Marokko

Tarifa war stürmisch und regnerisch, aber die Fähre kam trotzdem pünktlich und wir konnten auch super pünktlich losfahren. Wie immer ist meine geliebte Schnellfähre wirklich schnell und bei einer Abfahrt um 10 Uhr war ich um 10:15 schon fix und fertig durch die Zollkontrolle in Tanger. Wie das? Nun, in Marokko ist es eine Stunde früher. Mein erstes Ziel war ein Campingplatz bei Ouezzane, die 230 km ein gutes Tagespensum. Es geht ja nicht über die Autobahn, sondern über kurvige Landstraßen. Ich hatte diesen Platz noch nie besucht, Gäste hatten mir die Daten übermittelt und ich hatte Kontakt mit dem Inhaber Mohammed aufgenommen, der gut deutsch spricht, weil er als Jugendlicher mal zwei Jahre in Deutschland gelebt hat. Nach dieser Beschreibung verfügt er über Stellplätze für Wohnmobile mit Wasser und Strom für jeden Platz sowie über 10 Gästezimmer. Klingt gut. Und so trug ich es in den Campingführer ein. Als ich mich ankündigte sagte er aber, nein, die Zimmer seien noch nicht fertig, aber er könnte mich im Haus seiner Mutter unterbringen. Mir schwante nichts Gutes, also entschied ich mich, die Nacht lieber auf einem mir bekannten Campingplatz ebenfalls bei Ouezzane zu verbringen. Eine gute Entscheidung, nicht nur gab es einen leckeren Couscous Royal, sondern ich traf auch ein deutsches Ehepaar und wir verbrachten einen gemütlichen Abend in ihrem mollig warmen Wohnmobil. Warm ist es nämlich bisher in Nordmarokko nicht.

Am nächsten Morgen ging es dann weiter auf den 15 km entfernt Camping Panorama. Gut ausgeschildert, soweit alles top. Dann kam die Abzweigung von der Straße zum 50 m entfernten Anwesen. Und das wars dann. Super eng, ein rechtes Abbiegen nicht möglich und als ich dann endlich gedreht hatte war ich unsicher, ob ich dort durch komme. Sehr enge Zufahrt, geschätzt 2,10. Genau in diesem Moment rief Mohammed an, wo ich denn bleibe. Ich erklärte die Situation und er sagte, komm nur. Es ging, aber absolut haarscharf. Es stellte sich heraus, dass ein Nachbar eine neue Mauer um sein Grundstück gezogen hat und nun kein Platz mehr für Fahrzeuge breiter als ein VW-Bus ist. Das geht natürlich gar nicht. Das Tor zum Grundstück ist zwar breit genug, aber auch die Kurve zu eng. Ist aber egal, denn die Stellplätze mit Wasser und Strom gibt es tatsächlich, nur ist der Untergrund lockere Gartenerde und wenn es mal regnet ist das ganze eine Schlammwüste, aus der niemand mehr herauskommt. Die sanitären Anlagen, extra für Männlein und Weiblein getrennt gebaut, verfügen über schmutzige Stehklos und kalte Duschen und Zimmer gibt’s nicht. Dafür aber eine ausführliche Preisliste, wobei ein Wohnmobil mit 2 Personen inkl. Wasser, Dusche und Strom auf 130 Dirham kommen würde. Einfach ein Witz. So was kann vielleicht der Luxusplatz bei Agadir verlangen, aber nicht dieser Obstgarten. Macht aber nichts, es kommt ja eh keiner rein.

Mohammed war sehr freundlich, er hatte extra Fleisch und Gemüse gekauft, plante, mich wie Allah empfiehlt drei Tage bei seiner Mutter einzuquartieren, ein Bauernhaus mit noch weniger Komfort, und mir die Gegend zu zeigen. Also die Gegend ist wirklich schön, der Ausblick über die Berge des Rif wunderbar, aber nein danke, das ist nichts für mich. Deshalb fuhr ich weiter nach Moulay Yacoub, wo ich mich mal wieder in einem 4-Sterne-Hotel angesagt hatte.

Der Weg dorthin führte nicht über die Hauptstraße, sondern über eine Nebenstraße, die ich in den Anfangsjahren mal befahren und auch in meinem ersten Buch aufgenommen hatte. Dann wurde dort jedoch ein neuer Stausee gebaut, die Straße damit unterbrochen und ich hatte mir schon viele Jahre vorgenommen, sie auszuprobieren. Nun also endlich! Und es hat sich gelohnt. Eine der Straßen, die ich so liebe. Kaum Verkehr, kein einziges Touristenfahrzeug, kein Polizist mit Radarpistole, aber eine herrliche hügelige Landschaft. Es ist Haschischanbaugebiet, aber von der Straße her sieht man keine Pflanzen, oder wachsen sie jetzt nicht? Und es gibt auch keinerlei Belästigung, ich kann diese Straße nur lebhaft empfehlen. Und vor allem war es wichtig, dass ich sie erkundet habe, denn sie verläuft völlig anders, als in der Karte eingezeichnet. Ein Fremder würde so schnell nicht den richtigen Verlauf finden, es gibt viele Abzweigungen und Fes ist zu Anfang nicht ausgeschildert. Auch mein GPS kannte den Verlauf nicht.

Immer wieder sah man Bauersfrauen am Wegesrand auf Futtersuche, mit hoch bepackten Eseln. Männer ritten zum Markt, Schafherden zogen vorbei. Und dann endlich der erste Ausblick auf den größten Stausee Marokkos. Zunächst glaubt man es nicht, denn er zieht sich so lange kurvenreich dahin, dass man ihn nie voll im Blick hat. Und das schönste war, ich konnte auf dieser Straße direkt das interessante Moulay Yacoub erreichen, doch darüber später mehr.

4-Sterne-Test

Nachdem ich von Billigabsteigen zu 4-Sterne-Hotels gewechselt habe kann ich nach dem Besuch von zweien sagen, es hat sich gelohnt! Vom Preis her nur knapp doppelt so hoch, vom Komfort aber viele Stufen darüber. Der Haken ist der Preis. Wenn man ein solches Hotel so spontan anfährt wie ich das gerne möchte, findet man einerseits nicht das richtige entlang der Straße und bekommt andererseits keinen guten Preis. Ein Zimmer wäre oft doppelt so teuer als wenn ich es vorher bei booking.com gebucht habe. Dort bekomme ich, wenn ich das günstigste Zimmer nehme, zwar einen guten Preis, aber nicht unbedingt das schönste Zimmer, was man ja verstehen kann. Man könnte noch reklamieren und tauschen.

Nun also das Testergebnis. Das erste Hotel in Lorca, Jardine Almatea, war ein neueres Hotel mit 35 Zimmern. Mein Zimmer war top, ich gehe davon aus, dass alle gleich sind und es keine Unterschiede gibt. Die Klimaanlage hat super funktioniert, ein Schreibtisch mit genügend Steckdosen gab mir Platz zum Arbeiten. Der Spa war geschlossen, naja. Aber das Frühstück war mehr als bescheiden, etliche 3-Sterne-Häuser bieten besseres.

Heute nun in Algeciras im Reine Cristine. Von der Örtlichkeit her ein Traum. Ein maurisches, weitläufiges Anwesen, verschachtelt, verwinkelt, in einem großen Park. Doch das Zimmer ist enttäuschend. Ich habe keinen Balkon, während die meisten über einen verfügen und die Aussicht auf Wirtschaftsgebäude ist auch nicht berauschend. Da tröstet mich auch nicht das Tablett mit Wasserkocher und Teebeuteln, das zudem den Schreibtisch besetzt. Doch das Frühstück lässt keine Wünsche offen, da fehlt mir nichts und es gibt sogar einige lokale Spezialitäten. Sogar Sekt steht auf Eis, und ich kann auch morgens um 8 Uhr schon ein Gläschen genießen. Kann ein Tag besser anfangen?

Heute nun geht es auf die Fähre nach Marokko. Das Wetter ist miserabel, mal sehen, ob alles klappt.

Carlos

Meine Wohnmobilleser kennen selbstverständlich Carlos. In seinem Büro in Algeciras kauft MAN einfach seine Fährentickets. Und dennoch habe ich es noch nie getan. Einfach deshalb, weil meine Erfahrung ist, dass man einerseits am günstigsten direkt im Hafen kauft und andererseits dort auch genau sieht, welches Schiff als nächstes abfährt. Und trotzdem bin ich meistens, wenn ich in Algeciras bin, im Büro vorbei gefahren. Habe Carlos aber noch nie angetroffen. Und die Dame, die dort arbeitete, war nie sehr hilfreich. Heute nun kam ich wieder hin, aber ein junger Mann saß hinter dem Schalter. Und war wesentlich netter, sprach halt auch Englisch und Französisch. Als ich erklärte, wer ich sei, rief er sofort Carlos an und der kam nach wenigen Minuten. Und ich hab mal aus erster Hand erlebt, wie es bei ihm zugeht.

Fazit: Ich kann Carlos nur empfehlen. Was ich bisher ja auch getan habe. Er macht einen Rundum-Service und vor allem die Leute, die zum ersten mal nach Marokko fahren, werde seine Dienste zu schätzen wissen. Es ist nicht die Tüte mit Wein und Kuchen, die jeder zum Ticket bekommt, auch ich, sondern die komplette Leistung, in der das Formular für das Fahrzeug komplett ausgefüllt und gedruckt wird. Und Geld tauschen kann man auch sofort. Das Schnellfähren-Ticket war ehrlich gesagt teurer als im Hafen, aber egal, ich wollte es mal ausprobieren. Und bei den Wohnmobilen, die mit der normalen Fähre übersetzen, sind andere Preise. Carlos hat mir einen Karton Campingführer abgekauft und wer nun bei ihm erscheint ohne diesen, kann das Buch bei ihm kaufen, der Vorrat reicht eine Weile. Also keine lange Lieferzeit auf einen spanischen Campingplatz und ganz klar soll ich im nächsten Jahr wieder mit einem Karton erscheinen. Ich fand ihn echt total nett.

Und vor seinen Toren hat Carrefour nun einen wunderschönen Stellplatz eingerichtet, er ist sehr gut besucht, hat aber auch viel Platz. Und Abstellflächen für die Carrefour-Einkaufswagen. Das ist doch mal ein Service. Komfortabel, dass dieser Platz auch direkt vor Carlos ist.

Die neue komfortable Langsamkeit

Meine Lieblingsfähre ist zur Zeit die Schnellfähre ab Tarifa, das bedeutet eine ziemlich lange Anfahrt, ca. 2600 km. Mit 2 Übernachtungen an der Strecke kann man das schaffen. Ich schlafe meist in einfachen Hotels, die so an der Route liegen und leicht zu finden sind. Doch diesmal lief irgendwie alles anders. Schon morgens um 2:30 ging es los, trotz Februar ein trocken kalter Tag, ideal zum Fahren. Und so legte ich auch bequem 1300 km zurück und war schon kurz vor 16 Uhr über die spanische Grenze. Doch dann ging es los. Es gab so wenige Hotels. Entweder sie waren auf der falschen Straßenseite und nicht einfach zu erreichen, oder sie waren geschlossen. Ich brauchte fast 2 Stunden, bis ich in Malgrat del Mar an der Costa Brava etwas Passendes fand. Es war ein ordentliches Zimmer für 20 Euro, da konnte ich nicht klagen, aber es gab weit und breit nichts zu essen. Also tat sich in mir ein großes Gefühl dafür auf, für den nächsten Tag bequem zu wohnen. Und ich suchte mir in booking.com ein Hotel in Lorca. Im Grunde wäre ich gerne bis nach Granada gefahren und hätte mir sogar noch am nächsten Tag die Stadt angesehen, aber ich weiß, wie grausam dort der Verkehr ist und ich fand einfach kein Hotel mit gutem Parkplatz für mein voll gepacktes Auto. Also Lorca. Hier wohne ich in einem 4-Sterne-Hotel. Es hat zwar Service-Mängel, aber das Zimmer ist warm und komfortabel und ich kann in Ruhe arbeiten. Deshalb fiel ich auch schon vor 22 Uhr total fertig ins Bett. Leider kein deutscher Sender zum Einschlafen, aber ein paar Seiten lesen tun es auch. Licht aus.

Und dann ging es los. Zunächst nur ein einfaches Trommeln, dann immer mehr im Rhythmus. An Schlafen war nicht zu denken. Irgendwann stand ich erbost auf, zog mich an und wollte mich an der Rezeption beschweren. Die hatten keine Ahnung, nein, das Hotel hat keine Disco. Also ging ich selbst auf Suche. Und fand es. In einer dunklen Straße hatten sich fast 100 Menschen versammelt, eine Gruppe von Musikern und eine große Gruppe junger Leute, die irgendwelche Stangen zusammen gebunden hatten, die am Boden lagen. Keine Ahnung, was das soll.

Dann ging es los. Die Musiker trommelten und gingen langsamen Schrittes voran. Die jungen Leute hoben die Stangen auf und folgten.

https://youtu.be/3iMZ7H0ZgTk

Im Hotel dann erfuhr ich, dass sie für die Prozession in der Semana Santa probieren. Und das nachts im Dunkeln im Gewerbegebiet!

Am Morgen dann Frühstück in der Cafeteria, Emails checken, Blog schreiben und was man so alles tut. Und es ist absolut keine Lust vorhanden, mich auf die Straße zu begeben, die 450 km bis Tarifa zu fahren und auf die Fähre zu gehen. Die große Langsamkeit hat mich ergriffen. Und auch die Lust, in gemütlichen Hotels zu wohnen. Also suche ich mir ein weiteres Hotel in Spanien aus und fahre erst morgen rüber nach Marokko. Ich entscheide mich für Algeciras. Und je nach Laune mache ich zuvor noch einen Abstecher nach Gibraltar.

Ach, wie liebe ich die Rente und die damit verbundene Freiheit. Und Langsamkeit.

Übrigens, hatte einen spontanen Entschluss, mir die Anreise in der Zukunft einfacher zu machen. Auch euch. Ich habe nun eine neue App entwickelt mit den Hotels, die ich auf der Fahrt durch Frankreich und Spanien nutze. Und wenn ihr noch Campingplätze beisteuert haben wir eine sehr praktische App, die auf Dauer kostenlos bleibt.

https://guidewriters.com

Sicherheit und Marokko

Ich hatte schon vor vielen Wochen in meinem Saharaforum den Menschen, die überlegen, ob sie weiterhin nach Marokko fahren können, um dort zu überwintern, gesagt, dass es im Moment scheint, als sei Marokko eine sichere Insel. Damals hatte ich noch keine Ahnung, von welchen Terroranschlägen und –versuchen Europa überrollt sein wird. Zwar habe ich Angst, etwas zu beschreien, aber im Moment sieht es tatsächlich so aus, als sei Marokko das sicherere Land. Schon im letzten Jahr sind nach den Charlie Hebdo Anschlägen tausende Franzosen überstürzt ausgereist aus Angst um ihr Leben. Das fand ich schon damals kaum verständlich, geschahen diese doch in ihrem eigenen Land. Aber sobald nur irgendwo ein Mensch islamischen Glaubens an einem schlechten Ereignis beteiligt ist, geraten alle anderen unter Generalverdacht. So wie auch ein Wohnungsbesitzer in Taunusstein – ein Franzose – mir sagte, dass er durchaus seine Wohnung an eine Flüchtlingsfamilie vermieten würde, aber nur an eine christliche. Nun habe ich das direkte Beispiel meiner Romafamilie, die offiziell dem Islam angehört, aber die saubersten und ordentlichsten Menschen sind, die ich kenne, während ich von vielen christlichen Familien weiß, deren Zuhause ein einziges Chaos darstellt. Die gefürchteten sogenannten Mietnomaden sind in der Regel Deutsche christlichen Glaubens.

2.5. Angekommen

Aber dafür konnte ich schon um 6:30 aufbrechen, von meinen Gastgebern traf ich nur die Katze an. Suchte erstmal Diesel, denn in Frankreich darf man nicht an der Autobahn, sondern nur an den Supermarkttankstellen Sprit zapfen, Preisunterschied bis zu 20 Cent der Liter. Die haben das Geschäft inzwischen so dominiert, dass ich den ersten Carrefour als Autobahntankstelle gesehen habe.
Doch war das nicht das einzige, das ich sah. Ich fuhr so gemütlich vor mich hin, Tempomat eingestellt und ganz in Gedanken versunken, da leuchtete plötzlich oben ein Schild auf, meine Autonummer mit dem Vermerk „Trop vite“. Ich war geschockt. Völlig perplex. Ich hatte den Tempomat so eingestellt, dass ich ein wenig mehr als 130 fahre, eben so dass ich mit Toleranzgrenze keinen Knollen mehr bekomme. Aber die Anzeige zeigt das wohl genau ab 131 an. Peinlich irgendwie. Aber wenn das dann mehrmals vorkommt gewöhnt man sich auch daran.
Die Strecke für den Tag wurde durch regelmäßige Einkaufspausen in Supermärkten unterbrochen. Insgesamt hatte ich danach 4 Obststeigen voller Lebensmittel, 3 Six-Pack Wasser (da kein Pfand), 1 Palette Bier, 2 Kisten Wein, 9 Flaschen Muscat. Dazu mein ganzes Gepäck. Ich kam gegen 20:30 an meinem Haus an, fuhr in der Tiefgarage zur Tür ins Wohnhaus und lud ab. Ein Meer von Gepäck, einfach unvorstellbar, wie eine einzige Person so viel Zeug mitführen kann. Und ich muss durch zwei Eisentüren, die zufallen, und habe trotz Aufzug noch vier Treppen zu steigen. War schon eine Prozedur. Aber gerade da kam Hausbewohner Aleks im Bademantel, wollte in die Sauna gehen und ich kommandierte ihn sofort zum Gepäcktragen ab. Wenigstens bis zum Aufzug.
Und als ich alles in der Wohnung hatte, warf ich die Kleider vom Leib und stieg ebenfalls hinunter in die Sauna.

20.4. Rückfahrt

Schon die Ankunft in Almeria frühmorgens am Dienstag der Semana Santa war gut gewählt. Da ja fast alle Spanier in Marokko waren, war die Autovia ziemlich frei und ich konnte lange Strecken gemächlich mit Tempomat fahren. Ich liebe ja die spanischen Autovias. Vierspurig, gebührenfrei und dann immer die Via Servicio, mit Tankstellen, Restaurants, Hotels. Alles da, was der Autofahrer braucht und zu einem günstigen Preis, nicht so schreckliche Massenorte wie die deutschen Autobahn-Raststätten, die ich vermeide. Ich kam durch ganz Spanien ohne Gebühren und bis aufs Ebrotal und Andorra auch vierspurig. Da könnte sich manches Land – auch Frankreich – ein Beispiel nehmen.

Und die Abfahrt von Manfred am Ostersamstag war ebenso gut. Alles, was über Ostern verreisen wollte, war bereits angekommen und auch diese Strecke war recht verkehrsarm und kaum LKW. Mit vielen Stopps fuhr ich die 1250 km durch, ich zog es vor, lieber lange in der Nacht zu fahren, um dann in meinem eigenen Bett zu schlafen. Und es ist kaum zu glauben, was ein 45-Minuten-Schlaf hinter dem Lenkrad doch erfrischen kann. Ostersonntag um 2 Uhr war ich dann zu Hause. Und am Sonntag dann dermaßen kaputt vom vielen Schleppen der Sachen, vom Auto in die Wohnung, von der Wohnung zum Keller, 8 Waschmaschinen voll Wäsche gewaschen, gebügelt, aber ihr kennt das ja.

Und nun muss ich mich erstmal lange erholen!

19.4. Auberge de Fountescut

Das muss man sich wirklich merken. Und den winzigen Ort erstmal finden. Um 20 Uhr macht der Laden auf, an der Theke steht eine Batterie von dickbauchigen Flaschen (und ebensolchen Männern), alle hausgemacht und beschriftet und dann probiert man. Es sind Fruchtweine unterschiedlicher Art, Pampelmuse, Mandarine, Marone, Aprikose und was weiß ich noch alles, ich habe das ganze Dutzend durchprobiert. Dazu werden kleine Häppchen gereicht, Lachs auf frisch gebackenem Brot, mhm, eigentlich bräuchte man sonst nichts mehr. Wir bedienen uns selbst an den Flaschen, denn der Chef Jean-Francois steht ganz alleine in der Küche und hat zu tun. Das schöne ist, dass man mit den anderen Gästen dabei ins Gespräch kommt, denn es setzt sich noch lange keiner an den Tisch. Unser Grüppchen ist nett und international. Wir zwei Deutschen, ein Irländer, ein Spanier. Im Gespräch kommt eine interessante Lebensgeschichte heraus. Seine Mutter wollte 1939 aus dem bürgerkrieggebeutelten Spanien fliehen, mit dem 10 Monate alten Baby auf dem Arm. Sie wurde festgenommen und kam für zwei Monate ins Gefängnis, und erzählt noch heute, dass dies seine schönste Zeit war. Er als Baby unter all den gefangenen Frauen, wurde von jeder verhätschelt. Und irgendwie ist dann doch die ganze Familie über die Pyrenäen gekommen und lebt nun in der Gegend.

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Jean-Francois akzeptiert immer nur so viel Reservierungen, wie er schaffen kann, manchmal steht er alleine in der Küche, manchmal hat er Hilfe. Heute ist er allein und deshalb sind wir nur 12 Gäste, Gäste ist hier das richtige Wort, denn es ist eher ein Zusammentreffen von Freunden. Sobald er ein Minütchen in der Küche entbehrlich ist kommt er heraus und schreibt die Menüwünsche auf. Es gibt ein Menü zu 30 Euro, dazu gehört eine Vorspeise, ein Hauptgericht, Käseplatte und Dessert. Zum Menü für 34 Euro gibt es sogar 3 Vorspeisen, aber wer schafft das schon. Beim Hauptgericht hat man die Wahl zwischen Schwein, Rind und Fisch. Dann setzt man sich so langsam an den Tisch. Was ich besonders schön finde, Jean-Francois füllt die Wasserkaraffen am Wasserhahn. Ich kann nicht so ganz nachvollziehen, warum die meisten Menschen lieber Mineralwasser in Flaschen kaufen, das Leitungswasser ist gesund und vollkommen in Ordnung. Dazu gibt es dann noch eine Karaffe Hauswein, die aber nicht im Preis enthalten ist. Es schmeckt einfach toll. Das Menü differiert nach Jahreszeit, als Vorspeise gibt’s œufs cocotte aux cèpes. Hab ich noch nie gegessen. Und bin wieder so gierig, dass ich nicht an Fotos denke. Vier Tische sind besetzt, die umfangreiche Käseplatte gibt’s nur einmal, und der Tisch, der vor uns dran ist, lässts sich schmecken. Und schmecken. Der Wirt streicht mehrfach an dem Tisch vorbei und endlich geht er hin und fragt, ob die Gäste fertig sind. Haha. Und dann bekommen wir die Käseplatte. Aber keine Angst, meine lieben Nachesser, ich bin inzwischen schon so satt, dass ich die Platte sicher nicht leer mache. Muss mir ja auch noch ein wenig Platz lassen für den Nachtisch, der danach kommt. Und der ist auch wieder nur lecker. Wir gehen glücklich und zufrieden heim und sind erstaunt, dass wir noch recht nüchtern sind. Haben die Aperos halt doch nur sehr sparsam eingeschenkt.

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18.4. In der Wüste

Warum fahre ich die vielen Kilometer bis nach Marokko, um Abenteuer zu erleben? Das geht hier doch auch ganz einfach, man muss nur den ausgeschilderten Wanderwegen der Gemeinde Carla-Bayle folgen.

Manfred hat Schmerzen im Fuß und so laufe ich täglich mit Aicha eine Runde, und die wird immer größer. Heute wollte ich von der Domäne nach Daumazan, es gibt dazu einen ausgeschilderten Weg, einfach 5,5 km. Ich habe es mir in google earth angeschaut, Punkte ins GPS eingegeben und bin losgezogen. Doch bald schon stand ich auf dem frisch gepflügten Feld, von Wanderweg oder Markierung keine Spur. Wir suchten uns einen Pfad, stapften durch ein Sumpfgelände, krochen unter Elektrozäunen durch, Aicha immer ein wenig agiler als ich. Man schaut hier ja in weite Fernen und dort konnte ich durchaus einen Weg sehen, nur war uns der von einem Bach, einer Bullenherde und von Hecken umgebenen Feldern versperrt. Wir krochen durchs Unterholz, mehr Elektrozäune und hörten endlich Menschen, richtige Menschen. Bauer und Großvater sägten Bäume ab. Sehr nette Leute, obwohl ich mich ja auf Privatbesitz befand, ich erklärte, dass ich mich verlaufen habe und er lachte, sagte, ich hätte doch tatsächlich den kürzesten Weg nach Daumazan gefunden, und der führte durch seine Garage. Die Oma warnte noch und meinte, ich solle der Straße folgen, denn der Wanderweg sei unpassierbar.

Okay, wir folgten der Straße und kamen endlich in Daumazan an. Französischer geht’s nicht mehr. Ein winziges Dorf voller Charme, romanische Kirche aus dem 12. Jahrhundert, jeder grüßt nett Bonjour Madame und alles hat auf. Und das an einem heiligen Karfreitag. Heute ist der Wochenmarkt, er besteht aus Metzger, Käsebude, Gemüse und Winzer, der seinen Wein aus dem Fass anbietet. Mir fehlt leider ein Kanister. Wir gehen zum Bäcker und holen leckere Stückchen, dann ins Café für einen Café au lait. Aicha schaut mir jedem Bissen in den Mund nach und hypnotisiert mich, ihr was abzugeben. Statt einer alten Dorfbevölkerung, wie ich es mir so vorstelle, sitzen hier nur ziemlich alternative Hippies rum, junge Leute mit Rastahaaren und Tattoos. Und jeder scheint sich zu kennen.

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Dann geht’s auf den Rückweg. Und endlich sehe ich auch die Markierung des Wanderweges, und er sieht richtig gut aus. Aicha geht voraus, ich folge. Und ziemlich schnell wird uns klar, warum die Oma gewarnt hat. Die Brennnesseln gehen mir bis zur Hüfte, die Machete fehlt, und es gibt nur eins: durch. Ich habe zum Glück eine lange Hose an und Socken, aber die Nesseln brennen auch durch die Hose. Selbst Aicha, die uns immer einen Weg bahnt, bleibt stehen und weiß nicht mehr so recht, wie es weiter geht. Und der Boden ist absolut sumpfig. Dabei geht es hinauf. Aber aus dem Boden dringt überall Wasser und sammelt sich in Bächlein. Kaum zu glauben, dass in dieser Wildnis dann immer wieder Markierungen sind. Hier ist seit Jahren höchstens mal ein Wildschwein gelaufen, aber kein Wanderer. Und dann endet der Weg vor einen frisch gepflügten Acker, hier wäre also der Einstieg gewesen, nein, den konnte man ganz sicher nicht finden.

Nun einen kleinen Mittagsschlaf und heute Abend geht es dann zum Essen. Auch das eher alternativ. In Sieuras gibt es ein Restaurant, das nur an zwei Abenden in der Woche auf hat, nur auf Reservierung arbeitet, wobei es wochenlang ausgebucht ist, und dessen Besonderheit ein Aperitifbüffet ist. Als ich zum ersten Mal davon hörte setzte mein Kopf, der durchaus weiß, was ein Aperitif ist, sich das aber trotzdem nicht vorstellen konnte, es so um, dass ich glaubte, es wäre ein Vorspeisenbüffet. Aber nein, als ich mal durchs Fenster lugte, sah ich die riesige Batterie von Flaschen auf der Theke, für den Pauschalpreis stellt man sich zunächst dorthin, probiert alle Aperitifs durch und wenn man danach noch kann lässt man sich ein Essen servieren. Uns ist es gelungen, für heute einen Platz zu ergattern, und heute Abend geht es trotz wehem Fuß dorthin. Ich werde berichten.

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16.4. Leben wie Manfred in Frankreich

Marokko liegt hinter mir, Deutschland noch vor mir. Dazwischen liegt die Domäne von Manfred.

Ich hatte Manfred 2011 auf dem Weg nach Marokko getroffen und darüber in meinem Reisebericht geschrieben:

„Schon zweimal habe ich auf der Reise nach Marokko in einem Routière an der Landstraße Besancon – Lyon übernachtet. Die Zimmer sind sehr einfach, aber es ist billig und es gibt ein Bad. Und vor allem, direkt an der Straße. Ich gehe ins Restaurant, natürlich bin ich – abgesehen von der Bedienung – die einzige Frau im Laden. Hierher kommen nur LKW-Fahrer, es gibt einen großen Parkplatz, und dort steht mein Pickup sicher zwischen all den LKW. Die Portionen sind riesig hier, große Vorspeisenplatte, Fleisch dreimal so viel wie bei uns, aber kaum gewürzt. Ein Mann kommt rein, sieht sehr interessant aus mit grauem Pferdeschwanz und Cowboyhut. Interessiert mich. Ich biete ihm an, natürlich auf Französisch, an meinem Tisch Platz zu nehmen. Er entschuldigt sich, kann kaum Französisch. Ich versuchs auf Englisch. Bis ich endlich raus habe, aus welchem Land er ist … ist natürlich ein Deutscher. Berliner, 70 Jahre, Alt-68er, und auf dem Weg zu seinem Landsitz in den Pyrenäen, den er zusammen mit einigen Freunden hat. Ein sehr interessantes Gespräch entwickelt sich, warum nur treffe ich zu Hause nie solche Menschen.“

Zweimal schon war ich auf meinen Marokkoreisen hier eingekehrt und auch diesmal ist ein Stopp bei Manfred geplant. Wenn mich auch mein Heimweh in Marokko aufgefressen hat, so war es ein Heimweh nach Europa. Zwar auch nach meiner Wohnung, meinem Lebensumfeld, aber vor allem auch den Dingen, die man im Alltag so gewöhnt ist. Und Frankreich reicht mir da schon. Um zu Manfred zu kommen überquert man die Pyrenäen, kauft in Andorra billig ein und tankt den Wagen voll, lässt sich vom Zoll nicht erwischen und landet dann irgendwo mitten in der Prärie, im wahrsten Sinne des Wortes. Hier sind nur noch Wiesen und Wälder, hier hat man kein Grundstück, sondern eine Domäne, und Pferde gehören hier einfach dazu. Die Straße, die nach Carla-Bayle führt und mitten über den Dorfplatz geht, ist schmaler als Marokkos Wege, und ohne GPS finde ich absolut nicht dorthin, auch nicht nach dem dritten Mal. Aber pünktlich zur Kaffeezeit komme ich an, obwohl, Manfred trinkt keinen Kaffee, hat keinen Vorrat, aber eine Flasche Schampus tut’s auch. Es begrüßen mich Stella, die Graue, Bianca, die Schwarze, und der Kater, er hat keinen Namen, hat sich vor zwei Jahren den Zugang einfach mit Sturheit erkämpft. Dazu gehört Aicha, die Hündin, die sofort an mir hochspringt und mich wiedererkennt. Dazu gehören aber auch noch neun Pferde. Das kleine Mädchen war im letzten Jahr gerade erst geboren, kaum einen Monat alt und so süß. Nun ist es schon eine stolze junge Dame geworden und unzertrennlich mit einem schwarzen, männlichen Fohlen, nur ein halbes Jahr älter. Am Nachmittag ist es üblich, eines der beiden Jungen in eine Koppel zu sperren, das andere darf draußen lose laufen und grasen. Würde man beide los lassen, könnten sie zusammen verschwinden. Aber solange eins eingesperrt ist, bleibt das andere aus Solidarität in der Nähe.

Und trotzdem, heute Nachmittag war das Mädel eingesperrt, sie hat sich furchtbar angestellt. Immer wieder gegen das Gatter getreten, versucht, unten durch zu kommen. Später haben wir gewechselt und der schwarze Bursche hat es doch tatsächlich geschafft, ein Gatter zu zertrümmern. Aber dann sind sie wieder ganz lieb. Ich kam mit dem Striegel und hab die Kleine gebürstet, das gefiel ihr so gut, dass sie ganz das Fressen vergessen hat.

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Das war Dulcinea erst 1 Monat alt

Es ist ein tolles Leben hier so mit den Tieren. Zum Kochen haben wir keine große Lust, heute Mittag gabs einen aufgebackenen Flammkuchen, den ich aus Andorra mitgebracht habe, und am Abend gabs zum leckeren spanischen Sekt Tapas aus Spanien und Frankreich. Siehe die Überschrift!

P1030223 hier die 4 Tiere zur Begrüßung

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Und hier ist sie schon ganz groß, links mit ihrem Kumpel

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Ausblick von der Domäne auf die schneebedeckten Pyrennäen