenehm, eher bedeckt und nicht der heiße Wüstenwind wie gestern. Einmal kommen sogar 2,3 Tropfen Regen auf die Windschutzschreibe. Idoumou fährt zügig über den Sand und unser schwer bepackter Pickup schafft das spielend. Ich mache mir Sorgen, ob wir am Abend gemäß unserem Plan Tichit erreichen, wo wir in einer Auberge schlafen wollen, was natürlich bequemer ist. Aber 240 km richtig heftige Wüstenpiste in einem Tag? Das ist schon etwas. Bewohner gibt es kaum, Gegenverkehr natürlich auch nicht, aber dennoch sind Spuren vor uns und die Piste ist recht deutlich zu sehen und außerdem durch rot-weiße Pfosten markiert. Wir fahren und fahren durch sehr schöne abwechslungsreiche Landschaft, Stunden geht es und wir haben noch längst nicht die Hälfte. Dann kommen wir zu einem Brunnen, er wird von einer durch Solarenergie betriebenen Pumpe bedient und es gibt Wächter. Aber das Wasser ist kostenlos. Es gibt nur eine Ortschaft an der Strecke, Lekhcheb, und nur dort ist Mobilfunkempfang. Idoumous Handy fängt an zu piepsen, lauter Nachrichten kommen rein, aber natürlich wird dennoch nicht das Auto kurz geparkt, sondern weiterhin über Sanddünen bugsiert, während er telefoniert. Und so einige Wörter lassen mich aufhorchen. Ich verstehe Bagage und Nouakchott. Das heißt doch nicht etwa …?

Es heißt! Zunächst ein guter Bekannter, der vorwarnt, dann der Polizeichef persönlich, dann Abdou aus Marokko. Man muss einfach wissen, dass in der Kofferangelegenheit inzwischen alle wichtigen Persönlichkeiten eingeschaltet sind, angefangen vom Polizeichef am Airport, den Direktoren der RAM in Nouakchott, in Casablanca und in Düsseldorf. Und letzterer hat es wohl geschafft, den Koffer zu lokalisieren, der immer noch in Frankfurt stand. Aber eben letzte Nacht in Nouakchott eingetroffen ist, wo der Polizeichef ihn persönlich in Gewahrsam nahm. Mich wundert nur, warum der Außenminister nicht eingeschaltet war. Nun wurde der Polizeichef gebeten, den Koffer in Richtung Kiffa aufzugeben, wo ich ihn, wenn alles gut geht, in 3 Tagen in Empfang nehmen könnte. Dieses Dorf Lekhcheb wird nun offiziell umgetauft in Village Bagage!

Idoumou futtert unablässig seine noch unreifen Datteln, wir anderen knabbern an einem Stück Brot und ich gehe eigentlich davon aus, dass das unser Mittagessen ist. Gefühlt ist es auch schon spät, weil wir ja schon so viel gefahren sind. Mein Handy ist aus und ich lebe ohne Zeit. Doch dann kommen wir an einen weiteren modernen Brunnen, auch der mit Solarpumpe und Wächter, und einem schönen großen Zelt, wie sie in Mauretanien üblich sind, so wie auch die Restaurants auf den Dörfern sind. Es ist leer, aber für uns werden Decken und Teppiche ausgerollt und die beiden Jungs haben nun ihre Aufgabe, Ahmed kocht das Mittagessen und der andere den Tee, was ja hier eine zeitraubende Angelegenheit ist. Nur der Dritte spielt Tourist, ist scheinbar einfach so mitgekommen, im Fall, es werden Männer zum Schieben gebraucht.

Idoumou fällt todmüde auf die Matte, er leistet ja auch wirklich viel. Gestern 10 Stunden Fahrt, heute die schwierige Piste, er lässt ja auch keinen anderen ans Steuer. Nicht, dass ich etwa wollte. Ich genieße es sehr, mich voll auf meine Arbeit zu konzentrieren, die Wegbeschreibung zu machen und ab und zu ein paar Fotos, zum Beispiel von den Kamelen am Brunnen. Eine Stunde machen wir Pause, es ist erst 14 Uhr und es geht es weiter. 80 km sollen es noch sein bis Tichit und ich habe langsam Vertrauen, dass wir doch vor Abend ankommen. Noch immer ist die Landschaft wunderschön, immer mal wieder beeindruckende Felsformationen. An einer solchen wieder ein Brunnen, auch hier arbeiten ein paar Männer. Kurzes Gespräch, Idoumou fragt immer, ob es noch weitere Fahrzeuge unterwegs gibt und erhält die Auskunft, dass gestern Abend um 9 Uhr zwei große LKW mit Versorgungsgütern für Tichit vorbeikamen. Das muss man sich mal vorstellen, alle Güter, ob Baumaterial oder Lebensmittel und auch Treibstoff, müssen auf dieser schwierigen Piste über 240 km herantransportiert werden. In Tichit gibt es eine Tankstelle, aber der Nachschub kommt auch über diese Piste und das darf auch kein Tourist vergessen, der sich munter auf diese Fahrt begibt und denkt, man kann ja in Tichit und Oualata nachtanken. Das ist durchaus nicht immer so und kostet verständlicherweise ein Drittel mehr. Und tatsächlich, keine halbe Stunde später, sehen wir in der Ferne vor uns zwei LKW stehen. Es sind die erwähnten. Sie stecken im Sand fest und versuchen seit gestern weiter zu kommen. Klar ist, sie werden es auch heute nicht schaffen. Später im Ort fragt uns jeder nach den vermissten Fahrzeugen und sie sind schon mal froh, dass wir sie gesehen haben und bis auf den Sand alles in Ordnung ist, sie sind seit einer Woche auf dem Weg von Nouakchott und bringen dringend benötigten Nachschub. Im Winter sind auf dieser Strecke ab und zu Touristen unterwegs, aber im Sommer kommt oft tagelang kein Fahrzeug vorbei und damit auch keine Nachrichten. Mobilfunkempfang gibt es nicht auf der Strecke.

Nach 9 Stunden Fahrzeit inklusive der Mittagspause erreichen wir Tichit, was natürlich niemandem zu raten ist. Ich arbeite und habe wenig Zeit, Idoumou noch weniger, deshalb fuhren wir sehr schnell, aber jeder, der seine Urlaubsreise hier verbringt sollte für diese Etappe zwei Tage einplanen, es gibt ja auch so schöne Rastplätze unterwegs.

In Tichit werden wir von richtig großen Kamelherden begrüßt. Sie ziehen vom Brunnen wieder zurück in die Wüste. In der Zeit der großen Karawanen war Tichit eine sehr wichtige Station, denn hier gab es Salz; keine Kristalle oder Blöcke, sondern einen salzhaltigen Sand, der in Säcke verpackt noch heute in Mauretanien und die anliegenden Wüstenländer verkauft wird, hauptsächlich für die Kamele. So arm und mickrig der 1700-Seelen Ort auch aussieht, hier gibt es richtig reiche Familien, die hunderte von Kamelen besitzen, Tichit ist die Kamelhauptstadt Mauretaniens, sie werden selbst nach Algerien exportiert. Jetzt im Sommer kurz vor der Regenzeit sind die Kamele schwach, sie können nicht arbeiten. Aber im Sommer wird das Salz in langen Kamelkarawanen bis Tidjikja transportiert und auch der Nachschub kommt so, verlässlicher als die LKW.

Und trotzdem gibt es zum Abendessen kein Kamelfleisch, aber Idoumou hat tatsächlich ein richtiges Festmahl organisiert mit Ziegenfleisch in allen Formen. Einmal als Mechoui, als halbe im Stück gebratene Ziege, dann noch mal mit Soße gekocht, natürlich gibt es auch die Innereien der Ziege, aber als Vorspeise gab es Kamelmilch und die ganz frischen Datteln der Saison.

Danach möchte ich gerne todmüde ins Bett fallen, muss aber noch die Erlebnisse aufschreiben, denn morgen kommen ja neue hinzu. Aber Internet gibt es hier am Ende der Welt natürlich nicht.

Nouakchott – Akjoujt – Terjit – Tidjikja

Heute geht es also endlich auf große Fahrt – und das Wort Koffer wird in Zukunft nicht mehr erwähnt! So richtig gut war meine Zeit im Sanaga nicht, habe mich mehrmals gefragt, warum ich mir dieses primitive Hotel antue und nicht das Geld für die schöne Suite von letzter Nacht hinlege. Am Abend kam der Junge noch vorbei und spritzte gegen die Moskitos, wonach ich eine halbe Stunde außerhalb des Zimmers zubringen musste. Aber dafür hat er mir gezeigt, dass die Klimaanlage eben doch funktioniert. Das war ein Geschenk und ich habe gar nicht so übel geschlafen.

Idoumou holte mich pünktlich ab und wir gingen zunächst ins Palmeraie frühstücken, bestes Café der Stadt. Dann aber los. Unterwegs holten wir noch den Guide Ahmed ab, der schon mit mir in Diama war. Wir hatten uns zwar am Vorabend auf den Kompromiss geeinigt, Atar auszulassen und direkt nach Tidjikja zu fahren, was über die Route de L’Espoir gehen würde. Aber über Nacht fiel mir ein, dass ich damit ja die neue Straße verpasse, die nun von Terjit nach Tidjikja fertig gestellt wurde und die für den Tourismus, und damit für mein Buch, absolut unumgänglich ist. Als ich das sagte entgegnete Idoumou sofort, daran habe ich auch gedacht und deshalb fahren wir nun nicht die Route de l’Espoir, sondern bis fast nach Atar und dann auf die neue Straße. Aber das bedeutet doch einen Riesenumweg? Statt 630 km mehr als 800. Macht nichts, sagt er, ist es wert.

Also fuhren wir los. Nun, in Tidjikja angekommen, kann ich sagen, das hätten wir nicht in Deutschland geschafft und auch nicht in Marokko, aber in Mauretanien geht es. Die Straße nach Atar ist super gerade und fast verkehrsfrei, hier kann man richtig rasen. Und das tat Idoumou. Er ist ein halsbrecherischer Fahrer. Aber pünktlich zum Mittagessen waren wir am Beginn der neuen Straße (400 km ab Nouakchott) und damit in der Oase Terjit, wo er bei Freunden ein Mittagessen bestellt hatte. Dort bekamen wir die ganz frischen und zuckersüßen Datteln zu essen, jetzt ist Saison und jeder Mauretanier freut sich darauf wie Deutsche auf den ersten Spargel. Danach gab es eine Schale Nudeln mit Ziegenfleisch und natürlich rollen wir alle mit den Fingern kleine Bällchen, die man sich dann in den Mund schiebt. Spart Abwasch. Von der Dame des Hauses werde ich in eine Melahfa gehüllt und als ich sie dann wieder ablegen will schenkt sie sie mir. Vielleicht haben ihr meine nackten Arme nicht gefallen? Ist mir irgendwie peinlich, aber ablehnen kann ich es nicht. Nun habe ich also 3 Kleider und eine Melahfa.

Und dann ging es so richtig auf die neue Straße. Mein Gott, wie ist die schön. Auf jeden Fall in ganz Mauretanien die Asphaltstraße, die durch die schönste und sehr abwechslungsreiche Landschaft führt. Ich bin sicher, das wird in Zukunft die Nummer 1 für alle Touristen. Ein Traum. Und natürlich tadellos. Aber dennoch, ich empfehle sie nur für geländegängige Fahrzeuge. Vielleicht wird später mal, in der Wintersaison, wenn die Straße auch tatsächlich befahren wird, der Sand weggeschaufelt, aber jetzt versperren vor allem im mittleren Bereich viele richtig hohe Sanddünen den Weg. Meistens ist nur eine schmale, sandige Spur frei, zweimal mussten wir offroad drumherum fahren. Wenn also Wohnmobil, dann nur ein geländegängiges.

Im ersten Drittel gibt es den einzigen richtigen Ort und dort auch eine Tankstelle. Idoumou tankt wieder voll und das rate ich auch jedem anderen, man weiß ja nie, wann man wieder Treibstoff bekommt. Ich steige aus, um ein Foto zu machen und der heiße Wind haut mich völlig um. Zwar hatten wir keine Klimaanlage an, da ich aus dem offenen Fenster Fotos machen wollte, aber draußen ist es um ein vielfaches heißer. Wir haben ein Thermometer, aber viel fehlt ganz sicher nicht an 50 °. Meine Wasserflasche vorne im Auto könnte gut zum Tee kochen genutzt werden, so heiß ist es in Marokko nie geworden. Idoumou sagt auch, dass das Duschwasser in seinem Hotel manchmal so heiß ist, dass man nicht duschen kann. Aber in dieser Hitze weiß ich eines zu schätzen, meine neuen luftigen Kleider. Sie sind nicht schön, aber um ein Vielfaches praktischer in diesem Land. Sie liegen ja nirgends am Körper an, nur an den Schultern, sind federleicht und der Wind bläst hindurch. Man kann damit nachts schön schlafen, denn der Körper ist fast ganz bedeckt und die Moskitos kommen nicht so, es dient auch als leichte Zudecke, und trotzdem sieht man am Tage gut damit aus. Ich muss noch nicht mal Unterwäsche drunter tragen, wenn ich die abends wasche und zum Trocknen aufhänge. Ich glaube in Zukunft reise ich nur noch so.

Ansonsten ist die Strecke zwar voller Schönheit, aber bar jedes aufregenden Abenteuers wie zerfetzten Reifen oder einsanden. Wenn auch Idoumou manchmal so über die Sandbarrieren rast, dass nicht viel gefehlt hat zu einem Überschlag. Aber nach 830 km und 10 Stunden kom

Heute geht es also endlich auf große Fahrt – und das Wort Koffer wird in Zukunft nicht mehr erwähnt! So richtig gut war meine Zeit im Sanaga nicht, habe mich mehrmals gefragt, warum ich mir dieses primitive Hotel antue und nicht das Geld für die schöne Suite von letzter Nacht hinlege. Am Abend kam der Junge noch vorbei und spritzte gegen die Moskitos, wonach ich eine halbe Stunde außerhalb des Zimmers zubringen musste. Aber dafür hat er mir gezeigt, dass die Klimaanlage eben doch funktioniert. Das war ein Geschenk und ich habe gar nicht so übel geschlafen.

Idoumou holte mich pünktlich ab und wir gingen zunächst ins Palmeraie frühstücken, bestes Café der Stadt. Dann aber los. Unterwegs holten wir noch den Guide Ahmed ab, der schon mit mir in Diama war. Wir hatten uns zwar am Vorabend auf den Kompromiss geeinigt, Atar auszulassen und direkt nach Tidjikja zu fahren, was über die Route de L’Espoir gehen würde. Aber über Nacht fiel mir ein, dass ich damit ja die neue Straße verpasse, die nun von Terjit nach Tidjikja fertig gestellt wurde und die für den Tourismus, und damit für mein Buch, absolut unumgänglich ist. Als ich das sagte entgegnete Idoumou sofort, daran habe ich auch gedacht und deshalb fahren wir nun nicht die Route de l’Espoir, sondern bis fast nach Atar und dann auf die neue Straße. Aber das bedeutet doch einen Riesenumweg? Statt 630 km mehr als 800. Macht nichts, sagt er, ist es wert.

Also fuhren wir los. Nun, in Tidjikja angekommen, kann ich sagen, das hätten wir nicht in Deutschland geschafft und auch nicht in Marokko, aber in Mauretanien geht es. Die Straße nach Atar ist super gerade und fast verkehrsfrei, hier kann man richtig rasen. Und das tat Idoumou. Er ist ein halsbrecherischer Fahrer. Aber pünktlich zum Mittagessen waren wir am Beginn der neuen Straße (400 km ab Nouakchott) und damit in der Oase Terjit, wo er bei Freunden ein Mittagessen bestellt hatte. Dort bekamen wir die ganz frischen und zuckersüßen Datteln zu essen, jetzt ist Saison und jeder Mauretanier freut sich darauf wie Deutsche auf den ersten Spargel. Danach gab es eine Schale Nudeln mit Ziegenfleisch und natürlich rollen wir alle mit den Fingern kleine Bällchen, die man sich dann in den Mund schiebt. Spart Abwasch. Von der Dame des Hauses werde ich in eine Melahfa gehüllt und als ich sie dann wieder ablegen will schenkt sie sie mir. Vielleicht haben ihr meine nackten Arme nicht gefallen? Ist mir irgendwie peinlich, aber ablehnen kann ich es nicht. Nun habe ich also 3 Kleider und eine Melahfa.

Und dann ging es so richtig auf die neue Straße. Mein Gott, wie ist die schön. Auf jeden Fall in ganz Mauretanien die Asphaltstraße, die durch die schönste und sehr abwechslungsreiche Landschaft führt. Ich bin sicher, das wird in Zukunft die Nummer 1 für alle Touristen. Ein Traum. Und natürlich tadellos. Aber dennoch, ich empfehle sie nur für geländegängige Fahrzeuge. Vielleicht wird später mal, in der Wintersaison, wenn die Straße auch tatsächlich befahren wird, der Sand weggeschaufelt, aber jetzt versperren vor allem im mittleren Bereich viele richtig hohe Sanddünen den Weg. Meistens ist nur eine schmale, sandige Spur frei, zweimal mussten wir offroad drumherum fahren. Wenn also Wohnmobil, dann nur ein geländegängiges.

Im ersten Drittel gibt es den einzigen richtigen Ort und dort auch eine Tankstelle. Idoumou tankt wieder voll und das rate ich auch jedem anderen, man weiß ja nie, wann man wieder Treibstoff bekommt. Ich steige aus, um ein Foto zu machen und der heiße Wind haut mich völlig um. Zwar hatten wir keine Klimaanlage an, da ich aus dem offenen Fenster Fotos machen wollte, aber draußen ist es um ein vielfaches heißer. Wir haben ein Thermometer, aber viel fehlt ganz sicher nicht an 50 °. Meine Wasserflasche vorne im Auto könnte gut zum Tee kochen genutzt werden, so heiß ist es in Marokko nie geworden. Idoumou sagt auch, dass das Duschwasser in seinem Hotel manchmal so heiß ist, dass man nicht duschen kann. Aber in dieser Hitze weiß ich eines zu schätzen, meine neuen luftigen Kleider. Sie sind nicht schön, aber um ein Vielfaches praktischer in diesem Land. Sie liegen ja nirgends am Körper an, nur an den Schultern, sind federleicht und der Wind bläst hindurch. Man kann damit nachts schön schlafen, denn der Körper ist fast ganz bedeckt und die Moskitos kommen nicht so, es dient auch als leichte Zudecke, und trotzdem sieht man am Tage gut damit aus. Ich muss noch nicht mal Unterwäsche drunter tragen, wenn ich die abends wasche und zum Trocknen aufhänge. Ich glaube in Zukunft reise ich nur noch so.

Ansonsten ist die Strecke zwar voller Schönheit, aber bar jedes aufregenden Abenteuers wie zerfetzten Reifen oder einsanden. Wenn auch Idoumou manchmal so über die Sandbarrieren rast, dass nicht viel gefehlt hat zu einem Überschlag. Aber nach 830 km und 10 Stunden kommen wir heil und ganz in Tidjikja an. Und sind noch nicht mal übermüdet.

Eklat bei Royal Air Maroc

Alle, die sich auf weitere Abenteuer aus Mauretanien freuen oder sogar auf Berichte über Pisten, die sie selbst fahren wollen, muss ich leider enttäuschen. Heute Nacht war Idoumou ganz sicher, dass mein Koffer ankommen würde. Aber um 4 Uhr bekam ich eine SMS, dass wieder nichts dabei ist. Da konnte ich natürlich nicht mehr schlafen und machte mich an die Arbeit. Eigentlich sollte ja heute unsere große, mehrtägige Tour anfangen, aber Idoumou wollte sich erstmal ausschlafen. Es war daher schon fast 11, als er endlich zum Hotel kam. Bis dahin hatte sich so ein Ärger auf Royal Air Maroc aufgestaut, dass ich den erstmal ablassen musste. Habe Abdou in Marokko angerufen und ihn gebeten, sich dort zu kümmern. Er fragte nach der TAG-Nummer und nach einer Bestätigung, dass wir den Koffer als vermisst gemeldet haben. Ja aber, Abdou, wir sind doch in Mauretanien, da gehen die Uhren anders. Wir hatten natürlich nichts bekommen und ich muss Abdou recht geben. Denn jeder könnte ja mit dem Gepäckstreifen nachher sagen, hallo, mein Koffer kam nicht an. Also zum Büro von Royal Air in der Stadt. Der arme Direkter, der gerade zur Tür reinkam, wusste gar nicht, wie ihm geschah. So eine Furie hat er wohl noch nicht getroffen. Als er auf dem Flughafen anrief, um nachzufragen, sprach er von Eklat. Hah! Jedenfalls sagte er uns, wir müssten zuerst zum Airport und dieses Papier besorgen. Idoumou fährt ja seit dem 5.Juli nächtlich die vielen Kilometer raus zum neuen Terminal und ist es langsam leid. Aber wir fuhren. Und durften sogar in dem Raum nachschauen, wo die überzähligen Koffer stehen. Natürlich nicht dabei. Dann ging es ins Büro, wo ich ja meine TAG-Nummer haben wollte. Inzwischen haben wir also alle Nummern, aber immer wird nur der eine Koffer angezeigt, der ja angekommen ist. Großes Hin und Her, das immerhin dazu führte, dass ich meine Bescheinigung bekam, nur wo der Koffer ist weiß niemand. Wir können nur vermuten, dass der Anhänger abgerissen wurde und so der Koffer nicht zugeordnet werden kann. Die Frage ist aber, wo ist das geschehen? Wenn es bereits in Frankfurt war, dann müsste er dort stehen. Nun läuft also parallel eine Suchorganisation in Casablanca und Frankfurt.

Nun hatte ich aber dem Direktor gesagt, dass ich mir was zum Anziehen kaufen muss und die Airline verpflichtet ist, mir das zu zahlen. Ganz zu schweigen, von den zusätzlichen Nächten in Nouakchott und dem Ausfall meiner vielen Ausrüstung, die ich einfach auf so einer Recherchefahrt brauche. Idoumou war überrascht, das kannte er nicht, meinte, hier in Afrika gibt es nichts. Doch der Direktor zuckte nicht mit der Wimper, als ich das forderte. Nach Vorlage der Papiere zahlte er mir fast 100 Euro aus, natürlich in Ougiya. Es ist natürlich nur ein Tropfen auf den heißen Stein, aber besser als nichts.

Inzwischen war es drei Uhr geworden und natürlich konnten wir nicht mehr diese weite Reise antreten. Was also tun? Mein Hotel war bereits geräumt und ich fand es auch zu teuer. Hier fallen nur Hotelkosten an und nichts kommt bei raus. Also brauche ich eine preiswerte Unterkunft. Alle empfehlenswerten Gästehäuser waren ausgebucht, ich bekam nur ein Zimmer im Sanaga, das ich zwar bereits kannte, aber es ist doch ziemlich heruntergekommen seitdem. Oberflächlich schönes Bad, aber als ich duschen wollte, stelle sich heraus dass die Dusche aus einem rosa Plastikbecher besteht, der mit Wasser gefüllt über den Kopf gegossen werden muss. An der Badewanne kommt kein Tröpfchen raus. Und wie gut, dass in dem einzig angekommenen Koffer zumindest ein Handtuch war. Es gibt auch eine Klimaanlage, aber ihr müsst nicht denken, dass die geht. Aber ich halte durch für eine Nacht. Bin sehr überrascht, dass die Wasserspülung einwandfrei funktioniert.

Ja, der Koffer. Habe ja schon ein wenig über den Inhalt erzählt und von den Medikamenten gesprochen. Aber die sinds nicht wirklich. Es sind zum Teil nur Nahrungsergänzungsmittel, die dennoch für mein Funktionieren wichtig sind, aber nicht lebensbedrohend. Und alles war halt nicht so richtig fürs Handgepäck geeignet, also schimpft nicht so mit mir. Sehr viel schlimmer ist einfach, keine Kleidung zu haben. Ich hatte ja nur das, was ich am Leib trug. Mit dem zweiten Koffer kamen nur Pyjama und ein Slip hinzu. Und dann soll ich auf eine anstrengende Wüstenfahrt gehen? Das bring ich einfach nicht. In jeder Minute fehlt mir ein anderes Teil, zum Beispiel auch mein Waschmittel mit Klappeimer, mein Kamm, Nagelschere. So Kleinigkeiten halt, es war alles so schön organisiert. Klar, die Kaffeemaschine war Luxus, die Erdbeermarmelade auch, aber trotzdem wäre es so schön, es zu haben. Und auch Bargeld war vorhanden, in einer verschlossenen Geldkassette, denn ich hatte meinen Barvorrat auf zwei Gepäckstücke aufgeteilt. In Mauretanien zahlt man nicht einfach so mit Kreditkarte, man braucht bares.

Dann habe ich mich mit Idoumou ruhig zusammen gesetzt. Es war schwer, ihm meine Sicht zu vermitteln. Er meinte einfach, vergiss es die paar Tage, wir fahren los. Trotz abgeschlossenem Studium hat er immer noch seine Nomadenmentalität, er denkt einfach ganz anders als ich und benötigt nicht viel zum Leben. Mit seinem Boubou kann er wochenlang auskommen, die Männer benutzen das Kleidungsstück einfach für alles, auch zum Abtrocknen oder Nase schnäuzen.

Nun hatten wir ja schon drei Tage verloren, er wollte sein Programm durchziehen, wo wir Pistentage gehabt hätten, mit Schlafen im Zelt und täglich 8 – 10 Stunden auf Piste. Ohne jeden Extratag, falls was passiert. Wir haben Brainstorming gemacht und sind nun zu einem Kompromiss gekommen. Ich will es hier nicht aufzählen, weil ich inzwischen so sehr befürchte, dass auf dieser Reise alles in die Hosen geht. Ich habe in Mauretanien nie viel Glück gehabt und komme wirklich nur hierher, um Idoumou und dem Land einen Gefallen zu tun. Was mich diese Reise inklusive aller Missgeschicke kostet ist ein Vielfaches von dem, was ich jemals an dem Reiseführer verdienen kann.

 

Fahrt nach Diama

Da ich die Hoffnung auf mein Gepäck noch nicht ganz aufgegeben habe, bleibe ich noch einen weiteren Tag im Hotel, nutze ihn aber mit einer Informationsfahrt nach Diama, damit er nicht ganz verloren ist. Es sind etwa 250 km bis dorthin und ich will natürlich auch am gleichen Tag zurück. Meine Infos besagen, dass der Zustand der Straße katastrophal ist, und daher war ich angenehm überrascht, dass die aus Nouakchott führende RN 2 ganz offensichtlich neu geteert ist. Aber genau deshalb fahre ich ja auch hier, um den aktuellen Zustand herauszufinden. Also ganz bis ans Ziel hat die tolle Straße nicht gereicht, aber wer es genau wissen will muss bis auf das Erscheinen meines Führers im Herbst warten. Am Hotel holte mich Ahmed ab, ein Guide, der für Idoumou arbeitet, denn er selbst ist ja viel zu müde, muss er doch täglich nachts bis um 4 Uhr auf dem Flughafen sein, um auf meine Koffer zu warten. Am Morgen kam zumindest der kleine, unwichtige. Kleidung, Geld und Medikamente sind weiterhin nicht existent.

Idoumous Sohn Mohammed chauffierte den Pickup, der schon komplett mit der Ausrüstung für unsere kommende Tour beladen war (ob sie jemals kommt?). So schnell kamen wir nicht aus der Stadt raus, denn die Beiden hatten immer noch irgendetwas zu besorgen. Als sie mich an einer Tankstelle im Wagen warten ließen, stürmten einige Jungs den Wagen, um mir Pfefferminze zu verkaufen oder zumindest ein paar Münzen zu erbetteln. Kurzerhand griff ich zur Kamera und knipste sie. Zunächst wehrten sie ab, aber dann zeigte ich ihnen die Bilder. Sie waren begeistert und schnitten alle möglichen Grimassen, nur um dann das Foto zu sehen.

Von der Fahrt gibt es nicht viel zu berichten, es ist nur eine richtige Ansiedlung, Tiguent, auf der Strecke, dazwischen aber sind viele Streusiedlungen mit weit auseinander liegenden Hütten. Die Menschen hier haben keinen Stromanschluss, aber zumindest gibt es eine Wasserleitung, die sauberes Trinkwasser transportiert, dass dann aber an Brunnen geholt werden muss. Nach 150 km verließen wir dann die Rosso-Straße und bogen in Richtung Naturpark Diawling und Senegal-Staudamm Diama ab. Auf der ganzen Fahrt gibt es natürlich wie in Mauretanien üblich viele Polizeikontrollen, und jeder möchte alle Personalien langsam und sorgfältig aufschreiben. Deshalb haben Landeskenner natürlich das sogenannte Fiche, ein Zettel, auf dem die verlangten Angaben bereits aufgedruckt sind. Das muss man sich vor der Reise zusammenstellen und vielfach kopieren. Das spart sehr viel Zeit.

Auch am Eingang zum Park Diawling muss man ein solches Fiche abgeben. Die Piste zur Grenze nach Senegal bei Diama verläuft durch diesen Park und so muss auch jeder diese Gebühr zahlen. Aber nachdem Ahmed erklärte, dass ich Reiseführer schreibe, hat man nicht nur auf die Gebühr verzichtet, sondern mich gleich zur Rangerstation geschickt. Dort erhielt ich Erklärungen, ein Buch über die Vogelwelt in diesem Park und wir drei wurden auch noch zum gemeinsamen Mittagessen mit den Angestellten eingeladen. Und mit den Katzen.

Wer aber in etwas ordentlicherer Umgebung essen und vielleicht sogar schlafen will dem kann ich nur die hervorragende Unterkunft in der Rangerstation empfehlen. Vier Bungalows mit hübschen, sauberen Zimmer und neu gefliesten Bädern, selbst eine Klimaanlage gibt es. Ich möchte wirklich gerne mal länger hier bleiben und auf einer geführten Tour die herrliche Tierwelt kennenlernen. Warzenschweine kreuzten ständig unseren Weg, einmal sauste ein Affe über die Straße, Vögel gibt es zuhauf, aber wer mehr sehen will darf nicht so durchrasen, wie wir es tun.

Dann erreichten wir Diama. Das ist nicht etwa ein Ort, sondern wirklich nur der Grenzübergang bzw. der Beginn der Staumauer. Will man ausreisen, so muss man diesseits drei Stationen ablaufen, um die mauretanischen Formalitäten zu erledigen, dann geht es 700 m über die Staumauer und am anderen Ende warten dann die Senegalesen. Aber wir wollten ja nicht rüber, ich hätte mir nur gerne mal den Damm angesehen. Wir parkten und gingen zum ersten Posten, der Gendarmerie. Der Polizeichef kam sofort herbei, war super freundlich, erklärte alle Prozeduren und schickte mich weiter zur Douane. Ein ganz junger Beamter empfing mich und weckte dann seinen Chef aus dem Mittagsschlaf, auch der sehr freundlich. Nun soll ich weiter zur Polizei gehen. Aber der Beamte war zwar freundlich, aber bestimmt und meinte, weiter geht es nicht. Sperrgebiet bzw. nur für Ausreisende. Also ehrlich, ich verstehs. Also spazierten wir wieder zurück. Ich war überrascht, wie entspannt es hier zugeht und es waren auch nur wenige Grenzgänger da. In Rosso sieht es da schon anders aus, aber das ist ja auch eine große Stadt. Ich kann also jedem Touristen nur zu diesem Grenzübergang raten.

Da ich Rosso schon kannte fuhren wir auf dem gleichen Weg zurück. Aber so unglaublich es ist, nun bin ich schon drei Tage in Mauretanien und habe immer noch nicht den speziellen Tee zu trinken bekommen. Ahmed schien es zu ahnen, er hatte ja eigentlich sogar Material zum Teekochen mitgenommen, aber dann entschied er, das Restaurant Modern (!) in Tiguent zu besuchen, dem einzigen Ort an der Strecke. Ich glaube modern würden es selbst meine marokkanischen Freunde nicht nennen, nein, es ist ganz im traditionellen Stil gehalten. Das bedeutet ein Karree mit Zeltdach, unten ein Mäuerchen, vielleicht um Krabbeltiere abzuhalten, darüber aber alles offen, damit der Wind durchziehen kann. Die Schuhe lässt man vor dem Zelt und lagert sich auf die Teppiche und Matten. Am Rande steht ein großer Suppentopf, darin garen Ziegenschenkel im Salzsud, von der Chefin ständig umgerührt, der lebende Fleischnachschub wartet hinter dem Zelt, und ein junger Mann bereitet unablässig Tee zu und verteilt ihn dann in winzigen Gläschen. Wir hatten uns ja bei den Rangern an Fisch mit Reis gelabt, so tranken wir nur Tee. Der echte, so wie man ihn zu Hause macht. In Marokko würde man sagen, nicht so wie in Touristenlokalen, aber die gibt es hier ja sowieso nicht. Ich konnte auch gut Fotos machen, die Menschen hier sind nicht so scheu.

Zurück in Nouakchott kaufte ich mir zunächst noch zwei von diesen luftigen Kleidern, denn es stellt sich immer mehr heraus, dass mein Koffer nie eintreffen wird.

Nouakchott

Nachdem mein Gepäck nicht da ist können wir nicht auf unsere Tour aufbrechen und müssen warten, was sich heute Nacht tut. Ich kann kaum zählen, mit wieviel Menschen Idoumou deswegen heute am Telefon gesprochen hat. Er will ihnen Dampf machen. Glaube zwar nicht, dass es einen Unterschied macht, aber egal. Sieht so aus, als sei ein Koffer schon gleich in Frankfurt hängen geblieben, der andere hat es immerhin bis nach Casablanca gebracht. Und angeblich sollen heute Nacht beide kommen. Ich glaube es jedenfalls noch nicht. Da ich in der Nacht ohne mein Melatonin absolut keine Minute geschlafen habe, habe ich mir in der Apotheke ein leichtes Schlafmittel gekauft, aber noch wirkt auch das nicht.

Um den Tag wenigstens etwas zu nutzen sind wir in der Nähe geblieben. Zunächst habe ich Idoumou Geld wechseln lassen. Hier hat es ja kürzlich eine Geldumstellung gegeben und der Ouguiya (MRU) verlor eine Null. Es wurden neue Geldscheine ausgegeben, die alten sind wertlos, und das Chaos ist komplett. Aber da ich die neuen noch nicht kannte und wusste, wie gerne man den unwissenden Touristen die alten andreht, habe ich das lieber Idoumou machen lassen und für 100 Euro 4.000 Ouguiya bekommen. Wenn man auf dem Markt nach Preisen fragt bekommt man meistens noch den alten gesagt und es ist nicht so leicht, sich da zurecht zu finden.

Dann besichtigten wir die Auberge Sahara. Das war immer eine Institution für alle Traveller in Nouakchott. Der Mitinhaber Aurélien war sehr engagiert und half auch bei allen Fragen. Doch hier zeigt sich schon der krasse Wandel, den die Hotelszene in Mauretanien in den letzten Jahren genommen hat. Der Einbruch im Tourismussektor hat seine Spuren hinterlassen. Die alten Treffpunkte der Reisenden existieren nicht mehr, die Inhaber mussten sich etwas Neues suchen. Das sieht man vor allem am Menata, über Jahrzehnte eine feste Institution. Es wurde aufgegeben. Auch die Auberge Awkar wurde abgerissen. Aber das Sahara ist noch da. Es heißt nun Le Sahara, wurde renoviert und hat im Erdgeschoss 7 Zimmer, drei davon mit privatem Bad, für die anderen gibt es ein ordentliches WC und Dusche, Wasserboiler vorhanden. Aber der nette Aurélien ist weg. Dennoch kann man die Auberge empfehlen, es ist sauber und im Hof ist die nun einzige Campingmöglichkeit der Stadt.

Noch immer da ist aber Nicola. Er hat vor der Stadt die Strandanlage Les Sultanes. Früher mit sehr primitivem Klo, heute wurde das neu gebaut, es gibt einen sauberen WC, aber das Wasser wird nur auf Verlangen bzw. wenn Camper da sind, angestellt. Dies sind nun wirklich die einzigen Campingmöglichkeiten, die Nouakchott noch hat. Ansonsten müssen Reisende in Hotels gehen. Das Les Sultanes hat noch immer ein gutes Restaurant, hier kann man echt preiswert Fisch essen, zum Beispiel dieses große Prachtstück für 400 Ouguiya, also 10 Euro. Für den kleinen Hunger gibt es nun auch Hamburger, aber der hat mich nicht überzeugt. Überraschenderweise ist es heute absolut nicht heiß, es weht eine angenehme Brise und ich höre, dass der Juli in Mauretanien im Gegensatz zum Mai und Juni ein angenehmer Monat ist. Neben einigen mauretanischen voll bekleideten Familien liegt auch eine Europäerin in ziemlich knappem Bikini am Strand, ein Anzeichen dafür, dass es hier absolut sicher ist.

Inzwischen kann man schon nicht mehr sagen, dass ich müffele, es stinkt zum Himmel. Ich muss mir dringend etwas wegen meiner Kleidung einfallen lassen. Also setzt Idoumou mich am Markt ab und ich schaue zunächst nach Unterwäsche. Ohweia, das ist nichts für mich. Alles Kunststoff und das in der Hitze. Die sehr mickrige Qualität wird aufgewogen von exorbitanten Preisen, ein schrecklicher Kunststoff-BH ohne jeden Halt soll 2500 MRU kosten. Okay, nach Handeln geht er runter auf 800 MRU, aber 20 Euro für das Teil, nein, dann lieber weiter stinken. Bei den Unterhosen das gleiche. Anders sieht es aus bei der Kleidung. Zwar liegen an den meisten Ständen Melahfas in allen Regenbogenfarben aus, aber das hilft mir nicht, denn erstens kann ich es nicht drapieren, zweitens nicht damit laufen und drittens muss man noch was unterziehen. Doch dann umkreisen mich die Straßenhändler mit Armen voller einfach zusammengenähter luftiger Kleider. Das ist doch genau, was ich suche und ich bekomme ein nettes Teil für nur 200 MRU.

Zurück im Hotel mache ich mich nackig, wasche Unterwäsche und schweißdurchtränktes Kleid mit Shampoo, presse es im zusammen gerollten Handtuch so gut es geht aus, hänge alles irgendwo im Zimmer auf und springe unter die Dusche. Oh wie tut das gut, auch wenn das Wasser immer noch nur kalt tröpfelt. Ich hülle mich in mein neues Gewand und versuche auf meinem runden Prachtbett zu schlafen anhand dieser komischen Pillen. Was aber nicht klappt. Also setzte ich mich an den PC und schreibe alles auf.

Mauretanien 2019

So richtig gut hat die Reise ja nicht angefangen. Und irgendwie habe ich mich auch nicht richtig darauf gefreut. Diesmal wollte ich fliegen und die ganze Programmgestaltung und Durchführung meinem Gewährsmann Idoumou überlassen. Schließlich ist er derjenige, der viele Touren mit Touristen durch sein Land macht und so weiß er, welche Strecken die wünschen. Als ich den ersten Reiseführer über Mauretanien 2007 herausgab, war die Ausgangslage ja eine andere. In der marokkanischen Westsahara war das Gebot, ab Dakhla nur im Konvoi zu fahren, aufgehoben worden, und auf der mauretanischen Seite war die Straße von der Grenze bis Nouakchott frisch geteert worden. Deshalb fragten etliche Wohnmobilfahrer, die im marokkanischen Süden um Dakhla überwinterten, nach Informationen, um ihre Fühler auch nach Mauretanien auszustrecken. Also schrieb ich ein Buch nur über Asphaltstraßen. Doch dieser Wohnmobil-Traum wurde schon im Dezember zunichte gemacht, als am Weihnachtstag fünf Franzosen überfallen wurden und vier ihr Leben lassen mussten. Daraufhin wurde die Rallye Paris-Dakar abgesagt und der Tourismus in Mauretanien war tot. Ehrlicherweise muss man sagen, dass es auch noch weitere Probleme gab und der Osten des Landes nicht als sicher galt.

Bei der zweiten Auflage 2013 war dann die Lage ein wenig besser und ich fügte auch für die Geländewagenfahrer zwei schöne Pisten zu. Nun im Jahr 2019 sieht es ganz anders aus. Endlich hat Mauretanien seine Probleme in den Griff bekommen, die Sicherheitslage hat sich so weit gebessert, dass selbst die deutsche Botschaft sagt, man kann in das Gebiet nahe der Grenze zu Mali im Osten reisen und die Traumstrecke Chinguetti – Tichitt – Oualata wird damit zugänglich. Und die zeitweise stark überteuerte Visumsgebühr wurde auf 55 Euro gesenkt, nicht ohne meine tätige Mithilfe. Die Wohnmobilfahrer sind weitgehend verschwunden, nur sehr abenteuerlustige Menschen wagen sich noch hierher, gibt es ja auch wenig Infrastruktur für sie, aber für die Geländewagenfahrer wird Mauretanien wieder sehr interessant, ist doch Marokko so ziemlich zugeteert. Deshalb habe ich nun vor, mit Idoumou diese schöne, mehrtägige Strecke zu fahren und möchte sie in mein Buch aufnehmen.

Am Freitag um 18:40 sollte es also von Frankfurt aus losgehen. Vorher hatte ich mein Gepäck vorbereitet. Viel Kleidung brauche ich ja im heißen Juli nicht, aber sonst hat sich etliches angesammelt. Das Bordcase ist hauptsächlich mit meinen alten Reiseführern voll, ich will jedem Herbergsvater einen schenken. Dazu sollten wichtige persönliche Gegenstände kommen, die man so braucht, und mein Laptop. Der große Koffer war voll mit meiner wenigen Kleidung, einer Mini-Kaffeemaschine (wie soll ich sonst die Wüste überstehen), einer großen Tasche mit Geschenken für Idoumous Familie. Und damit war er voll. Aber ich hatte immer noch einen weiteren Beutel mit wunderschönen Babysachen auf dem Boden liegen und auch eine Tüte Bonbons. Wie soll ich das nur machen. Zwar darf ich mit Royal Air Maroc zwei Koffer einchecken, aber ich muss die schweren Dinger doch auch noch zum Flughafen karren, zwei Koffer plus Handgepäck und Handtasche, das schaffe ich nicht. Kurz vor der Abfahrt fiel mir dann die Lösung ein. Laptop in einer Umhängetasche und das Bordcase mit Kindersachen so weit wie möglich aufgefüllt und einchecken. Das ist die Lösung, das ist die Obergrenze, was ich mitnehmen kann.

Ich kam auch gut an und gab meine Koffer ab. Aber dann verzögerte sich der Abflug. Gut eine Stunde. Dabei habe ich in Casablanca doch nur 1:15 Stunde zwischen den Flügen. Ob ich das noch schaffe? Habe zur Sicherheit schon mal Abdou Bescheid gesagt, im Fall ich strande in Casa, da findet er immer eine Lösung. In Casa dann Hetze bis zu meinem wirklich weit abgelegenen Gate. Auf der Hinweistafel hatte ich aber schon gelesen, dass auch dieser Flug später abgehen soll, und von Idoumou hörte ich später, dass die Maschine extra gewartet hat, weil es mehrere Umsteiger gab. Um halb drei Uhr morgens Ortszeit kamen wir dann auf dem neuen Flughafen von Nouakchott an, weit draußen, denn der alte in der Stadt wird zugebaut. Und wie versprochen war Idoumou so ziemlich der erste Mensch, den ich sah. Der Service, den er mir bot, gilt aber nicht nur der Reiseführer-Autorin, den kann jeder buchen. Man gibt ihm vorher seine Daten durch, er regelt bereits vorher alle Formalitäten, das kostet natürlich etwas. Aber dann zieht er mit Pass und Visagebühr los an allen Schlangen vorbei und im Nu waren wir durch den VIP-Ausgang an der Gepäckausgabe.

Das Band drehte sich, und drehte sich, hunderte Koffer kamen, aber meine nicht. Wir warteten bis zum bitteren Ende, aber nichts. Und wir waren nicht allein. Etliche Koffer waren nicht mitgekommen, es ist also kein seltenes Phänomen. Aber zaubern kann auch Idoumou nicht und wir wurden vertröstet, morgen Nacht sollen die beiden Koffer kommen. Inch’allah! Idoumou brachte mich also in ein Hotel, das er für mich gebucht hatte und er hat sogar eine Suite bestellt. Die hat den Vorteil, dass im Badezimmer eine große Schachtel steht mit Zahnputzzeug und Kamm, so wichtige Gegenstände für mich nun. Er meinte, nun solle ich erstmal schlafen, am Morgen gehen wir dann Wäsche kaufen.

Schlafen! Wie soll ich das bloß machen. Da hilft auch keine Übermüdung, da hilft nur das Schlafhormon Melatonin. Und das ist im Bordcase, das ich ja kurzentschlossen eingecheckt habe. Mit noch drei anderen Mitteln, die ich eigentlich unbedingt täglich brauche. Und meiner ganzen Kleidung. Wenn die Koffer nicht kommen weiß ich nicht, wie ich die Tour durchführen soll.

Aber reden wir von den positiven Dingen. Die Suite ist groß und gemütlich, wenn man sich die Installationen auch nicht zu genau anschauen sollte. Das Duschwasser tröpfelte kalt, aber vielleicht lag das an der Uhrzeit. Die Klimaanlage ist laut, aber bei der Landung waren es nur 20 ° Grad, das geht auch ohne. Die beiden Fernseher haben nur arabische Sender und mein Buch ist ausgelesen. Bleibt als einziges das Internet, das aber gut geht. Wenn die Sachen kommen und wir starten können, dann werde ich in der nächsten Zeit weder so fürstlich wohnen, noch Internet haben mitten in dem Sandkasten.

Es ist jetzt 7:50 in Mauretanien, 9:50 Uhr in Deutschland und ich habe keine Minute geschlafen. Also gehe ich schnell mal vors Haus, um euch ein paar erste Fotos zu machen, von der Luxusstraße, in der mein Hotel liegt. Als ich zurückkam wollte ich mir einen Kaffee kochen, Warmwasserbereiter und Kaffepulver sind ja da. Aber wir wären nicht im Mauretanien, wenn das geklappt hätte. Zu dem schönen Wasserkocher gehört ein Stecker, der vielleicht irgendwo in Afrika passt, hier jedenfalls nicht.

Zweiter Tag in Bamberg

Heute früh um 10 Uhr war ich wieder bei Herrn Staritz. Gestern hatten wir es ja nicht geschafft, auch die Funkausrüstung anzuschauen. Also ging es in den Keller. Also dieses Haus könnte man gut und gerne, so wie es ist, als Museum eröffnen. Hier befindet sich eine riesige Sammlung von Funkgeräten, nicht nur deutsche, auch amerikanische, englische, russische und was weiß ich nicht. Herr Staritz hat ja nach dem Krieg studiert, ist Dipl.-Ing. und kennt sich auf diesem Gebiet wirklich gut aus. Und sammelt alles wessen er habhaft werden kann. Dabei ist schon ein großer Teil seiner Sammlung im Spionage-Museum in Berlin. Hier konnte ich auch die Geräte sehen, mit denen mein Vater vermutlich gearbeitet hat.

Zu Mittag gingen wir dann „auf den Keller“, wie man hier sagt. Im Rheingau enthält ein Keller Wein, hier Bier, und die Bierlokale heißen eben Keller. Und da geht man nicht in den Keller, sondern auf den Keller. Schäufla hatte ich ja schon probiert, also entschied ich mich diesmal für Krautbraten. Es sind eigentlich die gleichen Bestandteile wie Kohlrouladen, nur dass hier das Kraut gehäckselt in dem Hackfleischteig untergezogen wird und in einer Kasserolle im Ofen gebraten wird. Sehr lecker und deftig.

An unserem Tisch nahm eine Familie Platz und schnell wurden sie ins Gespräch einbezogen. Sie waren ganz gerührt, mit welch wichtigem Mann sie hier zusammen saßen, ließen sich den Namen geben, damit sie im Internet darüber nachlesen können. Auch dies also wieder ein gelungener Tag und mein Abschied von Herr Staritz, ich selbst bleibe aber noch eine Nacht in Bamberg und will mir morgen hier noch die berühmte Fronleichnam-Prozession anschauen.

Besuch in Bamberg

Im Zuge meiner Familienchronik habe ich schon viele Orte meiner Kindheit besucht, Spurensuche betrieben in Boppard, Bad Kreuznach und Adenau. Aber Bamberg? Da habe ich nie gelebt Und doch ist auch dies ein Ort zur Spurensuche. Die Spuren meines Vaters.

Viel zu lange habe ich gewartet mit dieser Suche. Nun sind alle verstorben, die ich hätte fragen können. Aber nein, einen Menschen gibt es. In Bamberg. Rudolf F. Staritz. Er hat zwar meinen Vater nie gekannt, aber er war im gleichen Bereich tätig im 2. Weltkrieg, bei der Abwehr.

So viele Menschen fragen mich, Abwehr? Was genau ist das. Und warum Spanien? Das Land war doch nicht am 2. Weltkrieg beteiligt. Nein, war es nicht. Aber Franco sympathisierte durchaus mit den Deutschen und gab den Spionen freie Hand dort. Und eben der Abwehr. Der Tätigkeit, die mein Vater als Funker ausgeübt hat. Und eben Herr Staritz, wenn auch nicht in Spanien.

Endlich war es so weit, endlich konnte ich nach Bamberg fahren. Herr Staritz war ja in der letzten Woche in Berlin, persönlich eingeladen von der Familie Canaris zu einem Gedenkgottesdienst. Nicht nur hat er sich sehr mit der Geschichte der Abwehr beschäftigt, dessen legendärer Leiter Canaris war, er ist tatsächlich der letzte Überlebende dieses Bereiches. Gleich nach seiner Rückkehr hat er mich angerufen, um den Besuch zu besprechen, auf den ich so gespannt bin. Schon am Telefon hat Herr Staritz ja durch einen sehr klaren Verstand geglänzt, er kann sich an alles erinnern und erzählt nichts doppelt. Wie gerne würde ich auch ein hohes Alter in dieser Klarheit erreichen. Als er mir dann an seiner Haustür gegenüberstand war schon ersichtlich, dass er nicht mehr ganz so beweglich ist wie ein junger Mann, aber das bin ich auch nicht mehr und doch noch so viel jünger. Auch ich habe ja noch so viel zu erledigen und möchte gerne lange so fit bleiben.

Mein oberstes Anliegen war ja tatsächlich, die Lücken in den Tagebüchern zu schließen, die meine Sütterlin-Experten nicht lesen konnten. Und wir haben uns tatsächlich mit aller Energie daran gemacht. Obwohl Herr Staritz noch von der Reise erschöpft war, hat er nicht aufgegeben, bis wir mit den drei Büchern durch waren. Alles konnte auch er nicht entziffern, aber es bleibt wirklich nur noch ein sehr kleiner Rest. Danach haben wir uns zusammen einen Film angeschaut, 2 Stunden lang, in dem Herr Staritz sein Leben bei der Abwehr geschildert hat. Ein witziges Detail war, dass er seinen jüngeren Bruder Karl, auch Amateurfunker, der noch nicht eingezogen worden war, auch zur Abwehr brachte und ihn nach einer kurzen Ausbildung selbst zu seiner ersten Einsatzstelle in Hamburg gebracht hat. Das war wohl 1941. Der Bruder ging von Hamburg aus zur Abwehr in Norwegen. Es folgten Kriegsjahre, an deren Ende die Brüder keinerlei Informationen über den anderen oder die Eltern mehr hatten, die Möglichkeit, dass sie gefallen waren, bestand. Im Mai 1945, als die letzten Anstrengungen unternommen wurden im zerfallenden Heer, war Herr Staritz in Lübeck. Alleine musste er die Funkstelle bedienen, was schlicht nicht möglich war. Er bat um Unterstützung und wurde schließlich nach Hamburg geschickt, um dort nach einem Helfer zu suchen. Als er sich beim Wachtposten der Dienststelle meldete, sagte der Soldat, Staritz? Da haben wir auch einen hier. Nun ist das ein seltener Name und Herr Staritz dachte sofort an seinen Bruder. Und tatsächlich, er war es. Weinend fielen sie sich in die Arme. Und er konnte ihn mitnehmen nach Lübeck, obwohl kurz danach ja alles aus war. Also hatte er seinen Bruder in den Krieg geführt und auch wieder abgeholt.

Es war ein sehr interessanter Nachmittag, aber ich bekam Hunger und Herr Staritz war müde, also ging ich in die wunderschöne Altstadt von Bamberg. Hier war ich noch nie und ich war überrascht, was für eine schöne Stadt das ist. Klein-Venedig nennt man es ja auch, wegen der schönen alten Wohnhäuser direkt am Fluss, wo die Bewohner von ihrem Gärtchen direkt im Fluss schwimmen können oder ins Kanu steigen. Dazu hatte ich auch noch ein herrliches Wetter.

Und zum Abschluss wollte ich natürlich das fränkische Schäufele probieren. Bei den vielen schönen Lokalen in der Altstadt war es schwer sich zu entscheiden. Schließlich landete ich im Hotel Ringlein, weil es dort einen hübschen kleinen Garten gab. Natürlich bestellte ich mir das Nationalgericht Fränkische Schäufla mit Knödel und Wirsing. Wirsing hat meine Mutter auch immer gekocht, ich habe es gerne gegessen, aber zumindest in unserer Region ist dieses Gemüse vollkommen aus der Mode gekommen. Es hat alles super geschmeckt, sehr würzig, aber die Portion so groß, dass selbst ich gute Esserin es nicht gepackt habe.

Am Nebentisch saßen drei Damen, so etwa in meinem Alter. Wir warfen uns mal Blicke zu und ich konnte auch Fetzen aus ihrem Gespräch aufschnappen. Als aber das Wort Wehrmacht fiel, also ja genau mein Thema zur Zeit, da konnte ich nicht anders, bin hin und fragte, ob ich mich dazu setzen könne. Ich durfte und es folgte ein wirklich schöner Ausklang dieses interessanten Tages. Es waren drei Schulfreundinnen aus Hamburg auf einem Mädelsausflug, und tatsächlich genau mein Jahrgang. Wir hatten sehr viele gemeinsame Themen, nicht nur die Familien-Recherche, mit der auch sie sich befassten, sondern auch in der Flüchtlingspolitik hatten wir ähnliche Ansichten. Wieder einmal dachte ich mir, warum nur treffe ich interessante Menschen nur auf Reisen, nie zu Hause.