Von Tafraout nach Zagora

Am Morgen dann hieß es Abschied von Moha, meinem wunderbaren Fahrer, zu nehmen. Er wollte zurück nach Taouz und ich versicherte ihm, ich schaffe das. Der Plan war ja ursprünglich, die sehr einsame Piste von Tafraout nach Tagounit zu fahren. Das erste Stück kann im Sandsturm sehr unübersichtlich sein und am Ende warten zwei ziemlich schwierige Bergpässe. Vor sechs Jahren hatte ich das zuletzt gefahren, zusammen mit Moha, und wir hatten prompt einen Platten. So oft ich früher meine Reifen selbst gewechselt habe, so ungern mache ich das heutzutage, denn die Reifen werden immer größer und damit schwerer. Zwar hat auch mein Disco etliche Male schon einen zerfetzten Reifen gehabt, aber bisher sorgte mein Schutzengel dafür, dass es immer in Werkstattnähe war, so dass ich nicht selbst ran musste. Ich überlegte hin und her und entschied mich schließlich, über Tissemoumine nach Zagora zu fahren, auch Piste, aber nicht so schwierig.

Ich kam genau 3 km weit zum Lac Maider und stand mitten im Sandsturm. Man sah absolut nichts. Höchstens nach unten, aber nicht nach vorne. Der Lac Maider ist berüchtigt für seinen Sandsturm. Ich fuhr aber erstmal weiter, denn einerseits ist es eine sehr breite, völlig flache Piste, man kann kaum was falsch machen, andererseits bin ich ja bis zum Marabout erst am Abend zuvor gefahren und konnte mich quasi blind zurecht finden. Wie ein Frühnebel gab es immer wieder Sandhosen, wo man absolut nichts sah, dann wieder riss es ein wenig auf. Ich schaffte die 13 km bis zur Auberge Dinosaur. Dort waren zwei Probleme zu lösen, ich musste die richtige Abzweigung nach Tissemoumine finden und ich musste ein weites Sandfeld ohne Spuren auf gut Glück – natürlich mit GPS – in die richtige Richtung queren und die weitere Piste finden.

Vor der Auberge schon ein Auflauf. Ein VW-Bus steckte im Sand, etliche Männer versuchten, ihn zu befreien. Innen saß ein französisches Paar und wartete den Sturm ab. Ich überlegte hin und her, beriet mich mit dem Herbergsvater, der riet mir zu. Es wäre nur noch auf wenige Kilometer Sand, dann würde es besser. Ich fuhr. Genau wie ich es am Vortag bei Moha gesehen hatte fuhr ich mitten auf das Sandfeld drauf. Spuren waren schnell keine mehr zu sehen, es ging Dünen rauf, Dünen runter. Ich folgte meinem GPS, aber total querfeldein, ganz ohne Piste. Die Richtung stimmte, allerdings die Richtung nach Tagounit, die ich in meinem Buch beschrieben habe und von der ich die Koordinaten hatte. Von der Strecke nach Tissemoumine, die ja im weiteren Verlauf viel einfacher und ohne schwierige Gebirgspässe war, eben nicht. Und so war es auch kein Wunder, dass ich schließlich auf der Tagounit-Piste landete. War überrascht, wie genau meine Beschreibung war, sobald erstmal das weite Sandfeld vorüber und wieder eine Piste zu sehen war. Ich hatte in der Jahre alten Beschreibung auch einen einzelnen Baum als Waypoint aufgeführt, und siehe da, der Baum war da, genau wo er sein sollte. Selbst das versteinerte Holz lag noch genau wie beschrieben neben der Piste.

Ich gebe zu, zusammen mit Moha hatte ich ein besseres Gefühl, als hier vollkommen allein auf der Piste. Hier ist kein Baum und Strauch und erst recht kein Dorf, nur zweimal kam mir eine Schafherde entgegen, einmal wilde Esel, und selbst von den Hirten keine Spur. Es dauert ziemlich lange bis man an einen Militärposten kommt. Aber beim Versuch, mich mit dem Soldaten zu unterhalten habe ich gemerkt, dass er die Gegend noch weniger kennt als ich. Irgendwann kam ich dann zu den zwei Bergpässen, die wirklich sehr schlecht sind. Fast schon wie Treppenstufen. Und mein Disco schaffte es ohne Reifenpanne. Immer wieder hörte ich auf Geräusche, schaute auch ab und zu mal nach, aber alles in Ordnung. Dann dachte ich, ich hätte mir nun eine Mittagspause verdient, packte Stuhl und die Crepes vom Frühstück aus, aber die wurden nur vom Sand paniert, der Wind pfiff ums Auto und es war kein windgeschütztes Eckchen zu finden. Also ging es weiter, und wohin? Natürlich in mein geliebtes Riad Dar Sofian in Zagora. Auf der Piste ist recht häufig Mobilfunkempfang und so hatte ich eine SMS an den Besitzer geschickt und angefragt, ob es Platz für mich gibt. Hurra, es ist noch ein Zimmer frei. Und die Dusche dort, es war fast wie eine Hammam. Heiß und in starkem Strahl, wunderbar erfrischend.

Und nun muss ich die vielen Recherche-Ergebnisse der letzten Tage aufschreiben, das wird noch ein Weilchen dauern.

Facebook

 

Muss nur mal wieder ein kleines Loblied auf Facebook singen, was so oft beschimpft wird, aber auch viel nettes ermöglicht. Sitze heute bei einem wunderbaren Abendessen im Riad Dar Sofian, diesmal allein zwischen Franzosen, und chatte über Facebook hin und her. Also genau das was man nicht machen sollte. Roland schrieb mich an, den ich bisher nicht kannte. Es stellte sich aber heraus, dass er heute die gleiche Wüstenpiste gefahren ist und ich ihn kurz vor Zagora überholt habe. Er hat einen 4×4 mit Wohnkabine und ist so etwas langsamer. Wo bist du? Auf dem Campingplatz neben Dar Sofian. Komm doch vorbei. 5 Minuten später waren er und seine Freundin da, wieder mal ganz unverhofft ein nettes Gespräch.

Mit Mohammed auf Piste

Können täte ich es ja auch alleine, habe es in der Vergangenheit gezeigt und brauche mir nichts mehr zu beweisen. Aber einerseits wegen der Sicherheit, vor allem aber auch, weil es mit ihm die interessantesten Strecken zu entdecken gibt, habe ich mich entschieden, Mohammed Ouattou auf die Tour mitzunehmen. Er ist von Beruf Pistenführer und kennt wirklich jeden Stein abseits der Teerstraßen. Ich bin schon öfter mit ihm gefahren und habe immer Dinge entdeckt, die ich allein nicht gefunden hätte. Und so sollte es auch heute kommen.

Vom Biwak aus fuhr ich zunächst zur Tankstelle und zitterte etwas, ob ich auch meinen Diesel auffüllen kann. Denn diese einzige Tankstelle des Erg Chebbi hat vor allem am Morgen gut zu tun. Und es gelang mir tatsächlich noch vor einem Lkw dran zu kommen, der nicht nur seinen Tank, sondern etliche Kanister auffüllen wollte für die vielen Enduros, die auf seiner Ladefläche verzurrt waren. Endurofahren wird ganz groß geschrieben im Erg Chebbi oder überhaupt in Südmarokko. Wenn ich hier überall die Quads, Enduros oder auch 4×4 durch die Wüste rasen sehe wundere ich mich immer über das Auswärtige Amt, das Südmarokko doch als gar so gefährlich ansieht und möglichst niemand hinreisen lassen möchte. Hier ist so viel los, Sicherheit vor Terror ist gegeben, Sicherheit vor Beinbrüchen aber nicht, auch heute ist wieder ein waghalsiger Endurofahrer verunglückt.

Pünktlich um 10 Uhr war ich in Taouz und Mohammed wartete schon am Ortseingang auf mich. Kurz vor uns fuhren vier deutsche 4×4 auf die Piste, allerdings nicht auf unsere. Es gibt zwei und durch Mohammed weiß ich, dass unsere nicht nur ruhiger ist, während die andere viel von Minen-LKW gefahren wird und furchtbar ausgefahren ist, unsere führt auch durch schönere Landschaft und vor allem durch herrliche Dünenfelder, die die anderen ohne Führer eben nicht kennen. Unser erstes Ziel war Tazoult, dort gibt es eine Herberge wunderschön auf einem Hügel vor einem Dünenfeld gelegen. Leider war sie geschlossen, wie dann auch die meisten an der Strecke. Freitag, da versucht jeder zu einer Moschee zu kommen. Also gab Mohammed Gas und bretterte los. Einfach quer über die Dünen wie auf einer Autobahn, es geht hinauf und hinunter, zögern darf man nicht, will man nicht stecken bleiben. Da muss man schon ganz genau wissen, wohin man will und genau dafür hatte ich ihn ja auch mitgenommen. Hin und wieder waren Spuren zu sehen, aber Moha hielt sich nicht daran, suchte seinen eigenen Weg. Man kann bis fast nach Ramlia quer durch die Dünen fahren, was die meisten nicht wissen. Aber da wir in Ouzina wieder einige Herbergen besuchen wollten, fuhren wir doch hinüber zur Piste. Und dort trafen wir dann auch wieder die vier Deutschen. Statt selbst durch das Dünenfeld zu fahren ließen sie die Drohne darüber kreisen für Aufnahmen aus der Luft.

Ramlia war unser erster Stopp. Das Cafe Oasis mitten im Dorf mit seinen bunten Säulen existiert schon seit Urzeiten, hier muss man einfach was trinken. Ahmed begrüßte mich freudig, er kannte mich, obwohl er bei meinem allerersten Besuch höchstens nach Bonbons betteln konnte, denn das war vor 32 Jahren. Meine erste Pistentour im Süden mit einem Suzuki und in Begleitung einer Freundin, einfach unvergesslich. Moha verabschiedete sich für die Moschee, es war Freitag Mittag und man traf sich zum Gebet. Selbst die Frauen wanderten dorthin.

Als wir weiter fuhren fragte Moha, ob ich die Dünen von Ahanou kenne. Nein, keine Ahnung. Wir kamen an die Kreuzung vor Tafraout Sidi Ali, wo es rechts zu der Oase von Mharech geht und wo ich vor 6 Jahren mit Moha im Sand stecken blieb. Und da geht auch eine Piste links ab, eben zu den Dünen von Ahanou, während es nach Tafraout geradeaus geht. Moha meinte, da sei es unglaublich schön. Und das war es dann auch. Rotgoldene Dünen, ein weiter Hang, und man kann auch sehr gut auf dem Sand fahren. Ein weiter Blick ins Tal, einzelne kleine spitze Hügel erheben sich, ja, das hier ist unberührte Natur. Hier sollte man sein Lager aufschlagen, schöner kann man es nicht treffen. Und so schön, wie das Auge es sieht, bekomme ich es auch nicht mit meiner kleinen Kamera eingefangen. Schade, denn diesen Anblick möchte ich gerne für die Ewigkeit festhalten. So muss ich einfach ab und zu wiederkommen. Und ein ganz zarter grüner Schimmer ist zu erkennen, Gräser drücken sich durch die goldenen Sandkörner und kleine Blüten öffnen sich. Tafraoute Sidi Ali ist wirklich unglaublich schön, aber bei den meisten Besuchern auch völlig unbekannt, und selbst die 4×4-Fahrer, die die Piste von Merzouga nach Zagora fahren, sehen die Schönheit oft nicht, da sie nur durchrasen. Es lohnt sich, in Tafraout einige Tage zu bleiben und vielleicht sich auch hier auf ein Biwak einzulassen. Das ist Tourismus abseits vom Tourismus.

In Tafraout dann wollte ich in dem neuen Hotel schlafen, mit ordentlichen, klimatisierten Zimmern und einem schönen Pool. Ich habe sogar schon ein Zimmer reserviert, doch zunächst wollten wir weiter, für meine Recherche noch einige andere Herbergen abklappern, die natürlich alle viel einfacher sind. Und vor allem wollte ich zu Said in der Auberge Dar Lajdoud, wo ich mich vor 2 Jahren sehr wohl gefühlt habe. Im letzten Jahr habe ich nicht in Tafraout, sondern in der nahe gelegenen Oase Mharech gewohnt, in einer Herberge, die Saids Bruder gehört. Als wir bei Said ankamen freute er sich sehr und bot mir natürlich an, die Nacht zu bleiben. Geht ja nicht, habe ja ein komfortables Zimmer im Les Jardins. Doch dann sah ich ihm in seine freundlichen Augen und entschied mich anders. Noch so großer Luxus kann keine Herzlichkeit aufwiegen und hier fühle ich mich  einfach wohler.

Bevor wir aber wirklich unser Lager aufschlugen wollte ich noch weitere Herbergen besuchen und vor allem die berühmte Auberge Marabout. Sie steht an einem kleinen Grabhäuschen, eben das Marabout, umgeben von einem Friedhof mitten in der leeren Wüste. Und ist daher ein fester Punkt für alle Pistenfahrer. Die gleichnamige Auberge steht ebenso seit alter Zeit und bot immer ganz einfache Zimmer und Tamtam-Musik am Abend. Und genau hier an diesem öden Platz wollte doch mein Koch im Riad Azawad sein Handwerk gelernt haben.

Beim Näherkommen hielt ich das aber nicht mehr für ganz so unwahrscheinlich. Die Auberge hat sich so sehr gemausert, dass sie sich nun Kasbah Marabout nennt. Es gibt große Zimmer mit Bad, ein gemütliches Restaurant und wahnsinniges Essen. Zwar gibt es nicht mehr den besagten Portugiesen, aber der nun marokkanische Patron hat die gute Küche beibehalten, was ich allerdings nur von den Fotos her beurteilen konnte. Großartig und ich kann jedem nur empfehlen, dort abzusteigen.

Wüstenabenteuer de luxe

Heute muss ich wieder ein ganz intimes Detail preisgeben: Mein A… tut weh! Ist richtig aufgerieben. Was ich aber nur merke, wenn ich mich morgens dusche und den Körper schrubbe. Und wer ist dafür verantwortlich? So ein dummes Kamel.

Aber mal wieder von vorne. Nach der schönen Nacht im Cafe du Sud fuhr ich auf weitere Recherche und stieg endlich im Riad Azawad für die Nacht ab, da es neu eröffnet wurde und ich es kennenlernen wollte. Daher hat es auch noch nicht zu viele Gäste, außer mir gab es nur ein Paar mit undefinierter Sprache und ich musste mich mal einen Abend ohne Unterhaltung gedulden. Aber das wurde mir dann versüßt durch ein ausgezeichnetes Mahl. Diesmal nicht marokkanisch, sondern international. Der Küchenchef, hier Koch zu sagen, wäre viel zu wenig, kam persönlich an den Tisch und fragte, ob alles in Ordnung sei. Wir unterhielten uns und er sagte, er habe kochen gelernt in Tafraout in der Auberge Marabout bei einem Portugiesen. In Tafraout? In einem Kaff am Ende der Welt, das noch nicht mal in Karten verzeichnet ist? In einer Auberge, die gerade mal eben Zimmer mit WC und Dusche hat, aber noch nicht mal elektrischen Strom? Ich konnte es kaum glauben. Aber es war vorzüglich und der Nachtisch Mousse au Chocolat hat mich sowieso umgehauen, das ist selten in Marokko. Die elegante Einrichtung der Zimmer erinnerte mich stark an das Biwak und das war kein Zufall, wie ich später vom Inhaber erfuhr. Es ist der gleiche Designer.

Im Camping Haven la Chance vertrieb ich mir die Zeit, zum Mittagessen mal wieder eine hochinteressante Frau getroffen, so dass ich irgendwann dann schnell zum Cafe du Sud rasen musste, was auf der neuen Straße vor den Dünen ja kein Problem ist. Denn ich hatte ja die Zusage erhalten, dass ich mit zum Camp kommen kann. Die 4 Camper warteten schon, wir alle hatten eine kleine Tasche gepackt, und ab ging es zum Kamel-Parkplatz am Beginn der Dünenstrecke. Dort ist am Abend richtig viel los. Einige reiten in langen Reihen zu ihren Camps, andere erklimmen nur die Dünen um den Sonnenuntergang zu erleben. Unsere Karawane war nur 7 Kamele lang, geführt von Moha ging es hinauf und hinab. Aber auch Autospuren waren zahlreich zu sehen, die Camps müssen ja auch versorgt werden. Mit Lebensmittel, Wasser und auch die Wäsche wird nicht hier gewaschen. Früher schlief man in der Wüste auf Matten und deckte sich mit einer alten Decke zu, die selten gewaschen wurde. Oft brachten sich Gäste ein Betttuch mit. Heute hat man King Size Betten mit exklusiver Hotel-Bettwäsche, Laken, Bezug und unzählige Kissen. Wer kam nur mal auf die Idee, Betten so mit Kissen vollzustopfen, dass man nachts nicht weiß, wo man die unterbringen soll. Außer uns noch ein japanisches Paar. Sie sprachen gut englisch. Ich schätzte sie auf Vater und Tochter, er Mitte 40, meine Freunde sagten, nein, er ist jünger und das seine Frau. Am nächsten Morgen kam ich mit ihm ins Gespräch. Tochter war richtig, aber der Vater 52. Beneidenswert, wie jung er aussah, wie faltenfrei seine Haut war. Und die Tochter wunderhübsch.

Unser Kamelritt dauerte gut eine Stunde, ich fand meinen Sattel eigentlich ganz bequem, während die anderen nur hin und her rutschten. Aber dennoch kam dieses Ergebnis zustande, siehe oben. Einstimmig waren wir Fünf uns, dass wir weder den Sonnenuntergang, noch den Sonnenaufgang sehen wollten, das überließen wir den Japanern, denn dafür hatten wir alle es schon zu oft gesehen. Und vielleicht schöner. Die anderen sind Segler und haben so was alle Tage.

Stattdessen labten wir uns an Tee und Plätzchen und suchten uns die schönsten Zelte aus. Danach ging es zum Abenddiner, zwei Flaschen Wein hatten die Freunde auch mitgebracht, es wurde natürlich wieder ein schöner Abend. Und dann spielte die Musik. Zuerst nur unser sehr netter Kellner Hussein, und ich dachte, na, das habe ich schon besser gehört. Doch dann kam das Küchenpersonal dazu und es wurde ein richtiger Ahidous daraus. Dazu stellen sich zwei Gruppen in Reihen gegenüber, schlagen auf die Trommeln, was sie nur können, und singen ein immer gleich lautendes Lied. Über das Leben der Nomaden, die Freiheit, die Liebe. Dabei schreitet man im Gleichklang vor und zurück, rechts und links, und Thea und ich ließen uns mitreißen. Ich, die ich immer zu schüchtern war, irgendetwas mitzutanzen, habe in Florida dank Carla irgendwie diesen Knoten zerschnitten, und es war einfach schön.

Am Morgen fuhren Thea und ich dann mit dem Versorgungswagen zurück über die Wüstenautobahn, Thea weil sie körperliche Probleme hat und das Kamelreiten nicht verträgt, ich weil ich schneller sein wollte, es stand ja ein langer Tag vor mir, an dem ich schließlich auch sehen sollte, wo der Koch sein Handwerk gelernt hat.

Merzouga

Wie jedes Jahr so ist auch diesmal Merzouga wieder ein Wechselbad der Gefühle. Ich freue mich immer sehr, herzukommen und die alten Freunde wiederzutreffen, aber es gibt auch immer irgendwelche Schwierigkeiten. Ein solch alter Freund ist Ali Mouni. Ich habe schon sehr schöne Zeiten mit ihm erlebt, wir sind tolle Pisten zusammen gefahren, haben herrliche Wüstenpicknicks gemacht. Aber seit ein paar Jahren klappt es einfach nicht mehr. Zwar ruft er zwischendurch immer mal an, beschwört mich, zu kommen und länger zu bleiben, aber wenn ich dann da bin ist er komisch. Den ersten Abend haben wir lange zusammen gesessen und gegessen, aber man bekommt kaum ein Wort aus ihm heraus. Dann frage ich mich, was mache ich eigentlich hier. Ich liebe es auch sehr, in den Hotels mit den anderen Gästen zusammen zu kommen, schöne Gespräche zu führen, aber in Alis Nomad Palace klappt das meistens nicht und ich habe niemand zum Reden. Für heute hatte mir Ali versprochen, dass wir zusammen die Piste nach Ouzina und Ramlia fahren. Ich hätte mich echt gefreut, wenn ich auch schon dachte, dass daraus nichts wird. Am Morgen war von Ali keine Spur. Und sein Telefon hatte keine Verbindung. Also hinterließ ich ihm eine Nachricht und reiste ab. Allerdings wollte ich weiter in Merzouga bleiben. Wäre gerne ins Riad Madu, aber das ist ausgebucht. Außerdem musste ich mir noch ein Biwak anschauen. Ich habe im Oktober eine größere Gruppe, die eine Nacht im Luxusbiwak bleiben will. Da Abdous wunderschönes Biwak dafür zu klein ist, hat er das entsprechende Biwak von Xaluca gebucht. Und da ich dies noch nie gesehen hatte, habe ich es mir gestern angeschaut. Ich war total enttäuscht. Nein, das entspricht nicht unserem Standard, das ist nicht, was diese speziellen Gäste wollen. Ich war ziemlich am Boden, was nun. Aber Abdou findet für alles eine Lösung, er will sich drum kümmern und ich soll heute etwas hören. Nichts habe ich gehört. Weder eine Nachricht, wo ich heute schlafen soll noch Biwak, einfach nichts. Dann weiß ich irgendwie nicht, wo ich mein Ei hinlegen soll und war ziemlich schlechter Laune.

Um die Zeit zu vertreiben fuhr ich zum Campingplatz von Mohayut, der meist fest in deutscher Hand ist. So auch heute. Ich traf ein nettes Camper-Ehepaar, die nur den ziemlich dünnen Konkurrenzführer besaßen und schon viel von meinen Büchern gehört hatten. Sie waren sehr froh, dass sie diese nun gleich erwerben konnten. Aber noch froher waren sie über den weiteren Verlauf des Gespräches. Sie erwähnten, dass sie ihr erst 2 Jahre altes Navi nicht benutzen können, da das dummerweise Marokko nicht enthält. Ich hatte meinen PC dabei mit der kostenlosen Marokko-Karte und Basecamp und in wenigen Minuten war das auf ihr wunderschönes Garmingerät geladen. Die beiden waren echt froh, nun nicht mehr durch die verwirrenden Straßen einer Stadt irren zu müssen. Und ich konnte ihnen auch gleich zeigen, wo sie die richtige Einstellung für meine Koordinaten vornehmen können. Denn das ist ein Problem, das viele haben. Obwohl ich im Führer genau schreibe welches System ich verwende und dass dies eingestellt werden muss, überlesen das die meisten und schimpfen auf meine angeblich falschen Koordinaten.

Inzwischen sendete mir die Agentur dann endlich eine Kontaktnummer fürs Biwak, aber ich erreichte niemand, dafür erreichte die miese Stimmung ihren Höhepunkt. Ich beschloss, einfach aufs Gratewohl zu der Auberge zu fahren, zu der das Biwak gehört.

Und damit löste sich die schlechte Stimmung des Tages gründlich auf. Wenn jeder Nachmittag so schön wird können gerne die Morgen mies sein.

Doch von vorne. Im Hotel wusste man nach einigen Telefonaten endlich, worum es ging. Und meinte, zum Biwak müssen wir aber mit dem Quad fahren. Ich sagte, kein Problem. Dann meinte der Fahrer, ob ich selbst fahren will. Oh Gott, hab ich noch nie getan, aber ich sage nie im Leben nein. Also fuhr ich vom Hoteleingang zur Garage. Und das wars dann auch. Einstimmig beschlossen alle, inklusive mir, dass ich lieber hinten drauf sitzen solle.

Ich bin da echt nicht für gemacht. Und dann ging die wilde Fahrt auch schon los. Der Fahrer bedeutete mir, dass ich die Hände um ihn lege, nur hinten an Griff festhalten reicht nicht. Er fuhr immer auf die höchste Düne hinauf, und die fallen ja auf der anderen Seite steil ab. Und am Hang im 90 Grad Winkel schräg fahren gehörte auch zu seinen Spezialitäten. Ich musste mich ganz schön festklammern. Er hat auch keineswegs den direkten Weg genommen sondern mich quer durch den Erg Chebbi gefahren. Ich war überrascht wie schön es dort im Innern ist. Immer wieder gibt es kleine Palmengrüppchen und ab und zu richtige Wiesen. Öfter raste ein einzelner Endurofahrer die Dünen fast 180 Grad hoch, es war unglaublich. Leider ist es völlig unmöglich, diese heiße Fahrt zu filmen, da bräuchte man schon eine Helmkamera.

Und dann kamen wir zum Biwak. Die Managerin Sara hatte gesagt, es sei das schönste weit und breit, die Leute wollen niemals mehr abreisen und ich dachte im Stillen nur immer, hah, die haben das von Sahara Experience noch nicht gesehen. Und dann schaute ich in die Zelte. Es ist wirklich unglaublich, was die da mitten in der Wüste hingezaubert haben. Eine Eleganz und ein Luxus, wie man ihn in Merzouga in den Hotels nicht findet. Jedes Zelt anders und vor allem, jedes Zelt bereit für Gäste. Gemälde an den Wänden, hohe Keramikvasen zur Dekoration, was gar nicht so leicht über die hohen Dünen zu transportieren war, ohne diese zu zerbrechen. Es sieht so aus, als sei dieses Biwak immer ausgebucht. Aus der Küche kam ein kleiner Lunch für mich, die Köchin entschuldigte sich, es gäbe nicht viel, das Abendessen sei ja noch nicht fertig. Aber es war einfach köstlich. Auf der ebenso heißen Rückfahrt sahen wir dann auch die Karawane der Touristen, die auf Kamelen zu diesem schönen Biwak ritten, um eine herrliche Nacht unter den Sternen zu verleben. Ein bisschen neidisch war ich schon.

Zurück am Hotel sah ich schon von weitem, dass ein Wohnmobil auf dem Parkplatz neben meinem Wagen stand. Und an der Rezeption gab es die Nachricht, dass die Camper nach mir gefragt hätten. Und so endete der Nachmittag bei einem Gläschen Wein im Wohnmobil. Natürlich erzählte ich von meinem Biwakabenteuer und die Beiden wurden ganz kribbelig. Das wollen sie auch, diesen Wüstenluxus wollen sie erleben. Ein wenig später kam noch ein weiteres Riesengefährt, Freunde von Ihnen, und wir beendeten den Tag bei einem wirklich guten Abendessen in der Auberge du Sud. Am Nebentisch noch eine kleine deutsche Reisegruppe, eine Frau auch aus Wiesbaden und es war einfach schön, so viel zu erzählen. Und vielleicht verbringen wir demnächst alle zusammen eine Nacht in diesem schönen Wüstencamp.

Ja, so stelle ich mir die Marokkoabende vor. Und nicht mit dem schweigsamen Ali.

Von Erfoud nach Merzouga

Frage: Wie lange braucht man von Erfoud nach Merzouga (55 km)

Antwort: Mindestens einen Tag!

Ich war kaum in „meinem“ Marokko angekommen, da begannen sie auch wieder, die schönen Erlebnisse. Für mich gehört zu einer solchen Reise nicht nur die herrliche Natur und ein warmes Wetter, es gehört auch die Geselligkeit dazu, interessante Begegnungen mit netten Menschen, gute Gespräche, lustige Abende. Bei Thomas in Errachidia war es ja noch eher kühl, aber schon in der geschützten Oase von Meski war es richtig warm und ich traf etliche Camper, die noch ein paar Tage bleiben wollen, weil im Norden gerade heftiger Sturm und Regen herrscht. Die Fähren sind vorläufig eingestellt und ich sah Fotos, dass die Dächer der Zollabfertigung vollkommen zerstört sind. Am Nachmittag kam ich auf dem Campingplatz Chez Karla in Erfoud an und wurde von Ismail sehr herzlich aufgenommen. Auf dem Platz war ein schweizer Ehepaar im Wohnmobil und wir waren uns sofort sympathisch. Ein richtig lustiger Abend zusammen mit Ismail endete erst gegen Mitternacht. Das Schöne an diesem Campingplatz ist, dass auch an Menschen ohne Wohnmobil gedacht wird, es gibt sehr hübsche Zimmer mit Bad und ich wollte eigentlich gar nicht mehr weg.

Das tat ich auch zunächst nicht, der nächste Tag war mit Arbeit ausgefüllt, die Schweizer machten eine Wüstentour mit Ismail und am Abend natürlich wieder ein herrliches Diner im Restaurant vor dem brennenden Kamin.

Am Morgen geht mein erster Griff immer sofort ans Smartphone, um die neuesten Nachrichten abzurufen, und Ursula aus Taunusstein war auch schon gleich da. Aber dann las ich unter meinen Freunden in facebook, dass Kamal, der Filmproduzent, gerade in Merzouga dreht. Ich traute meinen Augen nicht, rief ihn sofort an und wir verabredeten uns zum Mittagessen im Yasmina. Eigentlich muss ich ja zu Ali Mouni in den Nomad Palace, er wartet schon so lange auf mich und schickt dauernd Nachrichten. Aber erst mal wegkommen! Das ist gar nicht so einfach. Noch ein Abschiedsfoto, ein Abschiedstee, noch ein Geschichtchen und es war schon fast 11 Uhr als es endlich losging. Zunächst sollte ich mir in Rissani noch ein neues Hotel anschauen. Es ist sehr hübsch, komfortabel und preislich gut, aber die Konkurrenz von Merzouga ist halt groß. Jeder will doch lieber direkt an den Dünen wohnen. Rechtzeitig zu Mittag kam ich dann ins Yasmina, wo die große Film Crew schon beim Essen saß, ohne Kamal. Sie wollten mich sofort einladen, aber ich wartete noch ein wenig. Es wird ein Videoclip für eine junge deutsch-marokkanische Sängerin gedreht, von der ich altes Semester natürlich noch nichts gehört hatte.

https://en.wikipedia.org/wiki/Namika

Und da kamen auch Kamal und sein Bruder Jawad zusammen mit dem Produktionsleiter und wir setzten uns mal wieder zu einem sehr interessanten Gespräch. Der Produktionsleiter ist wohl sehr bekannt in Marokko, er war auch an der Entstehung des wunderschönen Films „Himmel über der Wüste“ von Bertolucci beteiligt. Eigentlich wollte ich auch noch bei den Dreharbeiten zuschauen, aber so was dauert halt immer, der Wind nahm zu und ich fuhr weiter.

Zunächst zu Ali ins Ksar Bicha. Auch das eine wunderschöne Auberge an den Dünen. Ich wollte das hier bessere Wifi nutzen, denn in Alis Nomadenpalast ist das kaum zu bekommen. Und hier traf ich auch die Holländer wieder. Sie waren am Abend auf den Campingplatz gekommen in einem kleinen Mietwagen und hatten sich eine teure Wüstentour andrehen lassen. 220 Euro für beide mit Übernachtung im Biwak. Das habe ich ihnen sofort ausgeredet, sie haben ja schließlich ein Auto, mit dem sie Merzouga bequem erreichen können und hier haben sie eine Tour bekommen mit Kamelritt, Abendessen, Frühstück, Biwak für 80 Euro.

Und nun ist es schon fast Abend und ich bin immer noch nicht angekommen.

Von Midelt nach Errachidia

Im Hotel gab es ein leckeres Frühstück, frisch gebackene Pfannkuchen mit Ziegenfrischkäse und regionalem Honig in leuchtendem Orange. Als ich dann weiter Richtung Errachidia fuhr standen Männer am Straßenrand und verkauften diesen in Flaschen. Von dem Biologen Thomas erfuhr ich später, dass die Farbe von dem hier wachsenden Zickzackdorn herrührt. In Rich biege ich ab auf die Straße nach Imilchil, dort will ich aber nicht hin, sondern nach Amellago. Dort betreibt Ali die schöne Auberge Amellago, eine Mischung aus Marokko und Ikea. Das ist liebevoll gemeint, denn während das Haus und die Dekoration natürlich im marokkanischen Stil sind, sind alle wichtigen Dinge wie gute Armaturen über Geschirr bis hin zu den Papierservietten von Ikea, mitgebracht von dem in Frankreich lebenden Bruder. Ali hat ein Mittagessen für mich vorbereitet und ich kann die Kochkurse mit ihm besprechen. Auf den von mir organisierten Reisen gibt es immer mal wieder Kunden, die deshalb nach Amellago kommen, Ali macht das liebevoll und persönlich. Draußen stehen die Mandelbäume in voller Blüte und im Innenhof reifen die Zitronen und Orangen, unglaublich in dem kalten Amellago auf 1300 m Höhe.

Auf dem weiteren Weg durch die Rheris-Schlucht sind die Furten alle von Wasser überspült, man muss langsam durchfahren, da etwaige Löcher nicht zu sehen sind, aber alles geht gut. Und die drei deutschen Wohnmobile, die mir unterwegs entgegen kommen, zeigen, dass auch sie es geschafft haben. Dann geht es weiter nach Errachidia, wo Thomas bereits auf mich wartet. Er lebt schon lange in Marokko und ist vor allem für die Camper ein beliebter Ansprechpartner, die gerne auf seiner Farm im wilden Nomadenland ein paar Tage stehen und auch eine Menge Kleidung mitbringen, die Thomas in seiner Kleiderkammer an Bedürftige verteilt. In seinem großen Haus ist nicht nur Platz für die zwei eigenen und zwei Pflegekinder, sondern auch für mich und selbst mein voll bepackter Wagen findet ein sicheres Plätzchen in der Garage. Aber am Morgen packe ich wieder meine kleine Kaffeemaschine aus, denn Thomas bevorzugt Nescafe in Milch aufgelöst, während ich meinen guten Filterkaffee liebe. Thomas hat seine große Familie gut durchorganisiert, einer der großen Jungs fährt schon um sechs zum Bäcker, der andere deckt den Tisch und um 6:30 sitzen alle am Frühstückstisch. Eigentlich wollte ich ja danach weiter fahren, aber Jamila verspricht ein gutes Mittagessen und so sage ich zu, dass ich erst danach nach Erfoud weiter fahren werde. Und kann meine ganzen Büroarbeiten gut erledigen.

Schnee über Midelt

Von dem Tag gibt es nicht viel zu berichten. Ich besuchte den neuen Campingplatz in Mahirija, der nun auch schnelles Wifi hat und fuhr dann weiter nach Midelt. Es waren zwar 400 km , aber bei dem frühen Aufbruch vom Schiff war ich schon kurz nach 13 Uhr dort. Besuchte den Camping Municipal in der Stadt und war erstaunt, wie voll er ist. Auch der Pächter Hafid ist sehr nett und hilfsbereit, die Leute fühlen sich wohl. Viele Franzosen, aber die Deutschen haben sich mal wieder nur in der Gruppe getraut. Ich wohne heute in der Kasbah Asma, die zwar ziemlich heruntergekommen ist, aber es ist ja nur eine Nacht. Auf den Bergen glitzert der Schnee, in der Stadt waren es fast 20 Grad, aber ein eisiger Wind ließ mich das kaum spüren.

Fähren-Überfahrt mit der Atlas von GNV – Sete -Nador

Sehr gerne denke ich an meine erste Fährüberfahrt im Jahr 1986 zurück. Es war die Marrakech, ein marokkanisches Schiff im Privatbesitz des Königs. Wunderbare Salons mit Holzschnitzereien und ein toller Service. Nach Ankunft an Bord musste man sich beim Restaurantchef melden, er teilte einem einen Tisch zu, meist mit 6 Personen, und das war immer ein Erlebnis. Tolle Gespräche mit interessanten Menschen, einmal sogar mit dem amerikanischen Konsul, der daraufhin ein Freund wurde. Vorzügliches 4-Ganz-Menü am weiß gedeckten Tisch, ein schöner Wein dazu. Am Tage wurde – natürlich nur in der warmen Jahreszeit – das Wasser in den Pool gelassen und zwischendurch konnte man Tontauben schießen. Am Abend spielte eine Musikkapelle. Diese Überfahrten habe ich immer sehr genossen, oft kamen mir die Tränen, wenn ich wieder einmal an Bord ging vor lauter Freude. Und natürlich war ich damals eine junge Frau und damit war es leicht, die komplette Mannschaft kennen zu lernen. Der Bordingenieur zeigte mir das ganze Schiff.

Doch diese schönen Zeiten waren bald vorbei. Zunächst merkte man, dass das Menü auf 3 Gänge vermindert wurde, das schöne Besteck wurde nicht mehr ausgelegt, die Kabinen zwischendurch nicht mehr gereinigt. Und dann war die Gesellschaft pleite und meine schöne Marrakech gab es nicht mehr.

Heute wird die Überfahrt ab Italien oder Frankreich meist von der italienischen GNV gemacht, der Grandi Navi Veloci. Die haben zwar neuere Schiffe, aber nicht mehr einen so guten Service. Das Essen ist nicht mehr im Preis enthalten, man kann ein Voucher kaufen und dann in der Kantine in sehr mäßiger Qualität essen. Doch der Reihe nach.

Und 20 Uhr soll das Schiff ablegen, man muss 4 Stunden vorher am Hafen sein und zunächst sein Ticket am Schalter vorzeigen. Daraufhin bekommt man die Bordkarten. Unser Schiff, die Atlas, traf um 14:30 Uhr ein. Darauf begann die lange Kolonne der Autoausfahrt, und im Schiff selbst das Reinemachen. Die Mannschaft hat dafür 5 Stunden, schon daran sieht man, dass mit Einschiffen um 16 Uhr nichts werden kann. Aber die wollen ihre Schäfchen beisammen haben. Doch auch die später angekommenen bekamen ihr Ticket. Der Hafenparkplatz war unglaublich voll, meist Marokkaner mit hoch beladenen Kleinlastern und ich konnte mir kaum vorstellen, wie diese vielen Fahrzeuge in ein einziges Schiff passen sollen. Es war fast 18 Uhr bis endlich die ersten Autos einfahren durften, natürlich zunächst die kleinen PKW, die auf die höheren Ränge des Garagendecks müssen. Und ganz lange warten müssen, bis sie wieder raus kommen. Dazu gehörte natürlich auch ich. Dann nimmt man sein Übernachtungsgepäck und geht hoch zur Rezeption. Und unglaublicherweise war das Schiff tatsächlich pünktlich beladen, es war sogar noch Platz in der Garage und um 19:55 Uhr fuhren wir los.

Auf dem Schiff waren hauptsächlich Marokkaner, die die komplette Verpflegung mitbringen sowie Kissen und Decken zum Schlafen. Die liegen dann später einfach auch überall. Sie buchen oft nur einen Liegesessel, schlafen aber irgendwo auf dem Boden. Ich hatte eine innen liegende Viererkabine zur Alleinbenutzung gebucht, war damit auch zufrieden, aber man strich an der Rezeption die Nummer aus und gab mir statt dessen einen Stock höher eine Außenkabine. Keine Ahnung warum, aber ich sage nicht nein. Und schon war es Zeit zum Abendessen. Das Voucher kostet 29 Euro und enthält 3 warme Mahlzeiten und 2 Frühstück. Es gab zur Auswahl Pasta, Fleisch und Fisch und davon reichlich. Zum Voucher gehörte ein Fleisch- oder Fischgericht, Beilage, 3 Stück Brot und ein alkoholfreies Getränk. Das Essen war nur lau, aber in der Cafeteria ist eine Mikrowelle. Vom Abendessen kann man satt werden, nicht jedoch vom Frühstück. Da gab es einen Becher Kaffee, einen Orangensaft und ein Croissant, keine Butter oder Konfitüre, es sei denn, man zahlt drauf. Das ist schon etwas dürftig.

An Einrichtungen bietet das Schiff die Selbstbedienungs-Cafeteria, die nur zu den Mahlzeiten offen ist, ein gutes Restaurant mit zivilen Preisen, eine Bar, wo man immer mal sitzen und etwas trinken kann. Dort gibt es auch Kuchen und gut aussehende Sandwichs. Eine schöne Boutique, die auch Kleidung bietet, ein großer Kinosaal und ein Kinderspielraum runden das ganze ab, für die Marokkaner natürlich auch eine Moschee. Die Hunde sind in einem zugigen Gang hinter der Cafeteria in kleinen Kabinen untergebracht, aber es war zum Glück keiner an Bord.

Außer den Marokkanern waren zwei deutsche Wohnmobilbesatzungen an Bord, zwei Holländer, eine deutsche Gruppe mit 2 PKW, die nach Burkina Faso wollen, ein schweizer Toyota, der bis Senegal will und einige Servicefahrzeuge für die Rallye Touareg. Dem Schweizer konnte ich sofort einen Mauretanien-Führer verkaufen.

Am ersten Morgen um 10 Uhr bildeten sich dann die Schlangen vor dem Raum, in dem der marokkanische Polizeibeamte die Pässe abstempelt. Zwei deutsche Camper, Erstbesucher, und ich waren ziemlich vorne und die ersten Nicht-Marokkaner in der Schlange, es ist halt gut, wenn man fragen kann. Und so habe ich mich auch gleich mit dem Grüppchen in der Schlange richtig gut unterhalten, wir haben so viel gelacht, dass die Zeit schnell vorbei ging. Und dann kam für mich die große Überraschung. Der Dienstraum öffnete sich und ich fand wie in einer Schulklasse Stuhlreihen und ein Podest vorne. Wir mussten uns der Reihe nach auf die Stühle begeben und warten. Also so gut organisiert habe ich die Passkontrolle noch nie erlebt. Natürlich nicht perfekt. Denn durch die Hintertür, durch die man später rausgehen sollte, schlüpften dann doch etliche Personen unbemerkt von der Obrigkeit unter Umgehung der Schlange hinein.

Nachdem diese Prozedur erledigt ist muss man ein paar Schritte weiter zur nächsten Schlange und dort die Fahrzeugpapiere ausfüllen lassen. Viele Touristen erledigen das ja schon zu Hause am PC und das wurde im Hafen auch immer akzeptiert, aber dieser freundliche Beamte nutzte die gleiche Internetseite und druckte das Papier noch einmal neu aus. Man kann sich die Mühe also sparen. Und zum erstenmal in all den Jahren hat mich der Beamte nach der Versicherung gefragt. Wie gut, dass ich die ganze Mappe dabei hatte, meist liegt der Schein ja im Handschuhfach.

Am Nachmittag spielte dann ein Marokkaner auf der Hammondorgel, ein zweiter sang dazu und das fast ausschließlich männliche Publikum klatschte, einer, der aussah wie der junge Gaddafi, tanze wie wild. Und der Orgelspieler erinnerte stark an Assad. Wir Deutschen saßen zusammen an einem Tisch, aber die Männer hielten den Lärm nicht aus und gingen draußen rauchen.

Mein GPS zeigte mir an, dass wir gegen 6 Uhr deutscher Zeit Beni Ansar (Nador) erreichen sollten. Natürlich braucht das Schiff dann noch eine Weile, bis es fest im Hafen liegt, vor allem da der Hafen von Beni Ansar sehr eng ist und die Schiffe bei zu starkem Sturm schon mal ausweichen müssen. Es gab tatsächlich in der Frühe noch Kaffee und Croissant und dann war ich wiederum erstaunt, wie organisiert die Abfahrt verlief. Bin halt bisher meist marokkanisches Chaos gewöhnt, die Italiener scheinen es besser drauf zu haben. Ich stand – natürlich – auf dem höchsten Autodeck 6, die großen Fahrzeuge auf 3, und so wurden die unterschiedlichen Ebenen einzeln aufgerufen, es entstand kein Gedränge und kein Auspuffmief, weil man halt nicht schon lange vorher im Auto saß und das unbedingt starten muss, obwohl das Heck noch zu ist. Hab ich oft erlebt. Auch die Abfertigung im Hafen lief geordnet, Autobesitzer müssen das Formular noch registrieren lassen, was schnell geht, der Zöllner fragte was ich dabei habe, war aber schon abgezischt bevor ich überhaupt antworten konnte und ich war entlassen. Um 8:50 deutsche, 7:50 marokkanischer Zeit war ich frei im Land, mit all meinen Weinvorräten und Büchern.

Reisebericht 2018

Eigentlich wollte ich ja um Mitternacht aufbrechen. Das wäre die richtige Zeit gewesen, um wie gefordert vier Stunden vor Abfahrt an der Fähre zu sein. Doch das kann ich einfach nicht. Habe also gemütlich zu Hause alles eingepackt, nochmal durchgewischt, und bin dann um 13 Uhr losgefahren. Was bedeutet, ich muss unterwegs schlafen. Das hätte ich mir gerne gespart. Aber der Plan war, wie schon so oft die Abkürzung über Landstraße von Besançon nach Lyon zu fahren und zunächst im altbekannten Routier mich unter die LKW-Fahrer zu mischen und ein preiswertes Menü mit einer Flasche Wein zu verzehren und dann bei Chez Bol, auch ein Routier, mir ein einfaches Zimmer zu nehmen. Kam zum ersten Routier, das Restaurant nicht mehr in Betrieb. Kam zum zweiten Routier, der Chef ist verstorben und alles ist zu. Ich erlebe schon öfter, dass die kleinen Hotels entlang der Route langsam alle zu machen, übrig bleiben nur die neuen Ketten. Schade.

So fuhr ich also weiter bis nach Bourg-en-Bresse und hier blieb mir nur das Ibis für 69 Euro, ein stolzer Preis, den ich sonst auf der Strecke nicht zahle. Man fragte, ob ich Abendessen oder Frühstück wollte, ich lehnte beides ab und spazierte lieber in die Innenstadt. Nicht weit vom Ibis ist eine schöne alte Kathedrale und direkt gegenüber fand ich ein tolles Bistro, gehörend zu einem sehr guten Restaurant. Und das war keine schlechte Wahl. Ich bestellte Kalbsfilet auf sehr leckeren, richtig knackigen Pilzen, eine Karaffe Chardonnay und gönnte mir danach sogar noch ein köstliches Dessert. Diese 35 Euro habe ich weniger bereut als die fürs Hotel.

Am Morgen dann eine Premiere. Hunger hatte ich eh keinen, also kam die neue Reise-Kaffeemaschine zum Einsatz und ich kochte mir meinen Kaffee selbst. Gegenüber war der Carrefour, ich hätte also noch zum Bäcker gehen können, aber wie gesagt, kein Hunger.

Und dann ging es auf die Piste. Noch 450 km bis Sete. Diese Anreise verlief also sehr entspannt, und für den, der unterwegs im Hotel wohnt, ist die Anreise nach Marokko so tatsächlich billiger. Ich habe für mich in Einzelkabine, das Auto und ein Essenspaket 350 Euro gezahlt, nur die Hinfahrt. Nachteil gegenüber meiner Lieblingsfähre ab Tarifa ist halt die lange Ein-Check-Zeit, die mal gut 4 Stunden dauert, und ob das Schiff pünktlich ist weiß man auch noch nicht. Bin nun in einem netten Bistro in Sete und soll um 16 Uhr im Hafen sein. Mal sehen, ob das Schiff dann da ist. Bisher unendlich viele marokkanische Kleinlaster, 4 deutsche Wohnmobile und Servicefahrzeuge der Tuareg-Rallye.