Moulay Bousselham

Der Tag startete sehr erfreulich. Nach dem opulenten „Ramadan-Frühstück“ am Abend zuvor war an diesem Morgen nichts von einem Frühstück zu sehen. Also kochte ich mir selbst einen Kaffee und fuhr das kurze Stück, um die Campingplatzsituation in Asilah zu checken. Der erste Platz war gut gefüllt, auch Deutsche waren dort, man bot mir Kaffee an und es folgte ein schönes Plauderstündchen. Auf dem zweiten Platz war es nicht viel anders, auch hier super nette Leute und ich wollte eigentlich gar nicht mehr weg. Verspüre einfach keine rechte Lust zu fahren. Aber ich muss ja.

So war die nächste Station Moulay Bousselham. Es ist ja bekannt, dass die beiden früheren Campingplätze geschlossen haben. Sehr schlecht für die Einwohner, natürlich auch für die Camper, denn die schöne Lagune lohnt einen Besuch und die Fischer wollen ja den Touristen etwas verkaufen, sei es nun so schöne fette Krabben oder eine Fahrt mit dem Boot, um die Vogelwelt in diesem geschützten Reservat zu erkunden. Zwar darf man durchaus eine Nacht auf dem großen Parkplatz in der Ortsmitte stehen, für 50 DH, aber hat keine Versorgung, stattdessen ständigen Besuch von Kindern und Fischern. So kamen denn einige schlaue Menschen auf die Idee, eine Alternative anzubieten, was natürlich nur in sehr kleiner Zahl geht. Mohammed ist zum Beispiel ein Krabbenfischer, der diese auch für die Besucher lecker zubereitet. Da er das schöne Ferienhaus eines Ausländers betreut, das auf dem Vorplatz Stellmöglichkeit für zwei Wohnmobile hat, bietet er das an für 150 DH die Nacht. Wasser und Strom vorhanden.

Und Kbir hat ein kleines Anwesen unten bei der Lagune und bezeichnet das als Campingplatz. Immerhin ist es umschlossen, man sehr sicher, muss etwas kurven, aber 2 – 3 Fahrzeuge passen rein. Es gibt sehr einfache WC und Dusche sowie Strom. Noch kein WiFi, habe ich ihm aber empfohlen. Am Fischerhafen, da wo der alte Campingplatz war, stehen ja die Fischer und bieten Touren an. Und wer da mit einem Wohnmobil erscheint wird von den Leuten zu Kbir geschickt. Etwas schwer zu finden für Fremde, es ist ja kein offizieller Platz und er kann keinen Wegweiser aufstellen. Er verlangt 130 DH die Nacht mit Strom, 4×4 80 DH. Bei den Fischern traf ich ein holländisches Paar mit Camper, die ich zuvor in Asilah getroffen hatte. Wir fuhren dann zusammen zu Kbir, ihm hat es gut gefallen und auch ich blieb noch eine Weile. In dem geschlossenen Hof konnte ich mein Picknick zu mir nehmen, was ja in der freien Landschaft nicht geht im Ramadan. Und dann stellte sich heraus, dass Kbir und ich uns bereits von früher kannten. War also ein richtig schöner Nachmittag.

Bis es dann passierte. Ich bin ja kein Camper, schlafe in Gästehäusern. Und da gibt es die schöne Villa Nora direkt am Atlantik, in der ich früher schon gewohnt habe und die in meinem Buch empfohlen ist. Schon zuvor wollte ich schauen, ob noch alles in Ordnung ist, ging ein paar Schritte zu Fuß, stolperte und fiel auf meine Knie. Stand aber auf und ging weiter. Erst als ich bei Kbir im Garten saß fing das Knie plötzlich sehr stark an zu schwellen, es wurde fußballdick. In der Apotheke bekam ich eine Salbe und Pillen gegen eine Entzündung, aber es wurde richtig schlimm und ich konnte kaum laufen oder Auto fahren. Schaffte es zur Villa Nora. Der Besitzer sollte ja erst Abend kommen, hatte mich für 19 Uhr bestellt, aber ich rief ihn an und er meinte, ich solle das Zimmer nehmen und mich ausruhen. Seine etwa 10jährige Tochter Kensa war einfach unglaublich. Sie kümmerte sich sehr, sehr nett um mich, half wo sie nur konnte, bot mir Essen und Trinken an und ich bekam die schöne Suite mit Blick zum Meer.

Trotzdem fühlte ich mich einsam in so einer Situation. Niemand mit dem ich reden konnte, wie es weitergehen soll. Und alle meine Kontakte und Freunde sind sehr viel weiter im Süden. Ich rief trotzdem Abdou an, meinen besten und langjährigen Freund. Und da war es dann mit der Einsamkeit vorbei. Die Ambulanz, die er schicken wollte, konnte ich gerade noch vermeiden, aber er rief doch tatsächlich den Polizeichef des Ortes an, der einen Gemeindevertreter organisierte, der sich um mich kümmern sollte. Hier ging laufend die Tür auf und zu. Am Ende kam dann auch ein Arzt, zum Glück für ihn noch kurz vor dem Fastenbrechen, sah sich das Ganze an, punktierte die Schwellung, umwickelte das Knie mit einem Verband und schickte mich nach Larache zum Röntgen. Mit der Ambulanz! Nein!!!!

Nach Verhandlungen haben wir nun die Lösung. Der Besitzer des Gästehauses wird mich heute am Sonntag zum Krankenhaus fahren und dann wird geröntgt. Hoffentlich ist nichts gebrochen.

Ankunft in Tanger

Nach dem Frühstück ging es wieder auf die Autovia und die Fahrt bis nach Algeciras verlief ohne Probleme und berichtenswerte Ereignisse. Zunächst ging es zu Carlos im Gewerbegebiet vor Algeciras. Sein Büro Viajes Normandie ist seit Jahrzehnten bei Campern beliebt, da er die Tickets für die Fähren auf Auktionen ersteigert und günstige Preise bieten kann. Heute arbeitet Carlos nur noch wenig, hat aber gute Mitarbeiter, die englisch sprechen. Und immer gibt es einen Beutel mit Kuchen und Wein zum Abschied.

Ich fahre gerne mit der Schnellfähre von Tarifa nach Tanger Stadt, weil einfach alles schnell geht. Einschecken und Überfahrt. Doch Carlos überredete mich dazu, die Fähre ab Algeciras zu nehmen, sie hat eine längere Fahrzeit und ist auch viel größer, was natürlich alles mehr Zeit kostet. Aber dafür hat er einfach den besseren Preis. Um 15 Uhr sollte die Fähre gehen, ich war um 13 Uhr da und spazierte noch mal in die Stadt. Das Gebiet um den Hafen ist rein marokkanisch, Geschäfte, Restaurants, Einwohner, da ist nichts Französisches mehr zu finden. Als ich dann zum Schiff kam waren wir nur 5 PKW, ich die einzige Touristin, ansonsten alles LKW. Es ist irre zu beobachten, wie die großen Wagen da mühselig verladen werden, meist müssen sie rückwärts reinfahren. Ich möchte kein LKW-Fahrer sein. Als dann endlich alle drin waren gingen die Tore zu und wir 5 PKW standen immer noch da. Panik! Was ist denn hier los? Ich rannte zum Lademeister, doch der klärte mich auf, dass ich zum völlig falschen Schiff schaute. Meines war nebenan, aber wir standen in der anderen Bahn, um die Laster beim Rangieren nicht zu stören. Denn hier waren noch viel mehr LKW. Ob ich da noch mitkomme?

Aber endlich war es soweit und wir konnten rein. Zu meinem großen Erstaunen war innen noch ziemlich viel Platz, wo sind nur die vielen LKW geblieben? Und im Personenraum war natürlich auch wenig los, denn zu jedem großen Fahrzeug gehören ja nur zwei Personen. Das Restaurant war zwar geöffnet, aber niemand aß, es ist Ramadan und die Fahrer holten sich Beutel mit Speisen für die weitere Fahrt, wenn sie denn endlich zum Sonnenuntergang wieder essen dürfen.

In Tanger Med war die Ausschiffung einfach, wir fünf PKW durften als erste raus. Die Zöllner waren sehr streng, nahmen die marokkanischen Wagen total auseinander, aber ich musste noch nicht mal den Kofferraum öffnen und war nach wenigen Minuten durch.

Nun hatte ich zwei wichtige Ziele, tanken und meine Maroc Telecom Karte erneuern, so dass ich Internet zur Navigation habe. Ich fuhr zum Marjane, weil ich von früher wusste, dass dort ein Maroc Telecom Laden ist. Also ein Stück Autobahn und kurz vor Tanger auf die N2. Oje, das war ein Fehler. Der Verkehr dort, auch in ganz Tanger, ist völlig überlastet, es ging im Stop and Go sehr langsam vorwärts. Unterwegs schnell getankt, sodass wenigstens das erledigt war. Im Marjane dann alle Läden geschlossen, keine Spur mehr von Maroc Telecom. Ich kam mit einer jungen Familie ins Gespräch und fragte danach. Man sagte mir, wo der nächste Laden ist, aber ich hatte ja keine Ahnung, was genau sie meinten. Also fuhr der Familienvater kurzerhand mit mir, um mich hinzubringen. Zurück in den Stau auf der N2. Es war grässlich. Und als wir dann zum Laden kamen war er zu. Montag wieder. Nebenan Orange hatte auf, also kaufte ich mir dort eine neue Telefonkarte. Aber das Internet geht nicht richtig und vermutlich finde ich keine Lösung vor Montag.

Der Familienvater wollte in der Stadt einiges erledigen, ich brauchte ihn also nicht zurück zu bringen und fuhr weiter Richtung Asilah. Der reinste Horror, was in dieser Stadt am Abend los ist. Natürlich will auch jeder rechtzeitig zum Fastenbrechen heim kommen.

Kurz vor Asilah ist dann die Hotelanlage Briech mit einem Campingplatz. Meine erste Aufgabe, nachschauen, was der Camping so macht und die neuen Preise notieren. Ich kenne den Platz schon lange, aber habe nie dort gewohnt. Er ist ziemlich teuer, aber ordentlich und durchaus zu empfehlen, zudem gibt es einen großen Pool. Das Wasser für die Sommersaison wurde gerade eingelassen, was ja ein paar Tage dauert, und alles ist frisch gestrichen. Der Patron kam hinzu und wir unterhielten uns. Schließlich lud er mich ein, die Nacht dort zu verbringen. Das Angebot hat mich gefreut, denn ich war von der Reise ziemlich geschafft und hatte tatsächlich keine Lust, weiter nach Asilah zu fahren und mir dort erst ein Zimmer zu suchen. Zudem es dort auch nur Parkplätze am Straßenrand gibt und mein vollgepacktes Fahrzeug hier besser aufgehoben ist.

Und dann lud er mich noch zum Iftar ein, dem Fastenbrechen, mit Harira, Datteln und Couscous. Das ist doch mal ein schöner Empfang in Marokko. Freund Thomas, der in Marokko lebt, rief an und meinte, warum kommst du im Ramadan? Da sind doch alle nervös und unfreundlich. Aber das ist meine Erfahrung überhaupt nicht.

Viva Espana

Am Morgen sah es so aus als geht die Welt unter. Tiefschwarzer Himmel, es regnet in Strömen, als ich mich über die enge, kurvige, verkehrsreiche Küstenstrecke nach San Sebastian gekämpft habe. Und da war es dann endgültig aus mit meiner mautfreien Strecke, es reicht mit der Schleicherei. Ich musste ein wenig suchen, bis ich endlich die richtige Abfahrt gefunden hatte, bin bestimmt von etlichen kostenpflichtigen Fotografen abgelichtet worden und fand schließlich die Autobahn.

Um halb 11 reißt endlich der Himmel auf, es ist immer noch kalt, aber die Regenwolken sind weg. Zudem stellt sich heraus, dass mein altes Navi, das mir immer noch Mautstationen ankündigt, überholt ist, und dieser Autobahnabschnitt nun mautfrei ist. Prima. Als Fazit kann ich sagen, dass ich durch Spanien bis hinunter nach Algeciras nur 20 Euro Autobahngebühren zahlen musste. Geld, das man zum Beispiel in gutes Essen investieren kann.

Und dann: Die Kältewelle ist überwunden, die Berge überquert und nun um 17 Uhr steigt das Thermometer auf 22 Grad und die Stimmung dazu. Um 18:30 Uhr, noch 400km bis Algeciras, schaue ich nach einer Unterkunft. Ich kenne das ja, den ganzen Tag Schilder von Hotels am Wegesrand, auch richtig schöne, und sobald ich was suche nichts mehr. Also raus von der Autovia zum ersten Hotel, viel zu teuer, wie es aussieht, trotzdem gefragt. 40 Euro die Nacht. Wie bitte? Ein richtig gutes Hotel, schönes Zimmer. Sauna und Schwimmbad leider geschlossen, Fitnessraum auf, aber für heute reicht mir das Restaurant. Ich habe das Zimmer sofort genommen, die Tapas waren gut, aber das Menü leider enttäuschend.

Riesiger Parkplatz, auf den auch Wohnmobile passen und E-Ladestation.

On the Road again

Die mautfreie Route blieb bestehen, aber es ist einfach unglaublich, wohin sie mich mit der Einstellung kürzeste Strecke so alles führt. Ich kam durch vollkommen einsame Wälder, auf Straßen, kaum breit genug, dass zwei Fahrzeuge sich begegnen können, aber es kam ja auch kaum jemand. Wenn ich so auf der Autobahn nach Süden an den Verkehr denke, das sieht schon anders aus. Aber geht natürlich auch viel schneller. Das Wetter ist bescheiden, es regnet fast den ganzen Tag, Temperatur zwischen 9 und 13 Grad, nur als gegen Abend sich ein Sonnenstrahl durchkämpft steigt es kurzfristig auf 15 Grad.

Seit ich mein Zuhause verlassen habe hatte ich noch keinen Stau, nichts. Und das blieb auch so bis fast am Abend. Bordeaux war ja die erste Stadt, die ich tatsächlich durchqueren musste, an allen anderen hatte mich das Einsamkeits-Navi vorbei geführt. Aber selbst Bordeaux war okay, viel Verkehr, langsames Weiterkommen, aber kein Stehen. Auf der Gegenfahrbahn sah es für viele Kilometer ganz anders aus. Es gab auch Unterkunftsmöglichkeiten und Restaurants zuhauf, aber ich kenne das ja, sobald es Abend wird und ich was suche, sind die plötzlich alle verschwunden. 

Doch dann eine Peage! Mist, habe ich doch die letzte Anweisung des Navi, die Autobahn zu verlassen, überhört. Ich zahle 4,20 Euro, aber kann dafür auch recht lange auf der AB bleiben, etwa 55 km. Dann raus nach Bayonne, dort will ich übernachten. Finde genau das was ich suche, kleine einheimische Herberge mit gutem Essen. Ausgebucht! Sch… Man verweist mich an ein anderes Haus 3 km weiter. Ich fahre dorthin, sehr schick und edel, aber zu teuer. Also entscheide ich mich für ein Hotel, das ich im Internet finde, 50 Euro die Nacht ohne Frühstück. In Biarritz! Dieser Name hat doch einen Klang, hier trafen sich in den letzten Jahrhunderten die Schönen und Reichen, da muss ich hin. Und lande im Gewerbegebiet. Okay, aber ich nehme das Zimmer. Es ist einfach, das Badezimmer (Zimmer, haha) gleicht sehr stark den engen Duschkabinen auf den Fährschiffen nach Marokko, der Vorhang klebt beim Duschen am Rücken, aber was solls. Ich kann direkt vor dem Zimmer parken und so meine wertvollen Dinge mit ins Zimmer nehmen (ja, das sind leider viele Taschen), verzichte auf das Frühstück für 6,50 und koche mir stattdessen selber einen Kaffee. Aber ruhig wars und ich Schlechtschläfer habe durchaus gut geschlafen.

Nun ab nach Spanien. Und es regnet noch immer.

Marokko 2023, 1 Tag

Am 1. April kam ich aus USA zurück, wollte meine Sachen in Ruhe packen und das Auto vorbereiten, und dann am Freitag, den 14. April nach Marokko abreisen. Aber die Rückkehr vom über 30 Grad heißen Florida ins ziemlich kalte Taunusstein war schrecklich, einfach nur schrecklich. Ich bin in eine tiefe Depression verfallen. Am liebsten wäre ich sofort abgereist, aber es gab einiges zu erledigen, das Auto musste in die Inspektion. Und an Ostern wollte ich ja auch meine Familie sehen. Die Abreise wurde auf Donnerstag vorverlegt. Am Dienstag dann das Auto aus der Werkstatt geholt und gepackt. Aber Bahman hat es nie so eilig mit der Rechnung, ich soll am Nachmittag vorbei kommen und zahlen. Ich wollte noch ein paar Stunden schlafen und dann am Mittwoch sehr früh losfahren. Aber der Tanusstein Blues hat mich so sehr im Griff, ich pfeife auf eine zusätzliche Hotelnacht während der Reise, ich muss einfach nur weg. Bei Bahman die Rechnung eingefordert, ich glaube, er wäre am liebsten mitgefahren, und nichts wie weg.

Im Navi habe ich einfach mal eingestellt: Tarifa mautfrei. Und bekam eine Route, die ich so noch nie gefahren bin. Sonst ist es ja immer Mühlhausen – Besançon – Lyon – Narbonne – Barcelona – Almeria – Algeciras, kenne ich aus den Effeff, aber was neues macht Spaß. Auch wenn die Fahrt auf Landstraßen viel länger dauert. Ich habe ja Zeit. Und schlafe einfach gerne in Hotels. War aber auch bereit, die erste Nacht im Auto zu ruhen.

Der Beginn war eher langweilig, über Mainz nach Saarbrücken Autobahn, dann über die Grenze und nach ein paar Kilometern war dann die Autobahn kostenpflichtig. Also Landstraße. Aber auf der Route immerhin viel weniger Verkehr als die Standardstrecke über Karlsruhe. Dann eine Autostraße, das ist nett, auch wenn man nur 110 fahren darf. Dann wurde es dunkel. Sehr dunkel. Und die Autostraße ging über in winzige Landstraßen. Mein Navi hat wirklich die kürzeste Route gesucht, über Straßen, die ich besser mit meinem Rad fahren könnte. Die Dörfer um mich herum stockfinster, alles zu. Dann kam ich nach Blaise und sah einen Wegweiser zu einem Hotel. Ehem, Hotel? Ich sah eigentlich mehr oder weniger einen Zigarettenkiosk. Traute mich aber hinein zu gehen, einen Kaffee bekomme ich doch sicher, eine Pause brauche ich, es ist immerhin schon 22 Uhr. Sehr schüchtern fragte ich dann, avez – vous des chambres? Mais oui, Madame!

Prima. Auto vor dem Fenster geparkt und tatsächlich gibt es einen extra Anbau mit 10 Zimmern. Netter Wirt. Wenn ich nun nicht mehr fahren muss dann könnte ich doch auch noch was trinken. Einen Aperitif bitte. Was trinken die Leute hier so? Also, den Namen habe ich sowieso nicht verstanden, aber es war genau das richtige. Wir sind hier im Süden der Champagne und der Champagner Aperitif, den gibt es nur lokal. Einfach göttlich. Ja klar, musste auch ein zweiter her.

Also wenn jeder Tag meiner Reise so läuft dann werde ich mich nicht beschweren.

Arztbesuch

Ja leider, ich bin zurück in Taunusstein. Und das Wetter ist einfach schauderhaft. Da kommt man von 30 Grad und Sonnenschein zurück in eine graue Welt mit Wolken, Regen und unter 10 Grad. Nein Danke.

Aber ich muss nun erstmal weiter machen und versuchen, zumindest etwas Bewegung zu bekommen. Zum Fahrradfahren ist das kein Wetter, die Wälder verschlammt und kein Biketrail in Sicht. Also laufen. Nicht in den Wald, wegen besagtem Schlamm, sondern zum Flaschencontainer und die Runde durch den Ort etwas ausgedehnt. Komme auf dem Rückweg an der Praxis meines Hausarztes vorbei. Da ist etwas im Gange. Nur zur Erklärung, heute ist Samstag, der 1. April, also keine Sprechstunde. Bauarbeiter schuften schwer, reißen Einbaumöbel raus. Nun könnte man ja meinen, er modernisiert seine Praxis, aber lauter alte, leere Aktenordner stehen am Straßenrand. Von drinnen höre ich tatsächlich seine Stimme.

Jetzt mal ein kurzer Zwischensatz. Man hat ja seine Ärzte. Hoffentlich meist gute. Aber manchmal hat man einen Arzt, der mehr ist. Fast schon ein Freund. Unter meinen gehörten immer zwei dazu, mein Zahnarzt und mein Hausarzt. Das sind nicht nur Ärzte, sondern eben fast schon Freunde. Menschen, mit denen man reden konnte auch außerhalb der Krankheit. Den Zahnarzt habe ich im letzen Jahr verloren, ich komme später darauf zurück.

Ich gehe also rein um zu schauen, was hier los ist. Alle Akten sind weg geräumt und die Einbauten werden von den Arbeitern heraus gerissen. Schnell ist klar, eine Modernisierung ist das nicht. Mein lieber Dr. Heinzer steht mitten im Katastrophenzentrum und gibt Anweisungen. Ich bin entsetzt und frage, was los ist. Er sagt ganz einfach, ich mache nur das was Sie mir vormachen. In Rente gehen und das Leben genießen.

Schock. Er wird mir fehlen. Natürlich hat er recht, auch er muss das richtige in seinem Leben tun. Ich frage ob es einen Nachfolger geben wird, der die Krankenakten erhält. Er sagt nein. Er hat versucht, einen Nachfolger für die Praxis zu bekommen, aber keinen gefunden. Kein Arzt will mehr das finanzielle Risiko einer eigenen Praxis auf sich nehmen, will lieber in einem Ärztezentrum fest angestellt sein, und am liebsten sogar nur mit einer halben Stelle. Hausärzte haben keine Zukunft mehr. Und wir Patienten verlieren die Ansprechpartner. Natürlich, ein gut ausgebildeter angestellter Arzt in einem Ärtzezentrum wird sicher einen guten Job machen, aber ein persönlicher Anprechpartner für die Wehwehchen wird er nicht sein. Hausbesuche vermutlich auch nicht machen.

Schon im letzten Jahr, als ich aus Florida zurück kam, ist mir ähnliches passiert. Mein Zahnarzt Dr. Ehnes in Wiesbaden, zu dem ich wirklich eine gute Beziehung hatte, war plötzlich nicht mehr zu erreichen. Im Internet stand, die Praxis sei geschlossen. Ich fuhr sogar persönlich vorbei und fand, dass tatsächlich völlig geschlossen war, auch hier ohne Nachfolger und das immerhin in einem Bezirk von Wiesbaden, der eine sehr gute Lage hatte. Es geht also nicht nur um ländliche Bezirke. Die Großpraxen sind im Kommen und die Behandlung wird immer unpersönlicher.

Eins vergesse ich dem Zahnarzt nicht. Im ersten Coronawinter, als ich nicht nach Florida durfte, bin ich auf Glatteis ausgerutscht und habe mir den Kopf aufgeschlagen. Meine Nachbarin, Ex-Krankenschwester, hat einen Verband angelegt. Aber mein lieber Dr. Ehnes, zu dem ich wegen dem Kopfverband mit einer Wollmütze erschien, wollte sofort wissen, was passiert sei und hat mich zum Arzt geschickt. Hätte ich ohne ihn nicht gemacht. Und siehe da, die Wunde musste genäht werden. Ja, und mit dem Hausarzt habe ich immer über meine Reisen nach Marokko und Florida gesprochen, oft so lange, dass die Arzthelferin herein kam und meinte, Herr Doktor, sie müssen aber weiter machen.

Ach, wie werde ich die Beiden vermissen. Wünsche ihnen aber so eine schöne Rentenzeit wie ich sie auch habe.

Florida – Marokko

Der Frühling ist diesmal ausgefallen in Florida, wir sind gleich in den Sommer eingestiegen mit gut 30 Grad jeden Tag. Das ist genau mein Wetter, da lebe ich auf. Wenn …. Ja, wenn ich nicht am Wochenende heim müsste. Heim ins kalte Taunusstein. Für Sonntag sind da 5 Grad gemeldet. Ja, was soll denn das? Ich dachte der Klimawandel kommt. Es könnte mich richtig depressiv machen, wenn ich nicht wüsste, dass ich nicht lange bleiben werde, es wird gleich weiter nach Marokko gehen.

Aber zunächst muss ich hier alles für den langen Sommer und die Hurrikan Saison vorbereiten. Es tut mir in der Seele weh, mein Heim zu verlassen. In Taunusstein ist das nicht so, da mache ich die Tür zu und fertig. Aber in diesem kleinen Häuschen hier steckt mein Herz, ich verlasse es nicht gerne.

So langsam muss ich meinen Kopf umstellen auf Marokko. Drei Jahre war ich coronabedingt nicht dort, hatte innerlich eine Mauer gegen Marokko aufgebaut, kann nicht erklären wieso. Aber so langsam vermisse ich es doch. Habe natürlich jetzt schon Angst vor der langen Fahrt und dem teuren Benzin, die Vorfreude hat sich noch nicht eingestellt.

Beach Wetter

Heute ist wirklich herrliches Beach Wetter gemeldet, das letzte Mal für die nächsten Wochen. Deshalb sollte ich ja wohl zum Strand gehen. Mit dem Rad nach Ponce Innlet fahren wie letzten Sonntag, das war so schön. Ich gehe in den Garten und spüre die heiße Sonne auf meinen Schultern. Herrlich. Doch ich bin heute früh schon 20 km Rad gefahren und es wären weitere 40. Und wir haben Spring Break, der Strand ist knallvoll. Und mein Pond ist verdreckt und zugewachsen, darum wollte ich mich doch auch kümmern.

Also Bikini angezogen und das Kayak rausgeholt. Wirklich das ideale Wetter dafür, wer braucht schon einen Strand. Der Pond, Deutsche würden wohl sagen ein Teich, ist völlig mit den Dollar-Weeds zugewachsen (https://en.wikipedia.org/wiki/Hydrocotyle_umbellata). Wie schön wäre es, wieder ein wenig Wasser zu sehen. Also steige ich ins Kayak. Halt, das geht zu schnell. Denn es ist nicht so leicht in meinem Pond ins Kayak zu steigen. Zwar gelingt mir das in Floridas Kanälen und selbst auf dem deutschen Rhein, aber dieses Kayak kippt und dreht sich und ich liege bis über den Kopf im verdreckten schlammigen Wasser, in dem Schlangen und Schildkröten leben. Auch die berühmte Schnappschildkröte, die durchaus mal beißen kann.

Egal, neuer Versuch. Ich paddele zu den Weeds und versuche, sie mit dem Rechen etwas loszureßen. Dann muss ich aber wieder ans Ufer, aussteigen, vom Ufer her den Rechen auf die losgerissenen Inselchen werfen und sie an Land ziehen. Eine Mordsarbeit, für die man sich einen Helfer wünscht, der an Land steht und ziehen kann. Oder auch meine Versuche filmt. Stattdessen muss ich immer wieder aussteigen, einsteigen, ins Wasser fallen. Nach etwa 4 Stunden habe ich aber den Durchbruch zum offenen Wasser geschafft und kann rüber paddeln. Schluss für heute. Eine Dusche ist nun angesagt. Aber zunächst muss ich den Bikini ausziehen. Versuche es erst im Badezimmer, merke aber ganz schnell, dass dies keine gute Idee ist. Gehe also raus in den Flur, ziehe die Sachen runter und raus fällt der ganze Schlamm. Auch als ich unter der Dusche stehe bin ich völlig erschüttert, wo überall sich der Schlamm festgesetzt hat. Ich schrubbe und schrubbe und komme endlich einigermaßen gesäubert wieder raus. Völlig erschöpft, aber auch zufrieden setze ich mich in mein Patio, ein Cocktail in der Hand und schaue befriedigt auf meine geleistete Arbeit.

Oh wie werde ich das vermissen. Ich will nicht zurück nach Deutschland, will nicht, will nicht …

Withlacoochee State Trail

So lange schon wurde mir von diesem Trail berichtet und dass er noch für mein Buch fehlt. Doch ist er 74 km lang, die man natürlich auch zurück fahren muss. Und ziemlich weit weg. Ich habe dafür 3 Tage veranschlagt und benötige eine Übernachtungsmöglichkeit, eine, die mich nicht arm macht. Deshalb war ich zunächst ziemlich geschockt als ich entlang des Trails nach Möglichkeiten suchte über die horrenden Preise und entschied mich schließlich für ein AirBnB in Ocala. Zwar ziemlich weit von den jeweiligen Einstiegspunkten entfernt aber machbar.

AirBnB

Also mal wieder ein AirBnB in Florida, bei denen ich ja sehr gemischte Erfahrungen gesammelt habe und noch nie eins hatte, mit dem ich vollends zufrieden war. Als Gastgeber wurde mir Marquise genannt, Superhost. Habe mir warum auch immer eine weiße Frau vorgestellt. Es öffnete mir ein schwarzer Mann. Nun bin ich durch meine Reisen an Menschen vieler Hautfarben gewöhnt, mir kommt es auf die Persönlichkeit an, gerade in Marokko habe ich herzliche Freundschaften mit Menschen, die deutlich dunkler sind als ich. Aber in USA ist das anders, wie ich von meiner afroamerikanischen Freundin weiß. Dort ist die Trennung zwischen schwarz und weiß viel tiefer, was man ja auch durch die schmerzliche Geschichte verstehen kann. Ich trat Marquise also sehr freundlich entgegen, aber ihm ein Lächeln zu entlocken war nicht so einfach. Dazu kam dass im zweiten Gästezimmer ein weiteres schwarzes Paar war, die mich keines Blickes gewürdigt haben. So schade, ich hätte mich gerne mit ihnen unterhalten.

Rail-to-Trail

Aber ich bin ja hier zum Radfahren. Auf der Anreise hatte ich bereits den Santos Trail gefahren, auch der sehr berühmt und dann ging es zum Withlacoochee. Also, ich hatte ja echte Schwierigkeiten, dieses Wort auszusprechen, ein richtiger Zungenbrecher. Vor allem, da ich das Wort zunächst nur mündlich gehört hatte und mir nichts darunter vorstellen konnte. So langsam bekomme ich es nun hin. Es ist ein Rail-to-Trail. Mitte des 20. Jahrhundert wurden in Florida Bahnstrecken gebaut, die den bis dahin einzigen Transport per Dampfboot ersetzen sollten. Das ging aber nur wenige Jahrzehnte, dann wurden die Strecken still gelegt und das Land mit Autostraßen zugepflastert. Noch heute ist das Auto das einzig vollwertige Transportmittel im Land für Menschen und Waren. Aber das Land entlang der Strecke war im Staatsbesitz, einiges wurde privat verkauft, aber zum Glück auch einiges erhalten. Und dann zu herrlichen Radwegen ausgebaut. Diese sind natürlich meist sehr geradlinig und flach.

Der Withlacoochee beginnt eigentlich mitten in der Landschaft, obwohl Dunnellon nur wenige Kilometer entfernt ist. Aber ich denke, hier wurde eben genau das Land an privat verkauft. Zum Glück hat die Stadt aber ganz neu eine Verbindung zu diesem Radweg angelegt und macht ihn dann noch 4 Meilen länger. Nach 11 Meilen erreiche ich den ersten Ort, Hernando. Dort erspähte ich ein schönes Restaurant, von dem ich ja schon berichtet habe. Inverness liegt nur wenige Meilen danach, aber hier gibt es noch den Bahnhof sowie ein recht großes Depot, in dem damals die angelieferten Waren gelagert werden konnten. Zum Glück hat man hier nicht alles abgerissen, sondern schön restauriert und mit einigen netten Lokalen besetzt. Das Highlight für mich war aber Floral City, dort hat man einen Rest Stop eingerichtet mit WC, Trinkwasser und Picknicktisch. Ich könnte mir vorstellen, dass dies an der Stelle des alten Bahnhofs ist. Und gleich dahinter liegt das Shamrock Inn, eine sehr beliebte Kneipe in deutschem Besitz mit Erdinger Bier. Voll gepackt um die Mittagszeit, aber an der Bar war noch ein Plätzchen für mich.

Diesen Bereich zwischen Hernando und Floral City habe ich den „Europäischen Radweg“ getauft. Denn hier gibt es genau wie bei uns zu Hause ein tolles Angebot von Essen und Trinken direkt am Trail. Auf der weiteren Strecke war es dann wesentlich ruhiger, viel Natur, sogar zwei öffentliche Parks, aber auch weitläufige Farmen mit allerlei Getier, dazwischen die typischen Florida Sümpfe. Am heutigen Umkehrpunkt wieder eine schöne Bank, dort komme ich mit Radfahrern aus Minnesota ins Gespräch. Als ich von meinem Buch erzähle haben sie es sofort gekauft. Müsste an einem solchen Trail einen Stand aufmachen.

Für morgen bleibt mir nun nur noch das kurze letzte Stück und von dort aus werde ich direkt nach Hause fahren. Schön wars.

 

Hernando und Inverness

Das ist Urlaub! So macht es Spaß. Bin schon den zweiten Tag auf Radtour und es ist einfach unglaublich. Gestern bin ich den Santos Trail gefahren, war sehr schön, da er für Florida sehr ungewöhnlich ist mit Kurven und Hügeln. Schön, aber nicht aufregend. Interessant waren aber die luftigen Gebilde der Östlichen Zeltraupe.

Heute nun der Withlacoochee State Trail. Von vielen wurde mir gesagt, dass er eben noch für mein Buch fehlt, ist er doch mit 46 Meilen der längste in Central Florida. Ich war zunächst ein wenig, nein, nicht enttäuscht, eher gelangweilt. Als Rail-to-Trail auf einem ehemaligen Bahndamm gebaut wie so viele andere gibt es nur wenig Abwechslung. Doch dann komme ich nach Hernando und denke, langsam, das ist ja ein europäischer Trail, mit Essen und Trinken entlang der Strecke. Habe es mir aber für den Rückweg aufgehoben. Weiter nach Inverness. Nein, bis nach Schottland habe ich es nicht gebracht, auch in Florida gibt es ein Inverness. Sehr schön gelegen an mehreren Seen und es gibt tatsächlich noch den alten Bahnhof und das Depot, heute schön restauriert mit Bar und Café. Der Beginn der Strecke war ja bereits in Dunnellon, und auch dieses Städtchen zwischen dem Rainbow River und dem Withlacoochee River war wunderschön. Kein Wunder, dass ich in diesen Orten kein bezahlbares Zimmer gefunden habe, hier ist um diese Jahreszeit alles ausgebucht.

Ich fahre noch ein wenig weiter, dann zurück. Der Nachteil der meisten Florida-Trails, es sind keine Rundwege, man muss immer den gleichen Weg zurück zu seinem geparkten Wagen. Aber zunächst Einkehr. Rippchen vom Smoker mit Pommes, Coleslaw und Bohnen. Ich könnte mich reinlegen so gut ist es. Und ja, ich gestehe, zu einem schönen Urlaub gehört auch ein guter Restaurantbesuch. Auch wenn ich das möglichst vermeide. Und zum Blue Moon Bier sind mir dann diese Worte eingefallen.