Drink am Abend

Am Abend im Hotel sollte ich mich hinsetzen und die neuen Informationen aufschreiben. Aber so richtig habe ich keine Lust, da fehlt noch was. Nein, kein Abendessen. Gestern war ich bei Sonny’s BBQ und bekam so viel, dass ich heute mit dem Doggie Bag total satt wurde. Aber ich hatte Lust auf einen Drink. Das Schöne an meinem Hotel ist ja wirklich, dass ich vieles zu Fuß erreichen kann. Restaurants und meine Lieblings-Shopping-Läden. Und auch Chili‘s. Eigentlich ein Restaurant, aber man kann sich auch nur an die Bar setzen und was trinken.

Natürlich einen Margarita Presidente. Den kenne ich von vor langer Zeit. Zum Glas Margarita bekommt man noch einen Shaker voll mit Nachschlag. Richtig gut. Und da sitze ich nun, schaue mich um und denke. Ein Mann setzt sich vier Stühle neben mich. So ganz unauffällig rutscht er immer einen Stuhl weiter zu mir. Ich liebe es ja, True Crime zu schauen. Also Kriminalfälle, die wirklich passiert sind. Wo Leute (Frauen!) in der Bar sitzen und auf dem Nachhauseweg überfallen werden. Verschleppt und stundenlang vergewaltigt, bevor man sie tot auf der Müllhalde ablegt.

Naja, zum Glück habe ich ja keine Angst. Weder vor den Alligatoren noch vor Serienkillern. Aber vorsichtig bin ich schon. Auf dem 500 m langen Heimweg blicke ich mich ständig um. Wenn mich wirklich jemand überfallen würde, wäre auf einer Seite eine sechsspurige, viel befahrene Straße, die so viel Krach macht, dass man meine Schreie nicht hört. Auf der anderen Seite Läden, die längst geschlossen sind, und dahinter freie Landschaft.

Ach, ich liebe es einfach zu verreisen, es ist immer abenteuerlich, auch wenn man sie sich nur ausdenkt.

Lake Apopka North Shore Loop

Im Februar 2020, kurz bevor Corona um die Welt ging, war ich in Apopka, um die schönen Bike Trails hier zu recherchieren. Und stieß auf den North Shore Loop, den ich aber zeit- und kraftmäßig leider nur zur Hälfte fahren konnte. Und seitdem stand dieser Loop auf meiner Wunschliste, denn er ist in meinen Augen der schönste, den Central Florida zu bieten hat. Es ist ein Wildlife Drive durch ein Naturschutzgebiet mit unzähligen Vogelarten, aber auch dicken fetten Alligatoren.

Lake Apopka Wildlife Drive

Im Grunde fahre ich nur bis zu 30 – 35 km pro Tag, da ich ja doch schon eine ältere Dame bin und hier kein eBike zur Verfügung habe. Es war klar, der Loop ist länger, aber ich habe ja auch den ganzen Tag. Dazu etwas Obst, es wird schon gehen.

Bloß, zu Beginn kam ich einfach nicht weiter. Schon gleich am Anfang lagen dicke fette Alligatoren am anderen Ufer in der Sonne und ließen sich wärmen. Und die Vögel! Einer schöner als der andere. Zwar habe ich tatsächlich schon alle Vögel selbst fotografiert, die man in Central Florida so sehen kann, und auch schon ein Buch darüber gemacht, aber trotzdem musste ich immer mal anhalten, weil es einfach doch wieder ein schönes Motiv gab.

Es waren sehr, sehr wenige Menschen unterwegs und überhaupt keine Radler. Die kommen alle eher am Wochenende. Wenn mir hier etwas passiert bin ich auf mich selbst gestellt, und nein, ich habe kein Flickzeug dabei. Nur den schon vielfach genutzten Schutzengel. Am alten Pump House sitzen zwei Männer mit dickem Teleskop und warten auf Vögel, den fetten Alligator, der gleich daneben liegt, haben sie noch nicht mal bemerkt. Ist nicht in ihrem Beuteschema. Doch frage ich sie, ob sie mich mal vor dem Gator knipsen können.

Mein Ziel ist der Green Mountain, Endpunkt des Trails. Ein Berg in Florida? Ja doch, ganze 41 m hoch. Das ist schon was. Deshalb führt ein Serpentinenweg hinauf und oben gibt es einen Outlook, von dem man auf die Marsch schaut. Ein lohnenswertes Ziel, wenn man keinen Himalaya hat. Am Ziel angekommen habe ich schon gut 25 km geschafft, nicht schlecht für mich. Aber natürlich muss ich das gleiche wieder zurück, denn einen lieben Engel, der mich jeweils am Ende abholt, habe ich leider nicht. Die Trails in Florida sind leider nie Rundwege, man muss auf dem gleichen Weg zurück. Aber zuvor suche ich noch die Toilette auf. Das ist einfach vorbildlich in USA. Es gibt immer saubere und kostenfreie Toilettenanlagen, da muss sich Deutschland eine Scheibe abschneiden. Auch Trinkwasser ist da und die Möglichkeit, seine Trinkflasche zu füllen.

Zwar wünsche ich mir manchmal auf der Strecke, ein Pickup von einem Ranger würde mich auflesen, aber doch nicht wirklich. Ich habe natürlich den Ehrgeiz, es zu schaffen und bin noch nicht mal sehr kaputt, als ich wieder am Pumphaus ankomme. Ein einzelner Mann sitzt auf der Bank und telefoniert. Laut. Zwar dachte ich manchmal, ist da nicht ein deutscher Klang in der Sprache, aber er spricht eindeutig englisch. Mein Freund der Gator liegt nun nach Stunden immer noch unbeweglich auf seinem Platz und ich mache ein Video. Ob ich ihn mal streicheln soll? Der Telefonierer ist fertig und fragt mich, ob er richtig gehört habe, dass ich mit dem Alligator Deutsch gesprochen habe. Ja, genau. Und er ist Österreicher. Lebt aber schon lange in USA. Zunächst in Kalifornien, das er aber, wie angeblich auch viele andere, verlassen hat, weil dort die Coronamaßnahmen so streng sind. Und ich muss mir eine lange Litanei über Coronapolitik anhören und warum man sich nicht impfen lassen sollte.

Ich flüchte. Auf dem letzten Stück zum Parkplatz dann Wegelagerer. Im Abstand liegen dort vier Alligatoren auf dem Weg. Was macht man da? Man filmt!

Thanksgiving

Die Grundidee des US-amerikanischen Thanksgiving basiert der Encyclopedia Britannica zufolge auf dem „Ersten Erntedankfest“ und wird am vierten Donnerstag des Monats November gefeiert. Die britischen Einwanderer feierten es 1621 gemeinsam mit Vertretern des Wampanoag-Stammes in Plymouth, Massachusetts, um für die Ernte und die guten Ereignisse des vergangenen Jahres Dank zu sagen. Doch gab es auch schon vorher geschichtlich belegte Erntedankfeste in den USA, die jeweils von den Eroberern oft zusammen mit Ureinwohnern gefeiert wurden. Es ist ein typisch amerikanisches Fest, das nicht vergleichbar mit dem deutschen Erntedankfest ist, da es speziell auf den Einwanderern beruht, die dankbar für ihr neues Leben waren, das ihnen Nahrung gab. Im Mittelpunkt steht ein großes Essen, das zusammen mit Familie und Freunden eingenommen wird, die Bestandteile begründen sich auf diese erste Zeit: einen gebratenen und gefüllten Truthahn mit einer reichhaltigen Auswahl an Beilagen und Nachspeisen wie Cranberry-Sauce, Süßkartoffeln (Sweet Potatoes), Apfel- und Kürbiskuchen sowie Gemüse wie Kürbis, grüne Erbsen und Mais.

Freund Bob fragte mich schon vor Wochen, ob ich zum Essen mit in den Eagles Club kommen wollte. Das hatten wir schon einmal gemacht und ich sagte zu. Kurz vorher jedoch meinte er, die hätten den Preis auf 8 $ angehoben und er würde dort sowieso nicht satt, weshalb er lieber ins Golden Coral gehen wollte. Das ist ein Buffet und für 8,49 $ kann man essen, so viel man will, was auch sehr gerne von den Übergewichtigen angenommen wird. Ich sagte enttäuscht ab mit der Begründung, erstens esse ich eh nicht viel und zweitens möchte ich, wenn es schon ein Festtag ist, lieber in einer festlichen Umgebung essen.

Nun kann ich mir wie jeden Tag etwas kochen, ist ja schließlich auch kein Feiertag für mich, aber wenn ich in einer Welt lebe, wo rundum gefeiert wird, dann will ich auch. Und fand ein großes Plakat mit einer Einladung zum Thanksgiving-Essen, kostenlos und für alle. ALLE in Großbuchstaben. Also fuhr ich heute dorthin. Es stellte sich heraus, dass es sich um die Port Orange Christian Church handelte. Super aufgezogen und organisiert. Auf dem Parkplatz schon Einweiser, vor der Tür wurde ich sehr freundlich empfangen. Und dann der Saal! Wunderschön dekoriert. An einer Seitenwand das Buffet, vor dem unzählige Helfer standen, vor jedem Menuebestandteil einer. Und die Kellner! So etwas muss man gesehen haben. Ein Mädchen und ein Junge kamen dauernd an unseren Tisch, um zu fragen, ob wir noch Wünsche hätten. Höchstens erstes Schuljahr und so lieb und höflich.

Große runde Tische waren festlich geschmückt und ich eröffnete einen neuen. Melissa von der Kirche setzte sich sofort zu mir, um mir ein bisschen Hintergrundwissen zu geben und natürlich auch zu fragen, wer ich bin und mich zum Gottesdienst einzuladen. Aber sehr freundlich, absolut nicht aufdringlich. Mir war nicht klar, zu welcher Glaubensrichtung die Kirche gehörte, sie meinte, wir sind christlich, offen für jede Richtung. Bald kamen weitere Gäste an meinen Tisch und wir unterhielten uns sehr angeregt. Michael und Donna sind Mitglieder in gleichen Fitnessclub, der auch gerade gegenüber der Kirche liegt. Daher hatte ich ja das Plakat bemerkt. Als Donna erzählte, dass sie neue Fahrräder hätten habe ich ihnen gleich mein Bikebook verkauft. Aber dann fing Michael an, mehr über die Kirche zu erzählen. Unglaublich engagiert, er hörte gar nicht mehr auf. Irgendwann fragte er aber, zu welcher Richtung ich gehöre, ich sagte die Wahrheit, katholisch getauft, aber schon lange ausgetreten. Zunächst war er geschockt, doch dann legte er so richtig los und ganz langsam merkte ich, welcher Richtung die Kirche eben doch angehört. Nämlich der wiedergeborenen Christen. Von denen habe ich spätestens seit Präsident Bush nicht unbedingt die beste Meinung. Und natürlich wurde ich noch einmal bestürmt, doch ganz bestimmt am Sonntag zum Gottesdienst zu kommen.

Aber das Essen war super und ich habe mich in dem Kreis sehr wohl gefühlt. Und ein Foto meines Essens etwas hämisch an Bob geschickt.

Farmtour

Immer eine Woche vor Thanksgiving findet im Volusia County die Farmtour statt. Da mache ich schon seit Jahren mit, da man einen guten Einblick in die Landwirtschaft des Bezirks bekommt. Der normale Florida-Urlauber, der Themenparks und Strand besucht, denkt vielleicht gar nicht daran, dass es doch bedeutende Landwirtschaft im State gibt. Zu jeder Farmtour öffnen einige Farmen ihre Tore und zeigen ihre Arbeit. Heute habe ich mir die vier teilnehmenden Farmen in meiner Nähe ausgesucht und dabei hat mich eine besonders beeindruckt, über die ich berichten möchte. Bisher gab es eigentlich nur private Farmen, die Gemüse anbauen, Tiere züchten oder Honigbienen halten. Doch diesmal war das Land Lab der High School von New Smyrna Beach dabei. Und das war eine Überraschung, denn so etwas gibt es in Deutschland nicht.

Die Schule unterhält diese Farm mit Ziegen, Schafen, Schweinen und Kühen. Es gibt zwar auch Kaninchen, aber nicht auf der Farm, die haben die Schüler meist zuhause. Auch andere Tiere haben sie auf ihrer eigenen Farm, da hier ja auch viele Farmerkinder zur Schule gehen. Die Farm ist wie ein richtiger Landwirtschaftsbetrieb aufgebaut und die Schüler haben besondere Aufgaben, die nicht nur die Versorgung der Tiere beinhalten, sondern sie lernen auch die wirtschaftliche Seite kennen. Etliche Schülerinnen standen in kleidsamer Uniform bereit, um uns Besucher herumzuführen. Emma Normann erklärte uns alles sehr engagiert, so dass ich sie fragte, ob sie auch später einen Beruf in dieser Richtung anstreben möchte. Sie sagte, ja auf jeden Fall, sie wird in diesem Sommer die High School abschließen, dann auf eine Landwirtschaftsschule gehen und schließlich landwirtschaftliche Lehrerin werden, also genau in die Richtung dieser Farm.

Übrigens werden die Tiere nicht zur Schlachtung gehalten, sondern zur Zucht. Die Schüler gehen auf Ausstellungen und haben schon viele Preise gewonnen. Da kommen dann auch die Kaninchen mit und ich habe sie sogar auf der kürzlichen Ausstellung auf der Volusia County Fair gesehen. Und genau da stammen auch die Küken her, die in einem Kasten mit Wärmelampe untergebracht sind. Die Schüler haben sie von anderen Farmern geschenkt bekommen, die sie nicht haben wollten, da weiblich. Sie züchten Hähnchen.

Da wir nur Mädchen sahen fragten wir natürlich, ob denn keine Jungs bei dem Projekt mitmachen. Doch, sagte Emma, aber sie halten die Tiere meist zuhause und sind heute bei der Präsentation nicht dabei.

 

Deutschland

Was ist nur in Deutschland los. Das ist kein Land mehr, auf das ich stolz bin, zu dem ich gehören möchte. Die Coronazahlen schießen in die Höhe, die Politik ist zerstritten wie nie. Die CDU hat monatelang nichts getan, blieb völlig in ihre eigenen Probleme verstrickt, und nun plötzlich werden sie aktiv. Und versuchen die Pläne der künftigen Regierung zu blocken. Ich bin so froh, dass die CDU und ihre unfähigen Minister bald weg sind vom Fenster, aber ich würde zumindest so viel Menschlichkeit erwarten, dass sie nun nicht die Handlungen weiter verhindern. Im Bundestag konnten sie das neue Gesetz nicht verhindern, aber im Bundesrat wollen sie es blockieren.

Ich bin nur froh, dass ich rechtzeitig geflüchtet bin. Wenn alles gut geht kann ich bis zum März bleiben und ich hoffe sehr, dass es in Deutschland bis dahin besser geht. Und kann nur jedem raten, der wie ich Rentner und frei ist, machen Sie das gleiche. Flüchten Sie so schnell wie möglich, suchen sich ein schönes Land für den Winter und bleiben Sie Deutschland fern. Ich habe auch die Befürchtung, dass, wenn die Zahlen in Deutschland weiter steigen, viele Länder ihre Grenzen für Deutsche dichtmachen werden.

Für Corona bin ich kein Experte. Ich kann nur beobachten und mir das für mich persönlich am passendste heraussuchen. Und das habe ich mit Florida getan. Hier waren die Zahlen im Sommer auch extrem hoch. Und man hat so gut wie nichts dagegen getan. Die Impfrate ist ähnlich hoch wie in Deutschland. Was hier deutlich besser ist, ist das Impfangebot. Hier wird nicht beim Arzt geimpft, sondern in den Apotheken. Es gibt zwar auch öffentliche Impfzentren, aber recht wenig,. Dafür sind die Apotheken sehr, sehr zahlreich. Am Tag, als meine zweite Impfung genau ein Jahr her, war fragte ich online nach einem Termin bei meiner bevorzugten Walgreens-Pharmacie für den Booster und konnte bereits nach 45 Minuten vorfahren. Karte ausgefüllt, Pieks und fertig. So geht das hier.

Negativ ist zwar, dass es hier bestimmt so viele Impfgegner gibt wie in Deutschland, aber trotzdem sind die Zahlen sehr niedrig. Es gibt so gut wie keine Coronamaßnahmen mehr. Zwar streitet der Gouverneur mit den Kommunen über eine Maskenpflicht in den Schulen, aber im Alltag ist die Maske praktisch nicht da. Nur einige Angestellte tragen sie, und sehr, sehr wenige Bewohner. Ansonsten ist wirklich alles auf, es gibt Feste, Konzerte und Sportveranstaltungen.

Ja, das ist mein Land.

Purple Martin- Condominium

Heute war feierliche Eröffnung des Purple Martin Condominiums am Mill Lake in Orange City, fast alle Honoratioren der Stadt waren anwesend, der Bürgermeister hielt die Eröffnungsrede. Meine deutschen Freunde wissen vielleicht nicht, was ein Condominium ist. Es ist eigentlich eine Eigentumswohnungsanlage. Meist sind es diese großen Häuser am Strand, deren Wohnungen verkauft werden, aber auch als Ferienwohnung weiter vermietet. Sie haben oft 100 und mehr Wohnungen.

Doch nicht dieses neue Gebäude hoch oben auf einer Stange. Es enthält nur 18 Räume, aber dennoch sind alle sehr stolz darauf. Nun wisst ihr wohl auch nicht, was Purple Martin ist. Wikipedia sagt dazu: Mit 20 cm Länge ist die Purpurschwalbe der größte Vertreter der Schwalben in Nordamerika. Die Purpurschwalbe brütet von Südkanada bis Mexiko und überwintert im Amazonasbecken. Die Purpurschwalbe brütet im Osten, also auch Florida, fast ausschließlich in Nistkästen, anderswo nützt sie verlassene Spechthöhlen, Löcher in Kakteen und Bäumen und sogar Felsklippen zum Nisten.

Und so wurde nun also am schönen Mill Lake in Orange City dieses Wohnhaus in luftiger Höhe für sie eröffnet und alle hoffen, dass es im nächsten Frühjahr bewohnt sein wird.

Ann

In diesem Jahr sind es genau 20 Jahre, dass ich mein zweites Heim in Florida gefunden habe. Ich lebe in einer kleinen Sackgasse mit wenigen Anwohnern. Am Anfang hatten wir alle ein gutes Verhältnis, setzten uns auch privat zusammen, aber über die Jahre gab es neue Leute und dieses nette Beisammensein ging verloren. Ann gehört noch zu den „Alten“. Eng ist unser Verhältnis nicht, aber ich war schon bei ihr zum Thanksgiving-Essen eingeladen. Doch sie genauso wie andere ältere Nachbarn in der Straße neigen in der letzten Zeit dazu, sich ganz in ihrem Haus zu vergraben, man sieht sie nicht im Garten und sie verlassen das Haus nur zum Einkaufen.

Als ich damals einzog hatte Ann’s Mann noch gelebt, war aber krank. Sie hat ihn liebevoll gepflegt bis zu seinem Tode, damit war sie sogar schon zum zweiten Mal Witwe. Nach einiger Zeit tauchte dann ein neuer Freund auf, Eddie, ein richtiger „Redneck“. Republikaner und Trump-Fan durch und durch. Entweder fuhr er knatternd auf seiner Harley vor oder im großen Pickup Truck geschmückt mit der USA- und der Florida-Flagge. Innen war sicher auch ein Gewehr, ein richtiger Redneck also. Übrigens sind beide in den Siebzigern.

Diesmal also sah ich Eddie nicht und Ann vergrub sich im Haus. Ich weiß aber auch, dass sie öfter mal kränkelt und wartete schon auf eine Gelegenheit, ihr meine Hilfe anzubieten. Die kam heute. Über Nacht hatten wir einen gewaltigen Sturm und der abgestorbene Palmstamm vom nicht bewohnten Nachbargrundstück war quer über Ann’s Einfahrt gefallen und nahm ihr so die Möglichkeit, mit dem Auto raus zu fahren. Zum Glück schrammte die Palme haarscharf an ihrem Gartenzaun entlang und hat nichts beschädigt. Wenigstens nichts menscheneigenes.

Ich ging also zu Ann und bot ihr meine Hilfe mit der Motorsäge an. Zunächst aber war ich erschrocken, wie sie aussieht. Sie ist alt geworden. Ann war immer schick, aber sie raucht auch viel. Trinkt wohl eher mäßig. Klar fragt man ja hier immer, wie geht es. Bekommt auch standardmäßig die Antwort, alles gut. Aber diesmal erzählte Ann doch etwas mehr. Zunächst einmal, Eddie ist tot! Gestorben an Corona. Sie war als erste infiziert, hat Eddie angesteckt, der kam 7 Tage später ins Krankenhaus und starb nach weiteren 19 Tagen. Ann war nicht so schwer erkrankt, dass sie ins Krankenhaus musste, aber sie ist noch heute geschwächt und hat viele Probleme. Damit ist sie tatsächlich die erste Person in meinem Bekanntenkreis, nach 18 Monaten Pandemie, die krank ist oder wo sogar jemand gestorben ist. Ich hatte tatsächlich vorher noch niemanden persönlich gekannt.

Klar habe ich Ann gefragt, ob sie geimpft war. Die Antwort konnte ich mir natürlich selbst geben. Als glühende Trump-Fans waren sie selbstverständlich beide nicht geimpft. Tja, was soll man da sagen.

Man greift zur Motorsäge und schafft den Baumstamm beiseite. Wie schon zuvor angedeutet, ist durch das Umfallen kein Mensch zu Schaden gekommen, aber es haben doch etliche Lebewesen ihr Heim verloren. Dieser tote Baumstamm war sehr beliebt bei den Vögeln, die sich darin ihr Nest gebaut haben. Und auch ein Bienenvolk betrachtete es als seine Heimat. Nun fliegen sie völlig verwirrt herum und versuchen, die Situation zu meistern.

Bike Trails

Manche Leute reisen, weil sie reisen wollen. Fremde Länder anschauen, die Sehenswürdigkeiten abklappern. Das war nie mein Hauptziel. Ich will mich in diesen Ländern auch zuhause fühlen, will gebraucht werden, eine Aufgabe haben. Vielleicht weil ich in meinem Alltagsleben zuhause zu wenig um mich habe, wo ich gebraucht werde? Zum ersten mal habe ich dieses Gefühl bekommen in Tunesien; die Leute dort, die ich getroffen habe, brauchten mich. Das war ein schönes Gefühl. Und es hat sich noch verstärkt in Marokko. Und als ich dann Reiseführer über diese Länder schrieb sowieso. Das war schön. Jemand, der sich um mich sorgte, und sei es auch nur, weil es ihnen Vorteile brachte. Das ist doch legitim.

In Florida werde ich auch gebraucht. In erster Linie von meinem Haus und Garten. Das ist so altersschwach und verwildert, dass es mich sogar dringend braucht. Das macht Spaß. Das gibt mir einen Grund zu leben. Manchmal kann ich sogar deutschen Freunden nützlich sein, die auch hier ein Haus haben, aber nicht so oft vor Ort sein können.

Aber so richtig schön wird es erst durch die Bike Trails. Hier habe ich meine Aufgabe gefunden. Es entstand zunächst dadurch, dass ich selbst ein Buch gesucht habe, das mir einen Einblick in die wunderbaren Trails gibt, zeigt, wo ich sie finde. Ich wurde enttäuscht. Was auf dem Markt ist, ist alt und sehr ungenau. Ja, es gibt Internetseiten über die Trails, auch Apps. Und dennoch ist nie etwas dabei, das meine Bedürfnisse deckt.

Die Konsequenz ist natürlich, so etwas selbst zu schreiben. Das macht Spaß. Aber natürlich sollte man es auch verkaufen können und nicht mit dem einzigen Exemplar seiner Art herumfahren. Hin und wieder treffe ich mal einen Radfahrer, dem ich eins verkaufen kann, aber das bringt es nicht.

Nun muss ich auch sagen, dass dieses Buch nur die Trails in einem sehr engen Umfeld beinhaltet, nämlich so im Dreieck Daytona Beach – Orlando – Palatka. Aber ich habe drei Bike Shops gefunden, die das Buch verkaufen wollen. Nur drei, obwohl es deutlich mehr gibt, aber die wollen nicht. Und mit diesen dreien läuft es richtig gut. Ich habe schon etliche hundert verkauft, was für ein so begrenztes Umfeld sehr viel ist.

Aber nun gibt es ein neues Projekt, und wie immer macht mir das Spaß. Der Shop in DeLand, wo immerhin viele meiner Radler wohnen, wollte das Buch nicht verkaufen, weil ich darin die Visitenkarten der anderen Bike Shops abgebildet hatte. Das wären seine Konkurrenten, das könnte er nicht verkaufen. Wobei es die anderen nie gestört hatte, im Gegenteil, sie fanden es gut. Doch das zehrte an mir, das ärgerte mich, gerade weil um DeLand so viele Radwege sind und so viele Radler wohnen.

Und da kam mir eine Idee. Meine Auflagen sind ja sowieso sehr gering und der Druckpreis ist nicht so verschieden, ob ich nun 50 oder 100 drucke. Also schlug ich JC vor, eine Extra Auflage nur für seinen Shop zu drucken, natürlich mit dem Hinweis auf seinen Laden. Und das gefiel ihm. Gefiel ihm sogar so sehr, dass er vorschlug, mir mehr pro Buch zu zahlen, der Überschuss aber an

St. Johns River to Sea Loop

https://www.river2sealoop.org/

geht. Das ist ein Verein, der sich um den Ausbau der Trails hingebungsvoll kümmert. Und so ist die Extra-Auflage für JC’s Bike Shop nun im Druck und wird noch vor Weihnachten dort bereit liegen.

http://www.bikingflorida.mobilunterwegs.eu/

Airfryer yes or no

In den Geschäften werden hier haufenweise Airfryer angeboten. Zunächst wusste ich nicht, was das ist. Die Recherche ergab, dass man damit zum Beispiel Pommes ohne Öl braten kann. Auch Hähnchen und so. Irgendwie meinte ich, ich brauche so ein Ding. Sind auch nicht mal teuer. Der Preis geht von 40 $ bis knapp über 150 $, aber Nachbarin Melanie meinte, so ein tolles Ding mit lauter Spielereien braucht man nicht, ein einfacher reicht. Das Nachteil ist natürlich, dass man ein weiteres ziemlich großes Teil in der Küche herum stehen hat.

Tagelang ging der Airfryer in meinem Kopf herum. Bis ich ihn endlich gekauft habe. 50 $ für einen mittelgroßen mit digitaler Anzeige, das geht. Heimgebracht und den Karton in die Ecke gestellt. Konnte mich einfach nicht aufraffen, ihn auszupacken. Nach Tagen dann immerhin den Karton geöffnet und das Kochbuch heraus geholt. Ja, man kann leckere Dinge damit zubereiten. Aber das zentrale Gut sind doch die Pommes, die man ohne Öl machen kann.

Deshalb stelle ich mir die Frage: wie oft isst du Pommes? Antwort: nie! Wie oft gegrilltes Hähnchen? Antwort: Nie!

Schließlich habe ich das gute Stück ausgepackt und auch eine Ecke gefunden, wo es recht wenig stört. Aber weiterhin überlegt: was kann ich darin machen. Man soll backen können. Aber die Grundfläche zu klein für jede Backform. Ja wozu, zum Donnerwetter, brauche ich also das Ding. Um ab und zu ein überbackenes Gericht zuzubereiten? Das kann ich doch auch im Backofen. Und das Hauptargument des Fryers, Öl zu sparen, trifft hier nicht zu, denn dafür brauche ich kein Öl. Koche sowieso sehr sparsam mit Öl.

Ergebnis: Gleich heute früh habe ich das gute Stück zurück gebracht, das Geld einkassiert und werde es nun in einen neuen Gasgrill investieren,der alte fällt auseinander. Und das ist ein Teil, das wirklich oft eingesetzt wird.

Heute gab es dann überbackene Süßkartoffel ganz ohne Airfryer.

Limoncello

Das Wetter hier in Florida ist noch immer sommerlich warm. Aber dennoch zieht ab und zu ein Tief übers Land, so wie heute. Das ist nicht schlimm, denn wir brauchen auch mal Regen und morgen ist es wieder schön. Deshalb habe ich den Tag mal zum Kochen genutzt. Heute Morgen als erstes Brot gebacken. Zwei, drei Wochen kann ich mal zum Frühstück Bagels essen, aber dann brauche ich richtiges deutsches Brot. Mein Lieblingsrezept mit den hier erhältlichen Zutaten ist ein Hefeteig mit Weizenvollkornmehl, dazu geriebene Karotten, Leinsamen und Sonnenblumenkerne. Heute gab es zwei Brötchen und zwei Laibe, die werden in Scheiben geschnitten und jeweils zwei in einem Beutel eingefroren. Und selbstverständlich werden die schönen Reißverschlussbeutel wiederverwendet. Ich brauche kein Friday for Future, um sparsam mit Ressourcen umzugehen. Das habe ich bereits als Kind gelernt und mein ganzes Leben beibehalten. Jeden Morgen gibt es dann zwei Scheiben Brot, mehr Brot brauche ich nicht am Tag, so reicht das eine Weile.

In dem schönen Hotel in der DomRep gab es ein gutes italienisches Restaurant, das Tartufo. Dort hat man als Amuse Gueule eine Art Parmesan Paste gereicht zu kleinen Brötchen. Die war so köstlich, deshalb habe ich versucht, sie nachzumachen. Parmesan gerieben, eine Knoblauchzehe dazu und das ganze mit Olivenöl verrührt. War sehr lecker, eigentlich noch besser als im Tartufo. Ich vermute, die nehmen nicht so hochwertige Zutaten, denn Parmesan wäre ja auch zu teuer.

Und schließlich habe ich mich dann an Limoncello versucht, dem italienischen Zitronenlikör. Freund Uwe hat ja Zitronen im Garten, die ich pflücken darf, er selbst ist zurück in Deutschland. Es gibt viele verschiedene Rezepte dazu, ich habe mir eins ausgesucht, das nicht so kompliziert ist. Eigentlich nur Zitronensaft mit Zucker aufgekocht, Zitronenschale dazu und Alkohol. Ich habe Gin genommen, da er am billigsten war. Gin schmeckt ziemlich neutral, das ist wichtig. Nun muss der Sud aber einige Wochen stehen bleiben, bin mal sehr gespannt, wie es schmeckt. In Taunusstein habe ich kürzlich Brombeerlikör gemacht. Muss aber zugeben, dass er sich nicht lange hielt, er war einfach zu köstlich.