Fahrt nach Diama

Da ich die Hoffnung auf mein Gepäck noch nicht ganz aufgegeben habe, bleibe ich noch einen weiteren Tag im Hotel, nutze ihn aber mit einer Informationsfahrt nach Diama, damit er nicht ganz verloren ist. Es sind etwa 250 km bis dorthin und ich will natürlich auch am gleichen Tag zurück. Meine Infos besagen, dass der Zustand der Straße katastrophal ist, und daher war ich angenehm überrascht, dass die aus Nouakchott führende RN 2 ganz offensichtlich neu geteert ist. Aber genau deshalb fahre ich ja auch hier, um den aktuellen Zustand herauszufinden. Also ganz bis ans Ziel hat die tolle Straße nicht gereicht, aber wer es genau wissen will muss bis auf das Erscheinen meines Führers im Herbst warten. Am Hotel holte mich Ahmed ab, ein Guide, der für Idoumou arbeitet, denn er selbst ist ja viel zu müde, muss er doch täglich nachts bis um 4 Uhr auf dem Flughafen sein, um auf meine Koffer zu warten. Am Morgen kam zumindest der kleine, unwichtige. Kleidung, Geld und Medikamente sind weiterhin nicht existent.

Idoumous Sohn Mohammed chauffierte den Pickup, der schon komplett mit der Ausrüstung für unsere kommende Tour beladen war (ob sie jemals kommt?). So schnell kamen wir nicht aus der Stadt raus, denn die Beiden hatten immer noch irgendetwas zu besorgen. Als sie mich an einer Tankstelle im Wagen warten ließen, stürmten einige Jungs den Wagen, um mir Pfefferminze zu verkaufen oder zumindest ein paar Münzen zu erbetteln. Kurzerhand griff ich zur Kamera und knipste sie. Zunächst wehrten sie ab, aber dann zeigte ich ihnen die Bilder. Sie waren begeistert und schnitten alle möglichen Grimassen, nur um dann das Foto zu sehen.

Von der Fahrt gibt es nicht viel zu berichten, es ist nur eine richtige Ansiedlung, Tiguent, auf der Strecke, dazwischen aber sind viele Streusiedlungen mit weit auseinander liegenden Hütten. Die Menschen hier haben keinen Stromanschluss, aber zumindest gibt es eine Wasserleitung, die sauberes Trinkwasser transportiert, dass dann aber an Brunnen geholt werden muss. Nach 150 km verließen wir dann die Rosso-Straße und bogen in Richtung Naturpark Diawling und Senegal-Staudamm Diama ab. Auf der ganzen Fahrt gibt es natürlich wie in Mauretanien üblich viele Polizeikontrollen, und jeder möchte alle Personalien langsam und sorgfältig aufschreiben. Deshalb haben Landeskenner natürlich das sogenannte Fiche, ein Zettel, auf dem die verlangten Angaben bereits aufgedruckt sind. Das muss man sich vor der Reise zusammenstellen und vielfach kopieren. Das spart sehr viel Zeit.

Auch am Eingang zum Park Diawling muss man ein solches Fiche abgeben. Die Piste zur Grenze nach Senegal bei Diama verläuft durch diesen Park und so muss auch jeder diese Gebühr zahlen. Aber nachdem Ahmed erklärte, dass ich Reiseführer schreibe, hat man nicht nur auf die Gebühr verzichtet, sondern mich gleich zur Rangerstation geschickt. Dort erhielt ich Erklärungen, ein Buch über die Vogelwelt in diesem Park und wir drei wurden auch noch zum gemeinsamen Mittagessen mit den Angestellten eingeladen. Und mit den Katzen.

Wer aber in etwas ordentlicherer Umgebung essen und vielleicht sogar schlafen will dem kann ich nur die hervorragende Unterkunft in der Rangerstation empfehlen. Vier Bungalows mit hübschen, sauberen Zimmer und neu gefliesten Bädern, selbst eine Klimaanlage gibt es. Ich möchte wirklich gerne mal länger hier bleiben und auf einer geführten Tour die herrliche Tierwelt kennenlernen. Warzenschweine kreuzten ständig unseren Weg, einmal sauste ein Affe über die Straße, Vögel gibt es zuhauf, aber wer mehr sehen will darf nicht so durchrasen, wie wir es tun.

Dann erreichten wir Diama. Das ist nicht etwa ein Ort, sondern wirklich nur der Grenzübergang bzw. der Beginn der Staumauer. Will man ausreisen, so muss man diesseits drei Stationen ablaufen, um die mauretanischen Formalitäten zu erledigen, dann geht es 700 m über die Staumauer und am anderen Ende warten dann die Senegalesen. Aber wir wollten ja nicht rüber, ich hätte mir nur gerne mal den Damm angesehen. Wir parkten und gingen zum ersten Posten, der Gendarmerie. Der Polizeichef kam sofort herbei, war super freundlich, erklärte alle Prozeduren und schickte mich weiter zur Douane. Ein ganz junger Beamter empfing mich und weckte dann seinen Chef aus dem Mittagsschlaf, auch der sehr freundlich. Nun soll ich weiter zur Polizei gehen. Aber der Beamte war zwar freundlich, aber bestimmt und meinte, weiter geht es nicht. Sperrgebiet bzw. nur für Ausreisende. Also ehrlich, ich verstehs. Also spazierten wir wieder zurück. Ich war überrascht, wie entspannt es hier zugeht und es waren auch nur wenige Grenzgänger da. In Rosso sieht es da schon anders aus, aber das ist ja auch eine große Stadt. Ich kann also jedem Touristen nur zu diesem Grenzübergang raten.

Da ich Rosso schon kannte fuhren wir auf dem gleichen Weg zurück. Aber so unglaublich es ist, nun bin ich schon drei Tage in Mauretanien und habe immer noch nicht den speziellen Tee zu trinken bekommen. Ahmed schien es zu ahnen, er hatte ja eigentlich sogar Material zum Teekochen mitgenommen, aber dann entschied er, das Restaurant Modern (!) in Tiguent zu besuchen, dem einzigen Ort an der Strecke. Ich glaube modern würden es selbst meine marokkanischen Freunde nicht nennen, nein, es ist ganz im traditionellen Stil gehalten. Das bedeutet ein Karree mit Zeltdach, unten ein Mäuerchen, vielleicht um Krabbeltiere abzuhalten, darüber aber alles offen, damit der Wind durchziehen kann. Die Schuhe lässt man vor dem Zelt und lagert sich auf die Teppiche und Matten. Am Rande steht ein großer Suppentopf, darin garen Ziegenschenkel im Salzsud, von der Chefin ständig umgerührt, der lebende Fleischnachschub wartet hinter dem Zelt, und ein junger Mann bereitet unablässig Tee zu und verteilt ihn dann in winzigen Gläschen. Wir hatten uns ja bei den Rangern an Fisch mit Reis gelabt, so tranken wir nur Tee. Der echte, so wie man ihn zu Hause macht. In Marokko würde man sagen, nicht so wie in Touristenlokalen, aber die gibt es hier ja sowieso nicht. Ich konnte auch gut Fotos machen, die Menschen hier sind nicht so scheu.

Zurück in Nouakchott kaufte ich mir zunächst noch zwei von diesen luftigen Kleidern, denn es stellt sich immer mehr heraus, dass mein Koffer nie eintreffen wird.

Nouakchott

Nachdem mein Gepäck nicht da ist können wir nicht auf unsere Tour aufbrechen und müssen warten, was sich heute Nacht tut. Ich kann kaum zählen, mit wieviel Menschen Idoumou deswegen heute am Telefon gesprochen hat. Er will ihnen Dampf machen. Glaube zwar nicht, dass es einen Unterschied macht, aber egal. Sieht so aus, als sei ein Koffer schon gleich in Frankfurt hängen geblieben, der andere hat es immerhin bis nach Casablanca gebracht. Und angeblich sollen heute Nacht beide kommen. Ich glaube es jedenfalls noch nicht. Da ich in der Nacht ohne mein Melatonin absolut keine Minute geschlafen habe, habe ich mir in der Apotheke ein leichtes Schlafmittel gekauft, aber noch wirkt auch das nicht.

Um den Tag wenigstens etwas zu nutzen sind wir in der Nähe geblieben. Zunächst habe ich Idoumou Geld wechseln lassen. Hier hat es ja kürzlich eine Geldumstellung gegeben und der Ouguiya (MRU) verlor eine Null. Es wurden neue Geldscheine ausgegeben, die alten sind wertlos, und das Chaos ist komplett. Aber da ich die neuen noch nicht kannte und wusste, wie gerne man den unwissenden Touristen die alten andreht, habe ich das lieber Idoumou machen lassen und für 100 Euro 4.000 Ouguiya bekommen. Wenn man auf dem Markt nach Preisen fragt bekommt man meistens noch den alten gesagt und es ist nicht so leicht, sich da zurecht zu finden.

Dann besichtigten wir die Auberge Sahara. Das war immer eine Institution für alle Traveller in Nouakchott. Der Mitinhaber Aurélien war sehr engagiert und half auch bei allen Fragen. Doch hier zeigt sich schon der krasse Wandel, den die Hotelszene in Mauretanien in den letzten Jahren genommen hat. Der Einbruch im Tourismussektor hat seine Spuren hinterlassen. Die alten Treffpunkte der Reisenden existieren nicht mehr, die Inhaber mussten sich etwas Neues suchen. Das sieht man vor allem am Menata, über Jahrzehnte eine feste Institution. Es wurde aufgegeben. Auch die Auberge Awkar wurde abgerissen. Aber das Sahara ist noch da. Es heißt nun Le Sahara, wurde renoviert und hat im Erdgeschoss 7 Zimmer, drei davon mit privatem Bad, für die anderen gibt es ein ordentliches WC und Dusche, Wasserboiler vorhanden. Aber der nette Aurélien ist weg. Dennoch kann man die Auberge empfehlen, es ist sauber und im Hof ist die nun einzige Campingmöglichkeit der Stadt.

Noch immer da ist aber Nicola. Er hat vor der Stadt die Strandanlage Les Sultanes. Früher mit sehr primitivem Klo, heute wurde das neu gebaut, es gibt einen sauberen WC, aber das Wasser wird nur auf Verlangen bzw. wenn Camper da sind, angestellt. Dies sind nun wirklich die einzigen Campingmöglichkeiten, die Nouakchott noch hat. Ansonsten müssen Reisende in Hotels gehen. Das Les Sultanes hat noch immer ein gutes Restaurant, hier kann man echt preiswert Fisch essen, zum Beispiel dieses große Prachtstück für 400 Ouguiya, also 10 Euro. Für den kleinen Hunger gibt es nun auch Hamburger, aber der hat mich nicht überzeugt. Überraschenderweise ist es heute absolut nicht heiß, es weht eine angenehme Brise und ich höre, dass der Juli in Mauretanien im Gegensatz zum Mai und Juni ein angenehmer Monat ist. Neben einigen mauretanischen voll bekleideten Familien liegt auch eine Europäerin in ziemlich knappem Bikini am Strand, ein Anzeichen dafür, dass es hier absolut sicher ist.

Inzwischen kann man schon nicht mehr sagen, dass ich müffele, es stinkt zum Himmel. Ich muss mir dringend etwas wegen meiner Kleidung einfallen lassen. Also setzt Idoumou mich am Markt ab und ich schaue zunächst nach Unterwäsche. Ohweia, das ist nichts für mich. Alles Kunststoff und das in der Hitze. Die sehr mickrige Qualität wird aufgewogen von exorbitanten Preisen, ein schrecklicher Kunststoff-BH ohne jeden Halt soll 2500 MRU kosten. Okay, nach Handeln geht er runter auf 800 MRU, aber 20 Euro für das Teil, nein, dann lieber weiter stinken. Bei den Unterhosen das gleiche. Anders sieht es aus bei der Kleidung. Zwar liegen an den meisten Ständen Melahfas in allen Regenbogenfarben aus, aber das hilft mir nicht, denn erstens kann ich es nicht drapieren, zweitens nicht damit laufen und drittens muss man noch was unterziehen. Doch dann umkreisen mich die Straßenhändler mit Armen voller einfach zusammengenähter luftiger Kleider. Das ist doch genau, was ich suche und ich bekomme ein nettes Teil für nur 200 MRU.

Zurück im Hotel mache ich mich nackig, wasche Unterwäsche und schweißdurchtränktes Kleid mit Shampoo, presse es im zusammen gerollten Handtuch so gut es geht aus, hänge alles irgendwo im Zimmer auf und springe unter die Dusche. Oh wie tut das gut, auch wenn das Wasser immer noch nur kalt tröpfelt. Ich hülle mich in mein neues Gewand und versuche auf meinem runden Prachtbett zu schlafen anhand dieser komischen Pillen. Was aber nicht klappt. Also setzte ich mich an den PC und schreibe alles auf.

Mauretanien 2019

So richtig gut hat die Reise ja nicht angefangen. Und irgendwie habe ich mich auch nicht richtig darauf gefreut. Diesmal wollte ich fliegen und die ganze Programmgestaltung und Durchführung meinem Gewährsmann Idoumou überlassen. Schließlich ist er derjenige, der viele Touren mit Touristen durch sein Land macht und so weiß er, welche Strecken die wünschen. Als ich den ersten Reiseführer über Mauretanien 2007 herausgab, war die Ausgangslage ja eine andere. In der marokkanischen Westsahara war das Gebot, ab Dakhla nur im Konvoi zu fahren, aufgehoben worden, und auf der mauretanischen Seite war die Straße von der Grenze bis Nouakchott frisch geteert worden. Deshalb fragten etliche Wohnmobilfahrer, die im marokkanischen Süden um Dakhla überwinterten, nach Informationen, um ihre Fühler auch nach Mauretanien auszustrecken. Also schrieb ich ein Buch nur über Asphaltstraßen. Doch dieser Wohnmobil-Traum wurde schon im Dezember zunichte gemacht, als am Weihnachtstag fünf Franzosen überfallen wurden und vier ihr Leben lassen mussten. Daraufhin wurde die Rallye Paris-Dakar abgesagt und der Tourismus in Mauretanien war tot. Ehrlicherweise muss man sagen, dass es auch noch weitere Probleme gab und der Osten des Landes nicht als sicher galt.

Bei der zweiten Auflage 2013 war dann die Lage ein wenig besser und ich fügte auch für die Geländewagenfahrer zwei schöne Pisten zu. Nun im Jahr 2019 sieht es ganz anders aus. Endlich hat Mauretanien seine Probleme in den Griff bekommen, die Sicherheitslage hat sich so weit gebessert, dass selbst die deutsche Botschaft sagt, man kann in das Gebiet nahe der Grenze zu Mali im Osten reisen und die Traumstrecke Chinguetti – Tichitt – Oualata wird damit zugänglich. Und die zeitweise stark überteuerte Visumsgebühr wurde auf 55 Euro gesenkt, nicht ohne meine tätige Mithilfe. Die Wohnmobilfahrer sind weitgehend verschwunden, nur sehr abenteuerlustige Menschen wagen sich noch hierher, gibt es ja auch wenig Infrastruktur für sie, aber für die Geländewagenfahrer wird Mauretanien wieder sehr interessant, ist doch Marokko so ziemlich zugeteert. Deshalb habe ich nun vor, mit Idoumou diese schöne, mehrtägige Strecke zu fahren und möchte sie in mein Buch aufnehmen.

Am Freitag um 18:40 sollte es also von Frankfurt aus losgehen. Vorher hatte ich mein Gepäck vorbereitet. Viel Kleidung brauche ich ja im heißen Juli nicht, aber sonst hat sich etliches angesammelt. Das Bordcase ist hauptsächlich mit meinen alten Reiseführern voll, ich will jedem Herbergsvater einen schenken. Dazu sollten wichtige persönliche Gegenstände kommen, die man so braucht, und mein Laptop. Der große Koffer war voll mit meiner wenigen Kleidung, einer Mini-Kaffeemaschine (wie soll ich sonst die Wüste überstehen), einer großen Tasche mit Geschenken für Idoumous Familie. Und damit war er voll. Aber ich hatte immer noch einen weiteren Beutel mit wunderschönen Babysachen auf dem Boden liegen und auch eine Tüte Bonbons. Wie soll ich das nur machen. Zwar darf ich mit Royal Air Maroc zwei Koffer einchecken, aber ich muss die schweren Dinger doch auch noch zum Flughafen karren, zwei Koffer plus Handgepäck und Handtasche, das schaffe ich nicht. Kurz vor der Abfahrt fiel mir dann die Lösung ein. Laptop in einer Umhängetasche und das Bordcase mit Kindersachen so weit wie möglich aufgefüllt und einchecken. Das ist die Lösung, das ist die Obergrenze, was ich mitnehmen kann.

Ich kam auch gut an und gab meine Koffer ab. Aber dann verzögerte sich der Abflug. Gut eine Stunde. Dabei habe ich in Casablanca doch nur 1:15 Stunde zwischen den Flügen. Ob ich das noch schaffe? Habe zur Sicherheit schon mal Abdou Bescheid gesagt, im Fall ich strande in Casa, da findet er immer eine Lösung. In Casa dann Hetze bis zu meinem wirklich weit abgelegenen Gate. Auf der Hinweistafel hatte ich aber schon gelesen, dass auch dieser Flug später abgehen soll, und von Idoumou hörte ich später, dass die Maschine extra gewartet hat, weil es mehrere Umsteiger gab. Um halb drei Uhr morgens Ortszeit kamen wir dann auf dem neuen Flughafen von Nouakchott an, weit draußen, denn der alte in der Stadt wird zugebaut. Und wie versprochen war Idoumou so ziemlich der erste Mensch, den ich sah. Der Service, den er mir bot, gilt aber nicht nur der Reiseführer-Autorin, den kann jeder buchen. Man gibt ihm vorher seine Daten durch, er regelt bereits vorher alle Formalitäten, das kostet natürlich etwas. Aber dann zieht er mit Pass und Visagebühr los an allen Schlangen vorbei und im Nu waren wir durch den VIP-Ausgang an der Gepäckausgabe.

Das Band drehte sich, und drehte sich, hunderte Koffer kamen, aber meine nicht. Wir warteten bis zum bitteren Ende, aber nichts. Und wir waren nicht allein. Etliche Koffer waren nicht mitgekommen, es ist also kein seltenes Phänomen. Aber zaubern kann auch Idoumou nicht und wir wurden vertröstet, morgen Nacht sollen die beiden Koffer kommen. Inch’allah! Idoumou brachte mich also in ein Hotel, das er für mich gebucht hatte und er hat sogar eine Suite bestellt. Die hat den Vorteil, dass im Badezimmer eine große Schachtel steht mit Zahnputzzeug und Kamm, so wichtige Gegenstände für mich nun. Er meinte, nun solle ich erstmal schlafen, am Morgen gehen wir dann Wäsche kaufen.

Schlafen! Wie soll ich das bloß machen. Da hilft auch keine Übermüdung, da hilft nur das Schlafhormon Melatonin. Und das ist im Bordcase, das ich ja kurzentschlossen eingecheckt habe. Mit noch drei anderen Mitteln, die ich eigentlich unbedingt täglich brauche. Und meiner ganzen Kleidung. Wenn die Koffer nicht kommen weiß ich nicht, wie ich die Tour durchführen soll.

Aber reden wir von den positiven Dingen. Die Suite ist groß und gemütlich, wenn man sich die Installationen auch nicht zu genau anschauen sollte. Das Duschwasser tröpfelte kalt, aber vielleicht lag das an der Uhrzeit. Die Klimaanlage ist laut, aber bei der Landung waren es nur 20 ° Grad, das geht auch ohne. Die beiden Fernseher haben nur arabische Sender und mein Buch ist ausgelesen. Bleibt als einziges das Internet, das aber gut geht. Wenn die Sachen kommen und wir starten können, dann werde ich in der nächsten Zeit weder so fürstlich wohnen, noch Internet haben mitten in dem Sandkasten.

Es ist jetzt 7:50 in Mauretanien, 9:50 Uhr in Deutschland und ich habe keine Minute geschlafen. Also gehe ich schnell mal vors Haus, um euch ein paar erste Fotos zu machen, von der Luxusstraße, in der mein Hotel liegt. Als ich zurückkam wollte ich mir einen Kaffee kochen, Warmwasserbereiter und Kaffepulver sind ja da. Aber wir wären nicht im Mauretanien, wenn das geklappt hätte. Zu dem schönen Wasserkocher gehört ein Stecker, der vielleicht irgendwo in Afrika passt, hier jedenfalls nicht.

Zweiter Tag in Bamberg

Heute früh um 10 Uhr war ich wieder bei Herrn Staritz. Gestern hatten wir es ja nicht geschafft, auch die Funkausrüstung anzuschauen. Also ging es in den Keller. Also dieses Haus könnte man gut und gerne, so wie es ist, als Museum eröffnen. Hier befindet sich eine riesige Sammlung von Funkgeräten, nicht nur deutsche, auch amerikanische, englische, russische und was weiß ich nicht. Herr Staritz hat ja nach dem Krieg studiert, ist Dipl.-Ing. und kennt sich auf diesem Gebiet wirklich gut aus. Und sammelt alles wessen er habhaft werden kann. Dabei ist schon ein großer Teil seiner Sammlung im Spionage-Museum in Berlin. Hier konnte ich auch die Geräte sehen, mit denen mein Vater vermutlich gearbeitet hat.

Zu Mittag gingen wir dann „auf den Keller“, wie man hier sagt. Im Rheingau enthält ein Keller Wein, hier Bier, und die Bierlokale heißen eben Keller. Und da geht man nicht in den Keller, sondern auf den Keller. Schäufla hatte ich ja schon probiert, also entschied ich mich diesmal für Krautbraten. Es sind eigentlich die gleichen Bestandteile wie Kohlrouladen, nur dass hier das Kraut gehäckselt in dem Hackfleischteig untergezogen wird und in einer Kasserolle im Ofen gebraten wird. Sehr lecker und deftig.

An unserem Tisch nahm eine Familie Platz und schnell wurden sie ins Gespräch einbezogen. Sie waren ganz gerührt, mit welch wichtigem Mann sie hier zusammen saßen, ließen sich den Namen geben, damit sie im Internet darüber nachlesen können. Auch dies also wieder ein gelungener Tag und mein Abschied von Herr Staritz, ich selbst bleibe aber noch eine Nacht in Bamberg und will mir morgen hier noch die berühmte Fronleichnam-Prozession anschauen.

Nachsatz: Das Kriegstabeguch ist nun fertig gedruckt. Auf dieser Webseite sind nähere Infos, dort kann es auch bestellt werden:

http://kriegstagebuch.edith-kohlbach.de/

 

Besuch in Bamberg

Im Zuge meiner Familienchronik habe ich schon viele Orte meiner Kindheit besucht, Spurensuche betrieben in Boppard, Bad Kreuznach und Adenau. Aber Bamberg? Da habe ich nie gelebt Und doch ist auch dies ein Ort zur Spurensuche. Die Spuren meines Vaters.

Viel zu lange habe ich gewartet mit dieser Suche. Nun sind alle verstorben, die ich hätte fragen können. Aber nein, einen Menschen gibt es. In Bamberg. Rudolf F. Staritz. Er hat zwar meinen Vater nie gekannt, aber er war im gleichen Bereich tätig im 2. Weltkrieg, bei der Abwehr.

So viele Menschen fragen mich, Abwehr? Was genau ist das. Und warum Spanien? Das Land war doch nicht am 2. Weltkrieg beteiligt. Nein, war es nicht. Aber Franco sympathisierte durchaus mit den Deutschen und gab den Spionen freie Hand dort. Und eben der Abwehr. Der Tätigkeit, die mein Vater als Funker ausgeübt hat. Und eben Herr Staritz, wenn auch nicht in Spanien.

Endlich war es so weit, endlich konnte ich nach Bamberg fahren. Schon am Telefon hat Herr Staritz ja durch einen sehr klaren Verstand geglänzt, er kann sich an alles erinnern und erzählt nichts doppelt. Wie gerne würde ich auch ein hohes Alter in dieser Klarheit erreichen. Als er mir dann an seiner Haustür gegenüberstand war schon ersichtlich, dass er nicht mehr ganz so beweglich ist wie ein junger Mann, aber das bin ich auch nicht mehr und doch noch so viel jünger. Auch ich habe ja noch so viel zu erledigen und möchte gerne lange so fit bleiben.

Mein oberstes Anliegen war ja tatsächlich, die Lücken in den Tagebüchern zu schließen, die meine Sütterlin-Experten nicht lesen konnten. Und wir haben uns tatsächlich mit aller Energie daran gemacht. Obwohl Herr Staritz noch von der Reise erschöpft war, hat er nicht aufgegeben, bis wir mit den drei Büchern durch waren. Alles konnte auch er nicht entziffern, aber es bleibt wirklich nur noch ein sehr kleiner Rest. Danach haben wir uns zusammen einen Film angeschaut, 2 Stunden lang, in dem Herr Staritz sein Leben bei der Abwehr geschildert hat. Ein witziges Detail war, dass er seinen jüngeren Bruder Karl, auch Amateurfunker, der noch nicht eingezogen worden war, auch zur Abwehr brachte und ihn nach einer kurzen Ausbildung selbst zu seiner ersten Einsatzstelle in Hamburg gebracht hat. Das war wohl 1941. Der Bruder ging von Hamburg aus zur Abwehr in Norwegen. Es folgten Kriegsjahre, an deren Ende die Brüder keinerlei Informationen über den anderen oder die Eltern mehr hatten, die Möglichkeit, dass sie gefallen waren, bestand. Im Mai 1945, als die letzten Anstrengungen unternommen wurden im zerfallenden Heer, war Herr Staritz in Lübeck. Alleine musste er die Funkstelle bedienen, was schlicht nicht möglich war. Er bat um Unterstützung und wurde schließlich nach Hamburg geschickt, um dort nach einem Helfer zu suchen. Als er sich beim Wachtposten der Dienststelle meldete, sagte der Soldat, Staritz? Da haben wir auch einen hier. Nun ist das ein seltener Name und Herr Staritz dachte sofort an seinen Bruder. Und tatsächlich, er war es. Weinend fielen sie sich in die Arme. Und er konnte ihn mitnehmen nach Lübeck, obwohl kurz danach ja alles aus war. Also hatte er seinen Bruder in den Krieg geführt und auch wieder abgeholt.

Es war ein sehr interessanter Nachmittag, aber ich bekam Hunger und Herr Staritz war müde, also ging ich in die wunderschöne Altstadt von Bamberg. Hier war ich noch nie und ich war überrascht, was für eine schöne Stadt das ist. Klein-Venedig nennt man es ja auch, wegen der schönen alten Wohnhäuser direkt am Fluss, wo die Bewohner von ihrem Gärtchen direkt im Fluss schwimmen können oder ins Kanu steigen. Dazu hatte ich auch noch ein herrliches Wetter.

Und zum Abschluss wollte ich natürlich das fränkische Schäufele probieren. Bei den vielen schönen Lokalen in der Altstadt war es schwer sich zu entscheiden. Schließlich landete ich im Hotel Ringlein, weil es dort einen hübschen kleinen Garten gab. Natürlich bestellte ich mir das Nationalgericht Fränkische Schäufla mit Knödel und Wirsing. Wirsing hat meine Mutter auch immer gekocht, ich habe es gerne gegessen, aber zumindest in unserer Region ist dieses Gemüse vollkommen aus der Mode gekommen. Es hat alles super geschmeckt, sehr würzig, aber die Portion so groß, dass selbst ich gute Esserin es nicht gepackt habe.

Am Nebentisch saßen drei Damen, so etwa in meinem Alter. Wir warfen uns mal Blicke zu und ich konnte auch Fetzen aus ihrem Gespräch aufschnappen. Als aber das Wort Wehrmacht fiel, also ja genau mein Thema zur Zeit, da konnte ich nicht anders, bin hin und fragte, ob ich mich dazu setzen könne. Ich durfte und es folgte ein wirklich schöner Ausklang dieses interessanten Tages. Es waren drei Schulfreundinnen aus Hamburg auf einem Mädelsausflug, und tatsächlich genau mein Jahrgang. Wir hatten sehr viele gemeinsame Themen, nicht nur die Familien-Recherche, mit der auch sie sich befassten, sondern auch in der Flüchtlingspolitik hatten wir ähnliche Ansichten. Wieder einmal dachte ich mir, warum nur treffe ich interessante Menschen nur auf Reisen, nie zu Hause.

Rudolf F. Staritz

Seit Wochen bin ich nun schon mit dem Thema Familiengeschichte und Kriegstagebücher beschäftigt. Es erfüllt mich vollkommen und ich möchte einfach mehr über die Tätigkeit meines Vaters bei der Abwehr erfahren. Er hatte wenig darüber erzählt und ich habe auch nie gefragt, zunächst war ich zu jung dafür und später gedanklich doch sehr weit von meiner Familie entfernt. Doch nun nach der vollständigen Entzifferung der Tagebücher tauchen Fragen auf, und niemand ist da, um sie zu beantworten. Der Krieg brach 1939 aus, wer ihn noch als Soldat erlebt hat, müsste also spätestens 1920 – 1923 geboren sein und wie viele gibt es davon heute noch? Und sind auch noch in der Lage zu erzählen.
Ich suchte das Internet ab, fragte nach im Forum der Wehrmacht, aber wirklich handfeste Informationen fand ich nicht. Ja, es gab einen Organisationsplan. Aber was haben die Funker wirklich gemacht. Canaris, der berühmte Abwehrchef, ist in aller Munde, aber was hat so ein kleiner Funker gemacht? Mein Vater durfte darüber in seinen Tagebüchern ja nichts berichten. Und im Forum gibt es alle möglichen Informationen, aber über die Abwehr, nichts.
Ich war entmutigt und suchte mit immer neuen Schlüsselwörtern. Und traf irgendwann mit einer Kombination, die ich nicht mehr nachverfolgen kann, auf eine PDF-Datei von Rudolf F. Staritz. Das war es! Eine 100seitige Abhandlung über die Technik und Verfahren der Spionagefunkdienste. Das war genau das, was ich suchte und hier waren endlich die Orte genannt, die ich aus dem Tagebuch kannte. Berlin – Stahnsdorf zum Beispiel als Hauptstelle. Ich war begeistert und konnte anhand dieses Textes entsprechende Fußnoten in das Tagebuch einfügen, so dass die Leser nach mir besser Bescheid wissen, um was es eigentlich geht.
Doch je mehr ich mich darin vertiefte, desto mehr Fragen tauchten auf. Wie schön wäre es, wenn ich jemand fragen könnte. Wenn ich diesen Staritz fragen könnte. Auf der Internetseite gab es keinen Kontakt-Link. Aber ein Nachwort der Publikation war von Herrn Staritz selbst unterschrieben, mit der Angabe „Bamberg im April 2018“. Aha, es klingt blöd, aber man sagt sich unwillkürlich: da hat er noch gelebt. Und ein Blick ins Telefonbuch zeigt eine aktuelle Nummer.
Eine Stimme meldet sich, frisch, jung. Der Sohn? Ich frage: Herr Staritz? Ja sagt er.
Er ist es höchstpersönlich und topfit, 97 Jahre alt. Wir tauschen unsere Informationen aus und schnell stellt sich heraus, mein Vater und er waren zum gleichen Zeitpunkt am gleichen Ort. Er kennt zwar nicht den Namen, aber alles, wovon mein Vater so geschrieben hat. Rudolf Staritz ist nicht nur der letzte lebende Zeitzeuge der Abwehr, er war auch sein Leben lang an diesem Thema interessiert, hat recherchiert, Bücher geschrieben, Sammlungen aufgebaut. In zwei Wochen wird er in Berlin bei der ARD sein, um wieder einmal bei einer Dokumentation von seinen Erlebnissen zu berichten.
Ein Wahnsinns-Gespräch entwickelt sich. Und ganz klar ist er dringend an den Tagebüchern interessiert. Ich frage ihn, ob er einen PC hat. Hat er, sagt er, aber kein Internet. Bei dem, was er über die Spionage weiß, will er kein Internet im Haus haben. Aber sein Sohn hat einen Anschluss und ich schicke die Abschrift der Bücher an den Sohn. Morgen will sich Herr Staritz das durchlesen und er hofft, dass er sogar noch neue Informationen darin findet, die ihm bei der Dokumentation hilfreich sein können.
Noch immer haben wir ja einige Lücken in der Abschrift der Bücher. Keine kompletten Sätze, sondern einzelne Wörter, vor allem auch Namen, die auch meine hilfreichen Spezialisten nicht lesen konnten. Ich bin sicher, er kann es. Denn nicht nur kann er natürlich Sütterlin, er weiß auch die Hintergründe und kennt Namen. Ziemlich schnell schlage ich also vor, dass ich ihn besuche. Er freut sich sehr und meint, allzu lange darf ich damit nicht warten in seinem Alter. Meint, dass er zwar immer noch Auto fährt, aber nicht so lange Strecken. Das ist ja das Mindeste was ich tun kann, dass ich zu ihm fahre. Nun warte ich, bis er die Bücher gelesen hat, dann machen wir etwas aus. Ich bin ja so aufgeregt.

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Link zu Wikipedia

Das Kriegstagebuch ist inzwischen erschienen. Zu bestellen hier im Shop.

Nachtrag zur Familiengeschichte

Zu diesem Beitrag habe ich Antworten erhalten, aber da ich noch keine Kommentarfunktion ermöglicht hatte füge ich den Text hier ein:

Hallo Edith,

Deine Schilderung/Bewertung entspricht durchaus den beschriebenen Ereignisabläufen der Tagebücher. Text und Wort der Feldpostbriefe und Tagebücher sind nun mal ein Spiegel der verschiedenartigsten Erlebnisse dieser Generation, und jeder erlebte sie auf seine Weise. Wie soll es auch anders sein, sie konnten sich ihre Einheit, ihr weiteres Leben nicht aussuchen. Die Einen hatten Glück und lebten, wie Gott in Frankreich, im wahrsten Sinn des Wortes. Andere lagen an der Ostfront bei – 30° monatelang in Erdbunkern mit erfrorenen Gliedmaßen und hungerten. Viele kamen überhaupt nicht mehr nach Hause. Krieg ist immer ungerecht, die Abläufe gehorchen eigenen Gesetzen, fernab menschlicher Logik. Vielleicht ist es gerade diese Ungerechtigkeit, die deine Freundin empfindet, und die sie so verstimmt. Eventuell genügt ihr ein Hinweis in deinem Text, der relativiert und auf genau diesen Aspekt hinweist.

Guten Morgen, Edith,

ich beschäftige mich ja nun schon einige Jahre mit dem Thema 2. Weltkrieg, mit dem Krieg an sich weniger, mehr mit den Menschen in ihm. Und ja, ich habe schon viele Tagebücher und noch mehr Feldpostbriefe gelesen. Einfach weil ich verstehen will, wie die Menschen damals „tickten“, was sie zu sagen hatten, was sie fühlten, warum sie so handelten wie sie handelten. Ich habe Menschen der unterschiedlichsten Couleur dabei kennengelernt, vom hochrangigen SS-Offizier, der lyrische Gedichte schrieb, von einer Mutter mit Kindern, die einer anderen Frau den Tod wünschte, von Soldaten, die in Stalingrad festsaßen und wußten, daß sie die Heimat nicht mehr wiedersehen werden. Es gibt unzählige Beispiele. Aber die allermeisten haben gemein, daß die im Krieg stehenden Soldaten – aber auch ihre Familien – immer positiv, fast möchte man meinen oberflächlich, ihre Gedanken zu Papier brachten. Was hätten sie auch sonst anderes schreiben sollen? Die junge Frau mit Kindern daheim mit Gruselgeschichten über Bomben, Gefechte oder Tote erschrecken? Nein, das haben die wenigstens getan – und wenn, dann höchstens andeutungsweise.

Ich kann Deinen Vater gut verstehen, daß er fast ausschließlich nur die positiven Dinge aus seinem Soldatenleben notiert hat. Denn ich bin mir ziemlich sicher, daß er auch weniger schöne Erlebnisse hatte und Dinge gesehen hat, über die man besser nicht spricht. Dieses Verdrängen war ganz einfach eine Art der Verarbeitung. Und sich dann an die schönen Dinge zu erinnern, half ihm vermutlich über das weniger Schöne hinweg. …

Über die Gründe Deiner Freundin kann ich natürlich nur mutmaßen. Vielleicht rühren sie aus dem Verlust ihrer Familie her, weil ihr Vater es nicht „so gut“ hatte und an der Front saß und dort sein Leben lassen mußte. Aber dieses Schicksal hätte auch Deinen Vater treffen können. Er hatte ganz einfach nur Glück, nicht mehr und nicht weniger. Jeder kriegstaugliche Mann wurde Soldat, aber wohin er kam, das entschieden andere über ihn.

Edith, das Thema ist wirklich sehr vielschichtig und komplex, mit Worten gar nicht so einfach zu fassen, es füllt ganze Abende. Wichtig ist doch nur, daß wir uns mit unserer Vergangenheit, mit unserer Familie, unseren Wurzeln und dem „woher komme ich?“ auseinandersetzen. Und je früher wir das tun, umso besser.

Hier also nochmal von mir: Ich denke, dass ich sehr realistisch und objektiv berichtet habe, was mein Vater in den Tagebüchern schrieb und wie das auf mich wirkte. Ich war mehr als erstaunt, dass er offenbar so viel Freizeit hatte und auch, dass es wie eine Art Reisebeschreibung gewirkt hat. In den Büchern wird ein ganz anderer Mensch deutlich, als der, den ich gekannt habe. Aber die beiden Beiträge oben von Menschen, die viele Tagebücher kennen, zeigen ja, dass die meisten Soldaten nur das Gute aufschrieben.

Keineswegs möchte ich auf all die herab sehen, die Angehörige in dem Krieg verloren haben. Der Krieg war schrecklich, ich bin erst 1947 geboren, aber meine Mutter erzählte so viel von den Bombennächten, dass sie mir schon fast realistisch erschienen und ich immer Angst hatte, wenn draußen laute Geräusche erklangen. Mein Vater kam äußerlich unversehrt zurück (innerlich nicht), viele andere nicht. Das tut mir leid. Wir können es nicht mehr nicht ändern. Wer es hätte ändern können, das wäre das Volk gewesen, vor dem Krieg, das die Augen hätte aufmachen sollen und gegen die Nazis einschreiten. Aber alle haben an „ihren Führer“ geglaubt, sind ihm ins Verderben gefolgt. Das ist schlimm und sollte uns gerade heute eine Lehre sein.

Zufall oder was

Ich bin heute seltsam in eine frühere Zeit versetzt. Schreibe ja an meiner Familiengeschichte. Es ist merkwürdig, wie die aktuellen Ereignisse heute direkt mit meiner Familiengeschichte in Berührung kommen. Erst schrieb ich über den Nürburgring, erwähnte wie gefährlich er in meinen 1950ern war, und wie sehr sich Niki Lauda nach seinem schweren Unfall dort für einen sicheren Ring eingesetzt hat. Heute Abend in den Nachrichten dann die Meldung, Niki Lauda ist gestorben. Schon seltsam, wo ich kurz zuvor seinen Namen niedergeschrieben habe.

Dann kam ich heute an die Zeit, als ich meinen Mann kennenlernte, als wir unsere Träume hatten. Es war in den wilden 1960ern, als wir frei sein wollten. Ich gehörte voll zur Flower-Power Zeit, kämpfte gegen meine Eltern, wollte über mein eigenes Leben bestimmen. Meine großen Idole waren Sonny & Cher. Ich nähte Jochen und mir Kleidung nach ihrem Vorbild, denn so was konnte man damals nicht kaufen. Und dann machte ich heute Abend den Fernseher an und es läuft ein alter Film mit Cher. Unglaublich. Was jetzt noch fehlt ist eine Dokumentation über die Rolling Stones mit dem Gitarristen Brian Jones. Ich habe für ihn geschwärmt wie alle Mädels damals, er war so süß mit seinen blonden Haaren. Habe meinen Sohn nach ihm genannt. Heute kennt ihn kaum noch jemand, denn kurz danach ertrank er in seinem Pool. Aber ich werde ihn nie vergessen.

Auf Spurensuche in Adenau – 1957 bis 1961

Ausflüge in die Vergangenheit sind einfach grandios. Ich kann nur jedem empfehlen, das zu machen. Im letzten Jahr hatte ich schon meine Geburtsstadt Boppard besucht, dann Bad Kreuznach, wohin ich mit 6 Jahren verzogen war. Und diesmal stand Adenau auf dem Programm. Die Stadt in der Eifel direkt am Nürburgring. Den Ring, den ich in seiner Blütezeit erlebt habe.

Gestern hatte ich mir spontan ein Zimmer im Blauen Eck für heute reserviert. Und im Internet nach Chronisten geschaut. Ich bekam schließlich die Telefonnummer eines Herrn Corden und ihn auch gleich an die Strippe. Ein tolles Gespräch. Liegt es am Alter? Jedenfalls macht es ungeheuren Spaß, über früher zu erzählen. Ich erwähnte den Lehrer, der mir immer mit einem Lineal auf die Finger schlug, wenn ich etwas falsch machte. Das war Herr Brüß, sagte Corden sofort. Der Herr war schon älter, als er aus dem Krieg minus ein paar Extremitäten zurück kam. Er schulte um als Lehrer, die damals sehr knapp waren. Aber diese Profession war ihm offensichtlich nicht auf den Leib geschnitten, er war als sehr streng bekannt. Aber zum Glück kam ich in seinen Bereich in der 4. Klasse und wechselte kurz danach ins Gymnasium. Das Gespräch mit Herrn Corden war toll, also fragte ich ihn, ob er vielleicht morgen auf einen Kaffee Zeit habe. Schade sagte er, eigentlich immer, aber morgen ist ganztägig ein Tennisturnier.

Gleich nach dem Frühstück heute fuhr ich also los. Sonne am Himmel, aber kalt, deshalb blieb das Roadster Dach zu. Zunächst ging es nach Koblenz. Aus dem Kriegstagebuch meines Vaters, mit dem ich mich in der letzten Zeit beschäftigt habe, wusste ich, dass das Haus, das Musikgeschäft und Wohnung meines Großvaters beherbergt hatte, in der Schlossstraße 9 in Koblenz lag und 1942 ausgebombt wurde. Ich war nie dort. In google earth sah ich bereits, dass dies eine Superlage ist, lebhafte Geschäftsstraße, die direkt auf das wunderschöne kurfürstliche Schloss mündet. Schade, richtig schade, dass diese Toplage unserer Familie verloren ging.

Dann ging es weiter nach Adenau. Genau diese Strecke, Koblenz – Mayen – Adenau, bin ich in meiner Kindheit oft gefahren, gab es in dem kleinen Adenau nämlich überhaupt nichts, wir mussten einmal im Monat nach Koblenz, um einzukaufen. Am meisten hat sich Ochtendung auf dieser Strecke in mir eingegraben. Wegen dem lustigen Namen und dem Beton-Steine-Werk, das an der Straße lag. Und das gibt es tatsächlich noch. Von Mayen wusste ich noch, dass es eine Burg in der Stadt gibt. Was mir aber nicht mehr klar war, wie groß dieses alte Bauwerk einschließlich Stadtmauer ist. Sehr schön. Aber ich hielt nur, um das Autodach aufzuklappen bei der schönen Sonne.

Und dann war ich in Adenau. Der erste Stopp war an dem alten Gymnasium. Das kleine Haus, das früher mal eine Tuchfabrik beherbergte, war nach dem Krieg Gymnasium bis zur 10. Klasse für etwa 150 Schüler. Später wurde ein neues Schulgebäude errichtet. Ich suchte den Schulhof, ging hinters Haus und traf einen Mann mit Kaffeebecher. Wie sich herausstellte, der Eigentümer. Ein Architekt, viel zu jung, um meine Erinnerungen zu teilen. Aber er sagte, dass hin und wieder Menschen kamen und sagten, sie seien hier zur Schule gegangen.

Weiter gings zum Blauen Eck. Dieses Adenauer Traditionshotel in einem schönen Fachwerkhaus liegt zentral am Marktplatz und es existierte wirklich auch schon zu meiner Zeit. Da hatte ich es natürlich nur ehrfürchtig von außen angeschaut. Mein Einzelzimmer ist klein und zweckmäßig, aber die Location bringts.

Zunächst lief ich alle altvertrauten Wege ab. Unglaublich viel hat sich verändert. Weg, einfach weg, ist der Bahnhof, der unheimlich wichtig war für uns Kinder, weil der Holzplatz dahinter, wo die Baumstämme lagen, die die Franzosen als Reparationsleistung abgeholzt hatten, unser Spielplatz war. Die Gleise sind verschwunden, an dieser Stelle nun ein Gewerbezentrum. Die alte Volksschule stand noch, wo uns der Lehrer Brüß auf die Finger klopfte. Und im Musikunterricht auf der Geige spielte. Dann kam ich zu der Bäckerei Lehmann. In der Auslage Nussecken. Wenn das mal keine Kindheitserinnerung ist. Wir hatten in Dümpelfeld Bekannte mit einer Bäckerei. Spezialität dort Nussecken, mit denen ich mich immer vollessen konnte, wenn ich dort war. Also hinein. So eine Enttäuschung. Absolut trocken und hart, von Nüssen kaum eine Spur. Aber dann! Zwei ältere Damen kamen. Älter heißt, nicht mehr ganz so jung wie ich. Ich fixierte sie mit Blicken, wartete auf den geeigneten Augenblick. Und dann nichts wie hin auf meine Opfer! Aber das war eine gute Beute für beide Seiten. Ich hatte eine echte Adenauerin erwischt. Mit zwei Tortenstücken auf dem Teller. Um es kurz zu machen, die Torte war eine Stunde später immer noch auf dem Teller. Aber dafür haben wir beide, plus ihre schweigsame, weil nicht eingeborene Begleiterin, liebevoll in der Vergangenheit geschwelgt und alle bekannten Namen durchgekaut. Ja, die Gunhild. Die hat doch den Sohn von Uhren Theisen geheiratet, und so. Xmal wollte ich gehen, sie ihrer Torte und dem kalten Kaffee überlassen, aber immer noch fiel uns was ein. Es war toll.

Ein Grund unter anderem, den ich hier recherchieren wollte, war der Verbleib von Detlev. Ich war etwa 12, er kaum älter. Wir lernten uns kennen, sind in den Wäldern herum gestromt. Sonst war nichts. Wir waren ja gerade 12. Eines Nachmittags waren meine Eltern nach Koblenz zum Einkaufen gefahren, ich allein zu Hause. Bat Detlev, vorbei zu kommen. In der Post, wo wir im 1. Stock wohnten. Wir haben uns nur unterhalten, waren ja Kinder, wenn auch auf der Schwelle zur Pubertät. Dann hörte ich ein Auto. Meine Eltern. Detlev konnte nicht weg, ohne gesehen zu werden. Also ging er in den 2. Stock, wartete bis meine Eltern in der Wohnung waren. Ich ging ins Bett und tat so, als schliefe ich. Kurz danach klingelte es. Die Nachbarn von oben. Klärten meine Eltern über den Jungen auf, der oben gewartet hatte. Ein Donnerwetter brach los. Detlevs Eltern wurden benachrichtigt. Jeder Kontakt verboten.

Kurz danach zogen wir um nach Mainz und ich habe Detlev nie wieder gesehen. Aber er hat einen Eintrag in meinem Poesiealbum hinterlassen, inklusive einem Selbstporträt von sich.

Ich hatte Detlev schon Jahre im Internet gesucht. Sein Name ist sehr selten. Aber keine Chance. Es gibt ihn nicht. Also wollte ich in Adenau nachforschen. Jeder erinnert sich an seinen Vater, den Zahnarzt Dr. Moussie. Auch an den Sohn. Aber was er heute macht weiß niemand.

Auch die älteren Damen erinnerten sich sehr gut an ihn. Ein Tunichtgut. Hatte er nicht ein Baby mit einem Mädchen aus dem Nachbardorf? Durfte es aber nicht heiraten, weil nicht standesgemäß. Dann hat er Adenau verlassen und keiner weiß etwas.

Es war einfach toll im Café, aber irgendwann riss ich mich los und ging zurück ins Hotel. Zum Blauen Eck gehört ein sehr gutes Restaurant, aber ziemlich teuer. Die Damen hatten mir zum Italiener Aviano gleich gegenüber geraten. Also nichts wie hin. Bekam einen kleinen Einzeltisch. Daneben eine große Herrenrunde. Ältere Semester. Trainingsanzüge. Tennistaschen.

Ich stand auf, fragte, ob es einen Herrn Corden gäbe. Natürlich. Wir setzten uns kurz zusammen. Er sagte, dass er auch ein wenig recherchiert habe. Detlev hatte zusammen mit 2 weiteren Jungs zu den Tunichtguten von Adenau gehört. Aber keiner weiß Bescheid über seinen Verbleib.

Ich setze mich zurück an meinen Einzeltisch und bestelle. Definitiv ein guter Tipp der alten Damen. Es ist wohl das Inlokal der Einheimischen. Die Ortselite trifft sich hier, das Essen ist super und preisgünstig. Ich stelle die erst Montag begonnene Diät auf „weiteres“ und bestelle Vorspeise und Pizza. Ein Gedicht. Hätte ich nicht in Adenau bleiben sollen?

Nein, wohl eher nicht. Die Alteingeborenen sind tatsächlich fast alle weggegangen, neue sind nachgekommen. Adenau hat sich verändert. Bahnhof und Gleise sind verschwunden, Aldi und Lidl haben Einzug gehalten. Und die Stadt Adenau hat damals wie heute knapp 3000 Einwohner.

Familiengeschichte

Über einen Monat bin ich jetzt schon aus Florida zurück und meine Blog-Leser haben nichts von mir gehört. Das hat einen Grund. Ich habe beschlossen, meine Familiengeschichte zu schreiben. Inzwischen bin ich die älteste Überlebende in der Familie, die Matriarchin sozusagen, und ich, der ich nie was von Familie wissen wollte, habe plötzlich das Gefühl, ich muss etwas an meine Nachkommen überliefern. Muss ihnen zeigen, wie das Leben damals war. Meine Enkelin wird in diesem Jahr 18 Jahre alt und manchmal, wenn ich irgendein Detail von früher erwähne, ist sie ganz erstaunt. Kennt das Leben damals nicht. Und auch nicht die Familienmitglieder, die inzwischen verstorben sind. Und nun klebe ich 12 Stunden täglich am PC und bin fasziniert.

Als meine Mutter im Jahr 2002 verstarb, Vater bereits 1996, musste ich die Wohnung ausräumen. Natürlich gab es viele Erinnerungsstücke. Vor allem Fotoalben. Aber ich hatte wenig Platz zur Aufbewahrung, aber auch irgendwie ein gestörtes Verhältnis zu meiner Familie. Ich glaube, das geht vielen so aus meiner Generation. Ich wollte nichts von der Vergangenheit wissen und warf vieles weg. Zum Beispiel gab es ein Fotoalbum mit Bildern, die mein Vater während seines Kriegsdienstes gemacht hatte. Weggeworfen. Vernichtet. Aufgehoben habe ich jedoch einige Urkunden, die er im 3. Reich für seinen Ariernachweis benötigte, und es gab auch drei Kriegstagebücher. Sie waren in Sütterlin geschrieben, eine Schrift, die ich nicht lesen kann. Die deutsche Sütterlinschrift wurde ab 1915 in Preußen eingeführt. Sie begann in den 1920er Jahren die bis dahin übliche Form der deutschen Kurrentschrift abzulösen. In der Folge des Normalschrifterlasses wurde allerdings auch sie mit einem Rundschreiben vom 1. September 1941 verboten. Deshalb habe ich nie in diese Bücher geschaut.

Aber dann begann ich mit dem Aufschreiben der Familiengeschichte. Und sofort rückten diese Kriegstagebücher in den Focus. Ich bin Ende 1947 geboren, es war also vor meiner Zeit. Zuhause hat er nie über die Kriegszeit gesprochen. Ich wollte wissen, was darin stand. Zunächst versuchte ich es im Bekanntenkreis, dann gab ich eine Suchanzeige in facebook auf. Das Ergebnis war eher enttäuschend. Zwar meldeten sich viele, die angaben, Sütterlin lesen zu können, aber wenn es wirklich ernst wurde, ein Treffen vorgeschlagen, dann löste sich alles im Nichts auf. Nur wenige Bekannte blieben zurück. Eine Enttäuschung war auch ein Besuch im Altersheim. Dort lebt eine ehemalige Hausbewohnerin, inzwischen 90 Jahre alt, geistig fit und intelligent. Sie kann es lesen, aber … sie hat keine Zeit. Dann erinnerte ich mich an das Internet. Dort gibt es Foren für wirklich jeden Zweck und ich geriet an das Forum der Wehrmacht. Nicht alle Reaktionen waren hilfreich, aber ich fand Ludwig. Und das war ein Geschenk. Ich fotografierte Seite um Seite, schickte die Fotos an Ludwig und er sandte mir am nächsten Tag den entzifferten Text zurück. Ich habe den nicht einfach eingetragen, sondern Wort für Wort mit dem Buch verglichen. Und quasi über Nacht konnte ich Sütterlin immer besser lesen. Zwar waren immer noch einige Wörter fraglich, aber wieder half mir Ludwig. Von den drei überlieferten Büchern war zunächst das dritte und dickste fertig, denn es entstand gerade in der Übergangszeit von Sütterlin auf Normalschrift und ich konnte das meiste lesen. Das zweite Buch ist mit dem heutigen Tag auch fertig, es wurde zu großen Teilen von Ludwig entziffert, nur zum Teil von mir. Noch blieb aber das erste Buch. Ich hatte ein schlechtes Gewissen, den mir doch unbekannten Ludwig zu überfordern, auch war das Buch sehr viel undeutlicher, sehr eng mit Bleistift geschrieben und auf Fotos nicht gut zu erkennen. Ludwig empfahl mir, Diana hinzuzuschalten. Sie ist Moderatorin in diesem Forum und eine Expertin für Sütterlin. Wie sich bald heraus stellte, aber auch für alles, was mit der Kriegszeit zusammenhängt. Ich schrieb sie an. Diana sagte mir ihre Hilfe zu, allerdings nur, wenn sie das Buch im Original erhält. Das macht Sinn, denn die Fotos sind wirklich zu schlecht. Also habe ich es ihr nun geschickt und bereits den ersten Teil zurück erhalten, ohne jede unentzifferbare Lücke. Super. Ich freue mich nun täglich auf die Fortsetzung.

Mich fasziniert der Inhalt der Bücher ungeheuer. Mein Vater war bei der Abwehr. Er durfte über seinen Dienst natürlich nichts schreiben, es geht hauptsächlich um seine Freizeit. Er war während des Krieges mehr im Kino oder Café als ich in meinem ganzen Leben. Er hatte einfach Glück, denn sein Dienst als Funker hielt ihn doch um etliche Distanz von der Frontlinie entfernt. Die ersten Bomben während seines Kriegsdienstes erlebte er 1943. Oder aber auf dem Heimaturlaub. Er schrieb während eines langen Genesungsurlaubs ausführlich, wann genau es täglich Fliegeralarm gab. Natürlich kennen wir alle die Geschichte des 2. Weltkrieges aus dem Unterricht oder dem Fernsehen. Aber dieses persönliche Buch zu lesen ist wieder etwas ganz anderes. Im Fall meiner Familie sieht es oft so aus, als hatte meine Mutter den schwereren Teil, musste sie doch mehrmals täglich mit einem kleinen Kind Zuflucht im Schutzraum suchen, während mein Vater kaum Feindberührung hatte.

Aber total überwältigt war ich von der Erkenntnis wie ähnlich mein Vater und ich uns sind. Das war früher nie so klar geworden, in unserer Familie gab es wenig Kommunikation. Die meisten kennen mich. Ich reise durch die nordafrikanischen Länder, früher sehr abenteuerlich, heute etwas komfortabler, und ich habe es schon immer geliebt, darüber zu schreiben. Zunächst ins Tagebuch nur für mich; Internetblogs, die alles öffentlich machen, gab es damals noch nicht. Dann als Länderberichte für den Saharaclub. Und dann sehr bald in der Form des Reiseführers. Und nun muss ich erkennen, dass mein Vater genau das gleiche gemacht hat. Er reiste und schrieb darüber. Wenn er mal längere Zeit in relativer Sicherheit in einem Büro in Berlin, Warschau, Wien oder Krakau Dienst tat, dann langweilte er sich und meldete sich auf einen Einsatzort in der Ferne. Das Reisen war sein Abenteuer und wenn es noch so schwierig war. Oft reiste er mit der Eisenbahn und das war nicht so einfach wie heute. Schlafen mussten sie oft mit oder ohne Stroh im ungeheizten Güterwagen, standen stundenlang in irgendwelchen dunklen Ecken herum. Wenn ein LKW benutzt wurde blieb er ziemlich oft im Schlamm stecken. Aber all das scheint er mehr geliebt zu haben als den stationären Dienst, der ihm schnell langweilig wurde. Wie sehr kann ich mich doch mit ihm identifizieren. Er nennt die Orte auf seiner Strecke mit Namen, gut für mich, denn ich versuche, seine Reiseroute in einer Skizze zu zeigen. Wenn es auch nicht leicht ist. Viele der besuchten Länder gehörten damals zum deutschen Reich und die Orte hatten deutsche Namen, die heute ganz anders lauten. Aber ich bin doch ganz gut klargekommen.

Ich rate jedem, beschäftigen Sie sich mit Ihrer Familie, solange noch Ältere leben, die Sie fragen können und warten Sie nicht so lange, bis alle gestorben sind. Und wie sehr wünsche ich mir heute, ich hätte das Fotoalbum aus dem Krieg nicht weg geworfen.

Zu Anfang seiner Soldatenzeit war mein Vater übrigens ein Dreivierteljahr in Nordspanien stationiert. Dabei lernte er auch Spanisch. Es war wohl die schönste Zeit seines ganzen Lebens bis dorthin, vor dem Krieg konnte er ja nicht viel reisen. Von daher blieb ihm eine Liebe zu Spanien, die uns nach dem Krieg schon 1954 zu einer Reise durch das Land führte. Und auch danach habe ich noch sehr oft die Schulferien auf Reisen durch Frankreich, Spanien, Portugal und Italien verbracht.

Übernachtung im Freien auf unserer ersten Reise nach Spanien 1954