Eine Liebesgeschichte in der Wüste

Vor wenigen Jahren hatte ich bei Mhamid den Ksar Ouled Mhajar entdeckt. Es ist ein altes Dorf, das heute weitgehend vom Sand überrollt ist und dessen einst mächtige Kasbah fast zerfallen ist. Ich hätte das abseits des Weges liegende Dorf nie entdeckt, wenn ich nicht am Straßenrand ein kleines Schild gesehen hätte mit einer Einladung zum Tee. Abdelkader Khalil ist der alte Kaid des halb zerfallenen Dorfes und bot in seinem aus einfachen Planen zusammengebauten Zelt den zufälligen Passanten Tee, um ein wenig Geld zu verdienen. Ich fand den Alten schon damals sehr sympathisch, aber er sprach kaum Französisch.

Im Jahr darauf kam ich wieder zu der magischen Stelle und suchte nach Abdelkader, traf an seiner Stelle aber den viel jüngeren Jamal, seinen Sohn. Das Zelt hatte sich ein wenig vergrößert, es waren ein paar zusätzliche Hüttchen dazu gekommen und erst durch Jamal erfuhr ich die vollständige Geschichte des magischen Ortes und nahm ihn in meine Reiseführer auf. Ich bekam das Recht, jederzeit meine Freunde in die halb mit Sand gefüllte Familienkasbah zu führen, die im Innern wunderschöne Architektur aufweist, besuchte das Familien-Marabut, das seine Berühmtheit erhielt, weil der alte Marabut, Jamals Ur-Ur-Großvater die Baraka besaß, den Karawanen eine erfolgreiche Rückkehr zu ermöglichen, und erklimmte den Hügel mit den magischen Tamarisken, die den jungen Mädchen des Dorfes zu einem Ehemann verhelfen sollten. All das schrieb ich in meinem Reiseführer und empfahl Jamal, eine Fläche einzuebnen, damit Fahrzeuge bei ihm über Nacht stehen können.

In diesem Jahr nun besuchte ich Jamal erneut. Er kam mir überglücklich entgegen. Tatsächlich kommen nun Touristen, Deutsche, mit meinem Führer. Er hat eine kleine Betonbrücke über den Bewässerungskanal gelegt und nun kann man ganz gut bei ihm einfahren. Und die Landschaft, die sich dahinter bietet, ist einfach grandios. Wer braucht schon Chegaga, wenn sich in Fußweite von Mhamid so schöne Dünen bieten, immer mit kleinen Tamariskengruppen dazwischen oder mit Palmen. Einfach wunderschön. Und Jamal bietet nun auch Kamelexkursionen in diese herrlichen Dünen an, fern von Chegaga, aber mindestens genauso schön.

Ich hatte nur kurz Zeit und versprach, noch einmal wiederzukommen. Und genau das tat ich nach meiner Rückkehr aus Chegaga. Ich rief Jamal kurz an und kündigte meinen Besuch für den Nachmittag an. Jamal war da und stellte mir seine Frau vor.

Was! Eine Frau? Und eine Europäerin!

Ich war zunächst mal sprachlos, hatte ihn nie mit einer Frau gesehen. Und zunächst macht man sich ja mal seine Gedanken, lässt seine Vorurteile spielen, wovon ja niemand ganz frei ist. Ich zeigte Bronia und Eckhard den magischen Hügel, dann kamen wir zurück und Camelia, was für ein schöner Name, lud uns ein in ihr Hüttchen. Und wir erfuhren einiges aus ihrem Leben, das meine Meinung doch ganz schön änderte.

Camelia ist Rumänin. Sie ist 50 Jahre alt und hat schon sehr viel erlebt. Ihre Eltern waren bekennende Christen in einem kommunistischen Land, hatten viel zu erdulden. Camelia war beim Militär, hatte später in vielen Berufen gearbeitet, auch als Filmregisseurin und viel im Ausland, in Skandinavien. Und dann schrieb sie sich ihre Erlebnisse von der Seele in drei Bänden, wofür sie einen ersten Preis in Rumänien gewann. Sie kam nach Marokko auf der Suche nach ihrer Identität, auch auf der Suche nach der Wahrheit der Religionen, denn sie war keine praktizierende Christin wie die Eltern, sie war auf der Suche. Kam in dieses kleine Camp. Jamal bot ihr eine Kameltour an. Sie hasste Jamal auf den ersten Blick, wollte nichts von ihm wissen. Sie spazierte über das Gelände, sah den Friedhof um das Marabut und hatte auf einmal das Gefühl, dass sie nur dort einmal ihre letzte Ruhestätte haben wollte. Jamal kam zu ihr, nahm seine Sonnenbrille ab, sie blickte in seine Augen und sah darin das Leid, das auch er in seinem Leben erfahren hatte. Das änderte alles. Jamal sagte schon beim zweiten Besuch von Camelia seinen Eltern, dass dies die Frau sei, die er heiraten wolle. Und auch die Eltern lieben Camelia, obwohl sie ja wissen, dass sie von ihr nicht die in Marokko üblichen und erwünschten Enkelkinder bekommen können. Camelia ist nicht reich, auch sie muss für ihren Lebensunterhalt arbeiten, sie ist eine sehr stille, nachdenkliche, liebenswerte Frau, so dass ich ihr diese Liebesgeschichte voll abnehme.

Der Plan der Beiden ist, demnächst nach Norwegen abzureisen, wo Camelia Beziehungen hat, dort den Sommer über zu arbeiten, und dann im Oktober wiederzukommen, um das kleine Camp auszubauen und vielleicht ein richtiges Restaurant zu eröffnen. Auch die alte Kasbah soll aus ihrem sandigen Schlaf befreit werden. Ich wünsche den beiden viel Glück und Erfolg, viele Besucher und werde ihren weiteren Weg im Auge behalten.

Wüstenluxus pur

Meine erste Kameltour in die Wüste war im Jahr 1987. Wir zogen von Zagora los auf dem Rücken der Kamele, alles, was wir zur Übernachtung brauchten, war in den Satteltaschen verpackt und wir drei Mädels saßen obenauf. Es ging nicht allzu weit, wir ritten vielleicht zwei Stunden, dann haben wir unter einer Palme unser Lager aufgeschlagen, Matten wurden ausgebreitet, der Koch schälte das Gemüse und wir halfen. Später am Abend dann streckten wir uns auf den Matten aus, betrachteten die Sterne und schliefen ein. Am Morgen mussten wir helfen, die Kamele zu suchen, die angehobbelt in der Wüste grasten, und dann ging es wieder zurück. Es war einfach wunderschön.

Doch so kann man Touristen heute nicht mehr zufrieden stellen. Als Abdou Anfang der 2000er sein erstes Wüstencamp einrichtete, fand ich es überhaupt nicht schön. Wir saßen zum Essen auf ungemütlichen kleinen Hockern an niedrigen Tischen, statt wie früher alles auf dem Boden zu machen. Und statt dass wir unser Geschäft im Wüstensand erledigten gab es nun einfache Häuschen mit Plumsklos. Aber es ist ja klar, je mehr Menschen die Wüste entdecken wollen, desto mehr muss man auch auf solche Kleinigkeiten achten, da kann nicht jeder einfach in den Sand sch….

Doch kaum hatte ich mich an dieses für mich zunächst so luxuriöse Biwak gewöhnt hatte Abdou schon weitere Ideen. Sein Luxus-Camp hatte gemütlich eingerichtete Zelte für 2 Personen mit bequemen Betten, daneben ein kleines Babyzelt mit privatem Bad, das bestand aus Chemie-Klo und Eimerdusche. An den ungemütlichen Hockern änderte sich nichts. Doch auch das war immer noch nicht genug. Das Camp wurde schnell zum Komfort-Camp umbenannt und man baute das erste wirkliche Luxuscamp, und das war echt toll. Super eingerichtet, mit King-Size Bett und Sitzecke, das Bad hat eine richtige heiße Dusche und ein wassergespültes Klo. Natürlich auch elektrisches Licht von Solarstrom, womit sich auch Handies laden ließen. Von der Terrasse davor mit seinen Sesseln kann man am Abend die Sterne anschauen. Und das mit Teppichen und Sitzpolstern eingerichtete Restaurantzelt mit richtigen Tischen und Stühlen zum Abend-Diner lässt auch keine Wünsche mehr offen. Allen Camps gleich ist aber die Musik nach dem Essen. Die ist echt und ungeschminkt, da greifen die Jungs zu den Trommeln und hauen drauf los, was nur geht.

Doch manchen Menschen geht auch das nicht weit genug. Abdou hat sehr reiche Kunden, die fliegen mit dem Privatjet nach Zagora, steigen dort in den Hubschrauber um und landen gleich am Erg Chegaga. Dass ein solcher Kunde natürlich nicht mit dem gemeinen Volk zusammen sein kann ist klar. Also hat Abdou nun ein weiteres Camp gebaut, das Super-Luxus-Camp, was jeweils nur für die zusammengehörige Gruppe vermietet wird, und das wollte ich natürlich erleben.

Allein wäre das absolut langweilig, aber gerade sind deutsche Freunde am Platz und die hatten eine Wüstentour gebucht. Natürlich eine ganz normale, dem Preis nach in dem Komfortcamp. Aber Abdou tut ja immer alles für mich damit ich mich nur wohl fühle, wir sind halt sehr gute Freunde. Und so gab er den Beiden ein kostenloses Upgrade und wir zogen los. Mohammed war unser Fahrer, wir lasen in letzter Minute noch ein sehr junges belgisches Paar auf, das sich auf den hinteren Bänken im Toyota drängte, und ab ging es in die Wüste. Eckhard ist ein begeisterter Fotograf und so waren einige Halts obligatorisch, der erste beim Ruccolafeld. Ich wusste nie, dass Ruccola wild in der Wüste wächst und vor allem die Kamele lieben das heiß und innig. Er stand gerade in voller, blassgelber Blüte. Wir probierten ein paar Blättchen. Also, das hat mit unserem Ruccola ja kaum etwas gemein, höchstens die Form der Blätter. Aber der Geschmack – der ist so würzig und intensiv, einfach köstlich. Es schmeckt schon fast, als wäre der frische Parmesan bereits darüber gestreut. Wie schade, dass ich hier keine Küche habe und mir eine Salatschüssel zubereiten kann.

Ein weiterer Halt war die berühmte Oasis Sacrée, die heilige Oase, die ja dem Namen nach schon etwas Mystisches hat. Eine reichhaltige Quelle ist dort Lebenselixier für Menschen, Tiere und Pflanzen. Die Oase ist nicht öffentlich, sie ist in Privatbesitz und leider vollständig ummauert und geschlossen. Der Besitzer war früher Hotelier, hatte auch ein hübsches Camp dort eingerichtet, man konnte kommen und einen Pfefferminztee oder ein kühles Bierchen trinken, auch übernachten, doch ist nun alles geschlossen, er ist älter und krank und lebt sehr zurückgezogen.

Irgendwann kamen aber dann doch die mächtigen Dünen des Erg Chegaga ins Blickfeld. An einer hübschen Stelle inmitten des Sandes ließen wir die Belgier aussteigen, sie hatten ihr eigenes Zelt, Essen und Wasser dabei und ich bin sicher, sie haben eine wunderschöne Nacht ganz allein verbracht. In der Nähe war eines unserer Camps und wir sagten ihnen, dass sie im Falle irgendeines Problems dorthin gehen könnten. Zum Beispiel zeigte unser Mohammed auf eine dunkle Regenwolke, aber mir war schon klar, dass sie nicht bei uns Regen bringen würde. Und so war es auch, die Nacht verlief ungestört.

Unterwegs kamen wir an einem weiteren Camp von Sahara Services vorbei und Mohammed erkundigte sich nach dem Weg, er war noch niemals in dem neuen Biwak gewesen. Wir fuhren und fuhren, selbst Mohammed war es längst klar, dass wir falsch sind, waren schon auf dem Weg nach Foum Zguid. Er hielt an und stieg auf eine Düne, um sich umzusehen, da kam ein Pickup angebraust. Naim hatte bereits Ausschau nach uns gehalten, wusste vom anderen Camp, dass wir in 5 Minuten da sein müssten, und kam uns suchen. Gute Organisation!

Und dann das Camp! Die Lage wunderbar einsam, weitab von den anderen Biwaks, auf einer ebenen Fläche vor den weiten Dünen. Nur vier Zelte zum Wohnen, ein Restaurantzelt und offene Zelte, um darin einen Tee zu trinken. Spektakulär sah das noch nicht aus, so sind die anderen Camps auch. Das besonders aber ist die private Lage und dann die Einrichtung. Es ist schon dekadent, wenn man inmitten der Wüste ein Zelt betrifft und darin so ein herrliches Bett findet und eine Couchgarnitur, wo man sich bequem zum Lesen zurückziehen kann, genug Licht, ein richtiges Bad, und einfach alles. Hier hat ein Designer seine Finger im Spiel gehabt, allerdings ist noch lange nicht alles fertig. Bronia und Eckhard konnten es kaum fassen, sie hatten zuvor noch gefragt, ob sie Handtücher und Schlafsack mitbringen sollten, kannten nur die einfachen Camps von Merzouga. Eckhard wollte nicht mehr weg. Den hätten wir hier für einige Tage abgeben können, der wäre mit einer prallvollen Speicherkarte zurückgekommen, denn alles was er tat, war fotografieren.

Bronia und ich zogen uns stattdessen in ein kleines, an den Seiten offenes Nomadenzelt zurück und tranken den Willkommenstee, gefolgt von einem kühlen Rose. Es war eine eher laue Nacht, aber trotzdem brachte uns Naim eine Gasheizung. Wie bitte? Eine Gasheizung mitten in der Wüste? Das ist für mich dann doch der Gipfel der Dekadenz. Das kleine Restaurantzelt, wo zum Dinner aufgedeckt wurde, erstrählte noch im jungfräulichen Weiß, da wird in Zukunft noch einiges verschönert werden, aber das Menü stellte uns vollkommen zufrieden, es war gut wie immer bei Sahara Services.

Wie immer in einem Wüstencamp, egal welcher Qualitätsstufe, wurde danach das Lagerfeuer angezündet und die vier Jungs machten unter dem glitzernden Sternenhimmel mit nur einer Trommel so schöne Musik, dass wir völlig gepackt waren. Sie baten uns, doch auch ein Lied zum Besten zu geben. Und dann begann eine Show, die einer Bühne und einem Eintrittspreis würdig gewesen wäre. Bronia stammt aus Polen und sang ein polnisches Lied, ein sehr tragisches Lied, das um eine junge Mutter geht, die ihren Sohn alleine durchbringen muss indem sie sich an Männer verkauft. Sie sang nicht nur, sie spielte das Lied mit einer Intensität und die vier Wüstennomaden waren hingerissen. So etwas lieben sie, so etwas feuert sie noch mehr an. Ich musste den Text des Liedes für sie übersetzen, Bronia wollte entschuldigend sagen, dass es eine Geschichte aus dem polnischen Leben sei, dass es das in der Wüste nicht gäbe, aber die Männer waren da ganz anderer Ansicht. Nein, genau das gäbe es auch hier und sie hatten volles Verständnis für die arme Frau in dem Lied und konnten sich vollkommen in das Lied hineinversetzen. Natürlich konterten auch sie mit einem neuen Lied und einer Übersetzung der Geschichte und es war sicher der denkwürdigste Abend, den ich je in der Wüste erlebt habe.

Bronia ist einfach toll.

Nomadenfestival in Mhamid

Diese Woche ist von Donnerstag bis Samstag wieder das Internationale Nomadenfestival in Mhamid. Ich habe es schon einige Male besucht und konnte mir daher den ersten Tag schenken, ich wusste, da passiert nichts, was ich unbedingt sehen muss. Aber immerhin haben Bronia und Eckardt schon auf mich gewartet und deshalb ging es am Morgen ziemlich schnell hin. Zuvor hatte ich mit einigen Campern gesprochen, die nicht nach Mhamid wollten, aus Angst, dass es dort zu voll ist, auf den Campingplätzen keinen Platz für sie gibt. Oje, in Mhamid ist immer genug Platz, sooo viele Leute kommen auch nicht hierhin. Wenn auch die wenigen Hotels immer überbelegt sind, aber auf den Campingplätzen ist noch genug Raum.

In der Kasbah Sahara Services hat es dann ein Weilchen gedauert, mein Zimmer zu beziehen, denn es ist unglaublich voll, Abdou könnte an dem Tag dreimal so viele Leute unterbringen. Es war schön, Bronia und Eckhardt wieder zu treffen und am Nachmittag sind wir dann zu der Eröffnungsfeier gefahren, die merkwürdigerweise immer am 2. Tag stattfindet. Ich kenne das ja schon, im Programm steht 15:30 Uhr, aber natürlich fängt es da nicht an. Zunächst muss ja auf die Honoratioren gewartet werden, und die lassen sich Zeit. Aber das macht nichts, denn vorher wird immer Musik gemacht und gerade heute war es wieder sehr gut.

Guedra ist ein sehr typischer Tanz von Mhamid und der Sahararegion, die sich bis nach Mauretanien hinzieht. In meinem Reisehandbuch schreibe ich darüber:

Rhythmus GUEDRA

Dies ist der Name des traditionellen Instrumentes der Perkussionsmusik, das aus einer Ziegenhaut besteht, die auf ein hohles Tongefäß gespannt wurde. Der Name bezeichnet auch den rhythmischen Tanz und sogar die Tänzerin. Im Allgemeinen wird er von den Frauen getanzt und beginnt langsam wie der Schritt des Dromedars und beschleunigt sich progressiv bis zum tranceartigen Höhepunkt. Er ist zweifellos der am meisten entwickelte Tanz, den die Frauen in ihren traditionellen blauen Gewändern ausführen.

Als um 17 Uhr dann endlich die wichtigen Leute erschienen, das große Bild des Königs an einen hervorragenden Platz transportiert worden war, konnten dann die Reden beginnen und ich verschwand. Denn zu dem Zeitpunkt geht draußen das Spiel los. Die hageren Kamelmänner in ihren blauen Gewändern zurrten die letzten Sättel fest und ließen sich stolz mit ihren Tieren fotografieren. Weiß gekleidete Musiker hatten sich auf einer Seite aufgestellt, bunt gekleidete Mädchen auf der anderen, spielten wieder eine ganz andere Musik und wiegten sich dazu im Tanz. Diesmal war etwas ganz besonderes da, riesengroße Puppen tanzten. Das habe ich noch nie gesehen. In den flachen Sanddünen des trockenen Oued Dra sammelten sich dann die Kamelreiter zu ihrem Rennen, immer ein malerisches Bild, aber auch schnell vorbei.

Am Abend tranken wir zusammen in der Kasbah eine Flasche Sekt, die ich aus Spanien mitgebracht hatte, irgendwie dekadent, in der Wüste, nicht? Aber schön. Und für Sonntag haben wir noch etwas viel dekadenteres vor, aber das erzähle ich erst später.

Rfissa

Vor einem Jahr in Marrakech schickte mich Abdou zum Riad Haraka. Ich sollte ihn mir ansehen, ob er für meine Touren infrage käme. Zum Mittagessen sollte ich dort sein. Pünktlich wie die Maurer war ich vor Ort, aber man hatte keine Ahnung von mir. Ein Telefongespräch ergab, dass ein Übermittlungsfehler vorlag, natürlich zeigte man mir gleich das schöne Riad und ich wollte auch gerne auf das Essen verzichten. Aber nein, die marokkanische Gastfreundschaft würde das natürlich nicht zulassen, ich musste mich auf der Terrasse platzieren, man brachte Tee und dann ein Tajine. Wir kennen das ja in Marokko, es ist immer das gleiche, Tajine, Couscous, Brochette. Obwohl die Küche so viele wunderschöne Gerichte bietet gibt es in den Restaurants und Hotels immer das gleiche.
Aber nicht hier. Das Tajine war riesig, ganz sicher nicht für eine Person bestimmt, und darin ein Gericht, das ich noch nie zuvor gesehen hatte und zunächst auch nicht mit Namen kannte. Die Grundlage bildete Hühnchen, dazu sehr viele Linsen und in der Sauce Streifen von dem köstlichen Pfannkuchen, der gerne zum Frühstück serviert wird, Msmen. Es war einfach eine Geschmacksexplosion. So richtig malerisch sieht es nicht aus, da fehlen ein wenig die Farben, aber es ist einfach köstlich. Als ich mich verabschiedete, ich hatte nur höchstens ein Viertel gegessen, sah ich in der Küche mehrere Frauen sitzen und ich bin ganz sicher, es handelte sich in Wirklichkeit um ihr eigenes Mittagessen. Aber ich war sehr dankbar, dass ich es probieren durfte.
Wochen später war ich dann in Mhamid, wo Abdou Besuch vom Bürgermeister hatte. Und dieser brachte eine Schüssel voll Essen mit, von seiner Mutter oder Frau oder was auch immer gekocht. Darin eben dieses Hühnchen – Linsen – Gericht. Ich probierte, war bei weitem nicht so gut, aber eindeutig das gleiche. Man kennt das ja auch von Zuhause, ein Gericht schmeckt immer anders, je nachdem von wem es gekocht wurde.
Bis gestern hatte ich dann keinen Kontakt mehr zum Linsengericht, wusste auch den Namen nicht. Aber da saß ich dann im Riad Dar Sofian und sollte mir ein Abendmenü aussuchen. Und fand in dem Bereich, der eine Vorbestellung erfordert, Rfissa. Zutaten Hühnchen, Linsen und Pfannkuchen. Hah! Sofort habe ich also bei meinem Lieblingskellner Omar genau das für heute bestellt und eben kam es. Wieder ganz anders als in Marrakech, erst recht als in Mhamid, aber lecker, lecker, lecker. Auch diesmal eher unscheinbar vom Aussehen her.
Und was besonders toll war, Omar erinnerte sich daran, mir kein Brot zu bringen.
Ach, es ist einfach schön hier.

Foto 1 Riad Haraka, Foto 2 Riad Dar Sofian

Zuhause im Riad Dar Sofian

Nun bin ich wieder in Zagora angekommen in meinem geliebten Riad. Schön ist, dass Omar wieder da ist. Er ist ein supernetter Kellner und wir hatten schon daher immer einen guten Draht zueinander, weil er Marathon läuft und weil ich auch immer am Morgen gelaufen bin. Ich kann das leider nicht mehr tun, da ich Probleme mit meinem Fuß habe und auch Omar fiel für 18 Monate aus. Er hatte sich beim Laufen überanstrengt und seine Hüfte verletzt, nun ist er endlich wieder da und wir hatten viel zu erzählen. Und was am schönsten ist, er hat als Sportler Verständnis für meine Speisewünsche und bringt mir genau das, was ich ihm sage, während der Kellner gestern in der sehr hochpreisigen Kasbah Bab Ourika überhaupt nicht darauf gehört hat, dass ich weder Brot noch Kartoffeln möchte.

Ach, es ist einfach schön, wieder zu Hause zu sein. Heute werde ich nicht viel tun, sondern einen Arbeitstag am PC einlegen.

Ourikatal

An einem heißen Tag gibt es für die Einwohner von Marrakech nichts Schöneres als einen Ausflug ins kühle Ourikatal. Ich war ein paar Jahre nicht mehr da und hatte mir vorgenommen, heute dort hin zu fahren. Es ist Montag, also kein Wochenendverkehr und Ruhe, so dachte ich zumindest. Doch wenn das noch vor wenigen Jahren ein entspannender Ausflug war, so ist im Ourikatal heute doch ein ziemlicher Rummel. Das enge Tal an sich ist sehr schön, ein donnernder Gebirgsbach rauscht über riesige Felsbrocken hinab und so kann man sich nichts Schöneres vorstellen, als mittags hier zu sitzen und ein Tajine zu verspeisen. Doch nun hat wirklich jeder, der ein Haus an dieser Straße besitzt oder auch nur ein Grundstück, daraus ein Restaurant für die Ausflügler gemacht. Tajine bruzzelt auf Holzkohle, Tische und Stühle stehen unter schattigen Bäumen bereit, direkt am kühlen Bach. Parkplatz ist knapp, so hat man auch noch auf dem letzten ebenen Stückchen Land Parkstreifen eingezeichnet und die Parkwächter versuchen, die Touristen abzufangen. Jeder, der hält, ist ja auch Kunde für das Restaurant. Kamele stehen für kurze Touren bereit, Keramikstände bieten die am Ort gefertigten Produkte an, Arganien-Kooperativen bieten das Öl, dessen Grundstoff überhaupt nicht hier gewachsen ist, und Teppiche kann man natürlich auch kaufen.

Ich fühlte nur noch Horror. Ein Wahninns-Verkehr, unzählige Vans mit geführten Touren, dazwischen jede Menge Taxis. Man kommt kaum durch, es geht meist im Schritttempo. Für Wohnmobile wird die Fahrt eher nicht empfohlen. Die Straße ist eng, der Verkehr mörderisch und die Parkplätze sind klein. Entspannen Sie auf dem Campingplatz und buchen von dort eine geführte Tour, Sie haben mehr davon.

Eigentlich wollte ich recherchieren, wollte schauen, ob es neue Hotels gibt, was die alten machen. Ich war sehr erstaunt, dass sich in relativ kurzer Zeit so viel getan hat. Zwar gibt es einige neue, aber die alten sind fast alle zu. Es sieht für mich so aus, als gäbe es im Ourikatal hauptsächlich noch Tagesausflügler, während früher doch viele Leute, bepackt mit Rucksack, für 1 – 2 Tage kamen. Heute scheinbar nur noch zum Essen und natürlich muss man am Ende, in Setti Fatma, hoch zu den Wasserfällen klettern. Aber ich hatte dazu heute absolut keine Lust. Ich fuhr bis ans Ende der Straße, was eine echte Herausforderung war, drehte und fuhr wieder zurück. Unterwegs sah ich dann doch noch ein nettes Hotel, eines, das ich noch nicht kannte, und hielt an. Ourika Garden heißt es und es hat mir richtig gut gefallen. Hier gibt es einen privaten Parkplatz, wird man nicht von Parkwächtern genötigt, sitzt gemütlich drinnen oder draußen. Heute ist das Wetter nach den heißen Tagen in Marrakech ziemlich kühl, also lasse ich mir einen Tisch drinnen geben und setze mich zum Lunch. Die Vorspeise ist ideal für mich, viel Gemüse, dazu Linsen, und alles sehr gut gewürzt. Danach kommt ein Hähnchentajine, ich esse nur das Fleisch. Doch beim Nachtisch, einem warmen Zitronenkuchen, werde ich dann doch schwach und esse ihn. Für die, die es noch nicht wissen, ich versuche eine Low Carb-Diät einzuhalten, nur am Morgen gibt es etwas Brot, ansonsten den ganzen Tag keine Kohlehydrate mehr. Auf Reisen in Marokko ist das nicht so ganz einfach, es geht halt am besten, wenn man selbst kocht.

Mein Hotel heute ist die Kasbah Bab Ourika. Ich dachte natürlich, sie liegt an der Straße ins Tal, aber das war nicht der Fall, sie liegt zu Beginn des Tales abseits der Straße hoch oben auf einem Hügel und war erstmal nicht so einfach zu finden. Erbaut von Engländern wird hier eine sehr teure Unterkunft geboten, ich bin eingeladen, diese Preise könnte ich nicht bezahlen. Und ehrlich gesagt, ich finde nicht, dass es das wert ist. Die Aussicht ist fantastisch, wirklich, meine Suite ist sehr schön und hat einen offenen Kamin, gefüllt mit Holz, ob ich es anstecken sollte? Das Bad liegt zwar um eine Ecke, so dass man nicht direkt hineinsehen kann, aber eine Tür gibt es nicht. Das kann manchmal peinlich sein, wenn man mit Freunden reist. In einer Suite dieser Preisklasse sollte es ein abgeschlossenes WC geben. Das Zimmer hat einen Heizkörper, das Bad einen Handtuchwärmer, die aber beide nicht individuell eingestellt werden können und nur wenig Wärme geben. Nein, 5 Sterne ist das nicht. Hübsch ist die Glastür, die den weiten Blick in das Ourikatal frei gibt, und draußen stehen Liegestühle bereit, nur die Sonne fehlt. Es ist ziemlich kühl und windig.

Aber die Preise sollen ja bis zu 400 Euro für eine Nacht liegen, das ist doch ein wenig viel. Und Wi-Fi gibt es nur an der Rezeption in einem zugigen Hof, es gibt paar Sitzgelegenheiten, aber nicht genug, und keinen Tisch für meinen Computer. Nein, unter Service verstehe ich doch etwas anderes. Natürlich gibt es zum kompletten Abschalten auch keinen Fernseher, sondern viele Bücher zum Lesen. Ja, vielleicht sollte man im Urlaub mal ausspannen und abschalten, aber ich habe ja keinen Urlaub und muss arbeiten, und auch die anderen Leute drängen sich mit ihren Smartphones in dem kalten Bereich, sitzen teils auf dem Boden. Bequem ist das nicht, vor allem wo es gleich nebenan absolut gemütliche Aufenthaltsräume mit einem knisternden Feuer, aber ohne Empfang, gibt.

Das Abendessen ist wenigstens in einem schön mit Kerzen erleuchteten Raum, die Wärme kommt von zwei Kaminfeuern in den Nebenräumen. Der Service ist gut, das Essen sehr, sehr übersichtlich. Wäre ich nicht auf Diät, ich würde für die 31 Euro nicht satt. Es schmeckt sehr gut, international in Anlehnung an marokkanische Küche.

Vor dem Schlafen gehen muss ich nun aber erstmal die vielen gelben Blüten einsammeln, mit dem Bett und Bad geschmückt sind. Das ist ja ein netter Touch. Und das Frühstück war auch gut. Obstkompott, Naturjoghurt und Haferflocken, so dass man sich sein Müsli zusammenstellen konnte, 3 Sorten Crêpe mit Butter und Konfitüre und eine Karte, aus der man sich eine Eierspeise aussuchen konnte. Aber ich darf ja nicht so viel essen.

Es gibt so viele Marokkos

Das Marokko, in das ich mich vor 31 Jahren verliebt habe, war ein recht armes Land. Ein großer Teil der Bevölkerung lebte auf dem Land ohne Zugang zu sauberem, fließenden Wasser, ohne Strom und ohne Verkehrsanbindung. Aber die Menschen waren lieb und freundlich, zeigten eine große Gastfreundschaft und gaben von ihrem einfachen Leben ab, was sie konnten. Das politische Leben war nicht sehr aktiv, keiner traute sich, offen seine Meinung zu sagen, wenn man versuchte, in dieser Richtung Fragen zu stellen, drehten sich die Leute weg und sagten, die Wände haben Ohren. Natürlich gab es auch damals reichere, gebildetere Kreise, aber dazu fand ich keinen Zugang.

Viel ist in den vergangenen drei Jahrzehnten geschehen. Noch unter Hassan II gab es das Gesetz zur Anbindung der örtlichen Regionen an Verkehr, Wasser und Strom, da er aber bald danach starb, wird der Erfolg vor allem seinem Sohn König Mohammed VI zugeschrieben. M VI wie er liebevoll von seinem Volk genannt wird, ist ein ganz anderer König. Nun traut man sich, von Politik zu sprechen. Geht auch zum Demonstrieren auf die Straße, wenn man meint, es gehe irgendwo ungerecht zu. Keine Angst mehr vor den Wänden. Auch wirtschaftlich geht es aufwärts. Natürlich sind die städtischen Regionen davon begünstigt, auf dem Land haben es junge Menschen immer noch schwer. Aber es gibt inzwischen eine Mittelschicht. Gestern Abend war so ein schönes Beispiel dafür. Mein Freund Abdou, Inhaber einer Reiseagentur, der die Woche auf der Touristikmesse in Berlin verbracht hat, holte mich überraschend vom Hotel ab und wir gingen in die Neustadt Hivernage. Das Spektakel, das dort abends abgeht, ist einfach unglaublich. Die neue Morocco Mall mit schicken Restaurants ist abends DER Treffpunkt, auf einem großen Platz zeigt ein Springbrunnen eine Lasershow, dicht umrundet von faszinierten Zuschauern. Daneben das neue 5-Sterne-Hotel Savoy Le Grand mit der schicken Buddha-Bar. Da diese noch zu war gingen wir erst ins Savoy zu einem Aperitif an der romantisch beleuchteten Poolbar. Abdou muss sich dazu immer eine Wasserpfeife bringen lassen.

Und schon kam die zweite Überraschung des Abends, Moulay Slimane. Abdou hatte ihn angerufen und mir nichts davon gesagt. Ich kenne Slimane und seine Familie schon von meiner ersten Reise vor 31 Jahren und es ist einfach schön, Freunde über so lange Zeit zu kennen. Während Abdou aus eher einfachen Verhältnissen kommt, sein Vater war Sanitäter beim Militär, war der Vater von Slimane ein Gouverneur. Seinen zahlreichen Kindern hat er nicht Geld mit auf den Weg gegeben, sondern Beziehungen. Beide Männer haben es zu etwas gebracht, zu einem Vermögen, von dem ich Deutsche nur träumen kann. Sie sind gute Beispiele für den Aufbruch in diesem Land.

Wir gingen dann zur Buddha-Bar. Unglaublich schön eingerichtet mit den vielen Lichtern und dem fetten Buddha, der mitten im Raum sitzt. Die Speisekarte ist mehr als gehoben, das australische Steak, das Abdou bestellte, kostete 59 Euro. Und diese Bar ist so wie die meisten schicken Lokale in Marrakech absolut nicht für normale Touristen gedacht. Hierher kommt die marokkanische Oberschicht, am Wochenende ist es knallvoll mit jungen Leuten aus Casablanca, und natürlich auch die Oberschicht der Reisenden, die nicht in einem Riad zu 100 Euro wohnen, sondern in einer Suite im 5-Sterne-Hotel oder sogar in einer privaten Villa in einem solchen Hotel. So wie das Traditionshotel Es Saadi, das ich heute besichtigt habe. Und es gibt doch eine Menge solcher wohlhabenden Menschen, die Restaurants in Marrakech brummen. Der Service war grandios, nicht nur breitete man mir meine Serviette auf dem Schoß aus, man brachte sogar einen Hocker für meine Handtasche. Das ist mir echt noch nicht passiert. Um 22 Uhr folgte dann eine Tanzshow, es war einfach ein unglaublich schöner Abend.

Das ist natürlich nicht das ganze Marokko. Es gibt viele Schichten davon. Es gibt eine ordentliche, arbeitende Mittelschicht, die sich nicht die Zeit in solchen Vergnügungstempeln vertreiben, sondern sich um ihre Familien kümmern und darum, dass die Kinder eine ordentliche Zukunft bekommen. Und es gibt das ländliche Marokko, wo eine Familie meist auf mehreren Säulen stehen muss, um zu überleben. Ein bisschen Landwirtschaft, einer der Söhne vielleicht beim Militär oder Polizei, einer arbeitet im Tourismus, so kommt man irgendwie durch.

Und dann gibt es natürlich die Looser. Die, die sich nicht anstrengen wollen, die nicht arbeiten wollen, da es oft schwer ist und schlecht bezahlt. Die auf das schnelle, einfache Geld warten. Solche Menschen gibt es übrigens überall auf der Welt, auch bei uns. Sie werden bei uns aber durch das soziale Netz aufgefangen. Diese jungen Marokkaner versuchen, nach Europa zu gehen, weil sie sich dort den Himmel auf Erden erwarten, sind die berühmten Silvester-Marokkaner, die die Mädchen angrapschen. Ich will das nicht entschuldigen, das ist nicht in Ordnung, hat dem Ruf des Landes sehr geschadet, aber es ist nicht Marokko. Die Menschen hier verurteilen diese Handlungen ebenso.

Hotel Tichka

Ich liebe mein Hotel Tichka, es ist mein fester Bezug in einem Land, in dem ich ansonsten ständig umherreise. Liebe es wegen seiner außergewöhnlichen Architektur, aber vor allem wegen seinem freundlichen Direktor, der mir hier unbegrenztes Wohnrecht gibt und der die Tage damit krönt, dass wir am Abend an Wintertagen vor dem Kamin sitzen, im Sommer auf der Terrasse, ein Glas Wein genießen, immer umrundet von irgendwelchen interessanten Freunden. Solche Abende habe ich weder an anderen Orten Marokkos noch in meiner Zweitheimat Florida und ich genieße sie sehr.

Aber trotz allem sehe ich auch die negativen Seiten dieses Hotels. Heute früh war es wieder so interessant beim Frühstück. Abgesehen von ein paar Einzelreisenden ist zur Zeit hauptsächlich eine Busladung österreichischer Touristen im Haus, und die bringen das Restaurant schon an den Rand des Zusammenbruchs. Es fehlt an allem. Zuerst gehen die Kaffeebohnen in der vollautomatischen Maschine aus, dann verklumpt das Milchpulver, die Tropfschale läuft ständig über, die Tassen sind aus. Das ist nur das Chaos an der Kaffeemaschine, die allein schon einen Vollzeitmitarbeiter bräuchte. Auf dem Frühstücksbüffet geht der Käse aus, die Butter, Konfitüre, die Teller und überhaupt alles. Der Reiseleiter ist hinten in der Küche und scheucht das Personal herum, ist stinksauer. Als ich mein Omelette bestelle heißt es, die Eier sind aus und man wartet auf eine neue Lieferung. Ganz ehrlich, meine Gäste würde ich nicht in diesem Hotel unterbringen.

Aber man muss sich auch über die Ursachen klar werden. Die Agenturen drücken die Preise immer mehr, die Hotels bekommen kaum noch was für eine Übernachtung, verdienen nur dann etwas, wenn die Gäste am Abend auch mal ein Bier oder Wein bestellen. Es ist eine Spirale ohne Ende. Denn von den geringen Einnahmen kann man das Personal kaum bezahlen und ganz sicher nicht genügend einstellen. Die wunderschönen Gästehäuser, mit denen ich arbeite, kosten das Dreifache von dem, was die Agenturen hier zahlen und so kann dort auch ein viel besserer Service und ein höherwertiges Essen geboten werden. Aber bei Pauschalreisen ist Geiz immer noch geil, will man die billigste Tour, aber beschwert sich nachher, wenn man auch nur das für sein Geld bekommen hat. Meine „marrakechtours.de“ Reisen sind erheblich teurer, aber ich bekomme auch niemals schlechtes Feedback.

Autobahn oder Autobahn

Von diesem Tag gibt es nicht viel zu berichten, da ich ihn hauptsächlich auf der Autobahn nach Marrakech verbracht habe. Es zieht mich halt ins Hotel Tichka, meiner Marrakech-Heimat, und an der Strecke Casablanca – Marrakech gibt es sowieso nichts zu sehen. Auf der Autobahn wie immer Fußgänger, die mal schnell die Fahrbahn überqueren, Bauern, die am Rand Futter schneiden und auffallend viele Reinigungskräfte, von denen etliche ihre leere Wasserflasche hochhalten und sich tatsächlich vorstellen, man hält an und gibt ihnen Wasser. In Marrakech dann ist alles beim Alten, vom Personal werde ich voller Freude empfangen und am Abend trinken wir auf der Terrasse die Flasche Champagner, die ich aus Frankreich mitgebracht habe.

Der erste Tag in Marokko ist ganz schön abwechslungsreich

Mein Hotel in Tanger war zwar nicht romantisch, aber zweckmäßig und das Personal freundlich. Und am besten war die geräumige Tiefgarage, wo mein voll gepackter Land Rover gut übernachtet hat. Am Morgen ging es dann ins nahe Asilah, wo ich die seit meinem letzten Campingführer neu organisierte Campingwelt recherchieren wollte. Das klappte auch ganz gut. Weiter sollte es nach Larache gehen. Dort hatte einer meiner Leser mir einen Tipp für einen Stellplatz am Meer gegeben, den wollte ich nun selbst erforschen. Und das war eine Wahnsinns-Entdeckung.

Von der Hauptstraße zweigt eine breite, vierspurige Straße mit Mittelinsel ab, die in 4 km zu einer riesigen Hotelanlage mit Golfplatz geht. Kein Mensch auf der Straße. Aber schon hier bin ich völlig hin und weg von der Schönheit der Landschaft. Der breite, wasserführende Fluss Oued Loukos schlängelt sich hin bis zum Meer, darauf vereinzelte Fischerboote, auf der anderen Seite auf einem Hügel die weiße Stadt Larache, die leider fast ganz im Nebel verschwindet. Was für eine grandiose Aussicht. Und so unbekannt. Der einzige Gegenverkehr, genauer gesagt kreuzt der Verkehr die Straße, sind Schildkröten. Irgendwie ist das der Tag der Schildkröten. Zunächst wollte ich anhalten und sie retten, aber dann fuhr ich drumherum, es war ja eh kaum Verkehr. Und es kamen immer mehr.

Die Entdeckung kommt 1 km später, wo die nun schmale Straße am Meer endet. Dort sind einige hübsche Strandcafés, die bei gutem Wetter sicher gern besucht werden. Heute ist es eher neblig und kühl. Ein Stück weiter eine Betonplatte direkt vor dem schmalen Sandstrand, dort kann man mit der Nase zum Meer stehen und der Brandung zuschauen. Einfach traumhaft. Natürlich wird dieser Platz sofort für den nächsten Campingführer notiert.

Zurück an der Hauptstraße liegt die punisch-römische Ruinenstätte Lixus. Ich bin vor Jahren schon mal allein durch die Trümmer gewandert, hatte keinen Führer gefunden, und einige Fotos gemacht. Doch das war vor der digitalen Zeit und so hielt ich an. Das ganze Gelände ist nun eingezäunt, es gibt ein Wärterhäuschen und ein Museum ist im Bau. Der Eintritt ist kostenlos, aber die Führer erhalten ein Trinkgeld. Und dieser Führer hat sich wirklich gelohnt, denn ich hatte die vielen Ruinen auf der Berghöhe bei meinem Alleingang nicht gefunden. Und dann erst der Ausblick! Die Punier hatten sich da schon eine tolle Stelle ausgesucht für ihre Stadt.

Ab Larache ging es auf die Autobahn und an der ersten Raststätte hielt ich für einen Kaffee an. Doch bevor ich zum Café gelangte sprachen mich zwei Jungen an. Sie hatten große Steigen mit Erdbeeren, Riesenfrüchte, fast so groß wie ein Apfel. Das wäre doch ein leckerer Mittagsnack für mich. Aber die Steige war mir doch zu groß und ich kaufte dem Jungen nur eine Schale ab. Sie wollten schon gehen, da rief ich die Beiden zurück, gab ihnen ein paar von meinen Karnevalsbonbons. Sie haben sich total gefreut. Aber kaum saß ich auf der Bank und wollte meine Erdbeeren essen, kamen noch drei andere hinzu. Okay, ich habe ja noch Bonbons und die Kinder waren nett. Als ich sagte, nachher, wenn ich gegessen habe, haben sie dies sofort akzeptiert. Behielten mich aber trotz ihrer Verkaufsaktivitäten genau im Auge und waren zur Stelle, als ich zum Wagen ging.

In Facebook gepostet gab es mal wieder eine riesige Aufregung. Gibt halt immer Themen, an denen sich der liebe Deutsche aufhängt. Wie kann man Kindern nur Bonbons geben, wie kann man nur die Bettelei unterstützen. Die Kinder sollen lieber in die Schule gehen, wenn man Bonbons gibt, gehen sie nicht mehr. Vermisst habe ich das Argument, dass die Bonbons die Zähne zerstören.

Also ich habe mich freundlich zurückgehalten, aber ich finde diese deutsche Überheblichkeit zum Kotzen. Wofür sind Bonbons eigentlich da? Für Kinder, denen man mal eins zur Belohnung gibt. Und nicht nur für übergewichtige deutsche Kinder, die sie vom reichlichen Taschengeld kaufen können, auch ärmere Kinder freuen sich über ein Geschenk. Geschenke geben gehört zum Menschsein doch dazu. Und gebettelt haben sie ja nicht.

Viel eher müsste man die Frage untersuchen, warum sie wohl Erdbeeren verkaufen. Ich kann nicht beurteilen, ob sie die Schule besuchen. Einige waren so alt, dass sie die vorgeschriebenen 6 Jahre schon hinter sich haben konnten, sie konnten auch etwas französisch, was auf Schule schließen lässt. Und es war Nachmittag, also kann die Schule schon aus gewesen sein. Aber alle meine deutschen Facebook-Freunde wissen das ja besser. Nein, ich sammele weiter Bonbons an Karneval und gebe sie weiter an Kinder, die das verdienen.