Beim Peter …

Von Tinerhir ging es in die nahe Dadesschlucht. Auch dort ist, wie an allen touristischen Orten, eine Herberge an der anderen. Und die meisten haben auch einen Campingplatz. Auf keiner Reise kann ich die alle besuchen, ich bräuchte sonst Tage für die 35 km lange Strecke in die Schlucht. So ist es gut, dass ich in meinem Campingführer immer das Jahr der letzten Information dazu schreibe, so kann ich also sehen, was in diesem Jahr dran kommt. Und zudem gibt es ganz oben bei Msemrir noch eine Auberge, die ich nicht kenne und die ich mir ansehen möchte. Eine Schweizerin namens Madeleine hatte mich mal angeschrieben und auf diese Unterkunft aufmerksam gemacht, sie war mit dem Inhaber befreundet und half ihm ein wenig. Der Ort Ouiskis erschien mir sehr interessant, also sollte dies das Endziel meiner Schluchtenfahrt werden.

Die ersten Stopps liefen erwartungsgemäß, ich erhielt wieder eine Menge neuer Informationen und Fotos. Es sind Touristen da, auch Wohnmobile, aber doch in geringer Zahl. An der letzten Herberge zur Schlucht, es waren noch 30 km bis Ouiskis, wollte ich anrufen und fragen, ob jemand da ist. Niemand ging an die beiden Nummern. Trotzdem entschied ich mich, den Weg zu machen, der Ort interessierte mich. Kurz vor Msemrir muss man links abbiegen. Schon nach einem Kilometer war ich ziemlich baff, am Wegesrand stand ein wahrhaft königlicher Palast. Eine riesige Mauer mit Türmchen, durch die drei massive Tore führen, durch ein jedes passt ein LKW. Schon ungewöhnlich an einem solchen Ort. Und auch wohlgestaltet, eben genauso wie einer der königlichen Paläste, die ich von außen gesehen hatte. Sollte der König hier wirklich familiäre Beziehungen haben? Auffallend war auch, dass für einen solch abgelegenen Ort es viele neue und teure Wohnhäuser gab.

Es ging weiter und nach 6 km fand ich tatsächlich das Hotel. Aber alles war fest verrammelt. Ich rief noch mal alle Nummern an, nichts. Ich stieg aus, wollte ums Haus gehen. Das war ein Fehler. Ein junger Mann, normal gekleidet, also nicht abgerissen und schmutzig, bat mich um Geld. Gib mir 10 Dirham, ich habe nichts zu essen. Nur dass er das nicht so ruhig sagte, wie es hier klingt, sondern unglaublich aggressiv, er kam mir immer näher. Ich schrie ihn an, er solle mich in Ruhe lassen, ich würde die Polizei rufen. Nur ein paar Kinder standen herum, kein Erwachsener, niemand konnte mir helfen. Als ich das Auto aufschloss um einzusteigen machte er die Beifahrertür auf, wo meine teure Elektronik lag. Wie eine Furie lief ich ums Auto, er hatte noch nichts angefasst und als ich wieder mit der Polizei drohte ging er immerhin vom Auto weg und ich konnte zu machen. Aber es war dann ziemlich schwierig, wieder aufzuschließen, um hineinzukommen und wegzufahren. Es ist mir schließlich gelungen, aber der Kerl hat mir einen ziemlichen Schrecken eingejagt. Immer noch kein Mensch auf der Straße fuhr ich los. Nach 2 km ein Telefonanruf. Es war Said, Mitarbeiter eben diesen Hotels. Er wollte, dass ich zurückfahre und auf ihn warte, aber in dieses Dorf bringen mich keine zehn Pferde mehr. Wir verabredeten dann, uns auf der Strecke zu treffen.

Mein nächster Stopp zurück in der Schlucht war Chez Pierre, ich hatte es mir für das Ende aufgespart, denn ich hoffte, dort übernachten zu können. Gerade als ich mit dem netten Ismail beim Tee saß, rief Said von unten an. Ich bat ihn hoch, damit wir uns über die Auberge unterhalten konnten. Es stellte sich heraus, dass dieses Haus zunächst Idir gehörte, und seiner französischen Frau. Idir ist vor einem Jahr verstorben und Said musste gerade zum Flughafen, um die Französin abzuholen, er hatte sie im Schlepptau. Schon von der ersten Sekunde an war ich ihr unsympathisch, ich kann das nicht unbedingt umgekehrt sagen, aber als ich fragte, ob sie Madeleine sei, da war es aus. Ismail, mit dem ich ja beim Tee saß und der daher bei dem Treffen dabei war, erzählte mir nachher folgendes: Idir war zwar mit der Französin verheiratet, die nicht immer vor Ort war, hatte aber auch noch eine Freundin Madeleine. Das war also ein schlimmer Faux Pas, diesen Namen zu nennen. Und als ich mein Erlebnis von Ouiskis schilderte führte das auch nicht zu gegenseitiger Freundschaft. Der junge Mann war ihr wohlbekannt, es ist wohl ein örtlicher Drogenabhängiger. Und dann wollte sie wissen, welchen Führer ich schreibe, denn sie wolle sich schon aussuchen, wo sie drin steht und wo nicht. Schnell entschieden wir in gegenseitigem Einvernehmen, dass in meinem Buch Ouiskis abwesend bleibt.

Als sie ging schaute mich Ismail verständnislos an. So ein Benehmen hatte er noch nicht erlebt. Mir kann es ja egal sein, aber er lebt hier und möchte mit allen auskommen. Und er hatte wirklich alles versucht, freundlich zu der Frau zu sein. Said war ganz anders, aber er hatte offensichtlich nichts zu sagen, war nur ein Angestellter.

Allerdings erfuhr ich noch ein wenig über Ouiskis. Dieser Ort gehört tatsächlich zu den reichsten in der Region und der gro0e Palast gehört einem Unternehmer, er soll der viertreichste Mann Marokkos sein und ist im Straßenbau international tätig. Und auch weitere Unternehmer stammen aus der Region, alle irgendwie verbandelt, und bauen sich dann hier einen Sommerpalast, den sie zwei Wochen im Jahr nutzen.

Nun aber zurück zu Chez Pierre. Diese Auberge war einmal von einem Belgier aufgebaut worden, daher der Name. Sie war schon damals für ihre gute Küche bekannt. Dann entschloss sich der Belgier zu verkaufen und sein Koch kaufte das Hotel zusammen mit seinen zwei Brüdern. Und diese Drei haben in nur kurzer Zeit unglaublich viel daraus gemacht, mal wieder eine marokkanische Erfolgsstory. Die Küche ist sehr einfallsreich, das Restaurant würde in Paris Furore machen und so ist man auch sehr stolz auf das 5-Gänge-Menü, das in der Halbpension enthalten ist. Und die Zimmer sind einfach ein Traum. Das Hotel liegt an einem steilen Hang, gesund muss man hier schon sein, aber dann geht es treppauf, treppab durch einen blühenden Garten und zunächst hat man Probleme, in dem Labyrinth sein Zimmer zu finden. Die sind alle unterschiedlich eingerichtet, sehr komfortabel, es gibt Bademäntel und Heizung und jedes Zimmer hat eine eigene Terrasse und dort auch Sitzmöglichkeiten. Am Pool warten eine Sonnenliege mit einem Sonnenhut und Badetuch, es ist einfach an alles gedacht. Aber das besondere ist der persönliche Empfang. Ismail nimmt sich für jeden Gast Zeit, trinkt Tee mit ihm, offeriert sein köstliches, hausgemachtes Gebäck und fragt nach dem Woher und Wohin. Er gibt auch gute Tipps für Ausflüge und packt auf Wunsch einen Picknickkorb. Das hier ist einfach ein Ort, an dem man bleiben möchte, man will so schnell nicht wieder weg.

Aber kann ich denn bleiben? Ismail hat mir schon am Anfang gesagt, dass sein Haus den ganzen Monat ausgebucht ist und auch während wir Tee trinken geht das Telefon in einer Tour mit Reservierungswünschen. Aber Ismail ist wirklich so lieb. Natürlich habe ich einen Bonus, denn ich biete diese Auberge in meinen Rundreisen an und wer auch immer in die Dadesschlucht will steigt hier ab, und alle sind begeistert. Es schiebt und trickst in seinem Reservierungsbuch, wie er das macht weiß ich nicht, aber schließlich fragt er mich, ob es auch ein ganz kleines Zimmer sein darf. Ich freue mich auf das Essen, jedes Zimmer ist mir recht und so stimme ich freudig zu. Als ich dann in mein Reich geführt werde, staune ich, mein kleines Zimmer ist anderswo eine Suite, hat einen kleinen Tisch und zwei Sessel und natürlich auch vor der Tür eine kleine Terrasse.

Ich weiß nicht, ob ich euch noch von dem Abendessen berichten soll, ihr würdet ja sofort den Koffer packen wollen, und das kann ich euch nicht antun. Nur so viel: Es gab als Amuse Geule eine Mini-Pizza, dann Kürbissuppe, danach einen köstlich angemachten Salat mit Ziegenkäse, als Hauptgang Wachteln mit Couscous und glasierten Spaghetti und als Nachtisch Frischkäsetorte.

Wer mich bei der Abreise gesehen hat muss nun etliche Kilos dazu rechnen. Schließlich endet hier jeder Tag so oder ähnlich.

Fotos von meinem kleinen Zimmerchen und dem bescheidenen Mahl

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Das ist Marokko!

Die Tage lief es ja schon lustig. Anne hatte ihren Campingführer verloren, postete im Forum, ob sie von jemanden einen neuen Führer abkaufen könne und schon liefen wir uns in Tinerhir über den Weg. Allerdings war hier noch das Saharaforum als Medium eingeschaltet. Heute jedoch war wohl wieder Allah an der Reihe. Zunächst war ich im Hotel Tomboctu, um Edi Kunz zu treffen. Der Schweizer hat das Hotel viele Jahre lang geführt, heute ist er fast nur noch zum Spaß da. Gerade als ich wieder gehen wollte kam Annette an. Sie reist auch alleine durch Marokko, um die verschiedenen Stämme und Bräuche zu studieren und da sie in den Osten Marokkos wollte hatte sie in der Schweiz vergeblich versucht, mein Marokko Oriental zu bekommen. Man wollte es einfach nicht für sie bestellen. Und schon war mein rollender Bücherwagen wieder im Einsatz.

Damit nicht genug. Zurück im Hotel lief mir ein junger Mann über den Weg, begrüßte mich freudig mit Edith und mal wieder konnte ich mich nicht erinnern, woher ich ihn kenne. Ich treffe einfach zu viele Leute. Doch schnell stellte sich heraus, dass es Mr. Google ist, ein Webmaster, der diesen Spitznamen wohl verdient. Ich hatte ihn mal im Hotel Tichka an den berühmten Abendrunden am Kamin kennengelernt. Nun habe ich schon seit Wochen ein Problem mit meiner Reise-Webseite, ich kann sie nicht mehr öffnen und bearbeiten. Hatte schon für Marrakech auf die Hilfe des dortigen Webmasters gehofft. Doch Google schaute sich die Sache an, fand den Fehler ziemlich schnell und schon läuft wieder alles.

Dabei wollte ich eigentlich heute Morgen abreisen. Wie gut dass ich noch geblieben bin.

Abendessen mit Fontäne

Gestern war ich zum Abendessen eingeladen bei dem Teppichhändler Ali. Ich sage weder seinen vollen Namen noch wo sein Laden steht. Ali ist ein alter Freund, ich kenne ihn schon aus der Zeit, als ich noch keine Bücher schrieb. Damals sprachen mich Jungs vor seinem Laden an, baten mich, ihnen bei einem Brief in Deutsch zu helfen. Was natürlich ein alter Trick ist, um Besucher in den Laden zu ziehen. Und seitdem komme ich auf meinen jährlichen Reisen immer mal wieder vorbei und werde jedesmal zu seiner Familie zum Abendessen eingeladen. Das ist eine ziemlich steife Angelegenheit, aber ich komme nicht darum herum. Zunächst begrüßen mich alle Familienmitglieder, ich kannte sie schon, als es noch zwei Kinder gab, nun gibt es vier, dabei soll es auch bleiben. Dann wurden die großen Tabletts mit Gebäck und Nüsschen von Spitzentüchern befreit und der Tee serviert. Ali kam und ging immer mal wieder, die Kinder ebenso und die Frau, die nicht französisch spricht, war meist in der Küche. Natürlich hat man dann zu meiner Unterhaltung den Fernseher angeschaltet. Ali wohnt in einem hübschen, gemieteten Haus und erzählt mir schon seit zwei Jahren, dass er dabei ist, ein eigenes Haus zu bauen.

Nun bin ich also wieder in seiner Teppichstadt eingetroffen und erhalte die übliche Einladung zum Familiendinner. Zum Glück ist Anne gerade mit ihrem Wohnmobil auf dem Campingplatz, Anne, die mir schon bei der Hochzeit in Mhamid gute Gesellschaft geleistet hat. Da habe ich doch wenigstens jemanden zum Reden. Aber ich bin auch ziemlich neugierig, denn Ali sagte, dass er nun in seinem neuen Haus wohnt. Wir fahren durch die Dunkelheit und halten vor einem großen Haus, das auf mich wie ein Mietshaus wirkt. Ich bin ziemlich enttäuscht. Es hat 3 Etagen plus Terrasse und ist nicht frei stehend, sondern ein Reihenhaus, im Dunkeln sehe ich nicht viel, vielleicht drei gleichartige Häuser nebeneinander. Es gibt mehrere Klingeln, bin weiterhin tief enttäuscht. Ich hätte Ali mehr zugetraut als eine Eigentumswohnung. Die Tür geht auf und wir werden von einer die Farbe wechselnden Fontäne empfangen. Ja, das ist schon was, es ist also eine hochwertige Eigentumswohnung. Es geht die Treppe hinauf, die Wohnung im 1. Stock wird passiert, wir treten ein in den 2. Stock und ja, ist schon herrschaftlich. Gleich zu Beginn ein schickes Waschbecken, das ist marokkanisch, das würden wir nicht machen, aber es macht Sinn. Die Leute müssen sich ja vor dem Essen die Hände waschen und brauchen so nicht das Familienbad zu benutzen.

Es geht weiter in einen Salon, den ich von der Einrichtung schon kenne. Fast genauso wie im alten Haus. Nur ein klein wenig größer. Anne und ich nehmen auf den Sitzpolstern Platz, die gleiche steife Angelegenheit geht vor sich. Ich bin ja ziemlich neugierig auf die Wohnung, halte mich aber doch zurück und frage nur ganz dezent. Dann fragt Ali, ob ich eine Tour möchte. Ich sage begeistert ja. Darauf werden die Kinder in ihre Zimmer geschickt, die Frau verschwindet ebenfalls, um ein wenig Ordnung zu machen. Nach dem Tee dann dürfen Anne und ich los. Es zeigt sich sofort, dass das Ordnung machen nicht nötig gewesen wäre, in dieser kurzen Zeit konnte man nicht viel erreichen und die Zimmer sind perfekt. Ich bin wieder enttäuscht. Die beiden Mädels schlafen zusammen in einem recht kleinen Zimmer, die Jungs, die doch einen ziemlichen Altersunterschied haben (13 + 5) im anderen. Wir hätten natürlich versucht, jedem Kind ein eigenes Zimmer zu geben. Aber viel später, nach der Tour, erkenne ich erst, dass dies Absicht ist. In Marokko sind die Familien einfach näher zusammen.

Die Etage hat dann noch eine relativ große Küche, ein schönes, großes Elternschlafzimmer, zwei Bäder und ich dachte, das wars. Doch dann werden wir um die Ecke geführt und ich betrete einen riesigen, von Säulen gestützten Salon. Es gibt schon Sitzpolster, aber noch keine Teppiche und alles riecht ganz neu. Ali erzählt, dass sie erst 20 Tage in dem Haus leben und es ist noch lange nicht alles fertig. Dieser Raum ist für Gäste gedacht und vor allem für große Feste. Denn bei solchen Gelegenheiten sitzen die Frauen zusammen und die Männer getrennt, das hier sollte also der Männersalon werden. Nun bin doch ziemlich beeindruckt. Ich frage wieviel Quardatmeter er zum Wohnen hat, Ali antwortet 254 qm. Eine Menge.

Doch dann führt uns Ali noch eine Treppe höher. Dort sind weitere Schlafzimmer und in der Mitte eine große, offene Terrasse, von der man den Sternenhimmel betrachten kann. Wenn die Stadt halt nicht so hell erleuchtet wäre. Auch eine Küche gibt es hier und Badezimmer, und Ali erklärt, dass dieser Bereich im heißen Sommer genutzt wird oder eben als Gästezimmer.

Wie schon zuvor bin ich beeindruckt. Doch es geht weiter. In die 1. Etage. Es stellt sich so langsam heraus, dass dies keine Eigentumswohnung ist, sondern dass Ali dieses komplette Haus gehört. Diese Wohnung im 1. Stock ist komplett leer, ist anders geschnitten und verfügt vor allem über einen riesigen, von Säulen getragenen Salon, in dem man tanzen könnte. Ich fange langsam an zu rechnen, irgendwie kommt das mit den 254 qm nicht hin. Und dann stellt sich heraus, dass wir uns missverstanden haben. Das Grundstück hat 254 qm, und alles ist umbaut, es gibt keinen Garten. Darüber drei Wohnetagen und im Erdgeschoss eine riesige Ladenfläche. Noch ist sie leer, aber sie könnte mal den Teppichladen beherbergen. Und dann gibt es noch das Untergeschoss. Auch das sauber gefliest, auch das mit Küche und Bad, aber langsam habe ich irgendwie den Überblick verloren.

Ziemlich erschöpft falle ich wieder auf meine Sitzpolster und lasse mir das Abendessen auftragen. Wie in Marokko üblich wird sehr spät gegessen, den Kindern fallen schon dauernd die Augen zu und wir bekommen ein köstliches Tajine, Salate und einen üppigen Obstkorb.

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Ich frage Ali, wer das denn alles putzt. Er zeigt auf seine Ehefrau. Die Männer sehen vielleicht nur das schöne Haus, Anne und ich die Arbeit, die dahinter steckt. Latifa versteht sofort und seufzt. Ich glaube, das ist ein Punkt, den das Ehepaar noch klären muss. Er muss verstehen, dass sie Hilfe braucht, aber sie muss auch akzeptieren, dass eine andere Frau bei der Arbeit hilft und es vielleicht nicht ganz richtig macht. Ein Gewöhnungsprozess. Aber als ich Ali sage, dass er am Abend doch eine fröhliche fitte Frau haben will und keine erschöpfte Putzratte scheint er sich die Sache zu überlegen.

Impressionen aus dem äußersten Südosten Marokkos

Nomadenland, keine Parkwächter, keine Geschwindigkeitskontrollen, nur Weite, Freiheit, der Blick reicht bis zum Horizont und darüber hinaus. Dazwischen Hirten mit Schafherden und endlose Ruhe, wenn ich den Wagen parke und den Motor ausstelle höre ich keinen Laut. So war immer mein Marokko, deshalb kam ich her. Auch dieses Land hat sich verändert, sich „globalisiert“, den Stress der Zivilisation aufgenommen. Aber hier ist es noch so, auf der weiten Rekkam-Ebene. Dieses endlose Land auf 1300 Metern Höhe gehört den Nomaden der Beni Guil, die Schafe und Ziegen züchten, keine Kamele, was auch die Straßenschilder berücksichtigen. Sie halten sich im hier sehr kalten Winter vorwiegend im Norden in der Tafrata-Ebene südlich von Taourirt auf, im heißen Sommer möglichst hoch in den Bergmassiven um Figuig. Um die großen Distanzen ohne Brunnen zu überbrücken verfügt der Clan-Chef über einen LKW zum Transport der Tiere, so sehe ich auch tatsächlich neben fast allen Zelten einen LKW geparkt. Und immer wieder in der Landschaft sind Rampen, mit Lehm aufgeschüttet und an einer hohen Mauer endend, über diese Rampen werden die LKW dann mit den Tieren beladen. Einige der Zelte haben nun auch feste Hütten nebenan, um Vorräte sicher unterzubringen, sie haben jeweils für die Jahreszeit feste Standplätze.

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Das Interessante an dem heutigen Tag ist, dass ich nicht weiß, wo ich landen werde, wo ich eine Unterkunft finde. Das ist dann eine der wenigen Gelegenheiten, wo ich mir einen Camper wünschte, einfach irgendwo stehen bleiben, wo es schön ist, den Tag ausklingen lassen und in die Landschaft schauen. Es ist kein Wunder, dass gerade der Osten so gerne von Wohnmobilfahrern angefahren wird. Touristische Infrastruktur gibt es hier nicht. In dieser weiten Ebene gäbe es für mich nur die Farm von Thomas, aber heute ist Thomas noch in Errachidia und alleine habe ich keine Lust, dort zu übernachten. Ich lasse also erstmal alles auf mich zu kommen.

Man könnte hier sehr schnell fahren. Es ist wenig Verkehr und es gibt natürlich auch keine Tankstellen, keine Orte. Nur selten ein Privatauto, aber hin und wieder ein LKW, der zwar manchmal auch Schafe geladen hat, oft aber auch nur Lebensmittel zur Versorgung. Doch ich muss immer wieder anhalten. Manch einer könnte sagen, hier gibt es doch nichts zu sehen, es ist doch eine endlose, karge, völlig öde Ebene. Aber das finde ich nicht. In der Ferne wird sie von bizarren Bergen eingerahmt und von nahem kann man die unterschiedlichsten Pflanzen erkennen. Büschel von Halfagras zum Beispiel, nur hin und wieder mal ein blühendes Kraut. Es hat sehr wenig geregnet in diesem Winter, aber zarte grüne Spitzen sind doch zu erkennen und so kreuzen unzählige Schafherden meinen Weg. Die Hirten sind Profis, meistens Männer und passen sehr wohl auf, dass Fahrzeuge nicht behindert beziehungsweise ihre Tiere nicht getötet werden. Sie sind freundlich, grüßen, mehr nicht. Kein Betteln, keine Ansprache. Auch schöne Vögel fliegen durch die Luft, aber es gelingt mir nicht, sie mit der Kamera einzufangen.

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Auch sehr interessant ist, dass ich die Strecke nicht kenne. Ich wusste noch nicht mal sicher, ob sie komplett asphaltiert ist, das geht aus der Karte nicht hervor, da ja die Karten über Marokko nie den genauen Straßenzustand zeigen. Ein Entdeckergefühl entwickelt sich, eine Neugier, eine Herausforderung. Früher hatte ich das viel öfter erleben können, aber heute sind fast alle Strecken in Marokko bekannt und dokumentiert. Nur der Osten – Marokko Oriental – bietet noch viele Geheimnisse. Und natürlich treffe ich keinen einzigen Ausländer.

Ein Übernachtungsangebot habe ich, die Olivenfarm von Thomas. Die Route geht genau daran vorbei. Aber Thomas ist nicht immer auf seiner Farm, sondern hat auch eine Wohnung in Er Rachidia, was seiner Frau besser gefällt, aber auch für die Schulbildung der Kinder günstiger ist. Und Thomas verpasse ich genau um einen Tag, er kommt erst morgen. Aber zwei Nächte möchte ich nicht bleiben. Später treffe ich bei Gourrama zwei deutsche Wohnmobile auf dem Weg zur Farm, ja, hätte ich das gewusst. So fahre ich also über Gourrama in die Ziz-Schlucht und schlafe in der Kasbah Jurassique. Schon lange kenne ich das dortige Hotel mit Campingplatz, aber noch nie habe ich da geschlafen. Und das ist einfach immer besser, man lernt es so einfach besser kennen. Und was ich lerne ist, dass es hier einfach köstlich schmeckt. Bodenständig und reichlich, sehr zu empfehlen. Ich hatte nur eine einfache Harira, aber das war die beste, die ich je in Marokko bekam.

So ein Pech aber auch

Man hat ja überall seine Freunde, und in Merzouga ist das für mich Ali Mouni. Wir haben eine lange Tradition, am Abend zum Flamingosee zu fahren und dort den Sonnenuntergang mit ein paar Bier zu genießen. Genau zu diesem Zweck habe ich in Spanien schon ein paar Dosen eingekauft. Vorher kommt Ali aber im Hotel vorbei, wir sitzen gemütlich zusammen, trinken mein Bier, es ist schön kühl, denn meine Suite hat einen Kühlschrank, und schmeckt recht gut. Da schaue ich ganz zufällig aufs Etikett. Und was steht da? Alkoholfrei. Ich muss total lachen und zeige es Ali, und im selben Moment schmeckt ihm das Bier nicht mehr. Mir schon.

Das war also die Generalprobe, der Ernstfall kommt am nächsten Abend. Da ziehe ich um vom Hotel Tombouctou ins Nomad Palace, Alis Hotel. Ich kannte Ali schon, als er mit seinem alten Land Rover in Erfoud vor den Hotels stand und auf Touristen wartete, die zum Sonnenuntergang an den Erg Chebbi fahren wollten. Dann hat er ganz am Ende von Merzouga, fast schon in Khamlia, seine eigene kleine Auberge gebaut. Einfach, aber mit viel Charme. Man saß nach dem Essen auf Kissen am Boden und die Jungs haben die Trommel geschlagen. Heute ist das ein wenig anders, Alis Palace hat inzwischen 35 Zimmer und die können sich sehen lassen, dazu gehören Gärten und Terrassen und ein Pool. Mein Zimmer hat ein King Size Bett auf einem Podest und eine gemütliche Sitzecke, dazu einen offenen Waschbereich und extra ein WC und eine Dusche. Und eine Klimaanlage gibt es auch, aber noch ist es nicht zu heiß. Und auch einen Kühlschrank. Wir fahren aber zunächst zum Hotel Merzouga, das ist die einzige Stelle hier am Erg Chebbi, wo man alkoholische Getränke bekommt. Ali traut mir nicht mehr. Und dann geht es zum Flamingosee. Der ist heute minus Flamingos und minus See, es hat ein Jahr nicht mehr geregnet, aber trotzdem schön. Unser Spot ist auf einem Berghügel, und von da aus können wir alles übersehen. Das Auto dient als Windschirm. Hinter uns wird später die Sonne untergehen. Direkt vor uns breitet sich eine Ebene aus, die von den goldenen Sanddünen eingerahmt wird. Hier glitzert in wasserreichen Jahren der berühmte Flamingosee und dann kommen innerhalb eines Tages Flamingos und viele andere Vögel von weither.

Wie schon gesagt, Ali und ich haben eine lange Tradition hier am See. Das sah früher so aus, dass wir entspannt in die Landschaft sahen, unser Bier tranken und ab und zu mal ein Wort sprachen. Wenn gerade mal Wasser im See war gab es natürlich auch Störenfriede, andere Geländewagenfahrer und vor allem Fossilienverkäufer, aber heute ist es absolut ruhig, wir haben den ganzen Nicht-See für uns. Allerdings habe ich Ali nicht für mich. Er telefoniert unablässig mit seinen zwei Handys. Wie ging das nur früher ohne? Aber ich gebs ja zu, hier geht’s ums Geschäft, und er ist der Boss. Mir macht das aber nichts, ich genieße es trotzdem. Hier zu sitzen gibt mir einfach Ruhe. Es ist so schön, für mich der schönste Punkt von ganz Merzouga. Vorbei ist der Stress der letzten Tage. Und als dann die Sonne untergeht und die Dünen rotgolden einfärbt, dann weiß ich einfach, warum ich her komme.

Im Hotel dann ist gerade eine Gruppe marokkanischer Studenten angekommen, etwa 50 junge Leute beiderlei Geschlechts. Für mich sehr interessant ist, zu beobachten, wie sie miteinander umgehen. Wenn ich es nicht wüsste, ich würde sie nicht für Studenten aus einem islamischen Land halten. Sie sind modern angezogen, ein Junge auch in knappen Shorts, während die Mädchen zwar modisch, aber nicht so halbnackt gekleidet sind wie junge Touristinnen aus einem anderen Land im gleichen Restaurant. Sie geben sich jung und unbeschwert, immer wieder sitzen kleine, gemischte Grüppchen zusammen, diskutieren, machen Musik und es gibt auch einige Liebespaare. Eine andere Gruppe geht nach dem Essen auf die Terrasse, um den Sternenhimmel anzuschauen. Sie benehmen sich fast wie deutsche Studenten, nur etwas wohlerzogener. Vielleicht auch, weil es ja hier keinen Alkohol gibt?

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Und hier vom Vorjahr Flamingosee plus Flamingos plus See

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Meine kleinen Helferlein

Hier will ich mal zeigen, wie man als Frau allein durch Marokko kommt. Oft werde ich ja dafür kritisiert oder bewundert, je nachdem, weil ich am liebsten alleine fahre. Auch auf Pisten. Aber tatsächlich bin ich ja nicht allein. Im Hintergrund habe ich doch eine ganze Armada von Helfern, die bereit stehen, wenn ich sie brauche. Aber auch in einem neuen Land, wie damals 2007 in Mauretanien, bekomme ich ein solches Netzwerk ziemlich schnell aufgebaut. Die Bewohner der nordafrikanischen Länder sind eben kontaktfreudig und hilfsbereit. Und meine eigenen Reiseführer sind im Notfall das beste Telefonbuch für mich.

Im Prinzip war ich auf dem Weg von Zagora nach Merzouga, allerdings wollte ich unterwegs noch so einiges abklären. Von der N 12 führen einige Stichstraßen nach Süden, früher Pisten, nun wollte ich schauen, wie weit der Teerbelag fortgeschritten ist. Von der N 12 bis zur Bergbaustadt Oum Jrane gab es kein Problem, alles geteert. Die Verbindung hinüber nach Fezzou ist immer noch Piste. Fezzou war einst ein sterbendes Dorf, aber da auch hier Straßenarbeiten im Gange sind kommen doch mehr Besucher hindurch und deshalb gibt es nun ein von außen sehr schön dekoriertes Café, das meine Aufmerksamkeit erregte. Und der Stopp hat sich unbedingt gelohnt. Brahim hat Jura studiert, fand aber keine Arbeitsstelle, und auch der Wunsch, nach Europa zu emigrieren, ging nicht in Erfüllung. So versucht er nun in seinem Dorf etwas auf die Beine zu stellen und ich hatte einen sehr interessanten Aufenthalt. Natürlich nahm ich alle seine Daten auf, denn er soll ja in den Führer. Er empfahl mir dann in Tafraout, wo ich hin wollte, in die neue Auberge von Said zu gehen, ich speicherte lediglich dessen GPS-Punkte ab.

Die Teerstraße ging über in Schotterpiste mit üblem Wellblech. Mit meinem wirklich komfortablen Discovery flog ich nur so über die Piste. Doch immer mehr drängte sich mir ein Geräusch auf. Mein Display in dem hochelektronischen Fahrzeug zeigte jedoch keinerlei Probleme an, ich vertraute der Anzeige völlig und schob das Geräusch und das heftige Stoßen auf das schlimme Wellblech. Ich erreichte Tafraout und dort schauten mich die Anwohner doch etwas seltsam an. Also stoppte ich. Und traute meinen Augen nicht. Mein Magen drehte sich schon beinah um bei dem Anblick, mir wurde ziemlich schlecht. In all den Jahren auf Marokkos Pisten habe ich noch nie so einen zerfetzten Reifen gesehen und es war klar, dass ich schon ein ziemliches Stück auf der Felge gefahren bin.

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Gleich vor mir deuteten zahlreiche Reifen auf eine entsprechende Werkstatt hin, doch kein Mensch war zu sehen. Frauen und Kinder scharten sich um mich, konnten natürlich auch nicht helfen. Ich ging ein wenig ins Dorf und traf einen Mann, der ganz gut Französisch konnte, er schaute sich das Desaster an und rief sofort den Mechaniker zu Hilfe. Der kam in wenigen Minuten mit Sohn auf dem Moped. Ich rief Brahim an und bat ihn, Said Bescheid zu sagen, dessen Nummer hatte ich ja noch nicht. Irgendwie brauchte ich jemand, der mir zur Seite steht. Ich hatte schon viele Reifenpannen im Laufe der Jahre und schon oft genug alleine in der Wüste die Räder gewechselt, doch dieser zerstörte Reifen und die Gefahr, dass die Felge beschädigt ist, machten mich ziemlich fertig. Said kam nicht bei, doch der nette Mann, ein Kommunalbeamter, hatte sämtliche Telefonnummern, er rief Said an. Es stellte sich heraus, dass ich die falsche Ortsangabe durchgegeben hatte und als Said dann kam, war auch gerade das Ersatzrad fertig aufgezogen. Und nach wenigen Worten stellte sich heraus, dass Said schon zum zweitenmal mein Retter war. Im Jahr 2012 war ich in Begleitung eines Einheimischen auf der Piste ab Taouz unterwegs, Moha fuhr, wollte mir abseits der Piste etwas zeigen und fuhr sich fest. Keine Chance ohne Hilfe wieder raus zu kommen. Also ging ich an die etwa 1 km entfernte Piste und wartete einfach, ob ein Fahrzeug vorbei kommt. Ein alter Defender tauchte auf und es war eben dieser Said, er zog uns raus. Said und sein Bruder betrieben damals in der nahen Oase Mharech eine Herberge, nun hat Said eine weitere in Tafraout eröffnet.

In dieser neuen Auberge fand ich also ein Zimmer mit Bad, aber ein wichtiges Problem gab es ja noch zu lösen, mir fehlte ein Reserverad. Also nahm ich mein „Telefonbuch“ zur Hand und rief Mohammed an, der in Erfoud das Restaurant Dakar betreibt. Ich bat ihn, sich nach einem passenden Reifen umzuschauen. 10 Minuten später kam der positive Rückruf, die Garage Royal genau gegenüber seinem Restaurant hat einen fast neuen, passenden Reifen. Nun musste ich also nur noch die gut 150 km heil ohne Reserve zurücklegen, was ich auch am nächsten Tag erfolgreich tat. Mohammed half nicht nur bei der Preisverhandlung, ich bekam den Reifen mit Montur für 1500 Dirham, in Tafraout hatte ich für die Reparatur freiwillig 50 Dirham gezahlt (in Euro eine Stelle weniger). Sondern lud mich obendrein  noch zur Pizza in seinem Restaurant ein. Da auch die Felge offensichtlich die Rüttelfahrt gut überstanden hat sind meine Probleme fürs Erste gelöst.

Palais Asma

Heute habe ich den Rekord gebrochen, den Rekord in der Länge der Tagesetappe. Immerhin 500 Meter habe ich geschafft, vom Palais Asma zum Riad Dar Sofian, meiner zweiten Heimat. Das schöne Gästehaus war gestern ausgebucht, schade für mich, gut für den Besitzer, und so habe ich im Palais Asma geschlafen, das zur gleichen Familie gehört und in dem ich tatsächlich bisher noch nie gewohnt habe. Ich wollte es gerne mal ausprobieren, hatte ich es doch schon während der Bauzeit besichtigt, wo mir der Bauherr jedes Detail liebevoll erklärte. Aber wie das häufig in Marokko so ist, ein Projekt wird wunderschön geplant und auch aufgebaut, aber danach fehlt es an allen Ecken, es wird nicht gut erhalten.

Der Empfang an der Rezeption war ordentlich, auch kam sofort ein Portier und half mir mit dem Gepäck. Das ist auch gut so, denn die Orientierung innerhalb des weitläufigen Hauses ist kompliziert und auch beim zweitenmal finde ich mein Zimmer noch nicht sofort. Aber obwohl das Hotel noch nicht alt ist, wirkt das Zimmer auf mich abgewohnt. Ein uralter Röhrenapparat an der Wand hat keine Programme in englisch oder deutsch, die Matratze ist unbequem, die Möbel verlieren ihre Lackierung. Im Bad nicht nur sehr primitive Pflegeprodukte, der Hammer ist, dass eines davon bereits entleert ist. Und in der Badewanne sind Haare. Die Handtücher rau und hart. Das Frühstück dann mehr als rudimentär. Da eine Gruppe gerade abgereist war gab es nur Reste, keine Crêpes, Baguette war aus, Kaffee eine leichte braune Brühe und der Orangensaft hat mit Orangen nur die Farbe gemein. Fazit: Das Ambiente und der Garten mit Pool sind ganz nett, Service und Frühstück könnten besser sein. Für Gruppen okay, die vermutlich einen Dumpingpreis bekommen, für Einzelreisende nicht zu empfehlen.

Im Riad Dar Sofian angekommen bestelle ich mir erstmal eine Koffeinzufuhr!

Inch’allah

Jaja, die Wege des Herrn. Nach zwei sehr angenehmen Wochen im staubigen Mhamid wollte ich mich vor der Weiterfahrt Richtung Merzouga noch zwei Tage in Zagora mal so richtig säubern. Mich und meine Kleidung. Also ging es zunächst zur Reinigung, um ein Kleiderpäckchen abzugeben. Auf dem Weg dorthin sehe ich eine Gruppe von Leuten, Moment mal, das ist doch Anne, die ich in Mhamid zum Festival getroffen hatte und die eines Morgens angefahren war, ohne dass wir uns noch verabschieden konnten. Ich hupe, sie erkennt mich sofort und wir verabreden, einen Tee zusammen zu trinken. Aber erst Reinigung. Ich frage, ob die Sachen morgen fertig sind, die Antwort: Inch’allah. Der arme Gott, nun muss er auch noch über meine schmutzigen Hosen entscheiden.

Anne ist in Begleitung eines weiteren Camper-Kollegen, Torsten und drei jungen Mädels. Die sind neu in Marokko und wollen in die Wüste. Gingen ziemlich unschlüssig von einem Wüstenbüro zum anderen, wussten nicht recht, wo und was sie buchen sollten, bis sie Anne und Torsten trafen, die sich ihrer annahmen. Anne meinte, so eine Tour beginne man am besten von Mhamid aus, dort sei Edith, die könne vielleicht helfen. In dem Moment fuhr ich vorbei! Wieder einmal Allah, oder?

Ja, ich konnte den Mädels helfen, zu einer schönen Tour und einem Nachmittag am Pool in Mhamid. Es war eine nette Gruppe und so fiel mir plötzlich ein, dass Belaid vom Camping Prends ton Temps mich schon die ganze Zeit zu einem kleinen Fest einladen wollte. Ich hatte keine Lust hinzugehen. Belaid ist ein hervorragender Musiker, hat eine komplette Ausrüstung und tritt auch manchmal auf. Ich habe ihm schon oft begeistert zugehört. Was mich abhielt war die fehlende Gesellschaft. Allein da zu sitzen und den Jungs zuzuhören, nein, dazu hatte ich keine Lust. Aber das hier war doch eine Gelegenheit. Ich schlug ein gemeinsames Abendessen vor, alle waren begeistert, ohne dass sie wussten, was sie erwarten würde und ich fuhr schnell mal zu Belaid, um zu hören, ob er überhaupt im Lande ist und für uns spielen kann.

Ja, Belaid war da und ich bestellte Couscous. Um 7 Uhr holte ich die Mädels ab, und hatte nicht so recht überlegt, dass ja Zeitumstellung war und es um 7 Uhr noch sonnig und viel zu früh zum Essen war. Machte aber nichts, wir gingen zur Auberge und tranken Tee, ein paar Fläschchen Wein hatten wir auch eingepackt. Bei Belaid gibt es das nicht zu kaufen und so kann man seinen eigenen Wein mitbringen. Torsten und Anne kamen dann um 8 Uhr, denn sie hatten sehr wohl an die Umstellung gedacht. Und Bruder Abdellah brachte einen riesenhaften Couscous an den Tisch.

Wir hatten Glück, es war nicht nur Belaid anwesend, sondern noch zwei Marokkaner, die ich schon auf dem Festival gesehen hatte. Sie sind ebenfalls Musiker, sind dort aber nicht aufgetreten. Die Auswahl an Instrumenten bei Belaid ist einfach riesengroß und so spielten bald sechs leute nur für uns. Immer wieder kam einfach jemand von draußen rein, ergriff sich eine Trommel und spielte mit. Belaid singt auch und es war ein Konzert vom feinsten. Trommelabends in der Wüste sind auch wunderschön, aber das hier war ein richtiges Konzert, sehr prfessionell. In der Evke saß noch ein einzelner Herr, ein Franzose. Ich dachte, ah ja, ein Camper vielleicht. Bei Belaid kann man ja in hübschen Zimmerchen wohnen oder auf dem kleinen Campingplatz. Sehr viel später kam Abdellah bei mir vorbei und sagte mir, dass der Herr ein vom Guide du Routard sei, also ein Berufskollege von mir. Mit dem Guide du Routard kann ich es absolut nicht aufnehmen, das ist ein wichtiger Guide, der in etliche Sprachen übersetzt wird und den viele Reisende nutzen. Aber was mir richtig gut tat, war die Tatsache, dass Belaid das Fest mir zu Ehren gab. Nicht wegen meinem Buch, sondern aus Freundschaft. Das ist mir unglaublich wichtig. Klar behandelt mich jeder, der vom Tourismus lebt, als Autor eines Reiseführers besonders gut. Und ich kann das auf eine professionelle Art auch akzeptieren. Aber ich will auch Freunde haben, die mich als Person mögen und nicht nur wegen meiner Bücher. Belaid und sein Bruder Abdellah gehören dazu. Danke.

Und nur mal so am Rande: Abdellah brachte den Herrn zurück in sein Hotel, er wohnt im Reda, einem großen unpersönlichen Gruppenhotel. Das zeigt mir eigentlich, dass er wenig Ahnung hat. Da wohnen doch die Individualreisenden, für die sein Buch ist, nicht.

Wir dachten manchesmal ans Aufbrechen, aber es kam immer noch ein neues Lied und der Abend war so wunderschön, es war Mitternacht, als wir endlich aufbrachen.

Reisen gestern und heute

Wie jeder nun zur Genüge weiß reise ich seit drei Jahrzehnten durch Marokko. Und niemals wäre ich in all den Jahren auf die Idee gekommen, mir zuvor ein Hotel zu reservieren. Es gibt bekannte Ausnahmen, und das sind die touristischen Städte wie Marrakech, Essaouira und Fes. Dort sollte man, wenn man etwas bestimmtes möchte, schon reservieren. Die andere wichtige Ausnahme ist Merzouga an Ostern. Dann setzt sich wirklich jeder Spanier, der über einen geländegängigen Untersatz verfügt, in ebendiesen und fährt für die Semana Santa, die heilige Woche vor Ostern, nach Merzouga. Das sollte man zu dieser Zeit komplett meiden.

Aber nun bin ich in dem Wüstenkaff Mhamid und all die Leute, die hier auftauchen, haben zuvor reserviert. Klar, eine Wüstentour sollte man reservieren, dazu ist eine aufwändige Logistik erforderlich, aber ein Hotelzimmer gleich welcher Art ist hier immer zu bekommen. Ohne Reservierung reist man frei und uneingeschränkt, und ist auch vor Überraschungen sicher. Denn gerade die einfachen Hotels setzen oft Fotos ins Netz, die der Wirklichkeit wenig entsprechen. Und dann ist man enttäuscht. Ich bin immer ohne Anmeldung gereist, konnte so frei entscheiden, wo und wie lange ich bleibe und wenn mein Ziel wirklich mal ein Ort war mit wenig Hotelbetten, dann habe ich am Nachmittag angerufen und gefragt, ob noch was frei ist. Ich habe hier in Mhamid etliche getroffen, die etwas traurig darüber waren, dass durch die Reservierung ihre Reiseroute fest steht. Denn es kommt ja noch hinzu, dass man sich heute abgesehen vom Hotel kaum informiert. Man fährt einfach los. Aber gerade Marokko ist ein Land mit Überraschungen, wenn man nicht einen Reiseführer hat, so wie meinen, der über die schönsten Strecken berichtet, erfährt man das erst unterwegs von anderen und kann es nicht mehr einbauen.

Obwohl – dann kommen die Leute vielleicht ein zweites Mal! Marokko wird sich freuen.

Im Biwak

1986 im Frühjahr war meine erste Marokkoreise, die mich so sehr begeistert hat, dass ich noch im gleichen Jahr einen Geländewagen kaufte und nach Marokko zurück kam. Und dann habe ich auch meinen ersten Kamelausflug in die Wüste gemacht. Vor dem Hotel La Fibule in Zagora warteten die Kamele, nach Mhamid kam man damals nicht so leicht und zum Erg Chegaga schon gar nicht. Marokko und Algerien hatten Differenzen über den Verlauf der Grenze und der Süden ab Tagounit war nur mit Genehmigung und Führer befahrbar. Schon im nächsten Jahr wurde das aber aufgehoben.

Doch was wusste ich damals schon von Chegaga, ich hatte noch nicht mal den Namen gehört. Also begann für mich die Wüste vor Zagora. Wir waren drei junge Frauen, den Kamelen wurde unser Übernachtungsgepäck aufgeladen und hoch ging es auf mein erstes Kamel. Ist ja nicht so einfach, wenn das Tier erst auf die Vorderbeine geht, dann auf die Hinterbeine und man sich ganz schön an dem unbequemen Touristensattel festklammern muss. Da fällt auch durchaus schon mal jemand runter. Die Tuareg würden auf so einem komischen Ding nicht reiten, sie haben ganz hohe Holzsättel, ledergebunden und verziert und sitzen darauf mit vor sich gekreuzten Beinen und nackten Füßen. Mit diesen lenken sie das Dromedar. Für einen richtigen Tuareg muss sich das Kamel auch nicht hinlegen, sie klettern über Knie und Hals des Tieres hinauf. Aber ein Tourist wiederum könnte sich nicht auf so einem Sattel halten.

Wir ritten also am Nachmittag hinaus in die Wüste vor Zagora, fanden am Boden die leuchtend gelben Bitterkürbisse. Ich war so unvorsichtig, einen anzufassen, was zunächst nicht weiter auffiel. Erst als ich viel später mit meinen Fingern zum Mund fasste kam der schrecklich bittere Geschmack, also das muss wirklich nicht sein. Wir fanden eine einsame Palmengruppe und schlugen dort unser Lager auf, an Zelte war damals noch nicht zu denken. Die Kamele wurden angehobbelt, wer nicht durch Karl May gebildet ist, dabei werden die Beine so zusammengebunden, dass das Tier zwar ein wenig laufen und nach Futter suchen kann, sich aber nicht allzu weit entfernen. Unsere beiden Begleiter begannen sodann mit der Zubereitung des Abendessens, wobei wir durchaus einbezogen wurden, wir schnippelten Karotten und schälten Kartoffel. Unser Lager bestand nur aus Wolldecken auf dem Sandboden, es gab weder Matratzen noch Stühle oder Tische. Zur Beleuchtung gab es Sonne, Sterne und Mond. Nach dem Sonnenuntergang tranken wir zunächst einen Tee, und irgendwann war auch das auf Holzkohle schmorende Tajine fertig. Wir unterhielten uns sehr nett mit den beiden Kameltreibern/Köchen und es gab, obwohl wir noch recht junge Frauen waren, nicht die geringste Anmache oder unangenehme Situation.

Danach sank jeder auf seinen Decken nieder, betrachtete den unglaublichen Sternenhimmel und die leuchtende Milchstraße und irgendwann fielen dann die Augen zu. Und am nächsten Morgen verblüfften uns unsere Begleiter mit dem Auftrag, hinaus in die Wüste zu gehen und die Dromedare zu suchen. Wir schafften es, natürlich nur mit etwas Hilfe.

Viele Jahre lang habe ich keinen Wüstenausflug mehr gemacht. Natürlich bin ich oft mit meinem Geländewagen über Pisten gefahren, habe auch häufig in meinem Zelt frei in der Wüste geschlafen. Viele der heutigen Asphaltstraßen waren damals noch schwierige Pisten und wer zum Beispiel von Mhamid nach Merzouga fahren wollte brauchte meist eine Übernachtung unterwegs. Und Hotels, nada!

Dann lernte ich Abdou kennen, der im Jahr 2000 gerade seine Agentur Sahara Services gegründet hatte. Und irgendwann nahm ich dann an einem seiner Ausflüge teil. Er hatte damals nur ein einziges Biwak am Erg Chegaga, eben so, wie die Biwaks damals waren. Es waren braune Nomadenzelte, nach wenigen Jahren wurden aber schon an den Seiten Lehmmauern errichtet und darüber Zeltbahnen gespannt. Innen schlief man zunächst auf Matten, bald aber kamen Betten, damit die Gäste nicht Angst vor Schlangen und sonstigen Krabbeltieren haben mussten. Abseits war ein Klohäuschen, mehr schlecht als recht, in Zagora waren wir noch einfach in die Wüste gegangen, aber es gab ja auch wesentlich weniger Touristen. Und zum Essen setzte man sich auf einen niedrigen Hocker an einen ebensolchen Tisch. Ich habe es gehasst und fand das total unbequem, schimpfte mit Abdou und sagte, die ganze Wüstenatmosphäre ist doch dahin. Aber er konterte, dass die Gäste das haben wollen, sie wollen nicht auf dem Boden sitzen oder schlafen. Ich konnte den Wüstentourismus nicht aufhalten und hielt meinen Mund.

Dann ging es bei Abdou eine Stufe höher, er hat schon immer den Blick nach vorne gerichtet, hat immer gute, neue Ideen. Die braunen Nomadenzelte wurden durch weiße Festzelte ersetzt, was den Vorteil hatte, dass man darin überall stehen konnte. Und hinten war ein kleines Babyzelt angebaut, das eine Nasszelle mit Chemieklo und Eimerdusche enthielt. Vom Solarpanel gab es abends ein wenig Licht.

Doch seit kurzem hat Abdou ein drittes Camp, ein Luxus-Biwak. Und obwohl nun tatsächlich die eigentliche Wüstenatmosphäre weg ist lieben die Gäste dieses Camp und auch ich bin voll darauf eingeschwenkt. Heute Nacht habe ich wieder einmal dort geschlafen und es ist einfach toll. Die Zelte stehen ein wenig entfernt vom Nachbarn, auch hier wieder weiße Festzelte und jedes hat, wenn auch nur von einer Zeltbahn abgetrennt, ein richtiges Bad mit Sitz-WC, Waschbecken und Dusche. Und dazu gibt es rund um die Uhr Licht vom Solarpanel und sogar eine Steckdose, um das Handy zu laden, obwohl es in Chegaga nur an wenigen Stellen auch Empfang hat. Die breiten, bequemen Betten haben wunderbar weiche Zudecken, die Zelte sind gemütlich eingerichtet und vor jedem Zelt ist eine kleine Terrasse mit zwei Sesseln, so dass man hier den Abend genießen kann.

Sofern nicht die Kamele bereits warten, um die Besucher zu den Sanddünen zu bringen. Wir sind fast eine Stunde geritten und haben dann von der höchsten Düne den Sonnenuntergang beobachtet, es war ein wunderschöner, windstiller Abend nach Sandsturm und Regen die letzten Tage. Zurück im Lager gab es dann Tee und Nüsschen, um 8 Uhr wurde von den netten, blau gewandeten Jungs das Abendessen serviert, ganz lecker Couscous mit Gemüse und Rinder-Tajine mit Pflaumen. Danach saßen alle um das Lagerfeuer, die einheimischen Jungs trommelten, was das Zeugs hielt und forderten dann die Gäste auf, auch etwas zum Besten zu geben. Meine drei Kunden, die diesen Ausflug bei mir gebucht hatten und die ich in die Wüste begleitete, konnten ebenso wie ich kein Lied, aber eine Gruppe Österreicher brachte richtig schönes Volksgut zu Gehör mit dazu passendem Klatschen. Ein durchaus gelungener Abend.

Und das Frühstück am nächsten Morgen überraschte mit Crêpes und Pfannkuchen in der Wüste. Nicht schlecht.

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