Ksar Rhilane – Douz – Kebili

Gern wäre ich noch ein paar Tage an diesem schönen Ort geblieben, aber mein „ständiger Begleiter“ verleidete mir den Aufenthalt etwas. Also fuhr ich weiter, ich wusste noch nicht, wohin mich dieser Tag bringen würde. Zunächst ging es wieder entlang der Erdölpiste. Zum Brunnen Bir Soltane führt eine Abzeigung, er liegt zwei Kilometer entfernt. Ich füllte meinen Kanister mit frischem, klarem Trinkwasser. Ein Arbeiter half mir an der Motorpumpe, die in einem kleinen Häuschen untergebracht ist. Der Brunnen steht ganz allein hier, es gibt keine Ansiedlung, nur etwas weiter entfernt ein Militärlager. Aber die Nomaden kommen hierher, um ihr Vieh zu tränken und ihre eigenen Vorräte aufzufüllen.

Bald hinter Bir Soltane musste ich die schön ausgebaute Piste verlassen und nach Douz abbiegen. Bisher kam mir ab und zu mal ein Wagen entgegen, aber jetzt war ich ganz allein auf der Strecke. Die Piste ist manchmal vom Sand überweht, aber man kommt ganz gut durch. In Douz trank ich in einem Cafe eine Cola, aber sofort kam ein junger Mann, der sich als Führer anbieten wollte. Ich weiß wirklich nicht, was er mir noch zeigen soll, ich habe meinen Weg auch allein gut gefunden und wurde etwas unfreundlich. Er schimpfte hinter mir her. Ich wollte mich nicht länger in Douz aufhalten, da nach Weihnachten hier ein Sahara-Festival anfangen wird und ich dann noch einmal zurückkommen will.

Also fahre ich weiter nach Kebili. Das ist ein etwas größerer, aber nicht sehr schöner Ort, aber hier gibt es ein gutes Hotel und nach fast 300 Kilometer Piste sehne ich mich nach etwas Komfort und einem kühlen Bad. Beim Abendessen im Restaurant fragt mich der Direktor persönlich, ob es mir gefällt, es hat schon Vorteile, als Frau allein unterwegs zu sein.

Kebili ist der südöstliche Ausgangspunkt für die Fahrt über das Schott Jerid. Der Salzsee – aus Karl May’s Geschichten hinlänglich bekannt – hat viel von seinem Flair von Abenteuer und Gefährlichkeit verloren, seit es von einer Asphaltstraße durchschnitten wird. Vor Jahren hatte ich einmal eine organisierte Busfahrt in Tunesiens Süden gemacht und war dabei über das Schott gefahren. Seitdem hegte ich den Wunsch, einmal allein, ohne eine Reisegruppe hinter mir, über den See zu fahren und anhalten zu können, wo immer ich möchte. Und nun war ich endlich angekommen. Ich parkte das Auto und ging ein paar Schritte über das Salz. An den meisten Stellen ist das gut möglich, es sieht nicht aus, als sei man auf einem See, feiner Kies bedeckt den Boden. Zunächst gab es noch einige Pflanzen, die den salzhaltigen Boden aushalten, aber später findet man nicht mehr die geringste Vegetation. Und unvermittelt gibt es Wasserlöcher, an deren Rand sich dicke, pastellfarbene Salzkrusten gebildet haben. Ich versuche mit einem Taschenmesser einige Kristalle abzulösen, es ist nicht leicht. Mehrere Pisten führen über das Schott, aber ich probierte keine aus, später sollte ich noch leidliche Erfahrungen damit sammeln.

Gegen Mittag komme ich in Tozeur an und schlendere über den kleinen Markt. Tozeur ist ein Zentrum für Datteln und so werden sie an jeder Straßenecke angeboten. In kleine Kisten verpackt oder am Strang, so, wie sie am Baum wachsen. Ich kaufe einige Datteln und Orangen, einerseits fürs Mittagessen, andererseits, um eine eiserne Reserve dabei zu haben, man weiß ja nie, was einem so alles passieren kann.

Matmata – Ksar Rhilane

Endlich auf der Piste

Am nächsten Morgen ging es weiter. Kurz hinter Matmata begann endlich die Piste, das Abenteuer konnte beginnen. Nach Toujane bog ich auf eine wenig befahrene Piste ab, die mich nach Beni Khaddeche bringen sollte. Plötzlich waren keine Wegweiser mehr da. In einem Dorf endete der Weg, mehrere alte Männer saßen vor einem Laden auf dem Boden. Ich fragte sie nach dem Weg. Man wollte mich zurück nach Toujane schicken, aber ich blieb hartnäckig. Es musste doch eine Piste nach Beni Khaddeche geben. Ein Mann, später stellte sich heraus, dass es der Omda (Bürgermeister) war, zeichnete mir die richtige Piste auf und lud mich zum Tee ein. Es war schon ein erhebendes Gefühl für mich, in einem Land, in dem die Frau nicht viel gilt, im Kreis der Honoratioren von Smerten auf dem Boden zu sitzen und Tee mit ihnen zu trinken. Würden sie diese Gastfreundschaft auch einer auf der Durchreise befindlichen Tunesierin erweisen? Oder sehen sie mich etwa nicht als Frau an?

Später zeigte mir der Bürgermeister noch sein Haus und stellte mich der Familie vor. Das Haus bestand zum Teil noch aus der alten Höhlenwohnung, in der die Großmutter wohnte. Er selbst aber hatte sich davor ein neues Haus gebaut, in dessen Salon er mich stolz führte und mir ein Duftwasser zur Erfrischung anbot. Er wollte mir sicher zeigen, dass man in Smerten sehr modern lebte. Nachdem ich noch mit ihnen gegessen hatte, ging die Reise weiter.

Übernachtung in Ksar Hadada

Am Nachmittag kam ich durch Ksar Hadada. Das ist ein kleines Dorf in den Bergen, in dem es einen alten Ksar gibt. Diese Ksars sind ehemalige Getreidespeicher, die die Nomaden gemeinsam anlegten, um ihre Vorräte besser zu schützen, während sie mit ihren Herden unterwegs waren. Die Räume sind wie Bienenwaben neben- und übereinander gebaut. Um alles gibt es eine Mauer aus Lehm, so dass die Ansiedlung vor feindlichen Überfällen gut geschützt war. Dieser Ksar ist heute nicht mehr bewohnt, man hat aber einige der Räume restauriert und zum Hotel umfunktioniert. Das wirkt sehr gemütlich und originell und ich beschloss sogleich, hier zu übernachten. In Tunesien gibt es viele dieser ursprünglichen Hotels und man kann gut und preiswert dort wohnen und essen.

Im Hotel gibt es natürlich wieder die übliche Anmache, es findet sich sofort ein Angestellter, der meine persönliche Betreuung übernehmen will. Ich bleibe dann immer freundlich und höflich, ich unterhalte mich ja gern mal mit jemand. Es wird im Gespräch zwar auch mal auf den Busch geklopft und vorsichtig angefragt, was man denn ohne männliche Begleitung in Tunesien suche und ob vielleicht ein kleines Abenteuer gefragt sei. Aber wenn ich bestimmt dieses Ansinnen abweise, ist man auch zufrieden. Und meist geht es den jungen Angestellten auch nur um eine Unterhaltung, denn im Hotel ist um diese Jahreszeit nicht viel los.

Weiter ging es nach Chenini, einem Ort, der sich eng an einen Berggipfel klammert. Im Reiseführer steht, dass die Menschen dort sehr abweisend sind und ich muss das leider in meinem Fall bestätigen. Kurz vor dem Dorf begegnete mir ein Schäfer mit seiner Herde, der gerade bei einem neugeborenen Lämmchen kniete. Ich hielt, stieg aus und wollte mir dieses hübsche Bild näher anschauen – ohne Fotoapparat! Aber der Mann schickte mich so böse weg, dass mir jegliche Lust verging, hier länger zu bleiben. Lediglich die unterirdische Moschee sah ich mir an, schon bei der Anfahrt traf ich einen alten Mann, der mich herum führte. Er verdient sich damit ein kleines Zubrot.

Hinter Chenini verließ ich das Gebirge und fuhr weiter über steinige Hamada. Es war manchmal ein bisschen schwierig, die richtige Piste zu finden. Viele Wege in umliegende Orte zweigen ab, ich musste den Kompass zu Hilfe nehmen, um die Richtung nach Ksar Rhilane zu finden. Wegweiser gibt es kaum. Endlich traf ich auf die „Erdölpiste“, sie führt entlang der Pipeline, die algerisches Erdöl zum Hafen im Golf von Gabes bringt. Diese Piste ist sehr breit ausgebaut und meist schnurgerade. Leicht kann man hier mit 100 Stundenkilometern fahren. Aber schon nach kurzer Zeit geht von diesem schönen Weg eine kleinere Piste nach Ksar Rhilane ab. Hier beginnen nun endlich die Sanddünen, die man sich in der Sahara vorstellt. Das bedeutet aber auch, dass die Fahrspuren oft vom Sand überweht sind. Ich schaffte es aber, ohne einzusanden zur Oase zu kommen.

Übernachtung unter dem Sternenhimmel

Ksar Rhilane ist nur eine winzige Ansiedlung. Neben wenigen Häusern gibt es eine schöne Oase mit Gärten, in denen die Bewohner eifrig arbeiten. Wasser gibt es genug, zumindest jetzt im Dezember. Die Datteln hängen reif an den Bäumen. Hinter Tamariskenwäldern, in denen Vögel zwitschern, liegt ein See, der von einer warmen Quelle gespeist wird. Einem Bad steht also nichts im Wege. An dem See gibt es ein Zeltlager. Schwarze Nomadenzelte sind als Camp aufgebaut, um Touristen als Unterkunft zu dienen. Wenn aber nicht gerade eine Gruppe angemeldet ist, gibt es nicht viele Gäste und man kann die herrliche Umgebung genießen. Die Wüste blühte, überall grünte es. Das Camp ist von wunderschönen gelben Sanddünen umgeben. Es wäre ein traumhafter Platz, wenn ich nicht gleich wieder als Privatbesitz betrachtet würde. Mohamed wich nicht von meiner Seite, teilte mir ein Zelt zu und zeigte mir die Umgebung. Dann brachte er mir einen kleinen Fenek. Er hatte den armen Wüstenfuchs gefangen und hielt ihn in einem Käfig, um ihn an Touristen zu verkaufen. Das Tierchen war voller Flöhe, aber sehr süß mit seinen großen Ohren und federleicht. Am Abend kochte Mohamed für das Personal, denn weitere Gäste waren nicht da, einen Topf Couscous. Ich bekam auch eine Portion, aber er brachte sie mir in mein Zelt, ich durfte nicht mit den anderen mitessen. Das machte mich misstrauisch. Als es Zeit zum Schlafengehen war, verrammelte ich mein Zelt mit einer Wolldecke, aber es war nicht notwendig. Kein Angestellter kann sich leisten, einer Touristin ohne deren Einverständnis etwas zu tun, er wäre sofort seinen Job los. Und bei der Arbeitslosigkeit in Tunesien ist es nicht leicht, etwas Neues zu finden.

Matmata

Übernachtung in der Höhle

In Gabes, der großen Oase am Meer, geht die Straße nach Matmata, dem Höhlendorf ab. Vor Jahren besuchte ich dieses Dorf mit einer organisierten Bustour und hatte seitdem den Wunsch, einmal eine Nacht im dortigen Höhlenhotel zu verbringen. Die Fahrt geht durch öde Landschaft, dann plötzlich schaut man hinab auf eine Mondlandschaft. Wie Krater sehen die Behausungen aus. Um einen offenen runden Platz werden mehrere Höhlenräume in den Felsen gegraben, die als Schlafzimmer, Küche, Salon und Vorratsräume dienen. Meist wohnen mehrere Familien zusammen. Einige dieser Höhlenwohnungen sind zu einem einfachen, aber sehr originellen Hotel ausgebaut worden und da wollte ich übernachten. Die Räume sind sogar übereinander angebracht, um mein Zimmer zu erreichen, musste ich über eine Strickleiter hochsteigen.

Mitte Dezember ist noch keine Saison in Tunesien, in den Hotels gibt es kaum Gäste. So traf ich beim Abendessen nur noch zwei junge Männer, die in Matmata geboren waren, aber nun schon längst nicht mehr dort wohnten, es gibt ja kaum Arbeitsmöglichkeiten. Beide hatten eine gute Schulbildung, da muss man sein Heimatdorf verlassen, um Arbeit zu finden. Sliman, einer der beiden, erzählte, dass sein Bruder Direktor eines Hotels in Houmt Souk auf Djerba sei und ich müsse selbstverständlich seinen Bruder besuchen, falls ich nach Djerba käme.

Als ich vor meinem kleinen Zimmerchen saß, winkten mir zwei Mädchen zu. Sie waren auf den Hügel gestiegen, in den die Höhlen des Hotels gegraben sind und wollten so Kontakt mit mir aufnehmen. Die beiden waren Berbermädchen, bunt gekleidet, und wollten mir die elterliche Wohnung zeigen. Viele der Häuser in Matmata haben unterirdische Ölmühlen, in denen die Oliven mit Hilfe von Kamelen, die einen Mühlstein ziehen, zerkleinert werden. Die Kinder versuchen so, von den Fremden einen kleinen Zusatz zum Familienbudget zu verdienen. Fast noch begehrter als Geld sind aber gebrauchte Kleidungsstücke, von denen ich immer reichlich mitnehme.

Einladung zu einer Berberfamilie

Die Familie bestand aus der Großmutter und zwei Söhnen mit ihrer Familie. Sie zeigten mir alle Räume. Manche Höhlen dienten als Vorratsräume für den Winter, in großen Tongefäßen war Getreide und Olivenöl aufbewahrt. In anderen wiederum war das Vieh untergebracht. Der Wohnraum war sehr gemütlich mit weißgekalkten Wänden und selbstgewebten Teppichen. Ich musste auf den Teppichen Platz nehmen. Die Schuhe blieben draußen vor der Tür, man brachte mir Kissen, damit ich es auch richtig bequem habe. Dann begann die Teezeremonie. Ein Junge brachte die Gasflasche, ein Mädchen frisches Wasser. Der Vater bereitete den Tee persönlich zu. Während das Wasser kochte, gab er eine Handvoll grünen chinesischen Tees in die bauchige Kanne. Dann wird der Tee kurz überbrüht und das Wasser weggegossen. Erst danach kommt kochendes Wasser auf den Tee und die Kanne wird auf den Kocher gestellt. Aus einer dänischen Keksdose nahm er nun einen Zuckerhut und schlug ein großes Stück davon ab. Der Tee wird in Nordafrika sehr süß getrunken, während des Tages bildet er oft die einzige Energiequelle der Landbevölkerung, die meist erst abends richtig isst. Zum Schluss gab er noch einige Zweige frische Minze dazu. Nun begann der Prozess des Abschmeckens. Der Tee wird mehrmals in hohem Bogen in ein Glas ausgeschenkt und wieder zurück in die Kanne gegossen. So spart man das Umrühren. Mit ernster Miene probierte der Vater den Tee, bis er ihn für gut befand. Dann bekam ich mein Glas, auch seine Frau durfte mittrinken. In dieser Familie waren die Sitten also nicht so streng, dass sich die Frau nur in der Küche aufhalten darf, wenn Gäste kommen. Oder lag es daran, dass ich eine Frau war?

Tunesien Winter 1987/88

Mit der Habib ab Genua

In Genua auf dem großen Warteplatz vor der Fähre nach Tunesien herrschte schon richtig orientalisches Leben. Die Wagen, die bereits seit dem Morgen in Schlangen aufgereiht darauf warteten, dass sie endlich Platz in dem großen Bauch des Schiffes finden, waren bis zum Äußersten bepackt. Viele tunesische Gastarbeiter nutzten die europäischen Feiertage über Weihnachten und Neujahr, um ihre Familien wiederzusehen. Da sind nicht nur Koffer und Kisten aufgeladen, es gibt vom Fernseher über Teppiche bis zur Waschmaschine wirklich alles, die Geschäfte müssen leer gekauft worden sein. Doch neben den Pkws der Gastarbeiterfamilien findet man auch die abenteuerlichsten Geländefahrzeuge. Ein knallroter Wagen findet die Bewunderung der Wartenden, er ist selbst gebaut, sieht toll aus, aber ob er auch den Anforderungen, die eine Sahara-Fahrt an ein Fahrzeug stellt, gerecht wird, bleibt anzuwarten. Die Fahrer der Geländewagen gingen von Wagen zu Wagen, fachsimpelten mit ihren Gesinnungsgenossen, Fahrtrouten wurden ausgetauscht und die ersten Reisebekanntschaften geschlossen.

Als ich in Genua ankam, musste ich zunächst mein Schiffsticket abstempeln lassen. Vor den Schaltern herrschte ein heilloses Durcheinander. Ich wurde von einem zum anderen geschickt, schließlich landete ich vor einem kleinen Fenster, vor dem sich sicher Hundert andere schon drängten. Aber ich hatte ja Zeit, vor dem Abend fuhr das Schiff sowieso nicht los, und ich kam schon gleich mit meinen Leidensgenossen ins Gespräch, manch einen wird man später sogar wiedertreffen.

Endlich ging es los! Zäh setzten sich die Fahrzeugkolonnen in Bewegung, nacheinander frisst dieses Ungeheuer all die Wagen in sich hinein. Nun musste ich meine Kabine suchen, ich teilte sie noch mit drei weiteren Personen, ein junges Paar aus Österreich und Hans aus dem Ruhrgebiet. Er hat einen tunesischen Kollegen, der ihm soviel von seinem Land erzählt hat, dass er sich spontan in seinen Wagen gesetzt hat, um seinen Urlaub dort zu verbringen. Die Kabinen waren nicht zu verschließen, es gab keine Bettwäsche und die Waschräume waren nach kurzer Fahrt völlig verdreckt. Aber ich hatte ja nur Touristenklasse gebucht, da kann ich keinen Komfort erwarten. In der Cafeteria traf ich Barbara und Peter, die ich schon in der Schlacht vor dem Schalter kennen gelernt hatte. Die beiden wollen ein Buch über Tunesien schreiben und nutzten diesen Urlaub, um noch die letzten Einzelheiten vor Ort zu recherchieren. Bei Kaffee und Erzählen verging die Zeit und wir gingen schlafen. Hans schnarchte fürchterlich, aber wenn wir ihn baten, sich doch lieber auf die Seite zu legen, tat er das sehr hilfsbereit.

Am Morgen waren wir leider immer noch auf hoher See, die Vorfreude war kaum noch zu bremsen. Die Geländewagenfahrer hatten sich zusammen gefunden, die Motorradfahrer auch und jeder freute sich auf die Abenteuer, die ihm bevorstanden. Wir mussten bis zum Nachmittag warten, bis die „Habib“ endlich in den Hafen La Goulette bei Tunis eingelaufen war. Die Familien der Gastarbeiter standen am Kai und winkten, aber die Polizei- und Zollabfertigung wartete auch schon auf uns. Das Ausladen der Fahrzeuge dauerte endlos, sofort bildeten sich wieder die bekannten Schlangen vor der Zollabfertigung. Die vollbeladenen Wagen der Tunesier mussten völlig ausgeräumt werden, bis ich endlich durch die Abfertigung kam, war es Abend.

Ich verließ Tunis auf dem schnellsten Wege und fuhr ins 60 Kilometer entfernte Nabeul, das ich schon von einem früheren Urlaub her kannte. Damals kam ich über ein Reisebüro in dieses als Club geführte Hotel und fühlte mich sehr wohl; ich hatte mich vorher schon telefonisch erkundigt, ob das Hotel geöffnet hat. Es hatte, aber ich war der einzige Gast. Für die eine Nacht hatte ich einen Bungalow für mich, in dem großen Restaurant servierte man mir ein Menü mit fünf Gängen und alle waren sehr nett zu mir. Nach dieser wirklich anstrengenden Anreise konnte ich mich hier erst mal erholen, bevor dann am nächsten Morgen endlich das Abenteuer anfangen konnte.

Autopanne vor Kairouan

Von Nabeul aus sollte es geradewegs in den Süden gehen. Am Straßenrand sind Verkaufsstände mit Orangen, sie sind herrlich süß und sehr billig. Kurz vor Kairuan, der berühmten „heiligen“ Stadt und Teppichmetropole, stand ein Fahrzeug mit geöffneter Kühlerhaube am Straßenrand. Einige Männer standen um den Wagen, einer winkte mir, stehen zu bleiben: „Wir haben eine Panne, können Sie mich bitte mit in die Stadt nehmen?“ Aber klar, obwohl ich schon weiß, was er wirklich will, nahm ich ihn mit. Auf der Fahrt fragte er mich dann, ob ich Kairuan besichtigen wollte. Ich sagte ihm, dass ich ohne Aufenthalt weiter in den Süden fahre. „Aber man muss Kairuan doch gesehen haben, ich kann es Ihnen gerne zeigen,“ meint der junge Mann. „Nein danke, ich war schon mehrmals dort,“ entgegnete ich. „Aber meine Schwester heiratet, ich lade Sie zur Hochzeit ein, kommen Sie doch mit mir!“ Als ich ihm nochmals versicherte, dass ich keinesfalls in Kairuan bleiben will, ist die Autopanne vergessen, und er will auf freier Strecke aussteigen, sicher wird er bessere Opfer finden, denen er seine Teppiche verkauft.

Weiter ging es auf einer sehr guten Straße durch einsame Landschaft. Nur hier und da mal ein Café mit Erfrischungen, kaum eine Ortschaft. Dann sah ich am Straßenrand Holzkohlenmeiler. Ich hielt an und sah den Männern bei der Arbeit zu. Holzkohle wird im Süden noch sehr viel verwendet, in den Dörfern wird sie zum Kochen benutzt und jetzt im Winter auch zum Heizen. Man füllt kleine Tonbecken mit glühender Kohle, dicht gedrängt sitzt dann die Familie im Kreis um das Becken und wärmt sich.

Erinnerungen ….

In diesen Coronazeiten hat der Reisende ja nur noch seine Erinnerungen, ansonsten ist er zu Hause eingesperrt. Gestern postete Abdellah vom Riad Fennek Sahara ein Foto eines Feneks, eines Wüstenfuchses. Und das weckte Erinnerungen in mir.

Es ist unendlich lange her. Wann war es? Vielleicht so Mitte der 1990er. Ich war in Merzouga, besuchte meinen guten Kumpel Hassan, der bisher sein Geld verdiente, indem er Touristen auf seinem Kamel vor der großen Düne für ein Foto posieren ließ. Das brachte ihm den Namen Hassan le Touareg und auch etwas Geld ein, so dass er eine kleine Auberge eröffnen konnte und natürlich wohnte ich bei ihm. Die Auberge war noch ganz einfach, aber ich hatte ein kleines Zimmerchen und draußen waren Gemeinschafts-WC und Dusche. Damals brauchte man nicht mehr.

Aber Hassan hatte noch etwas Besonderes. Bei seinen Ritten durch die Sahara hatte er ein kleines Fennek Baby gefunden, das wohl keine Mutter mehr hatte. Er nahm es mit, baute ihm einen kleinen Käfig und zog es auf. Besonders liebte er die frischen Erbsen, die Hassan vor der Auberge zog. Und dann kam ich. Natürlich verliebte ich mich sofort in den kleinen Kerl und der sah mich bald als seine Mutter an, er folgte mir überall hin. Inzwischen durfte er tagsüber frei laufen, unter Aufsicht, denn er soll ja nicht von Raubtieren gefressen werden. Nachts sollte er in den Käfig. Aber natürlich nicht mit mir. Ich nahm ihn mit ins Zimmer und bald schlief er in meinem Bett. Okay, gut, ganz sauber war er nicht. Aber was nimmt man nicht alles in Kauf für so ein süßes Baby.

Doch irgendwann musste ich wieder heim und als ich im nächsten Jahr wiederkam fragte ich natürlich sofort nach meinem Fennek. Doch Hassan hatte ihn frei gelassen, seiner Wüste zurück gegeben.

In diesem Jahr hatte ich aber noch ein anderes Tier-Erlebnis. Ich war mit Kumpel Ali Mouni unterwegs, kam an einer Auberge vorbei, die wegen Renovierung geschlossen war. Sie liegt auf einem Hügel, bietet eine tolle Aussicht und heißt deshalb auch Panorama. Wir waren hoch gefahren um die Aussicht zu genießen. Und hörten ein jämmerliches Miauen. Ein Kätzchen, ganz offensichtlich eingeschlossen und schrecklich hungrig. Die Auberge war leer und verlassen, keine Ahnung, wie die Katze da rein gekommen war. Jedenfalls bemühten wir uns und bekamen schließlich die Tür unten so einen kleinen Spalt auf, dass ich meine Hand hinein schieben und das Kätzchen greifen konnte. Im Auto hatten wir noch eine Dose Ölsardinen und das Kätzchen fraß sich erstmal satt. Aber nun, wohin damit? Ali hatte noch lange nicht seine Auberge, aber da gibt es doch Hassan. Nichts wie hin zu ihm und um Asyl für das kleine Kätzchen gebeten. Und dort lebte es noch lange.

Und aus der kleinen Auberge, von der ich keine Fotos mehr habe, ja, damals gab es noch kein Smartphone, auf das man immer drückte, wurde die wunderschöne Auberge Le Toureg, eine der vielen Erfolgsgeschichten von Merzouga. Und ich kann nur hoffen, dass Corona ihr nicht den Garaus macht.

Aartal – Radweg

1. Tag

Meine erste Berührung, oder besser Nicht-Berührung mit diesem Radweg hatte ich, als ich aus den Wäldern nordöstlich von Adolfseck kam und einen Weg zurück nach Taunusstein suchte, möglich abseits von Verkehr. Ich nutze zur Navigation google maps, die schickten mich zunächst von Adolfseck über die B54, vorbei an dem Abzweig Bad Schwalbach. Mein Navi kannte keinen Radweg auf der Strecke, es war auch nichts ausgeschildert von der B54, also versuchte ich, nach Seitzenhahn zu kommen und wollte von dort durch den Wald nach Taunusstein. An der Straße nach Seitzenhahn sah ich tatsächlich einen Weg, der Richtung Bad Schwalbach abging, nicht aber nach Taunusstein. Und wie schon gesagt, von Beschilderung keine Spur.

Als ich dies in Facebook postete, in der Gruppe Rund um Wiesbaden, bekam ich von einem Herrn böse Bemerkungen, von wegen es gibt einen Radweg, auch ohne Unterbrechungen und ausgeschildert. Zum Glück habe ich aber die Facebook Gruppe Taunusstein fährt Rad gegründet und dort bekam ich hilfreiche Hinweise. Also fuhr ich noch am selben Abend los, um diesen Weg zu suchen. Was die Unterbrechungen betrifft, so gibt es sie natürlich, auf der ganzen Strecke. Ich fahre ab Wehen, da hat man schon im Ort eine Unterbrechung. Weiter geht es über die Dornbornstraße, zwar ruhig, aber kein Radweg, bis dann am Ortsende endlich wieder ein solcher beginnt. Dieser endet aber in Hahn und es dauert wieder ein Weilchen, bis man dann vorbei am Schwimmbad den weiteren Radweg nach Bleidenstadt findet. All das leider nicht komplett in google maps und auch nicht in Komoot, also kann ich mich nur teilweise navigieren lassen. In Bleidenstadt endet dann der Weg erstmal am Klärwerk/Tennisplatz, aber jenseits der B54 geht er weiter, der Überweg endlich mal gesichert, was in Taunusstein selten der Fall ist.

Dann kam ich an die Abzweigung nach Seitzenhahn, danach wurde der Weg merklich schlechter und endete bald mitten in den Brennnesseln. Das war also nichts, es ging wieder zurück. Eine Ausschilderung gab es nicht.

2. Tag

Am nächsten Tag wollte ich das ganze erneut probieren. Mit Komoot wollte ich navigieren und fand dort eine Route durch den Wald. Das fand ich interessant und sah es als gute Rundfahrt, denn so könnte ich von Bad Schwalbach aus den Radweg erkunden, der sollte ja an der Molkerei anfangen. Gesagt getan, zum großen Teil kannte ich den Weg schon. In Seitzenhahn war aber mal wieder Ende, Gelände, keine Beschilderung, kein Radweg. Ich suchte mich irgendwie durch und kam schließlich auf die Straße, die runter zur B54 führt. Und ich fand einen Weg, der nach Bad Schwalbach gehen sollte. Ob da jetzt ein Schild stand oder nicht, weiß ich nicht mehr. Der Weg war okay, es ging rauf und runter und schließlich kam ich nach Hettenhain. Wieder alles zu Ende. Mit Glück fand ich aber doch den Radweg, der weiter führte und kam in einem Wohngebiet in Bad Schwalbach an, also nicht an der Molkerei. So viel ich weiß waren es bis hier 17 km.

Dann ging es über die Hauptstraße zur Molkerei, und ja, ab der Stadtmitte ist der Aartal Radweg wunderbar ausgeschildert, aber eben nicht von der B54. Und dieser Weg trifft dann auch sehr bald den Weg, den ich gekommen bin. Bis zum Abzweig Seitzenhahn war alles genau das Gleiche, und dort an der Straße merkte ich dann, dass mein Weg, den ich gekommen bin, sehr viel höher durch den Ort führt, wenn man aber runter zur B54 fährt geht es kurz vor der Bahn weiter durch das Aartal. Das muss man erstmal wissen, weil ja weder das Navi noch Schilder das anzeigen. Von da aus war es dann wieder genauso wie gestern Abend, vorbei an der Mühle und dem dicken Fisch, und dann über die Straße bis zum Tennisclub.

Aber als Kritikpunkte muss ich sagen: Die Stadt sollte mehr dazu beitragen, dass der Weg auch in google maps und dergleichen gefunden werden kann. Gerade an den Unterbrechungen durch Straßen stehen oft keine Schilder und die Orientierung für Fremde ist ziemlich schwer. Für Familien, die vielleicht kleine Kinder mit Rad bei sich haben, wegen der Unterbrechungen nur zu empfehlen, wenn die Kinder auf Straßen sicher sind.

Hier noch einmal die ganze Rundfahrt ab Wehen

Tunesien – eine Alternative?

Leider entwickeln sich die Corona Zahlen in Marokko nicht so gut, in Tunesien schaut es da schon viel besser aus. Tunesien wurde von Deutschland auch gerade aus der Liste der Risikogebiete genommen.

Könnte Tunesien also eine Alternative für den nächsten Winter sein? Für all die, die es zu Hause im kalten, grauen Winter nicht aushalten, so wie ich? Natürlich muss man die Entwicklung genau beobachten, keiner kann voraussagen, wie es schon im nächsten Monat aussieht, aber für mich stellt es sich doch als realistische Möglichkeit dar.

Im Jahr 1995 hatte ich ja einmal einen Reiseführer Tunesien herausgebracht. Es war damals noch im Werner Rau Verlag, und es lief nicht gut. Meine Leserschaft damals waren die Geländewagenfahrer, aber die Tunesien-Touristen suchten Ruhe und Erholung in den Strand-Resorts, dafür brauchten sie mein Buch nicht. Wohnmobile waren noch nicht in großer Zahl unterwegs.

Ich habe danach noch einige Jahre das Manuskript aktuell gehalten, so dass die Informationen nun etwa aus dem Jahr 2004 sind. Und dieses Manuskript stelle ich allen kostenlos zur Verfügung, die ebenfalls mit dem Gedanken spielen, nach Tunesien zu fahren. Ihr könnt es in meinem Shop im Bereich ebooks direkt herunter laden, auch ein extra Campingplatzverzeichnis ist angefügt. So könnt ihr euch schon mal einen Überblick verschaffen.

https://shop.edith-kohlbach.de/

Ich werde das Geschehen in Tunesien, aber auch in meinen Lieblingsländern Marokko und Florida genau verfolgen, aber wenn alles so bleibt wie im Moment strebe ich an, im Herbst nach Tunesien zu fahren und mein Buch neu herauszugeben. In der Zwischenzeit werde ich alle Infos, die ich bekomme, in das ebook einarbeiten, so sind ja zum Beispiel viele Pisten, wie die nach Ksar Ghilane, inzwischen asphaltiert. Neuere Versionen werden immer in den Shop eingestellt, daher vor der Abfahrt noch mal nachschauen, ob es was Neues gibt. Und schon am Ende des Jahres oder im Januar könnte dann das Buch erhältlich sein. Meine Facebook Gruppe Marokko – Mauretanien habe ich deshalb schon umbenannt in Marokko – Mauretanien – Tunesien mobilunterwegs

Nun aber zur Frage: lohnt sich Tunesien?

Wenn ich an die Camper denke, die sich in Marokko, was so viele wunderschöne und komfortable Campingplätze hat, über den Dreck und schlechte Sanitäranlagen beschweren, dann möchte ich sagen, bleibt zu Hause. Tunesien ist kein klassisches Campingland, es gab schon vor Corona nur sehr wenige Plätze, meist in schlechtem Zustand und wenig besucht. Durch den Einbruch des Tourismus ist nun natürlich noch mehr geschlossen. Von daher ist Tunesien ganz klar ein Land für abenteuerliche Touristen, die das Fremde suchen, das Aufregende und auch bereit sind, einmal etwas auszuprobieren. Es ist nicht so groß und abwechslungsreich wie Marokko, auch die Berge sind bei weitem nicht so hoch und in den fernen Süden darf man nicht reisen, aber es ist dennoch interessant. Die politische Situation zu Zeit ruhig. Ich freue mich darauf.

Rettbergsau

Der Entschluss stand fest, vor allem nach dem Zwischenspiel mit der Zimtzicke. Ich fahre nicht mehr mit der Gruppe. Zu anstrengend, zu wenig Pausen.

Und dann kam Markus‘ nächste Einladung. Mittwoch 18 Uhr zur Rettbergsau mit Picknick. Ich war platt. Das hat er ganz klar nur wegen mir gemacht, denn nur Aleks und ich wollten ja Pausen und nicht so schnell durchpaddeln. Also ging es ja nicht anders, ich lobte ihn für die gute Idee und sagte unsere Teilnahme zu. Wir erschienen mit minimalem Picknickzubehör, jeder sollte was mitbringen und dann teilen. Ich war sehr gespannt auf den Ablauf. Es kamen recht viele Leute, ich glaube es waren zehn. Und die Zimtzicke war nicht dabei. Raus aus der Hafeneinfahrt, rüber zur Auen-Einfahrt und an den Strand. Super kurze Strecke also, was mich noch mehr verwundert hat. Wir legten an, stülpten ein Boot um und breiteten darauf unsere Schätze aus. Wie gesagt, wir hatten minimal eingekauft. Aber außer Markusses Nudelsalat kamen nur ein paar Kräcker. Diese Picknickidee hat sich in diesem Club also noch nicht richtig durchgesetzt. Aber unsere kalten Bockwürstchen kamen gut an.

Es war recht nett, wir blieben fast eine Stunde, dann wurde eingepackt. Zur Ausfahrt, ab in den Hafen gedreht? Aber nein doch. Nun soll es doch um die Rettbergsau gehen. Oh mein Gott. Die Organisation dieser Ausfahrten ist doch etwas ungewöhnlich. Ich würde ja lieber erst eine größere Strecke machen und dann picknicken. Wollte schon abbrechen, aber Markus sagte, du kommst mit. Also noch mal die Tour von 10 km, die ich ja schon gemacht hatte. Diesmal klappte es bei mir zwar etwas besser, aber Aleks war ziemlich hinten und einen offiziellen Schlussmann, der auf die letzten aufpasst, gab es nicht. Ich sprach kurz mit Markus darüber und er gab die Info dann wohl auch weiter, aber trotzdem sagte mir Aleks später, dass er oft auf dem weiten Rhein, wo ja dann auch die großen Kähne vorbei zogen, ganz allein war und sich ziemlich unwohl gefühlt hat. Ich fürchte für ihn ist es die letzte Tour mit der Gruppe gewesen. Zudem sich am nächsten Tag auch sein Freund Iwan aus dem Urlaub zurück gemeldet hat, nun braucht er mich nicht mehr als Lückenbüßer.

Eine Lahnfahrt, die ist lustig

In meiner Gegend ist die Lahn für Kayaker einfach das Highlight. Ein ruhiger Fluss, der sich in unendlichen Windungen dahinzieht, keine großen Schiffe, die uns ärgern könnten. Da wäre ich schon gerne dabei. Habe in Google Earth die Strecke von Diez nach Laurenburg verfolgt und kam auf 16 Kilometer. Das ist schon viel. Aber Aleksander wollte es probieren, diesmal im Zweier. So kann sich jeder mal ausruhen. Dachte ich.

Markus lud in Schierstein die Kayaks auf den Hänger, die Mitglieder in den Bus, aber wir fuhren von Taunusstein direkt nach Diez. Waren deshalb auch schon viel früher da. So weit ich sehen konnte war nirgends eine Stelle, wo man die Kayaks zu Wasser lassen konnte. Ziemlich steiles Ufer, viele scharfkantige Steine. Aber Markus kam und sagte, geht schon. Oh ja, fragt sich nur wie. Einfach war es nicht, aber irgendwann waren wir doch alle auf dem Wasser.

Wunderschöne Landschaft, ruhiges Wasser. So macht Paddeln Spaß. Aber wie lang ist die Strecke denn nun? Keiner wusste es genau. Wir kamen nach knapp 5 km an die erste Schleuse, mein erstes Mal überhaupt. Sehr interessant. Fuhren ein, klammerten uns am Rand fest, aber auch nicht zu fest, denn irgendwann hätten wir da übel an der Mauer gehangen. In ziemlicher Geschwindigkeit wurde das Wasser auf etwa 5 Meter tiefer abgepumpt. In der Schleuse natürlich nette Gespräche, aber dennoch kamen wir der Frage, wie weit es noch nicht, nicht näher.

Markus fragte, ob wir eine Pause wollten. Wer schrie am lautesten ja, natürlich ich. Nur ist die Lahn, ist Deutschland nicht Florida, wo viel für die Wassersportfreunde getan wird und es überall Bootsanlegestellen und Kayak Launch gibt. Hier nichts. Dann fand Markus eine private Wiese, Treppe zu Lahn, und viele Menschen darauf den Sonntag feiern. Er fragte und wir bekamen die Erlaubnis dort anzuhalten. Das war wirklich eine schöne Pause, natürlich auch in dieser wichtigen Sache eben nicht Florida, wo es wirklich überall öffentliche Parks und Toilettenanlagen gibt. Hier blieb nur der Busch oder einhalten. Die anderen hatten einen Lunch mitgebracht, wir nicht, denn wir wussten ja über den Ablauf des Tages wenig.

Danach ging es mit kräftigen Schlägen weiter Richtung Laurenburg. Markus im Zweier weit voraus und bald ganz verschwunden, ohne uns etwas zu sagen. Das ist meine Kritik an der Gruppe, es wird einfach zu wenig über den Ablauf gesagt und zu schnell gerudert. Denn wir alle versuchten natürlich, so schnell es ging, dem verschwundenen Markus zu folgen, und auch wenn Aleks oft sagte, ich solle mich doch etwas ausruhen und ihn paddeln lassen, war klar, dass wir dann nicht mit den anderen mithalten. Als wir dann in Laurenburg ankamen, es waren 17 km, war von Markus keine Spur zu finden. Ein Anruf ergab, dass er so schnell war, um den Zug zurück nach Diez zu bekommen und unseren Bus zu holen. Hätten wir das gewusst, hätten wir doch in aller Gemütsruhe paddeln können.

In Laurenburg angekommen dachte ich natürlich, hier gibt es eine Kneipe. Und ein kühles Bier. Wir kamen um 17.59 Uhr an, und um 18 Uhr schloss das einzige Kiosk. Ansonsten gibt es dort so gut wie nichts, vor allem keine Kneipe oder Verkaufsstätte, nur den Bahnhof. Markus hatte den Zug um 18.05 Uhr bekommen, um 19.05 sollte der nächste gehen. So wie ich den Plan verstand sollten wir damit zurück nach Diez und unseren Autos fahren, die anderen bei den Booten bleiben.

Das ging aber nicht. Wegen einer einzigen Gewitterziege. Sie war bisher bei jeder Fahrt dabei und hatte mich jedesmal für irgendetwas kritisiert. Und diesmal unter anderem dafür, dass es ja gar nicht ginge, dass wir nicht beim Aufladen der Boote helfen, wo wir schon bei der Abfahrt nicht dabei waren. Es folgte ein richtiger Zickenkrieg, aber wir blieben. Um viertel nach sieben kam Markus und wir hätten dann auf den Zug um 20:05 Uhr warten müssen. Aber Markus ist dann doch ein ganz anderes Kaliber, für ihn war es selbstverständlich, dass er uns vier, die den Wagen in Diez stehen hatten, auch dorthin fuhr. Obwohl es einen viel kürzeren Weg zurück nach Wiesbaden gegeben hätte.

Gesagt, getan. Nur, in Diez ist die Innenstadt wegen Bauarbeiten ziemlich gesperrt. Und irgendwann stand Markus mit Bus und Anhänger an einer Stelle, wo es nicht mehr vor oder zurück ging. Kurzentschlossen fuhr er in die kurze Einbahnstraße, natürlich entgegen der Richtung. Und dann einen bestimmt 5 km langen Umweg bis zum 500 m entfernten Bahnhof. All das mit einer Ruhe, von der sich die Zimtzicke ein Stück von abschneiden könnte.

Aleksander hatte Hunger, wollte auf dem Rückweg etwas essen. Die Hühnerkirche kurz vor zu Hause bot sich an, wir nahmen Platz im netten Innenhof, das Mädel kam und sagte, die Küche ist zu. Mist. Erst kurz nach 20 Uhr. Weiter nach Taunusstein zum Chinesen. Die Küche ist zu. Zum nächsten Chinesen, Aleks wollte unbedingt Ente. Aber den konnten wir erst gar nicht erreichen, Abfahrt verpasst, Drängler hinter mir. Zurück nach Wehen. Da soll es doch einen Vietnamesen geben. Inzwischen war es nach 21 Uhr und auf dem Land wird ja früh der Bürgersteig hochgeklappt. Doch der Viet Thai entpuppte sich als Takeaway und hatte noch auf. Und Ente. Und Saigon Bier. Aleks war glücklich. Und der Abend gerettet.

Kayakabenteuer

Markus, der Kanuführer, hatte wieder zum Paddeln geladen und diesmal sollte es um die Rettbergsau gehen. Das ist eine schmale Insel mitten im Rhein und gut 3 Kilometer lang, die ganze Tour somit 10 km. In Florida paddele ich zwar schon länger, aber kürzere Strecken durch flaches, ruhiges Wasser. Ich will euch nicht alles genau berichten, aber es war doch recht lang und da ich nicht an Handschuhe gedacht hatte bildeten sich auch ein paar Blasen. So richtig toll war es nicht, denn es die Leute paddelten einfach los und achteten nicht darauf, ob es auch langsamere Leute gibt. Und ich als Neuling so allein auf dem Rhein, das ist nicht ideal.

Nachbar Aleksander war zwar gleichzeitig mit mir in den Club eingetreten, aber er paddelte nur mit Freund Iwan, Jungs halt zusammen. Doch dann ging Iwan in Urlaub und Aleksander erinnerte sich an mich und schlug vor, zusammen paddeln zu gehen. Wir blieben nur im Hafen und ließen uns so richtig Zeit bei herrlichem Wetter. War schön. Doch eigentlich hätten wir gerne irgendwo angelegt und wären mal ausgestiegen, doch das ist im Hafen nicht möglich.

Also sollte es beim nächstenmal doch auf den Rhein gehen. Genau gegenüber der Hafenausfahrt ist der Beginn der Rettbergsau, sie bildet dort eine Öffnung und es ist möglich, ins Innere der Au zu kommen. Dort sind Sandstrände und es ist deshalb ein beliebter Liegeplatz am Wochenende für kleine Boote. Doch zunächst muss man über die Fahrrinne der großen Schiffe kommen. Wir waren in zwei Einern, ich fuhr voraus, Aleksander weit hinter mir. Es war etwas windig und der Rhein hatte hohe Wellen. Aber wir kamen gut an. Fanden eine schöne Stelle, stiegen aus und Aleksander schwamm sogar. Das Wasser im Innern der Au ist zwar ruhig, aber nicht sehr sauber, also nichts für mich.

Dann ging es wieder zurück. Aleksander sagte, bitte bleib in meiner Nähe. Also paddelten wir hintereinander aus der Lagune auf den großen Fluss, Blick rechts, Blick links. Ich sah einen großen Schlepper in der Ferne, aber nahm an, dass er in die Gegenrichtung fährt. Also los in die nun wirklich hohen Wellen.

Bitte erspart mir die Einzelheiten, nur so viel, es war knapp. Der Kahn kam eben doch in unsere Richtung. Nach diesem zu wackligen Knien führenden Abenteuer wollten wir uns eigentlich in Zukunft auf den langweiligen Hafen beschränken, doch dann lud Markus zu einer Fahrt auf die Lahn ein.