Archiv des Monats: Mai 2026

AAA

American Airline Adventure. Nun sollte ich im kalten Taunusstein sitzen und meine vielen Koffer mit den Goodwill-Schätzen auspacken, stattdessen sitze ich in einem Hotel in Charlotte. Der Aufbruch gestern war einfach wunderbar. Freunde brachten mich zum Flughafen von Daytona Beach, den ich sehr liebe. Parkte direkt vor dem Eingang, von dort 5 Meter bis zum Check-in mit meinen 3 Koffern, kein Mensch vor mir, dann gemütlich im Foyer solange sitzen, bis es Zeit wird, durch die Sicherheitskontrolle, auch hier niemand vor mir und am Gate wird angezeigt Boarding in 5 Minuten. Kann man noch entspannter einchecken?

Charlotte

Umsteigen in Charlotte. Auch hier sehr entspannt, keine Hetze, wenn auch ungleich mehr Menschen. Noch 1 1/2 Stunden bis zum Boarding. 5 Minuten vorher heißt es, ist noch Maintenance an Bord, Boarding dauert noch etwas. Aber schon weitere 5 Minuten später konnten wir doch einsteigen. War sehr zufrieden mit meinem Platz, viel Beinfreiheit.

Wir warten. Der Pilot sagt etwas durch, muss noch etwas repariert werden, ein Ingenieur muss das dann prüfen und abzeichnen. Wir warten. Und warten. Nichts zu essen und trinken, aber ich frage nach einm Orangensaft und bekomme ihn. Durchsage. Alle müssen den Flieger verlassen und zum Nachbar-Gate gehen, dort steht ein neues Flugzeug bereit.

Abflug natürlich um 2 Stunden verschoben. Oh weh, meine Schwiegertochter holt mich gerne morgens um 7 am Flughafen ab, aber später wird es schwierig, sie muss arbeiten.

Abflug um weitere 2 Stunden verschoben. Das Warten wird verkürzt durch die nette Christina, wir unterhalten uns gut. Eine neue Crew reist an. Das Personal darf eine gewisse Anzahl von Arbeitsstunden nicht überschreiten und deshalb darf die bisherige Crew nicht mehr auf diesen Langstreckenflug gehen. Abflug weiter verschoben. Auch hier wird das Flugzeug auf seine Sicherheit geprüft und der Prüfer ist ganz offensichtlich nicht zufrieden. Was für einen Schrottpark haben die denn hier, man könnte meinen, es ist die deutsche Bundesflotte. Charlotte ist immerhin die Basis für American Airlines. Die müssten doch in der Lage sein, ein flugfähiges Gerät zur Verfügung zu stellen.

Langsam fangen wir aber auch an zu murren. Der ganze Tag ist vertan und zu essen haben wir schließlich auch nichts bekommen. Also fragen wir am Schalter nach und bekommen einen Voucher über 12 $. Habt ihr schon einmal in einem Flughafen-Terminal, vor allem in USA, etwas zu essen für 12 $ bekommen? Ich bin natürlich geizig und nicht bereit, etwas vom eigenen Geld draufzulegen. Bei Starbucks kostet eine Latte 7,75, ein Plätzchen, die berühmten Cookies, 5,45 $. Ein nackter Bagel, ohne Belag, 4,45 $ Da bekomme ich bei Aldi zwei Beutel mit 12 Stück dafür.  Es ist nicht Geiz, ich bringe es einfach nicht fertig, ein Cookie für 5,45 zu kaufen und zu essen, auch auf Gutschein, da sträubt sich etwas ganz tief in mir. Ein Sandwich würde über 20 $ kosten. Christina kauft ein Getränk, ich nichts. Wir gehen zum Schalter zurück.

Große Unruhe. Auch das zweite Flugzeug ist nicht flugbereit. Über die App bekommen wir die Aufforderung, uns ein Hotel auszusuchen. Christina übernimmt das, denn sie ist Vielfliegerin und so etwas ist ihr schon oft passiert. Wir buchen das gleiche Hotel, sie weiß wo der Shuttle abfährt und gegen 21 Uhr sind wir dann im Hotel. Nein, Luxus wie bei der Lufthansa stellt uns American Airlines nicht zur Verfügung, es geht ins Comfort Inn. Habe zwar den ganzen Tag außer ein paar Nüsschen nichts gegessen, aber auch keinen Hunger. Aber in der Nähe ist ein Chili`s, da bekomme ich doch wenigstens eine Margerita zum Abschluss.

Byebye Eagles

Morgen geht es zurück nach Deutschland, das heißt noch viel Arbeit, Koffer packen, umpacken, neu packen. Haus absichern für die Hurricane Season. Alles muss rein, nichts darf rumfliegen. Auto gut verpacken. Puh. Aber da bleibt doch noch eine kurze Minute. Da wäre doch noch Zeit für eine letzte Margarita im Eagles.

Es ist ruhig so früh am Montag, nur ein paar sitzen an der Bar und wie üblich spielt Gene Smith auf seiner Gitarre. Er plaudert viel lieber mit uns als viel spielen, begrüßt mich nett, als ich rein komme. Ich sage ihm, dass dies mein letzter Besuch ist, morgen geht es heim, und ob er mir noch einmal mein Lieblingslied spielt. Aber klar doch, er freut sich immer, wenn er für jemand spielen kann.

An der Bar sitzt eine Dame, die ich zwar schon oft gesehen habe, aber noch nie gesprochen. Monique. Wir unterhalten uns sehr anregend, Gene kommt dazu. Hab ich schon gesagt, dass er lieber plaudert? Er sagt so am Rande, dass Monique gut singen kann. Monique, sing für uns. Es kostet ein wenig Überredung, aber dann singt sie.

So ein wunderbarer Abschluss meiner Zeit in Florida. Habe ich schon gesagt, wie sehr ich das Eagles vermissen werde?

Kentucky Derby Party

Das Kentucky Derby ist wohl die größte Reitsport Veranstaltung in USA. Und alle Pferdeliebhaber, die nicht dorthin reisen können, machen eben zuhause eine Party und lassen die Veranstaltung über die Bildschirme laufen. Und da macht natürlich auch unser Eagles keine Ausnahme. Sonntag 15 Uhr waren alle da zur großen Party, natürlich entsprechend gekleidet, die Damen mit Hut, die Herren mit Krawatte. Auf den Zylinder haben sie verzichtet. Ich hatte ja schon Judy kennengelernt, sie kam mit allen Damen ihrer Community.

Sie wohnt in Crane Lakes, eine der vielen „Gated Communities“ in Florida. So etwas gibt es bei uns nicht. Ein komplettes Wohnviertel, mal von einem Bauherren errichtet, mit Golfplatz, Schwimmbad, Fitness, alles was man so zum Leben braucht. Und ein Gate, das nicht jeden durchlässt, im waffenliebenden Amerika wohl keine schlechte Idee. Man hat dort ein Haus, das man natürlich selbst gebaut oder gekauft hat, doch zahlt man eine monatliche Gebühr für all die Annehmlichkeiten, dazu gehört dann auch das Rasenmähen. Jeder darf einen kleinen Vorgarten selbst bearbeiten, aber es gibt strenge Vorschriften, was man pflanzen darf. Alles wird bestimmt von der HOA, auch wie das Haus außen aussehen darf. Und das kostet dann 1.000 $ monatlich. Aber die lustigen Damen habens. Sie pflegen ein nettes gesellschaftliches Leben, treffen sich regelmäßig zum Kartensielen, oder nun eben zur Derby Party. Und ich, die armselige Trailerbewohnerin, wurde gnädig aufgenommen. Nein, sorry, wenn es auch wahr ist, dass man eher auf Trailerbewohner herunter schaut, so sind die Damen doch sehr lieb zu mir und ich soll sie unbedingt im Herbst mal besuchen.

Es gab den traditionellen Mint Julep zu trinken, was ich natürlich mal probieren musste. Ein wichtiger Bestandteil ist der Kentucky Bourbon. Ja, schmeckt gut, aber mein Margarita ist mir lieber. Neulich kam ich an die Bar, die Bardame sagte zu mir: Margarita? Und der Herr daneben sagte, ah, das ist Ihr Name.

Der Höhepunkt war dann der Hat Contest, es galt den schönsten Hut zu wählen. Zunächst marschierten die Hutdamen durch den Raum, damit jeder einen guten Blick haben konnte. Dann gewann natürlich die Dame mit dem aufgeblasenen Pferd auf dem Hut, aber der zweite Platz war doch eine Überraschung für mich. Denn eigentlich hatte die Dame gar keinen Hut auf. Erst danach fiel mir auf, warum sie gewann. Sie war wie ein Jockey gekleidet.

Dann waren wir müde, brachen auf und plötzlich fiel uns auf, dass wir noch nicht einmal dem Rennen auf dem Bildschirm zugeschaut hatten.

Goldie

Was machen eine 81jährige und eine 78-jährige am Freitagabend? In Wiesbaden vielleicht ins Theater oder zu einem Weinchen in den Rheingau, alles ganz ruhig. In Florida rockt man im Eagles durch die Nacht! Ach, ich liebe das Eagles und werde es in Deutschland sehr vermissen. Wo kann man als älterer Mensch schon hingehen zum Tanzen, und vor allem zu Rockmusik. Uns Älteren wird in Deutschland ja nur die Wahl zwischen Schlager und Volksmusik gelassen. Dabei sind wir doch in den rebellischen 1960ern aufgewachsen, meine erste LP war von den Beatles, zu meinem 18. Geburtstag.

Aber noch etwas ist anders im Eagles bzw. in USA. Das sind die Komplimente. Wildfremde Menschen machen mir ein Kompliment über meine Kleidung, sehr oft auch über meine deutsche Brille, die es so nicht in USA gibt. Hier haben alle nur das Billig-Kassen-Modell. Das tut was mit mir, es hebt meine Stimmung. Ich fühle mich gesehen, während ich in Deutschland unsichtbar bin. So richtig fing es an mit diesem Sweatshirt.

Ich hatte es in Goodwill für wenige Dollar bekommen. Machte einen kurzen Spaziergang durch das ziemlich ruhige New Smyrna und drei Menschen sprachen mich an und lobten mein Outfit. Am selben Abend ging ich ins Eagles und wurde völlig überwältigt, schon am Eingang wurde mein Shirt gelobt. Das kenne ich einfach so nicht, finde es wundervoll, auch wenn Deutsche es sofort als oberflächlich abwerten würden. Für mich bedeutete dies ab diesem Tag eine richtige Herausforderung. Da ich ja sowieso jeden Tag zu Goodwill gehe schaute ich dann nach besonders wirksamen Kleidungsstücken. Habe ganz offensichtlich ein Auge dafür, denn ab da wurde es richtig toll. Es vergeht kein Besuch im Eagles, ohne dass ich mehrmals höre: „I love your Outfit“. Und so richtig toll wurde es, als ich vor einer Woche eine schwarz-goldene Leggins fand und ein passendes Shirt dazu. Das war wirklich der vorläufige Höhepunkt und mit einer Frau, die mich ansprach, entwickelte sich ein nettes Gespräch, seitdem verabreden wir uns zum Tanzen. Eben die 81-Jährige, Judy.

Aber wenn ich es bisher schon toll fand so war es gestern doch das absolute Highlight. Man muss wissen, dass ich sehr problematische Füße habe, Hallux Valgus plus Neuropathie, dazu Größe 43. Schicke Schuhe kann ich also vergessen, brauche sehr bequeme, breite Schuhe. Und dann stand ich in Goodwill und goldene Stiefeletten strahlten mich an, in meiner Größe. Was tut man da? Man packt sie ein. Ein Stadtbummel damit wäre zwar völlig unmöglich, aber ich versuche es mit Tanzen. Packe mir vorsichtshalber ein bequemes Paar ein. Und schon geht es los. Alle schauen auf meine Schule, ich bin der Star des Abends. Thyme spielt, meine absolute Lieblingsband. Die Sängerin, auch nicht mehr die Jüngste, aber sie machen eine Wahnsinns-Musik, ist immer toll und glitzernd angezogen.

Und was macht sie in der Pause? Sie kommt an meinen Tisch and lobt mein Outfit und meine Schuhe. Ich bin sprachlos. Meine Heldin! In Deutschland schaut keiner nach mir, und hier werde ich gelobt. Ich kann es nicht fassen.

Meine neue Freundin Judy und ich lassen keinen Tanz aus, es ist ein toller Abend, und dann spricht mich noch eine Frau auf der Tanzfläche an. Jeanni heißt sie. Ich frage woher sie mich kennt, sie sagt sie hat mein Buch und folgt mir auf Facebook. Sagt zu Judy, das ist eine Berühmtheit.

Während des Tanzens spüre ich meine Füße kaum, das Adrenalin hilft. Aber sobald ich mich auf mein Rad schwinge und heim fahre kommt der Schmerz durch. Ach ja, was tut man nicht alles für die Schönheit.

Nächste Woche geht es heim nach Deutschland und zurück in die Versenkung.